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ib8. Jahrgang

Giehener Anzeiger

vienstag, Gltober (9(8

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General-Anzeiger für Oberhessen

Ein Erlaß k$ Kaisers über den bevorstehenden Regierungswechsel.

(WTB) Arotzrs Hauptquartier. 30. Septbr. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppen Kronprinz Rupprecht und

B o e h n.

In Flandern fetzte der Feind feine Angriffe fort. Der Einbruch des Gegners in unsere Stellungen am 27. Sep­tember nötigte uns. den rechten Flügel unserer Abmchrsront hinter den Handzame-Abschnitt von nördlich Dirmuidc bis Merkem zurnckzunchmen und auf dem linken Flü­gel des Kumpfftldes den Wytschaete - Bogen zu rau­men Feindliche Altgriffe gegen den Handzame-Abschnitt und gegen die Linie ZarrenWestroosebeeke wurden ab ge­nriefen. Zwischen Passchendaele und Becelare drang der Gegner bis Morrelade und Dazidende vor. Dort fingen wir feinen Stotz auf. Der am frühen Morgen von Houth.nn bis Konen an der Lys vordringeirdc Feind wurde durch Ge­genangriffe wieder zurückgemorfen. Wir kälnpfen hier an der Lys-Niederung.

Gewaltiges Ringen an der Fwnt zwischen Cambrai und St. Quentin. Gegen die Stadt und beiderftits der Stadt führte der Feind 16 Divisionen in den Kampf, um Cambrai m nehnren und unsere Front beiderseits der Stadt zu durch­brechen. Nördlich von Cambrai find die bis zu achtmal wiederholten starken feindlichen Angriffe vor unseren Linien bei Sanoourt und Tilloy an erfolgreichen Gegenangriffen gefcheitert. In den Vororten von Cambrai. Neurille und Gantiepve fotzte der Gegner Fuß. Wir stehen hier am West­rand der Stadt hinter der Schelde und schlugen dort er­neute heftige Angriffe des Gegners ab. Die über den Kanal- opfchknitt nördlich von Marcoing geführten Angriffe des Feindes brackren vor und an der Straße Cam­braiMasniörrs zusammen. Südlich mrn Marcoing drückte uns der Feind hinter den Kanalabfchnitt MasnieresErrve- court zurück. Mit gleicher Kraft griff er unsere Front von Gonnelieu bis südlich von Bellenglife an. Zwischen Gönne- Itexi und Bellicourt schlugen wir den mehrfachen Ansturm des Gegners restlos zurück. Villers-Guislain. das vorübergchend verloren ging, wurde wieder genommen. Oertliche Einbruch­stellen wurden im Gegenstotz wieder gesäubert. Die in der Front bei Gonnelieu und Villers-Guislain schwer kämpfen­den Divisionen warfen den aus Richtung Marcoing gegen ihre Flanke vorbrechenden Feind mit ihren Reserve-Bataillo­nen in enttzblossenikn Gegenangriffen wieder zurück. Zwischen Bellicourt uud Bellenglife stietz der Feind über den Kanal vor. Wir brachten ihn am Abekld in der Linie Nordrand BellicourtWestrand. IoncourtLehancourt zum Stehen. Die nördlich von Gricourt sich aller Anstürme erwehrenden Regimenter mutzten am Abend ihre Flügel auf Lehancourt zurücknchmen.

An dem im großen erfolgreichen Abschluß der gestrigen schweren Kämpfe haben Truppen aller deulscher Stämme gleichen Anteil. Der Engländer hat seine örtlichen Erfolge mit sehr tzrhen blutigen Verlusten erkauft.

Heeresgruppen Deutscher Kronprinz und G al l w itz.

Gegen unsere neue Linie am OiseAisne-Kanal drängte der Feind stark nach. Bei erfolgreichen Vorfeldkämpfen mach>- ten wir hier Gefangene. Der Franzose setzte zwischen Suip- pes und der AiSne, der Amerikaner gegen den Ostrand der Argonnen und zwischen den Argonnen und der Maas seine erbitterten Angriffe fort. Mehrere neue Divisionen warf der Feind auch gestern wieder in den Kampf. Zwischen Auberive und Somme-Py schlugen wir mehrfachen, nordwestlich von Somme-Py neunmaligen Ansturm des Gegners vor un'eren Linien ab. Wir standen am Abend nach Abschluß des Kampfes in der Linie Aurenördlich Ardeuilnördlich Schault Boueonville. Mit besonderer Kraft stürmte auch der Ameri­kaner gegen den Ostrand des Argonnenwaldes und gegen die Front zwischen den Argonnen und der Maas an. Sein An­sturm ist völlig gescheitert. Beiderseits des Aire-Tales ent­rissen wir dem Feinde Apremont. Aus dem Walde von Montrebeau warfen wir den Amerikaner mehr als 1 Kilo­meter zurück.

*

Wir schoßen gestern 45 feindliche Flugzeuge ab.

Der Erste Gencralguartiermeister L u ö e n d o r f f.

on Deutschlands Schicksal Sist auch Du ein Teil,

Was Du dem Lande tust,

Du ruft es Dir zum Heil! Darum zeichne die Neunte!

Die -lbendberlchte.

Berlin. 30. Scpt., abends. (WTB. Amtlich.)

Än Flandern im allgemeinen ruhiger Tag.

Erneute Massenangriffe der Engländer ge­

gen und beiderseits Cambrai sind unter schwersten Ver­lusten für den Feind gescheitert. Westlich Le Catele haben sich> am Abend Kämpfe entwickelt.

In der Champagne wurden Teilangriffe der Fran­zosen. östlich der Argonnen starke Angriffe der Amerikaner ab gewi esen.

*

Die österreichisch-ungarischen Tagesberichte.

Wien. 30.Sept. (WTB.) Amtlich wird verlautbart:

Auf dem italienischen Kriegsschauplatz er­folgreiche Patwuillrnunternehnmngen.

Unmittelbar westlich des Och ridasees haben wir. der Sage an der bulgarischen Front Rechnung tragerid. nach ört­lichen Kämpfen den Geländestreisen geräumt.

Der Chef des Generalstabs.

Eine bedeutungsvolle Entscheidung ist : i Großen Hauptquartier gefallen: der Kaiser hat dem Reichskanzler Grafen Hertling die erbetene Verabschiedung aus seinen Remtern gewähr und gleichzeitig seinem Willen Aus­druck verliehen, daß Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in tveitem Umfange teil- nehmen an den Rechten und Pflichten der Regierung". Graf Hertling wird so lange die Geschäfte weiterführen, bis der geeignete Nachfolger gefunden ist, wofür der Kaiser seine Vor­schläge erwarten will.

Der tzauptausschuß hat sich mit dieser Wendung der Dinge schon befaßt, und der Vizekanzler v. Payer hat an den Erlaß des Kaisers Worte des Dankes für den Monarchen geknüpft, worauf gegen die stimmen derunabhängigen Sozialdemokraten die Sitziurg vertagt wurde. Nach eurer noch unverbürgten Mitteilung wird ein Kabinett der Mehr­heitsparteien gebildet, worunter sich auch die National- liberalen befinden. Alles ruft nun nach kraftvollen, Willens­stärken Männern, denen diplomatische und staatsmäninische Erfahrung nicht fehlen darf. Werden die Fraktionen diese Männer stellen können? Die Frage ist schwer zu be­antworten, und auch Organe, die für den entschiedensten Parlamentarismus eintreten, sind in einiger Verlegenheit. Aber auf die leitenden und die Tinge und Meinungen ein­heitlich zusammenführenden Köpfe kommt es jetzt, außer auf die festgefügte Front in Feindesland, fast einzig und allein an. Wir begrüßen die ernster und einheitlicher ge­wordene Volksstimmung, die jetzt allmählich vom Staub elenden und müßigen Geschwätzes gereinigt wird und end­lich wreder entschlossen und treu auf die Nächstliegenden Tatsachen und Notwendigkeiten schaut.

Diese Tatsachen hängen, noch wie schwere Wolken am Himmel. Furchtbare Abwehrschlachten an unserer Westfront hatten bisher, wenn der Gegner auch örtliche Erfolge gehabt hat, ein erfolgreiches und befriedigendes Ergebnis. Wie rn den großen Materialschlachten früherer Jahre kön­nen wir den Gegnern zurufen, daß sie noch einen weiten, nie zum Ziele führenden Weg vor sich haben, wenn ihre Fortschritte" in dem bisherigen Maße andauern soll­ten. Und sehr lange können solche Kcaftaufwendungen von den Angreifern nicht durchgehalten werden. Möge sich die alte deutsche Zuversicht bewähren, daß auf unserer Seite die größere Zähigkeit und Widerstandsfähigkeit steht! Bei- '.wele von schier übermenschlichen Leistungen einzelner Per­sönlichkeiten und kleiner Truppenverbände stehen in den heu­tigen Heeresberichten halbamtlichen Darlegungen: sie werden mtt lench:end:n Lette;n i i: Jahrhn de tc ü erdauern und als Ruhmesdenkma.e m die späteste deutsch Geschichte hineinragen.

Von der Balkanftont kommt die Meldung, daß in Saloniki von drei bulgarischen 'Abgesandten und dem Ober- befehlshaber des feindlichen Heeres tatsächlich ein Waffen- stillstand abgeschlossen worden sei. Die Kampfhandlun­gen sollen an der gesamten dortigen Front eingestellt sein. Wie wert drese ftanzösische Meldung den Tatsachen ent- sprrckit, blerbt abzuwarten. Auch auf welche Bedingungen die bulgarischen Unterhändler eingegangen sind, wissen wir nicht. Aber so viel wissen wir: die deutschen und die ihnen verbündeten Truppen werden sich an keinen Waffenstill­stand halten, wenn sie rechtzeitig eintreffen und zum Gegen­schlage ausholen können. Vielleicht will man rn Saloniki nur dre unentschlossene Stimmung in der bulgarischen Hauptstadt sich schnell gefügig machen. Hoffentlich werden die notigen Gegenmittel gefunden, um den Abfall des bis­herigen Bundesgenossen trotz allem zu verhindern. Die nächsten Stunden und Tage werden Klarheit schaffen.

Der Erlaß des Raifers.

Berlin. 30. Sept. (WTB. Nichtamtlich.) Seine Majestät d Kaiser hat an den Reichskanzler Grafen Hertling folgenden Erl. gerichtet: Eurer Exzellenz haben mir vorgetragen, daß Sie si nicht mehr in der Lage glauben, an her Spitze der Regierung j verbleiben. Ich will mich Ihren Gründen nicht verschließen in muß mit schwerem Herzen Ihrer weiteren Mitarbeit cmsage

Ter Dank des Vaterlandes für das von Ihnen durch UebernahE des Reichskanzleramtes in ernster Zeit gebrachte Opfer und die von Ihnen geleisteten Dienste sind Ihnen sicher. Ich wünsche, daß das deutsch^ Volk wirksamer als bisher cor der Bestimmurrg der Ge­schicke des Vaterlandes mitarbeite. Es ist daher mein Wille, daß Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in weiterem Umfarige teilnehmen werden an den Rechten und Pflichten der Regierung. Ich bitte Sie, Ihr Wert damit ab zuschließen, daß Sie die Geschäfte weilerführen und die von mir gewollten Maß­nahmen in die Weg >2 leiten, bis ich einen Nachfolger für Sie gesunden habe. Ihren Vorschlägen.hierfür sehe ich entgegen.

Großes Hauptlprartier, den 30. September 1918.

gez.: Wilhelm I. R. gegengezeichnet durch Grafen Hertling, *

Berlin, 30. Sept. (WTB.) Der58. Z." zufolge hat der Kaiser die Rücktriitsgesuche des Reichskanzlers Grasen Hert­ling und des Staatssekretärs v. H i n tz e angenommen. Eine Ent­scheidung über die Persönlichkeiten der Nachfolger ist noch nicht gefallen. *

Die Besprechungen im hauptausschutz der Reichstags

V t x l i n, 30. Sept. Ter Hauptausschuß trat Montag nächst mittag unter sehr starrer Beteiligung der Rei^chslagsniitglreö«: sowie von Vertretern der ReiNtsregierrmg zusammen. Nach Eröff­nung der Sitzung ergriff Reichstagspräsident Fehrenbach das Wort, um gegen di« Mitteilung desBerliner Tageblattes" über die Erklärung, die er beim Reichskanzler abgegeben hüben soff, Einspruch zu erheben.

Stellvertreter des Reichskanzlers v. Payer verliest den be* reits im ersten Morgenbbatt mitgeteilten Erlaß des Kaisers an den Reichskanzler Grafen Hettling und fügt hinzu:

Für diesen Erlaß, durch den Se. Majestät der Kaiser dem ernsllrchen Willen Ausdruck gibt, daß dem Wunsch des nun schon seit vier Jahren Gewaltiges leistenden.und ertragenden deutschen: Volkes^ nach einer verstärkten Mitwirkung bei der Leitung der Geschäfte des Teutschen Reiches weitgehendst Rechnung getragen werde, gebührt ihm unser aufrichtiger .Tank. Im Aufträge des ReickObauzlers werden wir heute noch in Bera^tungen mit den Führern der einzelnen Parteien über den besten Weg. zu diesem Ziele zu gelaugen, eintreten, und wir l-aben die Hoffmmg, daß cp uns gelingen wird, in kürzester Frist diese für die Zukunft unseres Vaterlandes höchst bedeutsame Ärtwicklung zu einer unsere Einigkeit und Kraft stärkeirden Lösung zu bringen.

Vorsitzender Abg. Ebert (Soz.) schlägt Vertagung auf un­bestimmte Zeit vor.

Abg. Ledebour (Unabh. Soz.) widerspricht. Der Reichs­tag müsse einberufen trerden.

ReiichstagLpräsident Fehrenbach (Ztr.): Es handett sich nur um eine Vertagung der Debatte. Die sonst zur Verhandlung stehenden Fragen würden nur geringer Teilnahme begegnen. Tie Einberufung des Reichstages hänge von der Willensmüuung der Parteien ab. Wenn die Regierungskrise ihre Erledigung gefun­den hat, wird der Rechts tag zusammentreten müssen, lieber den Termin ist ein Einverständnis mit allen Instanzen lierbeizuführen,

Abg. Tr. Cohn (Unabh. Soz): Die m^tärische Lage ist ernst. Ls liegt eine Menge anderer Geschäfte vor. Warum will sich der Ausschuß selber ab setzen?

Vorsitzender Ebert: Ter Ausschvrß soll zusammenbleiben, aber die Verhandlungen über die Zusammen.s-etzicug der Regierung nrnficn die Weiterberatungiin Ausschuß unmöglich.

Abg. Cohn (Unabh. Soz.): Tie wichstgsten Beratlingen dürfen sich nicht mit Ausschluß der Oeffeutlichkeit vollziehen.

Abg. Ledebour (Unabh. Soz.): Tie neue Situation macht den sosottigen Zusammentritt des Reichstages unabweisbar. Wir bestehen aus unseren! Antrag, ihn sofort zusammenzuberusen. Ein Grund ^rr Verzögerung liegt rächt vor.

Prätident Fehrenbach: Nach Lösung der Krisis ist der ReickOtag rzusammenzuberufen. Mährend der Krisis wäre der Reichstag nicht der^^gengnete Ort, Entscheidungen zu treffen.

Abg. T a v i d (Soz.): Niemand hat den Vorsitze'weu mißver­standen außer den Urrabhängigen. Tie Debatte sortzusetzen, in der der Ausschuß stmrd, wäre zwecklos und sachlich unmöglich, weil wir keine Regierung uns gegenüber haben. Ter Reichistag muß bald zusammentreten. Ueber den Zeitpunkt hat sich der Senioren> konvent schlüssig zu macken.

Ter Der ta guu gsautrag wird gegen die Stimmen der Unab» bau giaen Sozialdemokraten angenommen.

Nächiste Sitzung uubestinrmt.

Lin Waffenstillstand in Saloniki unterzeichnet.

Berlin, 30. Sept. (WTB. Nichtamt'ich.) Der frnw zösische Funkspruch meldet unter dem 29. September: Heute nacht ist ein W a f fr n st i l l st a u d zwischen d u bulgari­schen Abgesandten und d m Hauptquartier der OrientarmeeinSalo niki unterzeichnet wo den. Es ist auf der ganzen Fwnt der Befehl gegeben morden, die Feindseligkeiten einzustellen.

Das Wolfs-Bureau bemerkt dazu:

Nach den hier vorliegenden Nachrichten sind die Bedin- gungen des Waffenstillstandes der Regierung in Sofia nicht bekannt.

Paris, 29. Sept. (WTB. Nichtamtlich.) Havas-Mel- dung. Die bulgarischen Parlamentäre, der Finanzminister L i a p t sche w , General L u ko w, der Kom- mairdant der 2. Armee, und der ehemalige Minister R a- dew, sind gestern abend in Saloniki angekommen, um n er die Waffenstillstands-Bedingungen zu verhandeln. General Francket d'EsPerey empfängt sie heute, Sonntag.