Ausgabe 
19.10.1917 Zweites Blatt
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Ar. 246 Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

*67. Jahrgang

Beilagen: ..Giehener ZamUienbiitter- und Kreisblatt für den Kreis Sietzen".

pastfchecktonto: zrarttfnrt am Main Ur. **686. Bankverkehr: Se«erdebank Stehen.

Giehener AsZei

General-Anzeiger für Oderhessen

Kcettag, *9. Oktober *9*7

^oiürngSrunddruck und Vertag- Br ü hl'jchellniVeriitäts-Bttch-u.Stemdnliterei.

R. Lange, Gießeru

Zchriftleitung. SefchastssteKe und Druckerei:

Schulstraße?. Geschäftsstelleu.Verlag: E2SAK1, Schriftlettung: 112.

Anschrift für Draht >achrlchten:AnzeigerGi«ßen.

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3um Gedächtnis des wartburgfeftes.

(Eine Mckhimmg aus dem Jahre 1817 )

Sto,! «rftL Lwftxrt Prof^ ®t. Hermann Haupt-Aießen.

Die hochfliegmdcn Soffimngrn, mrt denen die deutschen Vater- landSfrrund« d;e.Niederwerfung f>!<rpoleons deqleilet hatten, warne durch dre Beschlh ssc d-Ä Weener .Wngresses in grausamer Weift mit mischt Wacken. Satten sre imt Arndt, dem zieLetvußten V°r- k-mpser deutichmr ValkStumS. aus die Wiederherstellung der ern- skgcn Grenzendes Reiches mit den alten Toren Dünkirchen, Lille, LxmMrrg Metz und Straßhitrg vertraut, so mutzten sie das El,atz, Tothrmgm und dre gesamten Niederlande jetzt Deutschland dauernd entfrenchat sehen. AnsschlicUich nach den Wünschen rmd Jntm-essen ^ Grotzmachte, in erster Linie Rntzlands und Eng­lands, war nver dre Zukunft des deutschen Volkes entschieden wor- den; an dre Stelle des erhofften ftorfen deutschen Kaisertums mit frechertttchcr Verfas,ung war das crbärmlrckn sviachwerl der Blin­d-satte getreten. Was aber sür die deutschen Patrioten das Mab d es Jam mers voll macheit sollte, das war dft fast plötzlich ein- tr^ftnoe völ l c gc Erschlaffung des Vatersändischien Gefühles in den werten Bolksmassen, die m>ch eben Gut und Blut für etn starkes.

Deuts ckLand zu opfern bereit gewesen waren, die aber dio wrrtfchaftnchen Nöte und ein alle politische Leidenschaft überivat- llgendcs Ruhebedürftns mi'irbe geinacht hartem In einem kleinen Kreise des Volkes über wurde das heilige Feuer nationaler Ge­sinnung das die deutschen Freiheit stampfe entfacht hatten, in dieser trüben Zeit mit um so leidenschaftlicherem Eifer gehütet: in dem Kreise der akadenrisäien Jugend, dfrrgends waren die vaterläudi- fäjat $t>ea: m der Zeit der Erhebung nrit solch flamniender Be­geisterung ausgenommen worden, als an den deutsck>en Hoch­schulen Wber auch jetzt blieb diese Hochgenrute Jugend gauz im Banne der Gedanken ihrer geistigen Fühiver im Freihei Mampft, emes Arrwt, Jahn, Gottlieb Welcker, Fries und Luden. In Halle, Jena, Grellen, Heidelberg und Tübingen kommt es in den Jahren 1S14 b^ 1817 zur Begründung vm: Burschenschaften, die es sich als Ausgabe setzen,auf Belebung deutscher Art und deutschen Sinnes hrnziuwirken, hierdurch deutsche Mast uftd Zucht zu erwecken, die vorige Ehre und, Herrlichkeit unseres Volkes wieder fest zu «Enden und es so für immer gegen fremde Unterjochung und TespotenNvvug zu schützen". Unter dem gewaltigen Eindrücke der am 18. und 19. Oktober 1817 aus der W,artburg abgehaltenen' Burschenversamnllung hat alsdann dieser burschenschaftliche Bund auf nahezu allen deutschen Hochschulen Eingang gefunden. Als im Winter 1817/18 die Hetze gegen die Tei lnehmer am Wartburg feste wegen der bekannten Wcherverbvennung Losbrach, haben die Füh­rer der Jenaischen Burschenschaft unter Mitwirtm:g des Histo­rikers Luden die im burschenschaftlichen Kreise Mchtung gebenden! Anschauungeu in einerGrundsätze inrd Beschlüsse des achtzehnten Oktober' betitelten Denkschrift zicsarmnengefaßt. Gleich dem Haupt­redner des Wartburgfeftes, Heinrich Raemann, stellt dieses bedeut­same politische Glaubensbekenntnis demverderblicher Weltbürger­sinne", durch den die großen Männer der deutschen Geistesge­schichte ihrem eigenen Volkstum entfremdet worden, die Pflicht rÄckhaltloser Hingabe mr das Vaterland gegenüber. Es gilt, die Reinheit der deutschen Sprache, die Ehrbarkeit der deutschen Sitten, die Eigentümlichkeit der deutschen Bräuche und überharrpt alles das zu fördern, was Deutschland groß und stark, das deutsche Volk achtungswürdig und ehrentoert, den deutschen Namen rühmlich machen kann. Aus Leben und Sprache ist dagegen alles auszutilgen, was die Gefahr in sich fragt, die Gemüter dem Vaterlande ziu ent­fremden, die ,Neigung für das Ausländische zu nähren und das BaterlaNdsgefühl ab zustumpfen.

In solchen Mahnung«: offenbart sich der nachhaltige Einfluß, Ernst Moritz Arndts, der unter Hinweis auf die tiefgehende natür­liche Tifftveirzierung der Völker das Recht und die Pflicht der Be- hauvfrmg der nafromcken Eigenart als der stärksten natürlichen

Wehr eines Volkes gegen feine Nachbarn unmer loftder betont und gerade gegenüber den unheilvollen, vom Franzosentum auf Deutsch­land geübten Einflüssen die schvosft Forderung ausgestellt hatte, daß es überall, wo es sich uin das Wohl des Landes handelt, kerne Liebe der Völker zueinander geben dürfe, ja daß ein Voll, das sich als solches b haupten wolle, anderen V lkern durchaus ft.bständig la feindselig gegenüberstahen müsse Dieses Geistes Kind ist der n: denGrundsätzen und Beschlüssen" ausgestMe Satz, daß Deutsch­land das Recht und die Pflicht hat, , änderen Völkern das, >vas sie dem deutschen Volke tun, zu vergÄtM". Oberster Grundsatz in den gegenseitigen Verhältnisse der Völker müsse sein: Maß für Maß, fo wie im Kriege, so im Frieden.Ein Volk, das von diesem Grund­sätze abnreichtt, kommt in Gefahr, für Heft oder dumm gehalten zu werden, uird wird alsdann Mißhandttmgvn und .Kriegen nicht ent- gehen. Der Natimralhaß ist solange gut und löblich, als er in Eifer­sucht auf gleiche Rechte besteht und in der Wachsamkeit gegen jede Anmaßung der Fremden."

Erst der furchtbave Ernst dieser Kriegszett hat uns das volle Verständnis für den aus solcher schroffen Absage an alle weltbürger­liche:: und pozifizistischen Stimmungen sprechend«: real pol itisckwn Gept erschlossen. Für die ganyo künftige politische Entwicklmrg sollte es von entscheidender Bedeutung ward«:, daß die akademischte Jugend der damals wie auch heute tvieder mft dem Hinweise auf die angeblichen gemeinsamen JNteresfen Europas begw'mdetenDen:Mo­bilmachung der Geister" sich mit eiserner Entschlossen l)eit versagt hat. Mährend das erschlaffte Bürgertum dem reaktionären Treiben der Mächte der heiligen yllliantz, die sich als Hüterinnen der Legi­timität und des ewigen Friedens wie eine irdische Vorsehung ge­bärdeten, keinerlei Widerstand entgegensetzte, ttfar es der Burschen­schaft Vorbehalten, durch die vor: ihr unter den schwersten'Opfern durchgeführte Politisierung >uud staatsburcs-erliche Erziehung der Studentenschaft die Idee der nationalen Selbstbechrnnrung in die weitesten Volkskreise hinauszutorger: und damit dem deutschen Ein- heitsgLdauken für alle ZuftlUft freie Bahn tzu breck-en.

Luthers Glaube und msderne Weltanschauung.

Gießen, den 19. Oktober 1917.

DisslSs Thema hatte Geh. Rat Pvofessor v. Eck zum Gegenstand seines Vortrages gewählt, der gestern abend als zweiter in der Reihe der Luthervorträge in der Stadtkirche jtattfand. Luthers Persönlichkeit, sein gewultiges Werk, das er schuf, dre Tiefe seines Geistes- m:d Gefühlslebens, seine Stellung zur FrageMaterie und Geist" stehen heute, im Jahre des lOOjähri-gen Jubiläums der Reformation, derart im ^Brennpunkt nicht nur allein des kirchlichen ifrtb wissen­schaftlichen, sondern auch des allgemeinen öfseittlichen Lebens, daß die Behaiidlung des StoffesLuthers Glaube und moderne Weltanschauung" höchstes Interesse verdient. Daß dem fo ist, bewies der außerordentlich zahlreiche Besuch des Bortrages. In klaren, scharf begründeten Worten gab der Redner eh: Bild der Entwicklung der wissenschastlichon Welt­allschauung bis in die moderne Zeit, uird brachte Luthers Glaube, der damals wie heute Ulverschütterlich dafteht und als solchier auch spätere: Generationen übermittelt wird, hiermit in Berbindltng.

Eine neue Religionsanfsassung, ein neuer Glaube ent­stand ehemals durch die Weltanschauung eines Kopernikus und Giardano Bwlno und lief bei allen Geistes Heroen bis aus Goethe parallel zu denc Luthers. Alle diese Mnner kamen aus innerer Notwendigkeit zu dem Glaube,: an die Welt als etwas Unendliches. Es vollzog sich der Wandel, der Gott

nicht über das Weltall setzte, sorrdern in die Wett stellte. Seit Aristoteles, durch ztvei Jahrtausende hindtirch, war die Sehnsucht der Seele das Jenseits. Schon Plato »nies darauf hin, und^Spin oza undGoethe verkündeten den Wert des Lebeirs im realerl Sein in dieser Welt des Unendlichen. Hier ist nun der astronomische Gedanke der Erdentwicklung zi: beachteil. Bon Melanchithon bis zurück zu Horaz, überall herrschte der Kampf uni die Erde als beweglick-er Körper, über deren Wesen imb Werden der kleirre Mensch sich ab- quält. Ein Weltstofs mußte vorhanden sehn Alle Wese::, die sich denken lassen, Haben sich aus den einzelnen unerw- lichen Kräften entwickelt. Auch die moralische Wett ist rrur eine Naturwelt. Wir finb rnoch lange nicht am Ende unserer Forschung. Aber die Wissenschaft, so sagt Kant, wird die Wege zu ftnden wisset:. Trotzdem konnte der Luther glaube bestehen, der da sagt:Ich glaube, daß Gottmich" ge­schaffen hat, daß ch" . . usw Luther steht in: übrigen nrit seinen: Glauben vollständig auf der Basis des Daseins. Für ihn schafft Gott alles, ist in allem, unb kein Finger rührt sich ohne Gottes Wille. Selbst das Böse wird durch ihn geleitet. Luther verlangt daher auch vom Christen, daß er in allem nritten drin stehe, im Guteil lvie im Bösen. Gott habe den Menschen hl die Welt gesetzt, in der er schaffen und sich rühren müffe. Den Maßst-ab werde ihm der Herr auch geben.

Eitler unserer größten Phllosophen ist es, derl man mit Luther hl Verbindung bringen muß, und zwarKant". Beide, Luther wie Kant, reichen sick)> die .haird im Ringen um das moralische Gesetz, von dein Kant selbst sagt, daß es ohne Ursprung da sei, und das der Deutsche aus der Pflicht, die nicht nach dem Nutzten ftagt, schöpft. (Beachtenswert ist der Versuch der englischen Geisteswelt, das moralische Gesetz aus der Welt der physikalischen Kräfte, dein Mechanis­mus, abzüleiten.) In einem Pnirkte aber steht Luther, und zwar jener Luther, der gegen detl Humanisten Erasinus ans- trat, weil dieser den Besitz des freier: Willens verfocht, über Kant, und das ist in der Gewtißhleil des Heils. Eben diese Gewißheit des Heils ist für Luther der volle Himnlel, ebenso wie ihm Zweifel als Fegefeuer, Verzweiflurrg aber gleich­bedeutend mit der Hölle erscheint.

Zum Schlüsse wies der Redner rwch darauf hin, daß Luther Nur durch der: Einblick in alle Not, alles Denken, Trachten und Kcu:lpfen der Menschen vollauf gewürdigt und verstanden werden könne. Mit den: gemeinsamen Gesänge des LutherliedesAus tiefer Not ruß ich zu dir" schloß der eindrucksvolle Abend.w. m.

Jedes Gramm stärkt die wirtschaftliche ttraft der

Neiches.

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