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14/11/1917 Zweites Blatt
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Jtr. 268

Swekt« Blatt

t6Z. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Beilagen:Sietzener ZamllirudlStter" und Ureisblatt für den Ureis Stehen".

postscheellonta: Zrankfvrt am Main Nr. U686. . Vankverkehr: Sewerbebank Stehen.

General-Anzeiger für Gbecheßen

Mttrvoch. M. November \9\Z

Zwillingsrundürnck und Verlag r Brühl'scheUniversiläts-Buch-u.Stnndruckeret,

R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle und vruüeretr

Schulstraße?. Geschäftsstelle u. Verlag:

Schrift leilunA! 112.

Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Maßen.

Reden Painlever und Lioyd Georges.

Ba sel, 13. stdov. Wie Havas auS Paris berichtet, gab Mini- sttrprwident Painlevö zu Ehren Lloyd Ge orges unb fo rtallisnifchen Unterrickstsministers Berenini ein Friilsttück Ta- führte er :Italien nrirb uns immer teurer zu der Stunde, v» die deutsche Barbarei die edlen venietianischen Stabte bedroht, dir jo Uam unterdrückt waren. Wir dürfen und können nicht ver-,

r rj1<st, daß im August 1914 die wohlwollende Reu t ra- ität Italiens uns gestattet l-at, dem Eroberer alle unsere Kräfte entcn-genMibellen, und daß im Mai 1915, als die munitMrs- htfen mjTrfdjen Armeen zurückwicheir, Italien soeiroillig in den große,! Krieg emgetreten ist. Als deshalb die sichloere germanische Beb wir. mg sich gegen Italien wandte, befand sich der brüderliche Instinkt des soanMis-ckZen Volkes in Uebereinstimmung mit dem Empfinden seiner Ittgierung und seiner Feldherren. Wahrend der Feind noch in den Ebenen ddordfvankreichs liegt, verließen fran­zösische Divisionen die Front und eilten narl> Italien mit einer Schnelligkeit, die unsere Führer und ihre Organisationsmethoden ehrt. In diesem Moment breiten sich ans allen Bahnlinien und auf allen Straßen französische und englische Soldaten, Kanonen und Munition jenseits der Alpen aus. Tie Hilfe wird der Größe der Gefahr entsprechen.

Tie Alliierten kLnrpfen nicht jeder für sich, sondern für alle Sie kämpfen nicht einzig für ihre Heimat, sie kämpfen zum Schuhe alles Schönen, Guten und Wahren in der Welt, für alles, was den Wert und die Würde des Lebens -ausmacht. Sie kämpfen gegen -die wissenschaftliche Barbarei, gegen die organisierte Grau­samkeit, sie kämpfen, danrit endlich die Nationen den Friedens kennen lernen, die Gerechtigkeit, die Achtung vor dem Recht, ohne unter eiserne Gesetze gebeugt zu tverden. Tie Alliierten müssen alle Hilfsmittel, alle ihre Energie, allen ihren Millen zum Siege ver­ewigen.

Aber diese Einheit der Aktion, dieser Zusammenschluß der Kräfte, wonach die alliierten Böller schon so kutge streben, wie soll inan sie aus dem Gebiet der Träume oder der Wünsche in das der Tatsachen .überführen? Unsere Feinde haben das Problem auf dem W>ege brutaler Disziplin gelöst. Bei ihnen gibt es nur ein herrschendes Voll, dem die anderen untertan sind. Wir bingsgen sind freie Böller, wir können uns ixicfr einem anderen Voll unterwerfen. In Kriegszeiten ist diese Unabhängig­keit zugleich eine Stärke und eine Schwäche. E;ne Stärke, well sie begleitet ist von Fähigkeiten des Widerstandes, die t>en unter­worfenen Böllern unbekannt sind; eine Schwäche, weil sie das In- emaudergreifen der militärischen Operationen schwieriger gestal­tet^ Ties- Unabhängigkeit zu verbinden mit der 'von einer wirksamen LiegsPolitik g forderten Einheit der Leitung, das wird die Aufgabe interalliierten KriegsSvmitees und des höheren Militärkomttees sein, die durch die großen alliierten Nationen ins Leben gerufen wurden.

Parnl«>6 setzte hierauf auseinander, daß- ein Organismus, io nützlich er auch sein möge, rrur durch den Willen, der ihn belebt, ferne Bedeutung erhält. Dieser Wille muß sowohl bei den Regie­renden als bei denjenigen, die kämpven ofrer für die Schlacht ar­beiten, bestehen. ,Le schwerer die Stunden sind, die wir durch­wachen, um so unbeugsamer muß die Entschlossenheit und um so größer muß der Mut der Nationen sein. Es handelt sich darum, zu wissen, wer als erster unterliegt. Dies werden nicht die Mläerten lein, wenigstens dann nicht, wenn sie nicht selbst chren eigenen Zusammenbruch Hervorrufen. Auf Seiten der Mliier- teu stehen 4 /s Der zivilisierten Welt, sowie ungeheure Hilfsquellen an Kriegsmaterial und unerschöpflichen Quellen der Freiheit. Ten für das Recht kämpfenden Armeen werden sich die Legion ei| Amerikas anschließen mit ihren mächtigen Aktionsmitteln. Es handelt sich, nur darum, durchzuhalten. Alles ist bierett. Wir müssen unsere Feinde nicht stählen. Es handelt sich darum, zu der not­wendigen Anstrengung entschlossen zu sein, um sie zu besiegen. Es ist sicher, daß wir dies können. Tiejenigen, die unter den gegen- kwärtigen Umständen an den Frieden denken, verraten, ob sie ff wollen oder nicht, die geheiligten Interessen des Vaterlandes und der Mensckstichkett."

Patmeve führte weiter aus, daß ein Frieden, der unter der' drohenden Triumphierung des preußischen Militarismus geschlossen würde, ein Frieden der Unterwerfung und des Unglücks sein würde. Nein," rief Pattrlcvd aus, ,pas Wort gehört allein)

den Armen und den Waffen bis zu dem Tage, an dem sich im Triumph das Recht erheben wird."

Lloyd George bekundete seine Gemlgtuung Wer die Schaf­fung des Rates derjenigen Alliierten, deren Heere an der Westfront tätig sind, und äußerte sein Bedauern, daß nicht Zeit übrig blieb, um auch Rußland und Amerika zu befraget!. Lloyd George be­merkte datru, daß die kombinierte UÜberlegenheit der Alliierten diesen bereits den Sieg hätten sichern, zum mindesten sie dem! Siege hätten näher führen müssen. Wenn dies nicht der Fall sei, so liege der Fehler nicht bei den Flotten oder bei den Landhceren, er sei ausschließlich zu suchen in dem Mangel einer wirklick>en einheitlichen Kriegführung bei den Alliierten. Er hob hervor, daß Frankreich, England, Rußland und Italien vier Ktiege statt eines einzigen geführt hätten. Im Jahre 1917 riß nnn wiederum aus denselben Ursachen das nämliche Verhängnis ein, und dabei ist die italienische Front si'ir Frankreich und England ebenso wichtig, wie für Deutschland. Es hätte keinen Zweck, die Tragweite dieses Verhängnisses verkennen zu wollen. Wenn wir einige Kilometer in die feindlichen Linien vorgingen, ein Dorf einnahmen und einige hundert' Gefangene machten, so brachen wir in Beifall aus. und zwar mit Grund.. Tenn dgs ist das Symbol nuferer Ueb'erlegeuheit und die Gewähr des Sieges, den wir schließlich erringen müssen. Was würden wir aber sagen, wenn wir 50 Kilometer über die feindlichen Linien hinaus vorrückten, wenn wir 200 000 Gefangene machten und unzählige Munitions- und Vorratsmengen, 2500 der besten Ge­schütze dem Feinde abnähmen?

Es wird nun, bemerkte Lloyd George weiter, von der mehr oder weniger raschen und vollständigen Verwirklichung der einheit­lichen Front der Alliierten ab>hängen, ob und wie ver­mieden werden kann, daß dieses unglückselige! Ereignis zur Katastrophe werde. Ter Krieg ist durch den Partikularisums in die Länge gezogen worden. Tie Solidari­tät wird sein Ende beschleunigen.

. Falls die Bemühungen, unsere einheitlichen Aktionen zu orga­nisieren, zur Tatsache werden, ist am Ausgang des Krieges nicht zu zweifeln, was sich auch mit Rußland und in Rußland be­geben niag. Er gehöre nicht zu jenen, die au Rußland verzweifeln, Wer selbst wenn !nan an Rußland verzweifeln könnte, so glaube er an den Triumph der Sack>e der Alliierten unerschütterlich. Lloyd George versicherte, daß die Alliierten siegen werden, er möchte aber, daß der Sieg so rasch wie möglich und unter möglichst ge­ringen Opfern komme.

Unterrichtsminister Berenini dankte im Namen Italiens für die Solidarität, die die Alliierteir in so vielfacher Weise be­kundeten. Er betonte, daß das ganze italienische Volk zum vollen Widerstande entschlossen sei, und begrüßte das Eintreffen der Sol­daten der Mlnerten an der italienischen Front. Schließlich sprach der Minister sein Vertrauen in das interalliierte Kinegskomitee und seine unerschütterliche Hoffnung auf den Sieg der Alliier­ten aus.

Sine amrrttani che burleske.

In Neuyork hat es Eiserne Kreuze geregnet! Und ein deutsches U-Boot ist durch die Sttaßen gefahren! Tatsache! Voran eine Musikkapelle, dahinter 4000 Kinder und der Anleihe-Propa­gandazug der Neuyorker Geschäftsleute. Die amerikanischeFrie­densauleihe" wollte nämlich gar nicht recht in Fluß kommen und alle "einsichtigen Amerikaner 'hielten ihre Daschern ebenso zugeknöpft, wie sich selbst gegen den Kriegsrummel von Wilson und Genossen. Zornig hatte dieWasistugtow-Post" i&i einem geharnischten Ar­tikel die BörseniMagnaten der Wall Street als die U-Boot- Piraten der FreiheitsVAnleihe" bezeichnet. Also mußte mau aus neue, echt amerikanische Mittel sinnen, um dem Publikum die neue Anleihe geschmackvoller und das Geld in den Taschen etwas loser zu ^machen. Dazu pumpte mau sich vermutlich von den Engländern ein gesunkenes, von ihnen wieder gehobenes deutsches U>£f.)ofl oder hat vielleicht selbst ein altes amerikanisches Tauchboot in 3 Teile zerlegt, von denen das Hiinderteil (wie geschmacklos) inj feierlichem Zug von der Landungsstelle in Neuhork abgeholt wurde. Während der Prozession war der Verkehr auf den Untergrundbahnen eingestellt, da man befürchtete, daß der Wagen mit dem 40 Donnen schiverenBeutestück" in die Straße versinken und womöglich harmlosen Uittergrundbahn^Reifenden aus den Kopf fallen könnte.

Aul dem Deck des erbeuteten oder geborgten oder selbstsabrizierterr U-Boots standen amerikanische Kriegsschiffsmattosen, die vas Sternenbanner schwangen, und zwei Kompagnien Soldaten beglei­teten die ,,Sieges-TrophM' Izju beiden Seiten. Dann kamen ?chug>- z>eugc, die aus Pappe gefertigteBomben" über ^die schaulustige Menge ab warfen. Inhalt nicht etwa Sprengstoff (der hätte ja vielleicht Unheil anrichten können), sondern Werne Kreuze und Aüfrufe" des deutschen Kaisers an seine amerikanischen Freunde mit dem Rat, keine Friedensanleihe zu zeichnen. Die Begeisterung der Zuschauer war demgemäß ungeheuer. 150 000 Dollars wurden glatt gezeichnet, besonders, nachdem die Beamten der Anleihe-! Propaganda einen simulierten Angriff aus das U-Boots-Hintetteil gemacht hatten.

Welch lächerlicher Mummenschanz, um der amerikaupchen An­leihe auf die Beine z,u Helgen! Wer gegen eine gewisse men sicht­liche Eigenschaft werden selbst in Amerika die Götter vergebens! kämpfen! _

Ans Stadt und Land.

Gießen, den 13. November 1917.

Wir brauchen Gold ftir die Unterlage von Banknoten,

jetzt und auch später, wenn Industrie, Handel und Verkehr weitere Zahlmittel nötig haben.

*

** Beförderung. Unteroffizier Rochlitz von hier wurde zum Vizefeldwebel befördert.

** Der evangelische Arbeiterverein begeht in diesem Jahre das Fest des 25jährigen Bestehens. Aus diesem Ailaß fand dieser Tage eine Hauptversammlung statt, in der beschlossen wurde, das Stiftungsfest am Sonntag den 18. November in einer den jetzigen Verhältnissen eutsprechenden Weise zu begehen. Anker einem gemeinsamen Kirchgang ist ein Familsienabend im Vereins- lokal geplant. . ,

** Preistreiberei mit Garn. Zu den vielen Dnegs^ sorgen unserer Hausfrauen ist uo>ch eine neue getreten. Es gibt kein Garu mehr. Gerad-e jetzt, da das kalte Winterwetter einjctzt, suchen die Hausfrauen die irarmeu Kleider, Kin-deriachen, Mäntel heraus, und überall ist etwas zu stopfen oder zu flicken. Die letzten paar Fäden Garn sind schnell verbraucht, und dann begrünt dre Not Auch die Tuchhandlungen und Konfektionsgeschäfte lerden unter dem Garnmangel. Ter Erwerb von Kleiderstoffen tvird von der gleichizeitigen Abgabe von Garn abhängig gemacht. Ter Groß- handccksprcis für die Rolle Garn bettägt 1.10 bis 1.25 Mark (in Friedenszeiten höchstens 40 Pfennig im Kleinhandel). Tie Groß­händler behaupten, daß die Knappheit aus große Aufläufe zurück- zuführen ist, die in Oberschlesien vorgenommen worden sind. Die Fwlge davon sind Preistreibereien: im Schleichhandel werden be­reits 58 Mark für die Rolle Garn bezahlt.

** Kein Lebkuchen zur Weihnachtszeit. Der um die Weihnachtszeit so beliebte und begehrte Lebkuchen ist in diesem Jahre nicht zu haben, weil die Reichsaetteidestelle den betteffenden Bettieben Mehl für Lebkuchen und Keks für das Jahr 1917/18 nicht liefert.

** I m Schwarz-Weiß-Theater, Seltersweg 81, wird vom 14. bis einschließlich 17. November das Detektiv-Schau­spielZun! Tode verurteilt" vorgefWrt. Außerdem enthält der Spielplan noch das dreiakttge LusffpielBobby als Amott^ und interessante Naturaufnahmen von Eingeborenen aus dem chinesi­schen Tibet. Siehe Anzeige.

Landkreis Gießen.

** Mainzlar, 14. Nov. Mtt dem Hessischen KriegseHverr- zeichen in Eisen wurde der Gefreite^Wilhelm Schwarz ausge­zeichnet. Frül-er ist ihm schon die Hessische Tapferkeitsmedaille und das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen loorden.

** Röthges, 14. Nov. Am 7. November ertönte zum letztenmal das schöne Geläute unserer Glocken. An demselben Tage wurden die bcWen großen Glocken von den beiden Maurermeistern Koch und Bernut von Nonnenroth vom Turur geholt. Um die große Glocke, welche sich nicht zerschlagen ließ, zu entfernen, mußte das Gewölbe im Turme eiugeschlagen werden, wobei fast der ganze Kirchlturm einstürzte. Tie beiden Glocken )vareu 18 Zentner schwer.

Giiepener Nonjertverei».

Ueber die Werke, die Frau Kwast-Hodapp in ihrem Klavierabend am 18. Novenrber 1917 zu Gehör bringt, wird Uns geschrieben:

B ee t Hoven-Appa ssionata op. 57, 1804 siizziert und 1806 vollendet, nimmt mit ihrer Schwester in C-Dnr op. 53 eine Sonderstellrmg ein unter den Beethovcn'schen Sonaten, wie über­haupt in der Gefchiichte der Klavierionate. Hat doch in ihr der unsterbliche M«eister jene technische Größe erreicht, die altes Da- gewesmr? weit überragte und auch seine bisherigen Klaviersonate^i in den Schatten stellte: imter den späteren Sonaten kann ihr ani Großzügigkeit der Konzeption, Schwnng ' der Leidenschaft, Ge­schlossenheit und Einhettlichkeit des Ausbaus kaum eine ebenbürtig zur Seite treten, und wir können , es verstehen, wenn Beethoven sie selbst für seine größte Sonate hielt.

Chopin, P r 6 l u d e s op. 28. Die Pröludes gehören zu dcn Klavierwerkeu Chopins, in denen der Künstler auf die ihm sonst eigenen Tauzformen (mit Amsrrahme von Nr. 7 und 12) ganiz vechicktet und völlig frei schafft: sie gelten neben den Balladen, Niocnnnes und der F-Moll-Phantasie mit Recht als seine eigen­artigsten und tiefsten Schiöpsungen. Wir werden ins Jahr 1838 wrückversetzt. wo Chopin mit seiner geliebten Freundin George Sand den Winter aus bei Insel Mallorka zubrachte und an ecner schweren Bronchitis erkrankte, die Verhängnis voll für seine zarte Gesundheit werden sollte. Sein körperlich gereizter Zustand, wie auch seine seelisch unendlich empfindsame, Verstimmungen leicht nachgebende Natur lhiaben hier den Unterton zu 26 kleinen musi­kalischen Stimmungsbildern, vorwiegend schwermütig-ernsten Cha­rakters gegeben, die bei aller Bersichliedeuhvit untereinander doch wie kaimi sonst, den Stempel unmittelbaren Erlebens auf der Strrne ttagen und uns die Seele dieses einzigartigen 5llavierpoeten Volt erschließen. . ,

Brahms, Variationen über ein Th e m a v o n Paganini A-Moll op. 35. Brahms' Verkehr mit Kall Tausig regte ihn z-u tpianisltischen Daten an, und offenbar unter dem Einfluß dieses Verkehrs entstanden die Paganinivariationen, jene hohe Säule der Technik, die große Mieister erfordert. Das Thema stammt aus der letzten Violinkaprice Paganinis. Brahms brmgt rn den ersten 14 Variationen Sexten-- und Terzenetüden für rechte und linke Hand, Springetüde, Trilleretüde und andere musikalische Ausdehnung des Themas. Interessant ist Var. 11, ein Mdante, ui dem Alt und Baß in Gegenbewegung begleiten, während Sopran stiü) Tenor die Melodie unisono bringen. Die iveiteren 12 Varratw- wkn komplizieren die Sache: Oktaven, Terzen, Sextengänge losen einander ab, die Skalen stürze werden schroffer, ein mit Oktaven ge- svickles Sck)erzando in Gegenbewegung bringt größte Wirkung. Und dock'> sind diese Variationen keine bloße'! Etüden; ein echt musikalischer ^eist weht durck^ das Werk, der den! keineswegs tiefen, aber rhytbnnich pikanten Thema reizvolle Wendungen und Stimmungen abgewinnt. Brahms hat den virtuosen Ton des Themas in einen majestätil.chen unigestimmt. so daß die Bariationen. wenn ein berufener Meister w soielt, einen aiofaittiaen, prächttiään Eürd^""* ^.».-vorrusen.

Riax Reger, Variationen iund Fuge über ein Thema von'Telema nn, op. 134. Das Werk entstammt des Meisters letzter Schaffensperiode und trägt, wie die vorhergehenden Mozart-Variationen, früheren ähnlichen Werken gegenüber- einen! durchaus abgeklärten Charakter. Telemanu, zuletzt Kapellmeister in Hanrburg, ein Zeitgenosse Bachs, war bei seinen Lebzeiten ein lwckaugesehener, äußerst fruchtbarer Komponist, gegen den damals weder Bach nock)> Händel aufkommen konnten. Max Reger hat das liebenswürdige bekannte MianuetthemÄ in B-Tur zu einem Zyklus von 23 Variationen verarbeitet. Da das Werk noch, loenigen bekannt isth sind einige kurze Andeutungen vielleicht erwünscht. Tie beiden ersten' Variationen schließen sich noch eng an das Thema an, das, abwechselnd ttch' die rechte und linke Hand verteilt, leicht kontrapunttisch, umispielt wird und dann auch noch durchaus in deü etwas freier gebauten Numiniern 3, 59 dominiert (besonders zu beachten ist die koittcapunktisck?e Filigranarbeit in Nr. 7). Nachdem dann mit der neiEnto! Variation schon ein gewisser Höhepunkt erreicht ist, setzt Nr. 10 plötzlick> ganz neu und eigenartig ein. Hier steht mit einmal der echte Reger vor nns; eine Melodie von großer Schönheit, harmonisch verschwenderisch ausgestattet, erblüht auf dem Boden des Dheinas und zeigt >es uns in ganz neuer Be­leuchtung, mystisch verklärt und verinnerlicht. Kecker greifen dann Nr. 12 und 14 zu: wie hingehaucht als wirksamster Kontrast da- zwischen sticht das überaus feine 13. Stückchen ein echtes Neger- sches Sck?erzo. Nr. 15 spielt die Ehrvmatik eine besondere Iiolle und schjassi Klanggebilde von besonderem Reiz. Zwei lies empfundene Miuooes in B-Moll schließen sich an: in Nr. 18 er­scheint das Thema nur noch ganz lapidar, von einigen wuchtigen« Oktavschtägen angedeutet gleickcham musikalische Stenographie dazwischen rechts und links erregte Zweiunddreißigstel lvie schäu­mender Gisst t alles noch in düsterem Moll. Doch das Dlu'ma er­langt wieder' sein Recht und Ivill in Originalsorni sich durchsetzen. Zunächst noch in aller Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit. Sehr graziös und duftig ist Nr. 19. Wie von einer geschäftigen Schar- kleiner Kobolde, die aus einer Wiese ihr Wesen treiben, beginnt hier ein neckisches Spiel zwischen beiden Händen. Das setzt sich dann no-cb tz»rm Teil in Nr. 20 fort, doch wieder in engerem Anschluß an das Thema. (Ihr. 21 und 22 führen dann in bewußter Steigerung zu einem zweiten Höhepunkt, der Poco andante überschriebenen Nr. 23, eineni Stück von wahrhaft gigantis-her Größe, das an Händelstck'en Geist gemahnt und einen lerckst geschürzten Vivace- Kern umschiließt. Ms Uebergang zu der nun folgenden Fuge hat Reger ein kurzes Sätzä^en eingelegt, das mit zu dem Schönsten und Tiefsten gehört, was das ganze Werk auszuweisen hat: ein kurzes Motiv steigt seguenzenartig enrpor, in B-Dur beginnend, schwer­mütig klagend, von den herrlichsten Harmonien aufwärts getragen, mi! sich txrnn ebenso tvieder herabzusenken und mit dein G-Dnv- Akkord' aus einem Halbschluß ste'henzu bl eiben (die Fortspinnung des modulatociscl^n Prozesses zu der Haupttonart zurück überläßt Reger dem Hörer!). Hier offeirbart Reg-er sein Innerstes. Es ist, als tvvllte der getoaltige Recke, ehe er zum letzten entscheidenden, Scklag ausholt, noch einen Augionblick Einkehr bsi sich halten und

sich! von aller Erdenlast tmb allem Wiehl befreien. Die überaus klar gebaute Fuge bietet keine weiteren Probleme. Nachdem das Thema, das sich aus dem Mittelteil des Delemaun'schm entwickelt haben! mag, in zartestem >Pianissimo begonnen hat und durchgeführt ist, folgt ein frei gelmutts Mittelteil, das am Schluß das Thema in der Umkehrung ^ersich^iueu ^äßt; daun taucht nach einigen geivaltigen xhythmisckten und liarmouischen Rückungen eine zweite, mehr diato­nisch gehaltene Melodie ans, die sich später mit dem Thema verbindet, das in mächtiger Steigerung schließlich noch harmonisch verändert und verengert zum Sckflusse drängt !md das Ganze glänzend ab- schließt. Das Werk ist dem Gatten der Pianistin, Herrn James Kwast, gewidmet und wurde von Frau Kwast-Hodcchp aus dem Negerfest zu Frankfurt a. M. mit solch! reifer Meisterschaft gespielt, daß das begeisterte Publikum die Künstlerin durch! unzählige Her­vorrufe lohnte.

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Richard Dehmel-Uraufführung in Berlin. Aus Berlin wird Inns geschriel>en: Rickiard Dehmel, den, wie so Nvanchen großen Lyriker, beretts zweimal die Bülme lockte, Hai nun zum drittenmal einen erfolgreichen Versuch als Dramatiker unternommen. Sein dreiiaktiges SchauspielDie Menschen- freu n d e", dessen Uraufführung im Berliner L e s s in g - Theater von den literarischen Kreisen mtt Spauumrg erioattet wurde, überrascht im ersten Akt durch außerordentlich dramattsche Konzentration und eine Theatersicherheit, die auch äußerlich starke Wirkungen erzielt und für den weiteren Verlauf das Beste zu ver­sprechen schien. Ti-üsts Versprechen erfüllt sich bcrmt im Sinne der Bühuenforderungen allerdings nickst, doch die dichterisck-e Kraft Dehnrels, seine (Akte sowohl >oie seine in den Dienst der Atoral gestellte Schärfe halten die Ausinerksamkeit bis zum Sckstuß nrach. Das Grundurotiv gilt der schon oft von der Rampe aus unter- uommeuen Geißelung hevchlerisckieu Wvhltäterttrms, den chycbolo- gischeu Kern aber bildet die Zeichrmug einer in inauckien Züge - an Raskoluikofs gemähneuden Frgur. Ter Rtillrnuär und Wohltäter Chnsttau Wach, der gewissermaßen den! Willen nach als der Mörder seiner Erbtante zu betrachten ist, führt einen nervenanneibeud,m- ms Pathologische gesteigerten Kampf gegen sein Geivissen Seine Waffen sind die Verachtung der gesellschaftlickzen Heuchelei, die ilm trotz des pNordverdachtes wegen seines Oeldes mit Elnnngen ülxw- hauft. Aeußerlrch ffihrt er diesen Kamps mtt seinem Vetter, midi dieses Duell zwerer Mämver, zu denen der eine um das Gell», der andere vc-rgeblich um Genstssensruhe ringt, loird zwar undramatisch, au ßerorden tlickior psyäwlogisck>er Energie durck^v'sÄsrt. ,^Aa!el hat in diesen! Ehristtan Wach einen deinerkensnerteni Bulmensonderlmg geschaffen, der Mbett Bassermann die Gi> legen btt zu einer darstellerisckxm Lcnstung von mnblüsseuder Echt- hert, Wandlnngsfähtgkeit und Tiefe bot. Der Bnfall, der den Dick>- ter mehrmals rief, galt nicht am wenigsten Brssennann, dem Dar- s^.§or des Vetters Kirrt Götz und Ilka Grüning, die einer nchrend-einsachen Frauen gestalt die Züge ergriüfend tiefer- Mens, 1 > lrchkert verlieh.