Au» Stadt und Land.
Gießen, den 27.Dezember 1917.
** Amtliche Perso nalnachrichten. Der Grvhherzog, hat am 28. D^ernber dem außerordentlichen Professor in der juristischen Falültät der Landesuniversität Gießen Dr. Rudolf Hübner die erbetene Entlastung aus dein Staatsdienst mit Wirkung vom 1. April 1918 gemährt. ,— Der GroMrzog hat am 22. Dezember den Lehraintsasjessor Rudolf Tumont aus Oppenheim zum Oberlehrer an der höheren Mr;iersäZüe zu "Bingen, den Lehramtsassessdr Jacob Egelhos aus Güntersürst zum Oberlehrer an der höheren Bürgerschule zu Wöllstkin, den Lehramtsassessor Ferdinand Weckerling ans Friedberg gum Oberlehrer an der -Oberroalschnlc zu Gießen, den Bezirks.asserr-As is en en Zlarl May zu Mainz zum ^iczirlskassier der Bezirkskassc Fürth lowio den Finanz- aspiranten Wilhelm Müller aus Groß-Umstadt zum Bezirkskassen- Assistenten ernannt.
** Hohe Ehru n g. Professor Dr. Theodor Koch-Grünberg, Direktor des Museums für Länder- und iVölkerkunde iLinden-- »nuseum) in Stuttgart nnd Dozeirt für Völkerkunde cur der Universität' Heidelberg —, wurde in 'A1nm.7'ennung seiner hervorragenden wissen sch östlichen Leistungen aus dem Gebiete der Amerißi- mstik wie als Fvrschrmgsreisender von der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie nnd Urgeschichte die Rudolf-Dirchow- Plakette verliehet!. Professor Tr. Koch-Grünberg wird durch lerne frühere Tätigicit in Gießen noch 'in bester Erinnerung fern.
** Auszeichnung. Bäckermeister Gesr. 5). Pries wurde mit deni Haniburger Hanseaten kreuz ausgezeichnet. — Der Pionier Willi Hardt erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse. — Bonitäts=< Hundeführer Gesr. Wilhelm- Rink erhielt das Militär-Sa nitäts- Ureuz am Bande der Tapferkeitsmedaille. — Unteroffizier R u doif Löwen st ein wurde tznit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet.
** Das Krtegs-Ehrenzeichen wurde verliehen! den Lokomotivführern Conrad, Os w a l d und Posse, den Wagenmeistern Müller und Kliffmüller, dem Wagenaufseher W a g n e r, dem Vorscblosser Stadler, dem Vorschreiner Walter, dem Vorlackierer Pfeiffer, dem Schlosser Hobel, dem Dreher Jünger und dem Maschinenputzer Nolte, sämtlich stationiert in Gießen.
** Gänse. Das Lebensmittelamt macht darauf aufmerksam, daß über Gänse, die innerhalb drei Tagen nach Empfang der Nachricht über die Zuteilung nicht abgeholt ünb, anderweit verfügt wird. Wer also die ihm zugereiste Gans nicht abgeholt hat, tue dies baldigst.
** Tie Ergebnisse der Ernteerhebungen f ü r | Brotgetreide. Wenn auch die Ernteuachprüfung gegenüber. der Erntevorschätzung einen erheblichen Ausfall an Getreide oller J Art ergeben hat, so steht doch fest, daß die tatsächlich erzielten - Erntemengen größer sind, wie sie sich in den Zahlen der Ernte- uachprüsung auLd rücken. Diese Zahlen können also für die Erfassung der vorhandenen Getreidevorräte nicht maßgebend sein. Es muß vielmehr jeder einzelne Erzeuger eine seine« tatsächlichen Ernte entsprechende Menge von Brotgetreide im Interesse der Ernährung der Gesamlbevölterung abliefern. Wenn daher behördlicherseits von jetzt ab alles darangesetzt wird, um sämtliche verfügbaren Vorräte herausznholen, so wird sich die Landwirtschaft treibepde Bevölkerung der Einsicht sicherlich nicht verschließen, daß das, was nun geschahen muß, notwendig ist, um durchzu basten und unsere Volksernährung bis zur näch'ten Ernte aus eine gesicherte Basis zu stellen.' Wer jetzt noch mit Getreide zurückhält, es zu Unrecht verfüttert oder melw' wie erlaubt ist, verzehrt, handelt schändlich und arbeitet unserer Feinden in die Hand. Glaube keiner, daß nicht eines schönen Tages auch ihn der Arm der Gerechtigkeit erreichen wird.
** Geldsendungen an deutsche Kriegsgefangene in Italien. Wie wir hören, hat die Diskonto-Gesellschaft Vereinbarungen getroffen, tvelche es ihr ermöglick-en, Aufträge zur Uebermittlung vvu Geldsendungen an deutsche, in italienische Kriegsgesangeusckaff geratene Soldaten zur Weiterbeförderung entgegen-unehmen. Diesbezüglick?e Anfragen sind an die Ti§kont-o-Gesüllschast, Berlin, Behrenstraße -13/44, zu richten.
** Dem Hessische« Landesverein für Kriegerheimst ätteN sind, Arm Teil als Weihnachtsgaben. wiederum zahlreiche hockherzige Stiftungen ^geflossen. Ein angesehener Industrieller aus dem Odchrwald hat dem Vereine die reiche Spendck don 30 000 Mark geschenkt. Die Maschmcktsiabrik Karl Schenck zu Darmstadt bat beschlossen, dem Berein den Betrag von 10 M0 Mark zur Verfügung zu stellen. Aus Lich ist von Herrn I. H. Jhring, Inhaber der gleichnamigen Brauerei, die Summe von 1000 Mark gestiftet worden, und ein -anderer ungenannter Freund des Vereins in ,Friedb-erg bat ihm chne Schenkung von 2000 Mark Mgewandt. Sehr erfreulich ist auch da ' rege Interesse der Hessischen Eisenbahn oereine, die durch 'den Eisenbabnorrein Mainz de; Kriegerheimstättensache kürzlich die schöne Gabe' von 1490 Mart überweisen bomrten.
** Kriegssteuer und Iu w elen ver ka u s. ^Es sind von versck edenm Seiten Desürchttlnaen dabinge^nd geänßerl wor
den, daß der durch den BerÄrur von Goldsachen «»der Juwelen an
die Göldanka u fs stell an erzielte Betrag kriegssteuerpslichtcg werden
könnte. Diese Auffassung ist im allgemeinen nicht zutreffend. Nach dem Kriegs st euer gejetz vom 21. Juni 1916 unterliegt der Vermögenszuwachs, der aus der Veräußerung von Schmucksachen usw. entstellt, der Kriegssteuer nicket. Eine Ausnahme^ findet nur dann statt, wenn der betreffeirde Veräußerer die Sachen nach dem 31. Dezember 1913 erworben hatte, und zwar deswegen, weil anzunehmen ist, daß dieser Erwerb aus Kriegsgewinnen, vielleicht sogar zur Umgehung der Kriegssteuer erfolgte. Der Betrag hingegen, Heu jemand aus dem Verkauf schon vor detn l. Januar 1914 erworbener Bchmuckjack-en erlöst, bleibt, ebenso wie die Schmucksacheu selbst, nach ß 3 Abs. 1 Nr. 4 des Kriegsstetun- gesetzes ausdrücklich steuerfrei. Es darf, wie wir Mitteilen können, mit Sicherheit airgenommen werden, daß eine weitere Kriegssteuer den Grundsatz des Gesetzes vom 21. Juni 1916 bcibehalten wird, daß mithin auch künftig aus der Veräußerung von Goldsachen oder Schmuck herrührende Geldbeträge der Steuerpslicht nicht unterliegen.
** K a m merbr u ck s a cf)i e n. Ter Zweiten Kammer der Stände gingen folgende Drucksachen zu: Berichte des Ersten Ausschusses über n) 1. den Antrag des Ersten Ausschusses Erster Kammer, Erlaß eines Gesetzes, die Aenderung des Hundesteuergesetzes vom 12. August '1899 betreffend: 2. den Antrag des Abg. Leun, in gleichem Betresjs; b) den dringenden Antrag des Abg. Lang. betr. Erbauung einer Verbindungsbahn Würzburg über Miltenberg-^- Erbach oder Michelstadt—Fürth— Hepponhäin—Worms nach Kaiserslautern : c'i den Antrag des Mg. WM-Stadecken, be tr. A o- änderung oes Einkommensteuergesetzes. — Bericht des Erweiterten Erstcin Llüsschusses über den eiligen Antrag des Abg. Adelung, betr. Herabsetzung des Gasverbrauchs. Anfrage des Abg. Adelung bett. Famstienunterstützung für Kriegsteilnehmer. Bericht des Er- ivestetten Ersten Ausschusses über den Antrag der Abgg. Adelung und Ulrich, die Kartoiselpreise bettessend. ^ ^
** Stadttheater. Es sei auch an dieser Stelle darauf hrngewiesen, daß morgen die 10. Freitag-Abonnements-Borstel- lung stattsindet. Zur 'Aufführung gelangt dse Neuheit „Meine Fran, die Hossck-auspielerin" von Alfred Moeller u. Sachs, ein reizendes Lustspiel, das bei seiner Erstaufführung in der vergangenen Woche am Großherzoglichen Kurtheater Bad-Nauheim ung-cteisten, überaus starLw Beifall fand.
Landkreis Gießen.
** Hausen, '26. Dez. Musk. Ludwig Harnisch erhielt die Hessisch? Ta pfevkitsme drille, Musk. Karl Berg des Eiserne Kreuz. Ans dem Felde derMue fielen Gren. Karl Schäfer. -Musk. Karl Schäfer und Gesr. Ludwig K i r ch m a n n.
** Kl ei n - L i n de n , 26. T^. Dem Bergwerksau'seker Ludwig Adolph wurde das Kriegsehrenzeichen verliehen. S,in Sohn, (Mrcitrr Ludwig Adol vb. erhielt das Eiserne Krercz zweiter Klasse und rvurde zum Unterchfizier besördert.
Heiien-Naffav.
^ Diez, 27. Dez. Durch ein Großbauer wurden in der Wilhelmstraße das Gehöft von Gen sch vollständig und die Wein- handlnng rwn Gustav Heck mrhezu zerstört. Die Lö'charbeiten wurden dorck den starken Frost außerordentlich ersch'vert.
U A. Frankfurt a. M., 27. Dez. Einen gefährlichen Straßenbahnzusammeustoß gab es an der Scharnhorststraße, Ecke Gutleutsttaße. Ein führerloses Gespann fuhr vm? einem in voller Fahrt die Brückenrampe herunterkommenden Sttaßenbahnzuge über das Geleise, wurde erfaßt nnd gegen einen entgegenkommenden 19er Zug geschleudert. Fuhrwerk und Straßenbahn wurden stark desckädigt. ein Pferd schwer verletzt.
Fc. V o m M a i n , 26. Dez. ?lm BahuW Aschaffenburg wurde eine gutgekleidete Frau angebolten, die durch einen sonderbaren Gang ausffel. Eine Untersuchung ergab, daß sie unter ihrem Kleid eine Bdannsttose hotte, in der zwei Gänse versteckt tvaren. Diese wurden beschlagnahmt.
<WTB.) Großes Dauplpuartier. 27. DeiMlüer (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe Krönprinz Rupprecht.
An der englijch!M Front war die Gefechtstatiqkc'it nm kwuthoulsterwald. mif dem nördlichen LySufer und bei Moeuvres und Marcoing zeitweilig lebhaft.
H'-eresgruppe Deutscher Kronprinz.
Regimenter einer Mrdedivision ftihrten nördlich von Beronraur nach kräftiger Artillerie- und Minenwerfcrwir- krmg erftugrehbe Unternehnmngen durch. Am Vormittag drangen Erkundung/-abteilungeu in die ftanzö'fißffrn Linien ein. Am Nüchmittaq stürmten mehrere Komvagnicn nn Verein mit Flammenwerfern und Teilen eines SturmbataiHons, begleitet von Infanterie- und Flachfliegern, in 999 Meter Beerte die ersten feindlichen Gräben. Ein Gegenangriff der Franzosen s-heiterte unter schweren Verlusten. Nach Svrcn-
gung zahlreicher Unterstände k.hri.r dir Sturmrnwpeu mit mehr als hundrn Gefangenen und nnigcn erbeuteten Ma
schinengewehren befehlsgemäß in ihre Ausgangsstellungen zurück.
Heeresgruppe Herzog Albrecht.
Eine ftanzösische Abteilung, die nördlich von Ober Burnhaupt unseren vordersten Graben erreichte, wurde im Nahkampf zurückgeschürgen.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
Nichts Neues.
Mazedonische Front.
Keine größeren Kampfhandlungen.
Italienische Front.
Die Arlillerietätigkeit zwischen Asiagi imd der Brenta hat gestern an Heftigkeit nachgelassen. Lebhiftes Störungs- fener hielt in den Kampsabschnitten, sowie zivischen Brenta und Piave tagsWer an. Ein italienischer Vorstoß gegen den Monte Tompg wurde abgewiesen.
Der Erste Gkneralguartirrmeister Ludendorff.
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Dic Friedensstimmung der Rumänen.
Berlin, 27. Tez. Wie dem L. A. aus Stockholm üb« Wien berichtet wird, erzählen aus Jassy eingetroffeiu? Rumänen von dem gewaltigen Ef,ü>ruck, den der Wasfenstillstandsbeschluß an der Moldau hervorgeruien hat. Tie Haltung^ deL Königs Ferdinand gegen enien Friroensschbuß wird getadelt. Die Rumänen? erklären, daß der König von bem starken Friedenswillen ;chfteßlich mitgerüfen würde und fafc der sivrik, VLilkss.rmmMny werde! beugen müssen. Tie sNarimalisten regieren heute im ,vahren Sinne des Wvrtes in Jassy. Die Verhältnisse in Jassy haben sich derart zu- gechitzt, daß König Ferdinand und Bratianu sich wie in einem Gefängnis befinden.
Em Weihnachtserlaß Haigs.
London, 26. Dez. (WTB. Nickitamtlich.) Reurermeb düng. Marschall Hraig hat zu Weihnachten einen Tagesbefehl an die Truppen in Frankreich gerichtet, in dem es heißt:
Ich enIbütL Ihnen meine wärmste Dankbarkeit rntb herzliche Bewrmderung. Unsere Siege und Erfolge waren sehr beträchtlich und hätten wohl in Verbindung nüt den Anstrengungen unserer französischen Verbündeten zu einem früheren vollstäutn- gen Siege geführt, wenn reicht der Zusar unenbruch der russischen Regierung und infolge davon die Anflösn der russischen Armeen gewesen »väre. Es ist unsere Ausgabe, jetzt unsere Herzen zu härten und uns zu stählen, für weitere Anstrengungen. Ich bcqe die vollbonuidene Zuversicht' daß der gleiche glänzende Mnt die erhabene Enlschoffenheit, die sch so süist bar bisher bei seden, gezeigt haben, uns in dem kommenden Jahre helfen werden, allen, weiteren AZ, Forderungen zu begegnen, sie an uns zum Schüße von Herd und Heimat gestellt werden mögen.
Lloyd (George über Palästüm.
Berlin, 27. Dez. Das B. T. läßt ich von der Schweizer Grenze melden: Laut Basler Nchrrckten ,neldet dir Daily Mail. Lloyd George erklärte im Unterhcnne: Die Engländer werden die heiligen Orte PaMinas der Türkei niemals mehr z u r ü ck g e b e u. _
Amtlicher Teil.
Verordnung
Lbrr Äusweiskarren zum gewerbsmäßigen Einkauf von Gmttve
aller Art.
Tie Giltigkeit der (roten) Ausweis karten wird bis zmn 1. April 1918 ausgedehnt.
Mainz, den 21. Dezember 191/. 93341)
Hessische Landes-Oiemüsestelle.
Verwaltun gsabteilrmg.
Best.
Bekanntmachung.
Betr.: Rechtsmittel gegen die Geaveindesteuer - Veranlagung für 1917.
Ans Gvrrnd der Art. 46 und 50 d. G. tt G. vom 8. Jul i 19 11 hat Großh. Ministerium der Finanzen Abteilung für Steuerwesen die Frist, innerhalb deren Rechtsmittel gegen üre Gemeindeiteuer- Veranlagnng für 1917 bei der ersten Instanz anhängrg gemacht werden körmen, für die nackbenannten Gen, einden bis zu den dabei genannten Terminen einichließlch erstreckt. Letzter ^ag der Frrst: Stangenrod 31. TeMnber 1917, Weitershain 1. ^onuar 1918, Grünberg 8. Januar' 1918. 9352?
Grünberg, den 24. Dezember 1917
Großh. Finanzamt Grünberg. _
Gieszener Stadttheater.
Gießen, den 25. Dezember 1917.
Gloupe und Heimat.
Die Tragödie eines Volkes von Ka r l S chö nh e r r.
In die Zeit der Gegenreformation führt Schönherrs Bolks- Iragöoie. Der Kamps um die Religion war entbrannt, das Feldgeschrei „hie lutherisch, hie katholisch" allgemeiue Lostmg. Unterdrücken konnte man die neue Lehre nicht mehr, also mußte mau suchen, ihre Anhänger in den katholischen Ländern, zu denen auch das österreichische Tirol gehörte, loszuwerden. So erließ Kaiser Maximilian den Befehl, die lutherischen Bauern Oberösterreicks des Landes zu verweisen, sofern sie nickt die vroteftantische Lehtt abschwörten. An diese historische Tatsache anknüpsend setzt die Handlung ein.
Seit 200 Jahren sitzen die Rott-Bauern auf der ererbten Scholle. Die Reformation bat auch sie heimlich zu Bekennen! der Confessio auaustana gemacht. Nach schweren inneren Kämpfen treten der Mt-Rott und seine Söhne zur Lehre Luthers oftert über und sollen nun ebenso, wie die anderen Bauern den Boden der Vater verlaffen. Der unmündige Sohn, Spatz, des Christoph Rott einziges Kind, muß aber nach dem Erlasse des Kaisers zurück- bleiben, da die Kirche glaubt, die iungen Seelen noch pon dem Ketzerglauben befreien und zu der rEcn '.Religion zurückführenl zu können. Doch der Spatz brennt durch und sprmgt, als ihn der wilde Reiter, der erbarmungslose Vollstrecker des kaiserlichen Befehles, fangen will, in den Mühlbach und kommt um. Christoph Rott greift zur Art und will den Reiter töten, da schießt ihm in letzter Minute Christi Wort „Liebet eure Feinde" durch den Sinn. Er überwindet sick und bietet dem Ma„ne. der ibm sein Teuerstes raubte, die Hand zur Versöhnung. Besiegt bricht der Ketzeriäger sein Sckyvert entzwei und sinkt zusamnien, während die Notts mit der Leiche des Spatz fortziehen, sich eine neue Heimat zu suchen.
.Schönherr geht wie im „Sonnenwcndtag" auch in „Glaube und Heimat" aus den Pfaden Anzengrubers weiter. Was aber dort Realismus ifä, ist hier ein bis zur Grenze der Aufdrucks Möglichkeit gesteigerter Naturalismus. Mit bewunderungsivürdiger Schärfe sind Liese trotzigen, starken Charaktere beobachtet und festgehalten. Kein Zug fehlt oder ist verzerrt wiedergegeben, kein Wort, sei es auch noch so hart, fällt, das nicht logisch zu dem Charakter dessen, der e? ausspricht, paßte. Als ein Meisterwerk naturalistischer Dramatik wird „Glaube und Heimat" bestehen bleiben, gleichgültig, ob man die Tragödie als Tendenzstück aus- saßt oder nicht.
Unter der Spielleitung von Hosrat Hermann Stein- go etter kam eine schöne, abgerundete Ausführung zustande. Lskar Fei ge l zeichnete den Christoph Rott mit der Ruhe und Sicherheit, die dieser imponierenden Bauerngestalt eigen sein müssen, und erzielte por allem im 3. Akt, in der Szene mit dem Reiter, durch angebrachte, kluge Mäßigung in der Wiedergabe des Zornausbruches Uäriste Wirkung. In der Rolle der Rottin stellte sich eure junge Künstlerin, Hilde Brandt, vor. Sie brachte das Knorrige, Robuste der im allgemeinen verschlossenen Bäuerüi, mit dem harren Schädel und dem unbeugsamen Nacken überzeugend
zur (sstltnng. Helene Kall mar als Spatz gab den Rvtt-Buben, ,chie Wilbkätz", mit viel Temperament und Natürlichkeit wieder, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Eine schöne Leistung bot jhirt Wenzel als „wilder Reiter". Haltung. Sprache und Spiel waren durchweg ausgeglichen, und die besondere Betonung des kilmstandes. daß der Reiter nur ein Glaubensfanatiker, nicht aber ein völlig herzloser Mensch ist, erwies sich als sehr glücklich. Von tiefer Wirkung war der Sandperger Karl Vol cks, der eine Probe feiner Charakterisierunqskunst gab, ebenso wie Adolf Falken als Rott-Peter und Wilhelm Stengel als Alt-Rott. Der Engelbauer fand durch Rudolf G o l l passende Verkörperung. Die übrigen kleineren Rollen lagen in berufenen Händen.
.— w. m. —
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Gießen, den 26. Dezember 1917.
Mcive Frau, die Hafschsuspielerin.
Lustspiel von Alfred Moeller und Lothar Sacks.
Ein witziges, sein abgestimmtes Lustspiel haben die beiden Autoren mit dieser Komödie aus die Bretter gestellt. _ •
Tie Geschichte einer jungen Künsllerehe i}t es, die den ^Koff lieferte. Er Schriftsteller, Sie Schauspielerin, die bei der Heirat aus ihren Berus verzichtet, uw ganz dem Manne ihrer Wahl zu folgen. An äußere Erfolge gewöhnt, durch Husoigungen verhätschelt, tritt aber im Laufe des 2jährigen Beisammecheins^ eine immer stärker werdend^' Mißstimmung bei ihr ein. Sie vermißt den Glanz ibver früheren Bühnenlausbahn, und da der nock unbekannte Name ihres Gatten als Schriftsteller ihr mchts von dem verheißt, nrüssen rauschende Festlichkeiten und Flirts die Leere ausfüllen. Tie Ehe droht eine unglückliche zu werden. Der (tzatte erkennt das und in einem Bühncnwerk „Meine Frau, die HossckMrspiclerin" gibt er eine Schilderung- seiner Ehe. ^Ohne Wissen seiner Qktttin reicht er durch einen Freund das' Stück ein. Nach manckierlei Schwierigkeiten wird es am Neuen Komödieichaus angenommen und die Gattin des Autors erhält mit seiner Einwilligung die Hanpttolle. Sie weiß aber nicht, daß ihr eigner Mami der Verfasser ist und erkennt auch nicht den Spiegel, der ihr in dem Stück das Bild der eignen Ehe malt. Ausregeiüx' Tage gehen der Uraufführung voraus, um so mehr als um die Abänderung der Schlußszene ein Kämpf entfernt!. Erst am Tage der Premiere, unmittelbar vor jener^umsttittenen Szene venät sich der Gatte in einer Unterhaltung. Sie erkennt mm pilüylick alles- uitb versteht. Mit dem Erfolge der Komödie geivinnt der mit einem (pdjlage berühmt gewordene Schriftsteller sein Weib voll und chinz zurück. ,
Köstliche Figuren, wie z. B. der Karikaturenzerchner otrupp, belebtm die Handlung unb sicklern bei dem lebendigen, geschickt geflochtenen Dialog dem Lustspiel den Erfolg.
Tic Hofselxluspielerin zeichnete Herta Ellen hausen mit viel Anmut und Grazie, der Gatte, Tr. Reichersberg, wurde von OMar Feigel sick-er und ansprechend wiedergegeben. Einen prachtvollen Sttupp gab Karl Bolck ab. Bei vorzüglicher Maske war sein Sttupp in der Herausarbeitting aller charakteristischen Züge und der Betonung der Komik ein Kabinettstückckien urwüch- ttgcn, irischen Humors. Mrffam unterstützt wurde her Künstler
durch Helene Kall mar als Else. Kurt Lerck fand nck mtt
der undankbaren Rolle des genasführten „Rasckwitz" gut zurecht. Besonders zu erwähnen wäre nock) Karl Sternmeyer als humorvoller Wolters, und Rudolf G oll als Köppke w. m.
Sah ein Kimb ein Röslein stehn.
Singspiel aus Goethes Jugendzeit ^von Wilhelm Jacoby, Musik von Heinrich Svangenberg.
Die Singspiele, zu denen^ Episoden aus dem Lekwn unsere großen Meister den Stofs liefern, werden allem Anscherne nach Mode Nackdenl mit dem „Treimäderlbaus^', das Schuberts im* gtücklicl-es Liebesidyll entstellt vor das Rampenlicht zerrt, der Reigen eröffnet luurbe, ist nun in „Sah ein Knab' nn RoslnN stehn" ein ziemlich matter Abklatsch mit Goethes -^ttaßbürgn' Erlebnis, dem Verhältnis zu Friederike Brion, der Ptarrlochler von Sescnherm, als Handlung, gefolgt. Mit wettgehendster mer* terischer Freiheit und Phantasie schildert Iacoby, ko^. junge ®oetf>c die anmutige Psarrerstock-ter kennen in® neben lernt und wie sch-ließtick Vernunffgründe die beiden Liebenden wieder ttennen. Tazu hat Heinrich ^pangenberg mit Benutzung von Volksliedern eine anmutige Mustk geschaffen. -r- Wir haben bei der Delprechung des
„Dreimäderlhauses" bereits ausführlich Stellung genom- m«l zu der banalen Art, wie hier tiefgebende^ Herzensereignisse uifferer Großen, deren Leben und Werke wir gewohnt sind urner einem anderen Gesichtswinkel als dem des operettew- llffren Singspiels zu betrachten, verarbätet und zerpflückt werden. Wir können auch hier, so einschmeichelnd und schön die Melodien sind, so anmutig dre Handlung ist, nur aus unserem ^taickpunv verharren: Ter Laie erhält ein völlig «alscheS Bild, den Kenner oter denjenigen, der versucht trat, sick mit dem Leben GoetheS näher vertraut zu macken, wird die Verzerrung schmerzen. Doch sck ließ lich ist das ja Gefühlssache. Wie das „TreimäderlyauS' wird sich auck ckeses Goetlw-Singspiel mit seiner sinnigen Handlung — der dritte Akt ist besonders smnmungSvoll — nnd seinen teilweise reizenden Melodien die Gunst des Publikums im 'Ltnrme erobern. — , „ ^
Adolf Falken in der Rolle Goethes war darstellerisch und stimmlich — nach Uoberwindung einer vorübergehenden Indisposition im ersten Akt — durchaus auf der Höhe und trug nicht unwesentlich zu dem Erfolge bei. Die Goethe-Maske hätte etivas mehr Sorgfalt verdient. Bon entzückender Anmut und Schlichtheit war Margot Werner als Friederike. Das Organ sprach laicht und sicher an und die Darstellung ließ nichts zu wünschen übrig Beifallsstürme rief die vortteffliche Komik der Herren: Gudols Goll (Strobel), Karl Steinmeyer lStoßkopff und! Karl Bolck lHutzler'i hervor. Eine prächtige Susanno Klinglin war Luise D e l o s 6 a, eine flotte Marie Hermine W o s s i d l o Die Freunde Goethes wurden durch Oskar F e i g e l Merck), Emil W a l de n (Lenz-, Curt Le r ch Magirerß Karl Eng e l m a n n fStilling), Willy Borchardt (Lerse), der Pfarrer Brion durch Kun Wenzel angcpaßt wiedergegeben. Zu erwähnen wären nock! Gustzel Bcling als Lucmdc und Friedel Xo^rr als Emilie


