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Nr. 4

Der ^lehener Anzeiger

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Erstes Blatt

J68. Jahrgang

Zamstag. 5. Januar )M8

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General-Anzeiger für Oderhessen

Ein rnssischer Vorschlag und Zlockung der

Zriedensverhandlungen.

wochenrlickbllck.

Wenn wir in Stunden wichtigster Entscheidungen den Reichstag nennen, so überkommen uns unruhige Stimmun­gen. Wird er diesmal das Richtige treffen, wird er die An­näherung eines deutschen Friedens fördern, oder wird er seine Kräfte mit Grundsätzen und Parteischablonen verzet­teln? Denn das müssen wir alle zugeben und feststellen: eine große Aufgabe liegt ihm auch heute wieder ob. Es sei uns ferne, zu fordern, daß die Volksvertretung jetzt schweigen und sich verbergen müsse. Sic hat, wie iksr Name sagt, der Stimmung des Volkes Ausdruck zu verleihen, und das ist heute etwas Größeres, als der Erledigung vielfältiger Ge­schäfte nachzugehen, zu deren Erledigung der Reichstag sonst verfassungsmäßig berufen ist. Friedensverträge zu formu­lieren, ist seines, des Reichstags, Amtes nicht. Wir wünschten aber alle einen neuen Ausdruck des Volkswillens, nach­dem die Lage seit dem Juli sich so gründlich geändert hat. In einer Stunde, da einer unserer bisherigen Gegner unter dem Druck der Verhältnisse schleunigen Frieden schließen muß, da dürfte es, wie beim Kriegsausbruch, unter uns keine Parteien geben. Eine versöhnliche Stimm), g egen- über unserem russischen Nachbar ist in allen deut /, ; Landen gleichmäßig vorhanden: darüber gibt cs keinen Zn i el, dar­über braucht auch der Reichstag keineAufklärung" zu schaf­fen. Wohl aber sollte er unseren Unterhändlern in Brest- Litowsk die Stimmungsgrundlage schaffen, auf der die Ver­handlungen günstig fortschreiten können. In derVerstän­digung" sind wir zweifellos mitten drin, und einVerständi­gungsfriede" soll mit Rußland geschlossen werden. Wenn aber heute die Verhandlungen wieder beginnen, so ist die Fragestellung für uns diesmal wirklich so zugespitzt: Verzicht oder kein Verzicht? Es handelt sich um die russischen Landes­teile, die sich loslösen wollen und deren Loslösung und An­gliederung an die Zentralmächte in unserem Interesse liegt. Die Russen haben schon halbe Zugeständnisse gemacht, sic »vollen über diese Fragen in einem besonderen Ausschuß ver­handeln. Die Petersburger Regierung hat sich mit den Un­abhängigkeilserklärungen der betreffenden Grenzvölkcr, de­ren Älbftbestimmungsrecht sie achten will, bereits einver­standen erklärt. Also wird die Einigung nicht all n schwer fallen, wenn der Reichstag, wenn die deutschen Volksv ertre­tungen einheitlich und geschlossen nicht so sehr die Giltig­keit allgemeiner Theorien, als vielmehr auch das positive Recht der neu geschaffenen Machtverhältnisse, die Pflicht, unser Reich im Osten für die Zukunft zu sichern, unterst!eichen und ernporheben. Wollen wir uns, wie es ja auch Herrn v Bethmann tzollwegs Kriegsziel war, wirklich sichern, durch Grenzverbesserungen und -erweiterungen, für die deutsch Vorarbeit und deutsche Kulturanlagen die besten Vor bedingungen geschaffen haben, oder wollen wir verzich­ten und jenerabstrakten sozialistischen Ideologie" nach­rennen, gegen die neuerdings sogar die ..Frankfurter Zei­tung" Worte des Tadels gefunden hat? Die unwiederbring­liche Gelegenheit mahnt uns, zuerst an den praktischen Nutzen, an reale Ziele und Wirkungen zu denken, dann erst an Selbst­bestimmungsrechte, wobei keinesfalls die Abstimmung von Analphabeten in Frage kommen darf.

Ob der Hauptausschuß des Reichstags, der am Donners­tag seine Beratungen begonnen hat, die Unterstützung der Regierung in diesem Sinne fortführen wird, muß sich bald zeigen. Unsere militärischen Instanzen, Hindenburg und Ludendorff, die wieder einmal in Berlin geweilt haben, wer­den den Grafen Hertling und Herrn v. Kühlmann vermub lich keine Wege des Verzichtes gewiesen haben. Die national- liberale Reiclistagsfraktion hat sich, wie die parteiamtliche Korrespondenz berichtet, einmütig auf den Standpunkt ge­stellt, daß in Bezug auf die Frage der notwendigen strategi­schen Grenzsicherungen dem Urteil der Obersten Heeresleitung maßgebende Bedeutung zukomme. Dem ist durchaus beizu­stimmen, denn die Heeresleitung wird nicht nur die Bedeu tung der Grenzsicherung für die Zukunft richtig einschätzen, sondern sie ist auch vor allen anderenJn st anzen be­fähigt, zu urteilen, wie weit wir auf Grund der jetzigen militärischen Lage in unseren Forderungen gehen dürfen

Wenn die nationalliberale Fraktion, wie weiter berich­tet wird, auch darin einig ist, daß irgend eine Verlängerung des den Ententemächten angebotenen Termins zur Teilnahme an den Friedensverhandlungen°unter keinen Umstän- d e n eintretcn dürfe,auch nicht, wenn sie von anderer Seiti verlangt werden würde", so ist auch dieser Standpunkt durch aus stichhaltig. Ganz abgesehen von der Erklärung unseres Reichskanzlers, daß Verhandlungen mit Männern von de» Gesinnung wie Lloyd George ausgeschlossen seien, sind uns die Pläne der Weltmächte durch Bekundungen englischer, französischer und i1alienisck>c^ Staatsmänner in den letzten Tagen hinlänglich vertraut geworden. Wenn nebenher frag würdige, gewundene dLotizen veröffentlicht werden mehr ist bisher nicht erfolgt, wonach die gegnerischen Mächte die durch die Feststellungen von Brest-Litowsk geschaffene Lageernstlich prüfen" wollten, so scheinen sich dadurch eng liscl>e Verschleppungskünste ankündigen zu wollen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Russen dahin beeinflußt werden sollen, die Verhandlungen mit den Mittelmächten noch wei terhin zu unterbrechen. Dagegen dürfen und müssen unsere Regierungen kräftige Schritte tun; am besten wären vor­beugende Sckritte. Die Russen dürfen nicht annehmcn,

daß unsere Geduld und unser Entgegenkommen unbegrenzt sind. Man muß ihnen Gelegenheit geben, wohl zu erwägen, ob sie einen baldigen Friedensschluß mit uns leichtfertig aufs Spiel setzen, ob sie noch monatelang der Spielball ihrer bis­herigen Verbündeten sein wollen. Friede und Freundschaft unter der Menschheit werden am besten dadurch angebahnt, daß den Engländern zuvor einmal ihr unaufrichtiges Doppel­spiel, ihre ewigen Lügen und Verdrehungen und ihre ab­gedroschenen Redensarten abgewöhnt werden. Heute sehen sie noch nicht in hinreichender Weise den E r n st der Lage vor sich.

Der uns nachträglich zugegangene Bericht über die gestrigen Verhandlungen des Hauptausschusses zeigt, an wel­chem Zipfel die englisch Verschleppung kunst zugeiaßt hat. Denn es war auch den Engländern wohl bekannt, daß^ die russische Regierung die Verhandlungen am liebsten in S'ock- holm geführt hätte. Wir müssen damit rechnen, daß das befremdende Fernbleiben der russischen Unterhändler von Brest-Litowsk den Mack)enschäften der Entente mit zu ver­dauen ist. Wir dürfen uns abn auch nicht verhehlen, daß die herrsüs-enden Maximalisten denn doch allniählich etwas un­bescheiden geworden sind. Sie haben doch ursprünglich die Verhandlungen angeregt, und wir sind die Sieger, nicht die Veslegten: Der geh ucne. .u| ll.g n. Ton oe.' "i.rchskanz- ters war daher geboten. Wir haben mehr Stützen unserer Auffassung als die Russen, denn wir stützen uns in erster Linie auf unsere Machtstellung, dann freilich auch auf eine durchaus loyale Gesinnung Wie dabei das überspannte Selbstbewußftein der Maximalisten in irgendeiner Weise verrauchen muß. ob in tt- ' Si n" od r in

der Bedrängnis der inneren Lege Rußlands, das können wir abwarten.

(WTB.) Großes Hauptquartier, 4. Januar. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz

Fast an der ganzen Front kam es zu lebhaften Kämpfen der beiderseitigen Artillerien. Klares Frvsttvellcr begünstigte ihre Tätigkeit.

Bei englischen Vorstößen, die östlich von Mcrn und nördlich vom La Bassee-Kanal scheiterten, sowie bei eigenen erfolgreichen Unternehmung m südöstlich von VloeuvreS und in der Champagne wurden Gelungene und einige ML'chinen- gervehre ein gebracht.

Seit dem 1. Januar verloren unsere Gegner im Lufl- kampf und durch Abschuß von der Erde 23 Flugzeuge und zwei Fesselballone. Oberleutnant Locrzer errang seinen zwan­zigsten Luftsicg.

Oestlicker Kriegsschauplatz

Nichts Neues.

An der

mazedonischen Frontu nd italtenischenFront keine besonderen Ereignisse.

Der Erste Generalauarriermeister Ludendorff.

Der -lbcudberichr.

Berlin, 4. Fan., abends. (WTB. Amtlich.)

Don den Kriegsschauplätzen nichts Neues.

Der österreichisch-uttgarische Tagesbericht.

Wien. 4. Januar. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart:

Oestlicher Kriegsschauplatz

Waffenstillstand.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Keine Ereignisse von Bedeutung

Der Chef des Generalstabes.

B

Der hauptausschlch des Rctts'aas und die Zriedensvcrisandluntz n.

Berlin, 4. Jan. (WTB.) Ter Hauptausfchuß des Reichstags tvat beute vormittag 10 Uh: zu einer neuen Bela­dung zusammen. Als erster Redner sprach Abgeordneter Gras Westarp über die Friedensverhandlungen in Brest- L i t o w s k.

Jim Anschluß Mi seine Ausführungen ergriff Reichskanzler Tr. Graf von Hertling das Wort zu folgenden Erklärimgen: Ter Herr Bvroädner hatte die Güte, an das zu erinnern, was ick)

gestern am Schlüsse meiner kurzen einleitenden Worte fache, was gestern galt, vielleicht heute nicht mehr gelten würde, und wir rmniter imtit der wagltffjödlt von Zwischenfällen zu rechnen hätten. Ein solcher Zwischenfall scheint eingetreten zu sein. Slcftm früher hatte wiederholt während der Verhandlungen die russische Regierung den Wunsch aussprechen lassen, daß die Ver­handlungen von Brest-Litowsk verlegt und an einem neutralen Orte, etwa in Stockholm, fortgesetzt werden möchten. Jetzt i st d i e- ser Vorschlag ausdrücklich gemacht worden. Tie russisck-e Regierung schlägt die Verlegung der Verhandlungen von Brest-Litoivsk nach. Stockholm vor. Ganz abgesehen davon, daß wir nickst in loec Llrg? sürd, uns von den Russen vorschreiben zu lassen, no wir die Verhandlungen weiterftihren solle)!, darf ich darauf hn:.eisen, daß die Verlegung nach Stockholm zu außerordentlich großen Scknvierigkeiten führen würde. Ich will nur die Schvierigkeit ansühoen, daß die direkte Verbin­dung, die die verl-andelnden Delegierten mit ihren Haupt­städten Berlin, Wien, Sofia, Konstantinovel und Petersburg laben müssen, die direkten Verbindungen, die in Brest- Li owsk angelegt woroen sind, funktioniere)! gut^ in Stockholm auf die größt«) Scftvierig'kei.ten stoßen würde. Schon dieser eine Pu kl führt da^u. daß )vir nicht darauf eingehen können. Tazu kommt, daß die Machmschrfben der Entente, Mißtrauen zu säen zwischen der russischen Regierung, ihren Vertretern und uns, dort neuen Boden gewinnen würden. Ich habe daher den Staats­sekretär von Kühlmann beauftragt, dresen Vorschlag ab zu­lehnen. (Bravo.) Inzwischen sind in Brest-Litoiosk die Ver­treter der Ukraine einaetrvffen, und zwar nicht nur als Sa-hverstänMge, sondern Vollmachten zu Verhandlungen aus- ge att.-t Wir weiden ganz ruhig mit den Berrvetern der Ukraine weiter verl)andeln. Ich füge »rvch hinzu, daß von Petersburg mstgetnlt worden ist, die russische Regierung könne^ auf Punkt 1 imb 2 unserer Vorschläge nicht eingehen. Tiefe beiden Pu kte bezic^n sich auf die Modalitäten der Räumung der Gebiete nnd die Vornahme von Bolksab st im­mun gen. In der russisch.m Presse wird uns insinuiert, daß in diesem Punkte 1 icib 2 ansgedrückt sei, wie wir uns in illoyaler Weise unserer Zu'age betreffend das Selbstbestimmungsrecht der Vötker entziel-en wollen. Ich muß diese Insinuation zurückiveisen. Pu kt 1 und 2 si d lediglich durch« vraklisch? Erwägungen bestimmt. A.r können davon nicht abgehen. Ich glaube, meine Herren, wir können getrost abwarten, wie dieser Zwischenfall weiter ver­laufen )vird. Wir stützen uns auf unsere Machtstellung, auf unsere soyale Gesinnung und auf unser gutes Rocht. (Lebhaftes Bravos

Ter Ausschuß vertagte sich nach diesen Erklärungen, um den Fraktionen Gelegenheit zu Meten, zunächst unter sich über die Sitra von zu beratm.

B r e st - L i t o w s k, 4. Jan. (WTB.^ Der Vorsitzende der r u s- i s ch e n T c l e g a t i o n hat am 3. d. M. aus Petersburg M! die ^erwllmäckxigten der Vierbundmäch e in Brest-Litowsk eine Te- resch- g'rich'et, in der er unter Berufung auf den Beschluß der Regierung der russischen Republck vorschlägt, die Verhandlungen im neutralen A u s l a n d e sortzusetzen. In Erwiderung hier­auf haben die Telegationen der Vierbundmächte an Herrn Joffe am 4. d. M. telegraphiert, daß sie jede Verlegung des Verband-- lungsortes ablehnen, da bindend vereinbart worden sei, die Vcrha))dlungen am 5. Ianuar in Brest-Litowsk wieder auf- zunehmen.

Berlin, 5. Jan Wie derLok.-Anz." erfährt, ist Dir Ver­anlassung der Reichs «-egierungdieGeheimsitzui^g des Ha l Pt aus chus esdesReichstagesumeinigeTage verschöbe), morbeit. 9tach den neuen Dispositionen nnrd der Hauptausschuß wicht um 10 Uhr. fand, erst um l /*12 Uhr zusammen» treten. <Tie VerMllassunq zu der Verschiebung liegt darin, daß der Reichskanzler Graf Hertling die Parteiführer auf 10 llhr zu Be- svrockrurgen zu sich gebeten !>rt. Ter Wunsch der Reick-sleilung, angesichts des Zwischenfalles in Brest-Litowsk in enger Füh­lung mit der Volksvertretung vorzugel)en, dürfte hieraus deutlich erl?ellen.

y 'eine Fristverlängerung.

Berlin, 5. Jan Rach einer Meldung der PetersMcrger Pra-'.»da" l>ewilligte die russische Regierung, wie demLvk.-Anz." von der Sck)«weizer Grenze berichtet wird, keine Fristverlängerung an die Alliierten.

Pressestimmen.

Di« freiünrseroativePost" schreibt: ,,Der Kanzler hat mit Recht im HaushalttuvaSausschuß, darauf hmgcwiesen, wie schlaLr es dein Teutsck^u Reiche an stände, nun etwas plötzlich eine hastige Geschäftigkeit an de), Ärg >zu legen. Wir können loarten, Ms ftch die russisck>en Friedenckunterhandler auf das datsächli 4 MoglrvN besinnen und mit praktisch diskutablen GogenvorsckLäg^m kmmiunv. Bei gegenseitigem gut«) Willen sollte es nicht schwer sein, eine Bereiubarlmg zustmrde zu bring«!. Ms keinen Fall aber d<m das Deutsche Reich um des bloßen Friedens willen von den Bedingun­gen abgcl)e)), die seine geographische Lage nach Osp)) ihm crui^u-- stellen zwingt. Die Macht, sie durchtzusetzen, liegt m deutscher Hand.

TieDeutsche Tageszeitung" verlangt, .russischen Regierung müsse endlich gezeigt tverden. daß der Besiegte dem Sieger nicht ferne Meinung und seinen Willen aufznnngen könne. Tie in Deutschland maßgebenden Faktoren müßten auf alle Wnse- guenzen Ist)) das Lebensinteresse und das Ansehen des Reiches auf das )mchdrücklichste zur Geltung bringen.Wirr haben/ so schreÄN das Blatt weiter,immer daran gezweifelt. daß duchcü ansckiei))end sckwa)ckentose Errtgegenkommen von russisckren Re­gierung und ebenso von dei! Bevölkerungen Litauens usw. nchtig ausgosaßt und nicht vielmehr als Schwäche betrachtet ir^crden )viftt^. Tics ist denn andx wie das Ergebnis zeigt, die Wirkung

eines sofortigen Friedens, datz es au) aue ru,waren ^vroerungen . eingehen berte, lediglich miS Besorgnis, die Verhandlungen könnte» gleicht nicht schnell genug zum Ergebnis gelangen/'