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6.7.1917 Zweites Blatt
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De. 156 Zwetter Blatt 16?. Jahrgang

CsfcfcflBti tützttch ratl luftw^int deScSonstag«.

vetta-en: ..Kietzes« 5««i»eablStter" und ..Ureirblatt für de» «reis Kietzen".

B«ftM«rfontd: Knmymet am Main Ur. U686. Banfverfehr: Sewerbebanf Kietzen.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Keettog. 6.3uli M

ZunürngLrunboruck und Verlag:

Br ü hl'fche Unwerfitats-Bttch-ri.Steindrackel.l. R. Lange, Gießen.

Zchrtftleitung. GeschäftrsteLe und Druckerei:

Schulstraße?. Eeschäflsslelle u. Verlag:

Schrift leilung: 112.

AnfehriftfurDrahtnachrlchtenrAn-eigerGieveu.

Moralisches und Unmoralisches aus dem prozetz

Uupser.

Der Dvozeß gegen MiÄXl Kupfer beschäftigit gvgeraoärtig zaA- revche -Gsnüber. Es handelt sfth in Wahrheit wn einen Senstvttms- poszeß erster! Rcmaes, und triam er nicht ß> vollkommen i..r brennenden Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht, wie man äaatttvh crtacrrtet hätte, so wird ntait^ biseö dem Umstlmoe M- stüreiben, dass d-er Krieg an sich fefbffc , r 3atfat8»n!e!t" in einen ge­nessen Abstand drängt. Istr Grunde hkMdÄt es sich um ein sehr edchrcistss, aus eletnenttrven menschlichen Eigenschaften beruhendes WechselspiÄ: ans der einen Zeche ein primitiver, vqllig hem- uSLnysbvser Spekstlarivnsllrieb, ^r in der Naivität der ALkSÄHrrmg seine stärkste Waffe handhabte: ans der anderen Seite dedenfemlo se Gewinn such-:, die dem Gelbe Mkiebe nrit cLacwgen mahnenden Stimmen des Argwohns und Gewissens durch doZ ^HKchst einfache Mittel der VoseLstraußpolitck fertig wurde.

Vvr den SchvanBan des Gerichts find mehrmals Benverkungen gehakten, d« Frau Ä Kupfer gWxafftnierf' bezeichneteni. NrchV «chcheint gefeÄitoc, als diese Art der CharäkterisM. Eine Fron ans gutbüstgeÄchm Kreisen, mit energischem Geschäfts-! sinn begabt, konmtt mit einem Kapital vv-n 300 Mk. nach Berlin, um Merjntft Weiß und Tüchtigkeit vorwörtsNrkonrmen, wo-, möÜkdÄ voßü ihr Glück OL machen". Der schnellste Weg zu. dieser Art tarn Mlick heißt SPÄulativn. Um aber wbcklich M spekulieren, m. dazu ist Fron Kupfer nicht .raffiniert" genug. Außerdem ist daS SPMlieven eine gefWr'kiche Sache: man kann dabei auch u er ke ve u . Einftche Lvgck eogM dar Entschluß: ich werde unter der Bricgvüa der LrbenÄmttekfpÄuLatE Gelder-Beteiligung" «ffmHmen, diese Summen aber wohlweislich in ferner: Weise aufs Spiel setzen. Wie aber, wenn die Einleger Kapital und Ge­winne O rröc k fe-r d erst? Nun, dann wird ganz einfach der eine Ein­leger ans dem Gelde der andern befriedigt. Dieser im Grunde recht primitive Trick ist ferncswegs wie vielfach behauptet wurde tum. Gs ist jenes System, das man 'vor dem Kriege in Fachkreisen alsBucketshop" beMächneüe. Wir haben in Berlin mehrere Fälle dieser Art erleSt. Der denZwürdigstk war der desBankiers" Otto Sattler, der sich vorher schon in Brüssel, Hamburg und Paris 'in de^geschSldaLar Weise betätigt hatte. 9Luch der Der Nacht geschaffene Schernrorchtum der Frau Kupfer kann eigentlich nicht überraschen. Diese Schnelligkeit ist durch das Wesen des Systems bedingt. Sattler j. der sicherlich einMeister" in seinen! Fach war, kam mit zerrissenen Stieseln und geflickten Dosen nach Paris; 5 Monate vergingen, um) siehe da, Herr Sattler besaß eins prächtige Billa in Antenll, Pferde, Wagen, Dienerschaft usw. Ms er seinen Stern sinken sah denn in jeder Stadt bewährt das System sich nur eine gÄriiffe Zeit hindurch liquidierte er, so gut es ging, und brach mßt Änämlaffung eines ansehnlichen Fehlbetrages dir Zclfe ab, um das Ganze an anderem Orte zu nnederholen Ein besonderes Interesse also erhält der Fall .Kupfer nur durch die eng Z-cknüpften Fäden, die ihn mit den! Kriege verknüpfen. _

Sie rechnete nicht mit gewöhnlicher Ge winns ucht, sondern mit jenem krankhafte», zur Manie ausgewachsenen Drang nach raschem Gewinn, der als eine unbedingte Begleiterscheinung eines ieberi großen Krieges zu werten ist. Wär wollen gewiß nicht leugnen, daß der .Krieg in gewisser Weise die Menschheit seelisch stählen, ver- inrferlichen kann tüä muß. Andererseits kann man sich jedoch auch nicht der Tatsache verschließen, daß negative, bis dahin gefundene Instinkte durch den Krieg entfesselt werden können. Dies gilt be­sonders von der Gewinnsucht, die in einer Art Fieherrausch den vielleicht räetnaB wiederkehrenden ^lugenblick zu näßen sucht und sich gewaltsE jedem andrängenden Zweifel verschließt. Darum ist oex Fall Kupfer zu einem guten Teil ein Kapitel Kriegspsychologie.

Da die allgememe Mchmms dahin gin«, r Jax Lebensmitteln"

seien die größten Gewinne zu erzielen, gab Frau Kupfer vor, einen großzügig organisierten Lebensmittelhandel zu leiten. Die Gewinne, die sie versprach und auch aUs^ahlte, waren im Verhältnis so riesen­haft, daß sie jeden normalen Laien zu bedenklichem .Kopfschätte ln hätten veranlassen müssen. Aber die Einleger der Frau Kupfer waren nicht normal oder besser: die Zeit war nicht normal. Das ist der springende Punkt! . . .

Nur so «rst es zu v erstehe n, daß die Einleger nicht ernsthaft bei sich selbst die Frage erwogen, ob sie nicht eigentlich einen gewalti­gen Lebensmittelwucher imterstützten Denn wenn man für 40 000 Mark Einlage innerhalb 10 Tagen die Kleinigkeit von 150000 Mk. zurückerhält, liegt der Gedanke unheimlich nahe, daß die fraglichen Lebensrnittel zu etwas ^gesteigerten" Preisen verkauft worden sein mußten. Die Zeugen erwarten ausnahmslos, in ihrer Naivität an diese Möglichkeit gar nicht gedacht zu haben. Darum kann ihnen nicht das Mcht ^gesprochen werden, Frau Kupfer alsrani-nieri" M bezeichnen. Möge hier cm das Sprichivort von den G-^ensätzett gedacht werden, die sich berühren. Zahlreiche Einleger scheinen übri­gens allerdings erst nach Erledigung der Geschäfte von ge­wissen Zweifeln geplagt worden zu fern. Sie wurden plötzlich von einem heftigen Reiwi chkertsbedürftns befallen und fuhren zur Zeit ihrer Zeugenvorladung in verschiedene Badeorte.

Zum Schluß sei noch der größten Merkwürdigkeit dieses Falles gedacht: der paftLwx moralischen Seite, die er aufweist. Ihre vev- b oecherisch e Handlungsweise hat Fron Kupfer selbst zugegeben Sie schwindelte, indem sie feinen, denGewinnen/' entsprechendest Lebensmittelhandel betrieb. Wäre es aber nicht praktisch schlimmer gewesen, wenn fte nicht geschwindelt hatte? Dann hätte dos Volk unter der Angelegenheit gelitten!: so aber bK-eben Gewinne und Verluste in Mschlossenem Kresse? . J .

Aus Hessen-

Aus dem erweiterten Finanzausschuß, rb. Darnrstadt, 4. JM. Der Erweiterte Finanz­ausschuß der Zweiten Kammer setzte heute vormittag seine Beratungen nrit der Regierung fort. Zuerst fcrnt die Borstelknng der Arbeitsgemeinschaft kcruftstännischer Vereine in Berlin, betr. die Uebertvttung der Kriegs- in die Friedenswirtschaft zur Er­örterung. Die Borstcktung enthüll im wesentlichen eine Reihe von Leitsätzen für wirts chaftli<l>e Maßnahmen, Dienstverttäge, Be­völkerung spolitik, UTtterstützungswesat usw. Die Regierung gab hierzu eine eingehende Erklärung ab, und bemerkte, daß toe hier ausgestellten Leitsätze für die Kriegs- und Friedenswirtschaft einen großen Teil des gesamten Wirtschaftsfebens unstsassen. Die Leit­sätze machten Vorschläge, die sich auf die Wiederbelebung des^ Wir t- schaftSlebenö rurch dnn Kriege, auf die Beschaffung von Rohmate­rial, aus Kredit- und ZahbungAverkehr^. Welthandel usw. erstrecken, auch die wichtige Frage der Demobttisierung des Kriegsh-eres, Grundsätze für die Unterbringung der KriegÄeilncchmer und für die B^lkeinngspolitik würden darin mffgeststlll, alles Fragen, die nur durch eine erstheittiche Regelmrg von Reichs wegen gelöst werden können. Die Regierung wird den in der Eingabe berührten Fragen bei den kommenden BeratunAM darüber im Reiche ihre befemdere AuftnerffaMfeit schenken und die Fnteresfen Hessens zur richtigen Würdigung bringen. Der Ausschuß hall damit die Vorstellung für vorläufig erüdigt nnd beschließt, die Vor­stellung der Regierung als Material zu überweisen. Ist einer Anfrage des Abgeordneten Dorsch bezeichnte es dieser als einen Vandalismus, dfe schönen ZterauLryen bet den Bahnhöfen jetzt Bebauen nrit Gemüse tu. ver w en den . Er ist der Meinung, daß nicht zweckmäßig sei, schon wegen des geringen Ertrages solcher Gemüseanla^nn; das dafür benötigte Saatgut hätte man beffer verwenden können. Der FvagesteÄer kritisierte dcrber auch die An­lagen am Bahnhof WÄferSheLN. Die Regierung gab der An­sicht Ausdruck, daß es nicht Zwechnäßrg ftt, gegen die mm der

Bahnverwaltung im Istteresse ihrer Beaustfen getroffenen Maß­nahmen Eiusprirch zu erheben. Wenn, nikm sich dagegen ivende, so hätte man auch Gelegenheit, an anderen Stellen gegen die Umwandlung von Zieranlagen in (Rmüsefelder Sturm zu laufen, z. B. bei einer Reihe von städtisä-en Anlagen und schönen Vor­gärten. Die Eisenbahnverwaltung habe auch nicht nur die kleinen Zievcrstlagen an den Bahnhöfen, sondern auch die größeren, ihr zur Verfügung stehenden Flächen dem Bahnpersonal zur Be­bauung überwresen, damit bei der gegenwärtigen Lebensmittelnot möglichst viele in der Lage seien, für den häuslichen Bedarf selber zu sorgen. Nach einer kurzen ^lusspvack)e wurde die Anftage wiedc r zurückgezogen. Die Airfvage Dorsch, betr. Holz verkauf, worin gefragt wird, ob der Großh. Regierung bekannt sei, daß holländrsche Agenten bei uns Holz auskairfen und es nach England weiter geben, bearrtwortet die Regierung dahcn, daß ihr von solche!' Holzaufkäufen nichts bekannt fei. Der Fragesteller möge über solche, ihm etwa bekannt, gewordenen Fälle bestftmnte Angaben mache!!, damit nähere Ermittelungen eingelettet rverden könnten. Uebri- gens bestehe ja ein Rerchsverbot für die Ausfuhr von Holz, wo- bei allerdings <nid\ Ausnahmen zjuläsfig seien, z. B. im Austausch- verkehr mit neutralen Ländern. Mit dieser Antwort war die An­frage erledigt und der Ausschuß vertagte sich auf unbestiomrde Zeit.

Am dem Reiche.

Die sozialdemokratischeFeldpost^' schreibt: ,,Ma>n muß ein unheilbarer Illusionist sein, U7N zu glauben, daß die Entente aus Respekt vor einer deutschen Demokratiebei deren Regierungsantritt sofort den Kmeg einstellen werde. Die.Kriegsparteien in England, Frankreich und Amerika behaupteten zwar, ecnen Kreuzzug der Denw- kratie gegen die kaiserlichen Mittelmächte zu führen, aber gerade jerren Kriegsparteien ist es mit dem Aushängeschild der Demokratie am allerwenigsten ernst. Damit smtren sie auf die Stirrrmung der eigenen Volks Massen wie auf die Neu­tralen zu wirken. In Wahrheit kämpfen sie um materielle Ziele. Eine deutsche Demokratie, die sich ihnen nicht willen­los unterwürfe, sondern den nationalen Verteidigungskrieg mit der gleichen oder noch größeren Energie fortführte, würde von ihnen genau so beschimpft werden wie das bisherige Regiment. Man würde etwa die schöne Ausrede finden: ,,Nur die Form hat sich in Deutschland geändert, der Geist des Militarismus ist geblieben und muß von uns, der Entente, ousgerottet werden"!

Aus den Opfern und den Waffen ruht der Staat. Opfert euer Sold auf dem Altar des Vaterlandes!

Die Goldankausftelle

in den Räumen der Bezirlssparfasse Hießen ist morgen von JO dir \2 l k Uhr geöffnet!

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