Aus dem Reichstage.
>Mbg. Dr. Werner ^Gießen hat folgende Anfrage cin- gebracht:
Ist der Herr Reichskanzler bereit, dahin zu wirken, daß die angeordnete Urlaubssperre auch Zürn Besten des gewerbetreibend den Mittelstandes unverzüglich corygehoben oder eiugeschrärckt wird? Wegen der Dringlichkeit oer Sache erbitte ich eine beschleunigte schriftliche Antwort.
Demselben Abgeordneten ist auf sein Schreiben vom 2 August 1917 folgende Antwort zugegangen:
Militärisch ist alles geschehen, was möglich ist, um die Kriegsgefangenen an der Flucht zu hindern und vor allem ein Ueberschreiten der Landesgrenze zu vereiteln. Jmmerlsin ist ein Cntwei<l)en nicht völlig zu verhindern, zumal nach Lage der Verhältnisse die Gefiangenen auf zahllose Arbeitsstellen verteilt werden müssen und auch in den besetzten Gebieten Verwendung finden. Hier ist aber selbst bei schärfster Aufsicht eine gewisse Fühlungnahme mit der Bevölkerung unvermeidlich, wodurch Fluchtversuche der Gefangenen sehr erleichtert werden.
Es mag vereinzelt Vorkommen, daß es den Kriegsgefangenen gelingt, durch Diebstahl oder burcf) Zusammenarbeiten mit unlauteren Elementen sich in den Besitz der einen oder anderen Waffe> von Zivilkleidung oder Lebens mittel Vorräten zu setzen. Anderseits lehrt die Erfahrung, daß ein Ueberschreiten der Landesgrenze geflohener Kriegsgescmgetier nur unter denkbar schwierigen Verhältnissen, urtter großen Entbehrungen und bei Lebensgefahr gelinget konnte. Bei den Fluchtversuchen sind mehrfach Kriegsgefangene erschossen worden.
Die Auffassung, daß Kriegsgefangene in Deutschland, insbesondere die Offiziere, verhätschelt würden, trifft nicht zu. Will Deutschland sich aber der wertvollen Arbeitskräfte der Kriegsgefangenen in nutzbringender Weise bedienen, so kann mir aus Grund erttäglick)er Lebens-edingungen eine gute Arbeitsleistung, erzielt werden.
Einfache Fluchtversuche ^Kriegsgefangener sind nach dem Haager Abkommen nur disziplinarisch zu bestrafen. Deutschland hat mit England und Frankreich — mit Rußland schweben noch Ver- handlrrngen — die Disziplinarbestrassung nochmals ausdrücklich vereinbart, so daß eine Verschärfung der Strafbestimmungen nicht in Frage kommt.
hleußerlich sind alle Kriegsgefangenen in Deutschland und in den besetzten Gebieten durch besonders vorgeschriebene, in die Kleidung eingenähte Abzeichen genügend kenntlich gemacht.
- Abg. Tr. Heck scher hat folgende Anfrage gestellt: Aus Grund zuverlässiger Berichte stellt fest, dass auf der Insel C o'r- sika deutsche Zivil- wie Militärge fangene in Sumpffiebergegenden beschäftigt werden. Was gedenk' der Herr Reichskanzler zu tun, um die französische Regierung zu veranlassen, diesem Zustand ein Ende zu mack-en? Eine schristliä)e Antwort genügt mir.
Aus dem Nel^e
Payer preußischer BANdrsrats-Bevollmüchtigter.
Berlin, 20. Nov. (WTB. Amtlich.) Vizekanzler von Bayer wurde durch das königlich preußische Staatsministerium auf Grurrd Allerhöchster Ermächtigung zum Bevollmächtigten Preußens zum Bundesrat ernannt.
Rücktritt des Staats ekretars Tr. Schwrmder.
Berlin, 20. Nov. (WTB. Amtlich.) Der „Reichs- und Staat serir-eiH-er" veröffentlicht folgernde Bekanntmachiurgen ^
Der Karser und König geruhten, den Staatssekretär 'des Resichswirtschaftsamtes Dr. Schwander unter Verleihung des Königlichen Kronenordens zweiter Klasse mit Stern mit dem heutigen Tage von seinen Aemtern zu. ant- birrden nvb an seiner Stelle den Unterstaatssekretär für Elsaß-Lothringen Freiherrn v Stein zum Staatssekretär des Reick)swirtschiastsamts unter Verleihung des Charakters Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Exzellenz zu erüennen.
Der Kaiser und König geruhten, den Vortragenden Rat -im Auswärtigen Amte, Geh. Legationsrat Wilh v. Rado- witz zum Unterstaalssekretär in der Reickiskanzlei unter Verleihung des Titels und Ranges eines außerordentlichen (Gesandten und bevollmächtigten Ministers zu ernennen.
Die „Nordd. Allgern. Ztg." schreibt: Der Staatssekretär des ReichswirtsclMftsamts Dr. Schwander hat den Kaiser um Enthebung von seinem Posten gebeten. Für dtch'en Wunsch SffIvanders waren airsfchließlich persona liche Gründe maßgebend. Der Staatssekretär glaubt, wegen seines Gesundheitszustandes die Arbeitslast, die mir der Leittrng des Reichswirtschaftsamtes verbunden ist, nicht tragen zu können, hofft jedoch, den Ausgaben des ihm altvertrauten Amtes in Straß.bürg, das er wieder HU. übernehmen gedenkt, gewachsen zu. sein. Der Kaiser hat das Abschiedsgesuch Schwander s genehmigt und den Uitterstaatssekretär Fveiherrn v. Stein zum Staatssekretär des Reichswirts cha fts am tes ernannt. Wie wir hören, war es Dr. Schwander selbst, der ans Frhrn. v. Stein als den geeignetsten Nachfolger hinwies.
Rücktritt des Unterstaatssckretärs Müller?
Köln, 20. Nov. Wie die „Köln Ztg." von nnierrich-- reter Seite hört, soll der Unterstaatsselretär des Kriegs
ernährnngsamtes, August Müller, entschlossen sein, dem Beispiel Dr. Schtvanders zu folgen und ebenfalls aus seinen: Amte zu scheiden. Dre Gründe seines Rücktritts sind nicht bekannt.
Aus Stadt und Caud.
Gießen, den 21. November 1917.
Die Bewirtschaftung der Kartoffeln.
Neben dem Brot ist die Kartoffel zurzeit das zunr Durcl)- halten wichtigste Lebensmittel. Die Karwffelernte ist im Großherzogtum zwar durchgängig eine gute gewesen, gleichwohl steht zu befürchten, daß die Kartoffelvorräte im kam--, wenden Frühjahr knapp sein werden, weil, wie sestgestellt werden konnte, gegenwärtig eine große Verschwendung mit den Kartoffeln getrieben wird. Es mackw sich daher ein jeder Haushalt klar, daß er mit den ihm zugemessenen Kartosscl- rationen auskommen muß.
Die Anforderungen an die Kommunalverbande wegen Ausfuhr von Kartoffeln in Gegenden, in denen die Ernte nicht ausreicheitd ist. sind groß. Die Marmeladefabriken erhalten große Kartosfelmeugen: zur Herstsiluug von Kar- tofselsabrrkaten werden ebenfalls große Lieferungen verlangt und unter Umständen muß auch mit der Freigabe für Futterzwecke gerechnet werden. Sparsamkeit ist also sehr wohl am Platze und das allbekannte Mittel, die Bestände durch Erdkohlraben zu strecken, sollte txüd>t unberücksichtigt bleiben.
** K o ch t die M i l ch a b! Es wird wiederholt die Fifft- stellnng gmnackst, daß viele Ocute die Milch, die sie zum Genüsse erhaltoir, nichl abkoichm. sondern ungekocht ver- nwnden. Da unter den houkigen U-rrstäwben dieses Befahren nur als schädlich. bezeichne, rm-rden kann. >vird nachD ück- lichst daraus hin,gewiesen, die znin Ew msse beffcünnite Milch gleich nach Empfang abz-ukorhen
** S l ä d l^i s ch e r G e ni ü s e v e r k i u f. Morgen Donnerst a gund Samstag vor- und nachmittag kommen in der städtischen Gnnüseveriettungc stelle, Brandplatz b Oberkohlrabi, das Pfund zu 20 Pf., Erdwhlrabi, das Pfund zu 5 Pf., Weißerüben, das Pfund zu 4 Pf., Wirsing, das Pfund zu 13 Pf., und Weißkraut, das Pfund zu lO Pf., zum Verkauf.
** Amtl iche Personalnach richten. Der Groß- herzog hat am 3. Novernber d. I. dem B^irksliafster der Bezirks lasse Fürth, Rechirungsrat Karl L a u ck h a r d zu Fürth, aus Äiilaß seiner Versetzung in der, Ruhestand die Kvone zum Rit.erckreuz 2. Klaffe des Verdienstordens Philipps des Großniütigen verlieh n.
** Prinz Ludwig von Hessen, der zweite Sohn unseres GvoßHerzogspaares, vollendete gestern sein neuntes Leoensjahr.
*.* Fest-Vorstellung. Am Samstag, 24. November, findet im Stadtthrater eine Fcst-Vorstellung zur Feier des Geburtstages des GroßhcrzogZ statt. Der Reinertrag stießt dem Roten Kreuz (Opfertag) zu. Näheres siehe Anzeige in heutiger Nummer.
** Iungwehr. Die 1. Abt. tritt zum Turnen, die 2. 9lbt. zur Instruktion an. Nächsten Sotmtag sindet keine Uebung statt.
** Gießencr Hausfrauen-Verein. Wir verweisen wiederholt auf die am 22. November im Hotel Jürsten- hof^ (E i n g a n g - W c tz st e i n g a s s e) stattfindende Hautzt- versammlung, mit der eine Ausstellung von Schuhen verbunden ist. (Siehe Anzeige.) Die von dem Verein veranstalteten Lehrkurse sind bis Weihnachtell besetzt, doch siltd neue Lehrgänge in Aussicht genommen. Ferner sind zur Weiterbildung in der Anfertigung von Sckiuhmcrk Kurse für Fortgeschrittenere vorgesehen. Die Teilnehmerinnen an den bisherigen Kursen haben dann Gelegenheit, ihr Können noch zu vervollkommnen.
** Großh. Bezirkskasse. Aus Anlaß des burtsfestes des Gvoßherzogs ist die Großh. Bezikckskässe Gießen am 24. d. M. geschlossen. Die an diesem Tage fälli- ^en Zahlungen werden dol)er schon Fvertag den 23. d. M. stattfinden.
Fahrpreisermäßigung. Ans die Bekanrtt- machung der Kgl. Effenbahndtrektton im Anzeigerrteil der herrtigen Nurmner wird hiirgewiesen.
** Zur Metall-Beschlagnahme. Bekanntlich besteht die Absicht, für die beschlagnahmten Tür- und Fenstergriffe, Scksilder, Rosetten usiv Ersatzstücke aus Holz und anderen Stoffen in kunstgereckMr Werse Herstellen zu lassen. Wie wir hören, hat sich dieser Tage die an der Herstellung solcher Ersatzstücke ernstlich interessierte Industrie zu einer „Fabriken-Vereinigung für Metall-Ersatzteile" zusammengeschlossen, um bte von der Behörde zur Vergebung
gelangenden Aufträge auf vollständige Garnituren gemein«
|cnn übernehmen und ans führen zu können. Diese new' gebildete Bereinigung der verschiedensten Industriezweige hat es sich gleichzeitig zur Aufgabe genracht, praktische wrb gediegene Ersatz-Bffchlägc-Modelle herauszubringen. Unsere Industrie hat ja bereits für viele Dinge einen guten und gediegenen Ersatz geschaffen, lvarum sollte es ihr diesmal nicht gelingen? Bei den in Betracht kommenden großen Mengen — es handelt sich allein um über 100 Millionen Türbeschläge — müssen natürlich mehrere geeignete Materialien zur Verarbeitung gelangen. Man rvird darunter sogar Luxusansführungen finden können, z. B. werden aus .Hartporzellan vielerlei stilgerechte Modelle zmn öffentlichen Verkauf kommen, die selbst die heutiaen Bronze-Garnituren in den Schatten stellen. Hartporzellan ist außerdem sehr dauerhaft und in hygienischer Beziehung der eimuand- freieste Stoff. Wir köicnen also der Metall-Auswechselung undesurg t entgegen sehen.
** Das Mirakel wird im Lichtspielhaus täglich | vorgeführt. Siehe Artzeige.
** I m Cafe Ernst L itb w i g findet heute Mittwoch ! von 4 Uhr an Konzert statt. Siehe Anzeige.
Kreis Büdingen.
D ü d i n g c n , 21. Nov. Das Eiserne Kreuz erhielten der Bizefeldwcbel Reinhard H e n z e l und der Sckütze Frco^z H e i n z.
— Orles hauseri. Das Eiserne Kreuz erhielt der Sgmtze Na- \ zarenus. — Babenhausen. Zum Unteroffizier befördert tourde der Gefreite Rvb'tt Carl, In.Haber des Eisernen Kreuzes.
— U s e nbo r n. Zum Eisernen Krercz erhielt die HessisckM Tapfer» keitsmedaille der Lcnchsturmrnann Karl Löffler. — Bisse s. Das Eherne Kreuz erhielt der Offiziersaspirant Lehrer Heinrich Spengler von hie:- Unteroffizier in einem Infanterie-ReMö ment. — U ii t e r - S ch m i t t e n. Zum Vizewg chttn riß er besördeM Mirdc der Sergeant Jakob Loos, Inhaber des Eisernen Kreuz» und der Heffrsclien Tapse'keitsm^Haiue. — Geiß-Nidda. Da- Eisernr- Kreuz erhielt der Muskcne, Otto Reinhardt.
Kreis Schollen
# Schotten, 21 Nov. Theodor Metzle erhielt zum Eisernen Kreuz die Hessische Tapferfrirsmebaill i und ltnir'oc zmn Unteroffizier befördert.
e. L a r d e ,l b a cd, 20. November. Landwirt Daniel K n ö ß 'und seine Ehefrau Anna Margarete geb .Lein feierten am l7. November d. I. ilrre goldene Hochzeit.
Li reis Fricoverg.
N Z. Bad-Nauheim, 21. ilLov. Glück im Uirglück hatte ein h'eck^es Tüntsttnädchen, das, um einen entfl-ogenen Kanarim»
! vogel emzufangen, auf ein Glasdach gestiegen war, durchbrach, k ! Sck-eiten zertrümmerte, in den Hof stürzte und — bis auf einig« tteine Hautkratzer unverletzt blieb.
Starkenburg und Rhemhessen.
R.M.K. Da r m st a d ?, 21. Nov. Das Kupferdach des Hochzeitsturmes auf der Mathildeirhöhe wird soeben abgetragen, um für Kriegszwecke Benonrduirg zu finden. Die Menge ist ziemlich bedeutend. Zu diesem Zweck ist ein besonderes Schutzgerüst angebracht.
DefscN'-Nassa».
/?&?***,!**** tu M., 21. Nov. Nach Unterschlagung von 50000 Mark zum Nachteil eines hiesigen Geschäftshauses ist der 27jährige Kaufmann Rudolf T a e tz l geflüchtet.
mr. Frankfurt a. M., 21. Nov. Ab 1. Dezember findet in unserer Stadt wegen des zunehmeriden Mangels an Personal imd der früh hercinbrochenden Dunkelheit am Nachmittag nur nocki eine Postbestellung statt.
Fran k-für t a. M., 21. Nov. In einer Verfügung der Regierung zu Wiesbaden werden die Städte mtfgesordert, in den kommenden Weihnachtsferien, die ja bekanntlich doppelt solange dauern wie in frittieren Jahren, da die Herbstferien mit ihnen vereinigt werden, für Beschäftigung der Schulkinder durch gemeinsame Spaziergänge und Bewegungsspiele im Fräen zu sorgen.
mr. Fr a n kfu.rt a. M., 21. Nov. Der Nationale Fraüen- drenst lv-eranstaltet in der Molche vom 2. bis 9. Dezember eine WeiA- Windelwoche, um so die dringend notwendige Säuglingswäscbe für die minderl'emittelle Bevölkerung zu sammeln.
mr. Frankfurt a. M., 21. Nov. Der Magistrat h<rt bei den maßgebenden Berliner Stellen die Ueberweisung von 50 000 Paar Stiefeln an die Frankfntter Schuhwarenhändler zur ausreichenden Versorgung der Bevölkerung mit Sckmhwerk beantragt.
— Höchst a. M., 20. Nov. Der Einbruch in der Hennann- schen Villa, bei dem ein Einbrecher erschössen wurde, entpuM sich nach den Ermittlungen der hiesigen Polizei als ein Aktion- untemehmen grüßten Stils. Bis jetzt wurden von der Bande, die seit geraumer Zeit die Stadt durch Einbrüche unsicher machte, sechs Personen verhaftet, darunter drei Polen. Weitere Derlxifttingen stehen^ bevor. Insgesamt wurde bislang trir Beteiligung von 10 Burschen an den hiesigen Einbrüchen sechfesteW Das Haupt der Bartde, der jugendliche Hans Vozel von hi«, wurde l>eute in frül>ester NLorgensttcnde vcwl-astet.
Fc. W i e s b a d e n, 21. N?v. Der berüchtigte Einbrecher Montreal, der kürzlich sckwu einmal in Köln verhaftet u>ar, aber ms- riß. wurde hier in einem Hanse in der GöbensLraße sestgenvmmoi. Montteal ist arißcrdcm fahnenflüchtig. Irr seiner Gesellschaft befand sich ein öderer Fahnenflüchtiger, mit dem er in' den letzten Tagen noch weitere Einbrüche verübt' hat.
Giefjener Stabttljeatev*
Perleberg.
Komödie von Karl Sternheim.
< Tatsächlich, Stern heim wird rätselhaft! Wer hätte gedacht, daß oer Verfasser des starken, von Leidensck>aften durchwühlten dramatischen Gedichtes „Ulrich und Brigitte" ein solch spießiges Lustspiel wie „Perleberch' schaffen konnte! Wer hätte cs für möglich gehalten, daß der geistvolle Satiriker und Polemiker Sternheim, der DiMer des „Bürger Schippel", des „Snob" und anderer glanzvoller Komödien zu den alten verbrauchten Mitteln des bürgerlichen Lusffpiels greisen und selbst Töne aus dem Schmiuktops der Marlitt nicht verschmähen werde! Auch der treueste Verehrer und Bmmndcrer Sternheim'scher Kunst wird zugcstehen müssen, daß „Perleberg" ein Fehlgriff ist. Hoffentlich ist cs nur ein Fehlgriff mto kern Rückschritt. Tenn es wäre jammerschade, wenn Steru- heim in die Aera Kadelburg einlenktc und sich mit den billigest Mitteln des Sensations- und Unterhaltungs-Lustspiels begnügen würde.
Tie Handlung ist so simpel und flacli wie nur mögliche In dem gottverlassenen Nest Perlebar^ sitzen Adolf Ukrainer und Fritz Friefecke als geschworene, mißtrauische Gegner. Trotzdem bekommt es .ikr'amer^ fettig, seinem Sck-wager Friesecke seinen unrentablest Gaschof wlfznschwatzen, der kaum die Zinßm des venvendelen Zcka- pitals qusbrirrgt. Aber Frresecke gibt das Spiel nicht verloren. Er versuche, aus Perleberg einen Kurort zu machen. Der Versuch scheint von Erfolg begleittt zu sein. Da regt sich bei Kramer der Neid. Er will den S-hiwager ruinieren und ihm einen Bade-Gasthos gegenüber stellen. Aber Tack, der erste Kurgast in Perleberg, ein fchwendiüchtiger Vokksschullehaer, der in seinem Idealismus alles schön rindet, drängt sich zwifcheri die Beiden und predigt Liebe um» BersShnung. Der Idealismus siegt, Tack stirbt zwar als Opfer, aber die.Gegner versöhnen sich.
Durch 3 Akte ichleppt sich die armselige Handlung hin und nur die scharfe Zeichnuna der Charaktere nnd der lebendige Dialog gck.m dem Ganzen ein freundliä-es, unterhaltendes Gepräge. Das rst aber auch alles Von einer neuen Künst, von ©terufjmm, dem moderen Kämpfer für moderne Probleme, ist hier keine Spur. Groteskes steht neben Banalem. Ernstes neben Drolligem und nur hie und da, wie im 3. ?lkt. tauchen, blitzartig erscheinerid und vev- lä.roindeiü), Lichttr au!, die den Satiriker Sternheim verraten. Es Mtft der Komödie keineswegs an Höl)epuukten, imd die Hand oes Meisters in der Tetattz«ichnuug ist unverkennbar. Aber die
Bahnen, in der sich die Handlung bewegt, sind anSgctteten und wir waren bei „Sternheim" bisher BffsereS gewochtt.
Das Lustspiel gehört zu denen, die nrft den Darstellern stehen und fallen. So ist die gestrige freundlicl>e Ausirahme nur der vor- ttefflickeu Aufführung zuzufchrciben, die. sorgfältig üirstudiett, unter der Leitung von Wül-elfn Stengel, wie aus einem Gusse dastand. Mit sichtbarer Liebe und Freude waren die Darsteller an ihre Aufgabe herangegangen und gaben Proben feinster Charakter risierungSkunst. Berblüfferch wirtte Lldolf Falken, der den schwindsüchtigen Tack prachtvoll toiedergab uns verkörperte. Man versaß pri diesem.Volksschullehrer, der durch li' richttge Einhalttmg der Mitte zwischen Lächerlichem und Mitlcidervegendem so überzeugend wie nur möglich wirkte, nahezu das Theater. Äöi 5ckcrl V o l ck , in dem toir eine bewährte, vertraute Kraft unserer Bühne tvieder begrüßen, war der ckwlerische Friesecke in berufenen Händen. Mit sicheren, cbarakteristtscherr Stricker, ohne liebertreib!uug, zeichMt-e Vvlck den Gastiwirt. Ebenso abgerundet und angep^ßk war die Leistung, die Kürt Wenzel als „Kramer" bot. Uneinge- scyranktes Lob verdieiken au.ch Luise Delosäa, die der Vkutter Friesecke tvarmes Leben verlieh, sowie Helene Kall mar, roelche die Nichte „Lerre" ^oirksam rviedergab. Tie übrigen kleineren Rollen waren dcmentsprecheird besetzt. — w. m._
n
— Kriftoffer Janson f. Eine der merkwürdigsten (&** stalten des norwegischen Literatur- Mld Geisteslebens ist mit Kristofser Janson, dessen gemeldet wird. dahürgQmngion. 1841 zu Bc-raen geboren, empscug! er einttt für sein gauzeS Lebm ent-' scheidenden Eindruck, als er Björusous Rassische BanmurrMlung „Spnnäve Solbakken" keimen lernte. .Bon die>em Dkgeublick an trat er in den geistigeic Kreis, der sich um Äjörnsons mächtige Persbnllick^teit bildete, schloß sich der uatchfraleu Strömung der uo-rwegischen Dichttmg fax und entschied sich zugleich für jerve Erueurvung der norwegischen Sprache, di« in ttwer weiteren Entwicklung zur Eürführung der bekcnmten Baüevnsprache gesühtt hat. Kristoffer Janson ist ein begeisterter Vertreter oieser „Laichs- maal-Bewegtrug" geworden. Er foimntte sich der Thevbogie, zu- gieich aber der literarvsck>en TättgLeit, und fort von Teudcnzromanen bis zu Erbauungsfttfiriften, von Openttertcn bis zu Märcheu ün dev Bauerirsprache ein wertes Gebiet umspannt. 1878 wurde ihm zugleich mtt Björnsoir, Ibsen und Lic das Ticksterstipendiunr ver° liel-en, eine Tatsaäfe, aus der zu enttrehinen ist, tv-ie l-ochi sein literarisches Ausahen in Norn^gen gestiegen war. Ein Straft
mit der Landeskirche, in den er 1881 geriet, veranlagte ihri, n>e.gen zu verlassen: er reiste nach Äineribr. wo er als Geisb lul)«r der ssandiuavisckxm ttiritarier in MiirneaPolis euren bedeutenden Einflu ßauf das Geistesleben aller Skandincrvier m den Vereinigten Staaten ansgeübt Int. Nach einem Jaln-zehnt fehrte er wieder nach Norwegen heim. Großes Aufsehen erregt seine SchcitEg von der Dichtenn Drude Jchrson, mit der er lange Jahre in glückl ickM Ehe gelebt hatte. Er veröffeutlichtc ltzerübeV „Ehe inch SckHidiMg" worauf seine ftühere Gattin unter dein Decknamen Jüdith Keller mit dem Romaive „Mira" nutu^rtete. Krptoffer Janson ist das Urbild der ergreiferchen Gesralt des Pastors Sang in Björnfons „Uebev die Kraft", doch bat Biörnso« gerstvvll uich ttvfsend bemerkt: „Ich habe ihn um eine Oktave heraufgesctzt." Immerhin maMe der lveißbärtige stutilichc Mann eineir bedeutenden Eindruck, besonders auf der Rvonerbühne Em mildn Glanz umleuchtete ihn, und weim er mitten in fernem Bor- tüfige die Arme hob mtb mit seiner schönen tiefen Stimme einen Psalm vorttng. so verfehlte das seinen Eindruck nicht. Seit ittnell Rückkehr aus Amerika verkündete er einen religiösen Unttarisn«» mit spiriftstifcheiu EinsMag. Trotz seiner Vc^gristeriuigssäü.ckeit feUte es Jcruson nicht an Lamve nnd Ironie, und selbst seiner geliebten Meister Björnson verstand «r uranches Mal eine fein' womsche Seite abzngttvbinerr.
— Kants B e r u f n n g n a ch M i t a u. In der Mitanischm Mnseumsbibliotl-ek ist unlwcgst ein Bci.'f mifgefundeu ivorbm, der über eine geplante Berufung Kants nach Mitau 'Aufschlüsse gibt: Professor O.Elemen teilt über ihn nird die.« Berufung Kants. Nälteres mit. Die älteste Kmttbiographie, die von Ludwig Emst Borowski — 1801 —- streift die Berufungen Kartts nach Jena, Ettangen !imd Halle nnd trägt in einer eigmhändigeu Ran^ bemerkung .Kants nach, daß, er dan-eben auch euren Ruf nach Mitau erhalten hatte. Es liandelte sich dabei uni die Academia Pettina, das abldemisch.' Gpmnasnim. das vom Herzog PeNr 1775 eröffnet wurde. Schon 1773 wußte ein Bruder KcmtS, Johann Heinrich Kant, der in Mitau ansässig tvar, sein Bruder Immanuel sollte nach Mitau berufen »werden. 1775 geschah dies, als der Philo' soph Professor Harttnamr in Mitau gestorben war. Ter jetzt aus* gefundene Brief stammt von dein Gräzisten Koppe und'ist am 3. Dezember 1775 geschrieben. Koppe weiß damals sckwn von Kant, „daß er nicht rammt imb von seinen' .König nüsit g : v'.'M mird". Harttnarms NaMolger wurde Mießlich der Köui,. H*t Theologe Starck, bert Kaitt selbst möglicherweise t&orö'efd)lagcit iiutte.


