Ausgabe 
28.4.1917 Zweites Blatt
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

D. -9 Zweiter Blatt

Erscheint S-Üch »rr««hn« bd Sonntag».

OeiUfem:tfcteat? KmnMendlSttrr- n»d ^KrtUWim fflt tz« Kftu #U&eii".

yo«che«ontv: Suxltiut am Kain Sc. UM.

VLtt»erktzr:tmefMaiif Eietze».

161. Iahrglmg

ichener Anzeiger

General-Anzeiger für Sberhchen

§<wrr1ag. 28. April M

ZwrllingSrundoruck und Verlag: Vrühl'sche Unü»erft!älS-Buch-u.StLlndru<kvv«t.

R. Lange, Gießen.

Schrtfllettmig, Sefchästrfirüe uxd 9?s*mi:

Schutstratze?. GejchLsisileUeu.Verlag: «--«S-1, Schriftttuung: 112.

AnschriftsurLruhtnnctzrlchtenrAn-dgercvheßen.

Rruregelung der Abgadepflicht von Liern.

Den zahlreichen Wünschen und Vorstellungen ans den ver­schiedensten Kreisen Rechnung tragend, hat das Großberzogliche Ministerinin des Innern seine Bekanntmachung tLer den Verkehr Nrit Eiern vom 23 März d . Js. geändert und die bisher fest­gesetzte Abgabepflicht nicht unerheblich gemildert. Wenn dies geschehen ist, so war einmal der Umstand maßgebend, daß infolge der ungünstigen Witterung die Legetätigkeit der Hühner erheblich hinter der sonst zu dieser Jahreszett zu erwartenden! zurückgeblieben ist. Ferner kam in Betracht, daß der Futtermangel urcd das Fehlen geeigneter Ersatznüttel die Eierproduktion un­günstig beeinflußt haben und mancher Geflügelhalter sich die Frage vorlegte, ob es für ilm überhaupt noch möglich sein weri^, seinen Geflügelstmid durchzu halten. Endlich war ausschlaggebend. daß angesichts der Inanspruchnahme der örtlichen Verwaltungsbehör­den mit dring«! den Arbeiten auf anderen Gebieten die Durchfüh­rung der Neuregelung zu dem in Tlnssicht genommenen Zeitpunkt auf Schwierigkeiten stoßen mußte, durch die das 9lu.fbringen der erforderlich«! Eicrmengcn in den vorgesehenen Fristläufen in Frage gestellt werden konnte.

Eine völlige Abstandnahme von der Abgabe- Pflicht, Une es von manchen Seiten gewünscht Worten ist, konnte nicht in Frage kommen. Die für das ganze Reich einheit­lich getroffenen Maßnahnven nötig«, die einzelnen Bundesstaaten, die Pflick-Irrbgabe von Eiern durchzuführen, da es andernfalls nickt möglich ist, die zur Versorgung der Bevölkerung erforder­lichen Eiermengen criftu bringen. Für Hessen kommt noch hinzu., daß es nach den einheitlich für das ganze Reich ansgestellten Grund­sätzen nicht nur sich selbst zu versorgen hat, also aus keinen Zuschuß von Eiern mehr rechnen kann, sondern sogar noch gewisse Mengen an andere Bundesstaaten und an die Heeresverwaltung abzu­geben hat.

Tie jetzt vorgenommene Aendernng sieht nur eine Abgabe- Pflicht von 30 Evern iür das Huhn vor gegenüber bisher 36 und verlangt, daß hiervon 18 bis zum 30. Juni (bisher 22 bis zu.n 31. Mai , weitere 8 bis zum 31. Llugust (bisher 31. Juli) und die restlichen 4 (bisher 6) bis zum 31. Oktober abgcliefert ,verden müssen. Eine Berücksickstigung der Zahl der Hanshaltungs- mitglieder bei der Festsetzung der Abgab'epllickft ist nicht vorgesehen; die Schwierigkeiten der genauen und g«e».feen Durchsülxrung einer solchen Maßnahme ließen es angezernt erscheinen, vorerst davon abzusehen. Dafür ist die bisherige Frettassung von 20 Prozent des Hü7)nerbestandes beibehalten worden, so daß tatsäckstich nickst 30 Eier, sondern nur 2 4 Eier für das Huhn abgegeben, tverden müssen. Tiefe Maßnahme bientet ein weiteres Ent­gegenkommen gegenüber den geäußerten Wünschen, und nur, tvenn jeder GeftüsÄhcckter seine Pflicht voll und ganz erfüllt, ist eine einigermaßen geregelte Versorgung der nichtgeflügelhaltenden Bv- völferung im Gnoßhwzogtum mit Eiern möglich. Die vorgesehene Eiermenge reicht gerade aus, um dieser Bevölkerung alle zwei Wochen ein Ei auf den Kopf zuzutrilen und die Kinder und Kranken und -insbesondere unsere Verwundeten in den Lazaretten mit Eiern zu versorgen und einen Teil des Bedarfs der Heeres­verwaltung zu decken. Alle zwei Wochen ein Ei und die Ver­sorgung unseres Nachwuchses, die WiederhersteLlimg unserer Ver­wundeten, die Krüftigung unserer Kranken! Ern Maß, wie es geringer karmr gedacht werden kaim! Um so höher oie Pflicht eines jeden, ferne Abgabepslvcktt voll und grntz M erfüllen. Mit iedem Gi, das dieser Pflicht entzogen wird. erbÄI ein Kind mrr alle vier Wochen ein Ei. wird einem Derw-.mderen oder Kranken das notwendigste Mittel zu seiner Wiederherstellung entzogen. Keiner soll -aber fehlen: wer es kann, soll über seine Abgäbe- pflickrt hinaus Eier a.bliefern; gilt es doch durchzuhallen, um den schändlichen Aushungerungsplan unserer Gegner zum Sckieitern zu bringen.

Um zu verhüten, daß Eier auf Abwege geraten, und um den Geflügelhaltern die Gewähr zu geben, daß die voni ihnen abgelieferten Eier auch tatsächlich denjenigen zugeführt werden, dir die sie bestimmt sind, ist eine weitverzweigte Orga­nisation ^ in der Durcbfülirimg begriffen. In jeder Gemeinde wird cruMnblicklich ein Vertrauensmann bestellt, der die Aufkäufer überwacht und ihnen Einweisung gibt, wohin sie die von den Ge- flügelhaltern abgegebenen Eier zu verbringen haben. Der Ber- tvauensmaun stellt zugleich fest wieviel Eier jeder Geflügel l?alter abgegeben tat; er nimmt Wünsche wegen Zulassung von Ausnah­men wegen Schwerkranker, schwächlicher Kinder usw., wegen Be­

rücksichtigung besonders ungünstiger Produkti-onsverMtnisfe usw. entgegen. Lehrer und Geistliche und auch unsere heule immer be­reiten Frauen haben sich für diesen verantwortungsvollen D len st zur Verfügung gestellt. Roch reicht ihre Zalst nicht aus; jede Hilfe ist willkommen. Die sämtlick-en Bürgermeistereien im Großherzog­tum nehmen für ihre Genreinden Anmeldung«! für diese Tättgiert

^ Vertrauensleuten verbringen die Aufkäufer die ge­sammelten Eier an die Sammelstelle, der die Gemeinde zu ge teilt ist. Die der eigenen Bevölkerung Msdelpnde Menge behält der Vettramnrsmamr nach Erfüllung der Ablieferungspflicht der Gemeinde zurück: die Verfügung hierüber behält der Gemeinde- Vorstand. Die Samnrel stellen wiederum stolxn unter genauer Kontrolle des Kommunalverbandes und dürfen die bei ihnen zu- sammenlaufenden Eiermengen rrur nach Anweisung der Landes- Eierstelle abgeben. Die Landes-Eierstelle wiederum beläßt dem Kommunal verband die zur Versorgung der eigenen Bevölkerung notwendigen Eiermengen und weist die Übrigen Eier den Kommu­nal verbänden und namentlich den großen Städten zu, deren eigene Erzeugung nicht ausreickst, um den Bedarf ihrer Bevölkerung zu deck«i. Dadurch ist gewährleistet, daß die von den Geflügelhaltern abgegebenen Eier auch tatsächlich den bedürftigen Kommunalver­bänden und ihrer Bevölkerung zugeführt werden.

Eine Organisation solcher Art erfordert natürlich Nicht unerheb­liche Mittel, die durch geringe Ausschläge r u f die Ein­kaufspreise gedeckt werden müssen. Für hunderte von Mark muß Packmaterial beschafft werden. Geldmittel müssen zur Verfü­gung gestellt werden, um die Aufkäufer zu bezahlen, damit auch diese den Geflügelhaltern die abgegebenen Eier sofort bar vergüten kön­nen: dazu kommt, daß Eier heute ein hochwertiges Erzeugnis dar­stellen und daß jeder Verlust eines Eies für den Aufkäufer oder die Sammelstelle eine erhebliche Einbuße bedeutet; die Aufkäufer müssen zuweilen weite Wege zilrücklegen, wobei sie Zeit versäumen, die heute zum Teil kaum entschädigt werden kann. Dazu kommen die erheblick/en Arbeiten, die von der Zentralstelle zu leisten sind, damit eine gereckte und gesicherte Austeilung und Verwendung der Eier gewährleistet wird. Auf dem Lande selbst wird der Aufschlag nur ein geringer sein, gerade ausreichend, um den Aufkäufer^ für seine Arbeit und sein Risiko für in Verlust geratene Eier zu entschädigen; der Verkaufspreis wird sich hier um ivenig mehr als l Pfennig erhöhen. Dienen die Eier zur Versorgung einer anderen Gemeinde und müssen über die Sammelstelle gehen, io erhöhen sich die Kosten durch die Beförderung und Behaichlung der Eier. Da indes in solchen Gemeinden regelmäßig auch von den eigenen Geflügelhaltern abgegebene Eier vorhanden sein werden, so wird die Erhöhung des Verkaufspreises gegenüber dem Preis, den der Geflügelhalter erhält, durchschnittlich nur etwas mehr als 2 Pfennig bettagen. Nur in den großen Städten, zu den«! zum Teil die Eier von weiterher mit der Bahn befördert werden müssen, wird die Erhöhung des Preises eine größere sein; bei beit erhöhten Beförderungskosten und den dabei unausbleiblich«! Verlust«! eine reicht zu vermeidende Be­gleiterscheinung. Dazu kommt, daß die zahlreichen Geschäfte, denen der Verkauf der Eier unter der Kontrolle der Städte überttagen werden muß und die zum größten Teil schwer um ihre Existenz kämpfen, ebenfalls eine angemessene Vergüttlng erhalten müssen. Daß diese Bergüttmgen und Ausschläge sich innerhalb des Rahmens des nur gerade Notwendig«! bewegen, dafür ist ausreichend Vor­sorge getroffen. Kein halber Ps«!nig wird zuviel erhoben werden, der nicht durch die Berhältnisie dringend geboren ist.

An den Geflügelhaltern ist es nun. durch rechtzeitige imb ge­wissenhafte Erfüllung ihrer Abgabepflicktt unseren Behörden die Erfüllung ihrer verantwortungsvollen Aufgabe ya ermöglichen. Hessen ist vom Reich in der Eierversorgung auf sich selbst gestellt. Was wir in Hessen nicht selbst ausbringen. geht unserer Bevölke­rung verloren Die Abgabevflicht von 30 Eiern oder unter Berück­sichtigung des Abzugs von 20 Prozent von nur 24 Eiern im Jahr ist gerecht. Deshalb Gef/lügelhalter, denkt an n n- sereKindcr.anunsereVerwundetenundKranken, denkt an die Bevölkerung, die sich selbst Geflügel nicht hal ten kann und der ihr alle zwei Wochen den Genuß eines Eiesermögli che u sollt!

Ans Stcröt unk

Gießen, 28. April 1317.

** Beförderung. Unteroffizier Oberhäuser bei einem Korpsbrückentrain im Osten wurde zum Sergeanten befördert.

** Aus reichn u n g. Mit der hessischen Tapferkeit^- medaille wurde der Ersatz reservi ft Otto K-o m P f aus Gieße« ausgezeichnet. Komps steht seit Mai 1915 im Felde und wurde vor einigen Wochen zum dritten Male verwundet.

** Ihre Silberne Hochzeit begehen am 30. April die El^leute Joh. Vogel II. und Frau, geb. Formhals, SckKtzLw- stvaße 5.

** Die Goldankaufs st elle schreibt uns: Bor einigen Tagen hat der 2000. Besucher Gold gegen stände bei uns eingeliefert. Mit einer Ansprache wurde ihm eine ru Silber gefaßte Gedenkmünze mit Uhrkette überreicht.

** Platinbrennstifte dürfen von d«l Goldcmkaufs­stellen nicht mehr abgenonrmen werden; sie werden von der Kriegs- aktien-Gesellschaft, Berlin W. 9, Potsdamerstr. 10/11 angekauft.

** Die Dienststunden des Chemischen Unter­suchungsamts der Provinz Ober Hessen sind für die Sommer- monatt (1. Mai bis Ende Septeniber) aus die Zeit von 7 Uhe morgens bis 3 Uhr nachmittags Samstags bis 12 Uhr mittags festgesetzt.

** Ter Oberhessische Kunstverein gibt wiederum zum ern«lden Besuch seiner Ausstelllmg Anlaß,. da Sammlungen von Milly Marbe-Fries -Würz bürg, Heinrich Z er n i n- Tarmstadt und Marie Fe lchner- Gießen neu zur Ausstellung gelangten. Marbe-Fries, welckie für Gießen neu ist, zeigt eine interessante, künstlerische und abwock/s elungs reiche Sammlung, die allein schon den Besuch der Ausstellung lohnen würde. Z e r n i n - Darmstadt, der iu früheren Jahren hier aus" stellte, ist mit schönen Motiv«! aus dem Taunus, Odenwald und Weiltal vertteten. Marie F.elchner. unsere einheimische Künstlerin, bringt wohl gelungene Bildnisse. Die Ansstellungs- solge hat somit durch die Frachtsperre eine Acnderung erfahren, da die für jetzt geplante Ausstellung der Freien Gruppe Düsseldorf inib der Münchener Aquarellisten erst vom 27. Mai an hier zur Ausstellung gelangen. Ti-e jetzige Ausstellung ist ebenfalls täglich geöffnet von 11 bis 1, Sonntags von 11 bis 3 u.nuirte.rbrrchkM und Mittwochs auch nachmittags von 3 bis 5 Uhr.

** Die Gießener freiw. Feuerwehr hall anr Montag abend 8Vs Uhr ihre diesjährige ordentliche Hauptver­sammlung ab.

** Die Sammlung von Altmaterial durch das Rote Kreuz wird in den bis jetzt noch nicht befahrenen Straßen von Montag, den 30. Llpril an wieder aufgenom- men. Es wird gebeten, die Sachen zur Abholung bereitzu- stellen.

** Po st verkehr mit Warscha it. Zum Postvertrieb aus Deutschland nach dem Gerreralgauveruement Warschau sind fortan widerruflich alle Tageszeitungen in deutscher oder fremder Sprache, alle Zeitschriften in deittscher Sprache, sowie eine beschränkte Auswahl von sre:ndspracht- gen Zeitschriften zugekassen worden.

** Schwarz-Weiß-Theater, SellerÄveg 81. Im Programm vom Samstag, dem 28., bis einschließlich Morltag, 30. April, wird gegeben:Ein Ehr«Noortt^ dramatischer Lebens- coman in drei großen Akten. In der Haupttollc spielt die große Filmkünstlerin Hemry Porten. Außerdem ist ein Detektivdrau« in 4 Akten, bet stellDie eiferne Hand", vorgesehen, sowie NencsteA vom Krieg-schanplatz und ein weiteres gutes Bntwogvknrw.

** Ei senba hner als Erfinder. Für Berbesfernnse« und Erfindungen, die girr Erhöhung der Betriebstck>erher! und Wrrp« schoftlichkeit im Eisenbahnbrtrreb beitragen, Hai die preußischchrfe fische Eiscnbahnverwalmng im letzten Rechnungsjahr an 70 Eisen- bahnlxmmte und Arbeiter Belohnung«! in Höhe von 22000 Mark ausgezahlt.

Landkreis Gießen.

** Birklar, 28. April. Musketier Gustav Müller, Sohlt des Walter Miller, in einem Infanterie-Regiment, erhielt Wege« Tapferkeit vor dein Feind das Eiserne Kreuz II. Klaffe.

** Nordeck, 26. April. Für die sechste Kriegsanleihe wurden gezeichnet bei der hiesigen Spar und Vo-rschaßkasfe: l2l000 Mk bei der hiesigen Postag«!tuL 6000 Mk. Insgesamt 130 000 Mk., durch Vermittlung des Lehrers Koch, allein 80500 Mark.

Kreis Alsfeld.

ie. Nieder-Ohmen, 27. April. Dem Musketier Karl Carle, der im Feblimr d. Js. a-elcgenllich der Teilneshme an

Aurgt «nd WUsenschakt.

Wie Oskar Blunrenlhal über Theaterregie dachte. Ohne Ueberttcibung kann gesagt werden, daß mit Oskar Blu ment hal ein lebendiges Stück deutscher Thoaterqescknchte dalftn- gegangen ist. Seit einen! kalben Menschen alter war Bin menthal, der zn Begi'm seiner an Erfolgen und Anfeindungen reichen Lauf­bahn als Verfasser geistreicher Epigramme die Llufmierksamleit auf sich lenkte, eine Persönlichkeit, die mit dem deittscheu Theaterleben im allgemeinen und mit dein d«: mcühshanptstadt im besonderen miss engste verknüpft war. Ws Krittker wie als Autor hat er sein Lebenswerk zum größten Tell der Bühne geweiht und neben man­chem unterhaltenden Stück, das sich auf dem Spielplan dauerndes Heimutsrecht eriporben hat, werden auch seine gesarmnelten kritt- scki«! Schriften noch in spättrm Zeiten als interessante Dokumente über die nwsentlichsten Tl?eaterftagen und als ein an geschichtlichen Rückblicken reichhaltiges Material Beachtung verdienen. Heute, da namentlich die Regiekrmst sich auf neuen Bahnen ein eigenes, früher nicht gekanntes Mackftgäbict geschaffen hat, erscheint es von allgemeinsten! Interesse, den Standpunkt Blninenthals in dieser Hinsicht zu betvachttn. Zu einer Zeit, als durch die Meininger die Bcffis für die Entwicklung der nrodernen Regie gesck)aff«! war, hielt Blumenthal ftn Rahmen seinerTheatralischen Eindrücke", die 1880 gesammelt erschienen, Aboeckmung mit dem, was er das Virtuosentum in der Regi^^ normte. Ohne den Wert der ur­sprünglichen Bestrcbmrgen der Meininger und das künstlerische Element derselben zu verkenn«!, erblickte Bknm-entl-al in dem Ileberlxrndnehmen der Bedeuttmg, die man der Reche als einer sozusagen selbständigen Kunst xwerLmnte, eine Gefahr sowohl für den Dichter »nie für den Schauspieler. Sein grundsätzliches .Urteil hierüber erscheint gerade heute, da Rechekünste oft das einzige Wefen deS Thsaters,überwuckrern, aktuell. ,>Jn Wahrheit," so schrieb Blunmnttchl.scheint es mir mit der Reche zu stellen, wie mit der Gesundheit: es ist am best«! mit ihr bestell, wenn Man ihr Vorhandensein mir wenigsten bemerkt." Das Wirken der Regrc müsse unbenmßt empfunden werden: ,^Jhr ist die bescheidenste Dienenwlle angewiesen. Warn sie sich zudringlich neb«l oder gar vor den Poeten stellt, so hat sie an ihrem besseren arttstischen Be- ntf Verrat geübt." Als eine besondere Gefahr bettachtete Blumrn- tdal es stets, daß man dem Publikmn immer meln Einblick in die Geheimnisse der Dilissenwell gestattete.Infolge dieser vonvitzigen Lpäherblicke ist das Publikum für die Würdig!mg der gel^eimeN Regioarbeit sorchältig prävarlert worden. Nun ist es eine artistisch Belustigung fltt den Zuschauer geworden, dem szenisch, Tausend- künstler ans die sftnger zu sehen und von jedem behenden Griff, den er zustande bringt, nril dem schmunzelnden Behagen des Ein- geweife«! Notiz zu nehmen." Diese Erschn,mg«i wurden, nach Blmnenthrts Ansicht, durch die Meininger allzusehr gepflegt. Auch die geschichtliche G«lauigkoit der Ausstattung nmrde übertrieben, io hvcß es aus dem Tijpat-ex&M eines Berliner Gasffpiels der

Meininger mitMaria Sttmrtt':Die Holztteppe, welch wir im fünft«! Akt sehen, bat tatsächlich auf dem letzten O^ang der Königin unter ilnen Füßen geknarrt." Auch die historisch Treue der Kostüme dürfe nicht übertrieben loerd«!, da sonst leicht auf un­beabsichtigte Weise die Lachlust des Publikums graveckt werde. Andererseits lasse die moderne Regie sich leich zu Widersprach, zwischen Dichtertept und Ausstattung hmreiß«!, w«m ihr lfferdurch prunkvolle Wirkungen ernwglicht werden. Daß die dekorative Aus­stattung der Szene uralerisch gehoben tvürde, fei von unverk«m- barem Wert, aber auch hier stifte das kleinste Zuviel empsindlichr Schaden an. Die größte Gefahr des Virtuos«!ttrms in der Regie bestehe aber darin, daß es die Schauspielkunst mit Verkümmerung bedrohe. Darum und dies mag auch h«rtc und für die Zukunft gelten müsse der gute Regisseur sich an d«l Satz Heinrich Laubes halten:Das Endziel eines grtten Theaters ist es, die Wirkung der Kunst hervorzubringen, ohne daß die Hilfsmittel der Kunst bemerkt tverden." W«m auch Blunrentlxcl selbst ganz natür­licherweise manche seiner kritischen Ansichten irn Laufe der Fort­entwicklung des mobeni«! Bühuenivesens korrigierte, so werden doch seine Grnmdsätze über die Aufgaben des Regisseurs nach wie vor bei jed«,i echten Theaterfteund unbedingt ernste Beachttmg beanspruchen können.

DieUraufführungeinerParnell-Tragödie. Aus Mün che n wird rms geschrieben: Im Münchener Schau­spie l h a u s e erlebte das SchauspielDie triumphierende B e st i e" von Waldemar Kanter seine UrauMhrung. Der Autor, der mit diesen: Stticke, auß«: sicherem Blicke fttt dramatische Wir­kung gutes Gefühl für die rhythmische Gestaltung des Dialoges be­weist, zeigt das politische Probl«n des bekannten Jrenführers Parnell und das ttagische Schicksal seiner Persönlichkeit in drei geschickt entwickelten Akten. Der Kamps gegen England und das durch dies«: Staat verttetene Cant-Prinzip der Scheinheiligkeit bildet den Inhalt dieses Stückes, das in diesem Sinne für ,msere Tage von bremvendster Aktualität ist. Kanter hat sich ziemlich^ eng an die Geschichte gehalten. Er zeich Parnells Glanz, der nach einem großen politischen Siege im hellst«: Lichte strafe, und sein jähes Erblassen, als ein von seinen Gegnern provozierter El-ebruchs- skandal ihm die Sy,npathien der scheinheilig«: Gesellschaft geraubt hat. Kanter versteht sich aus die Scknlderung der Charaktere, die freilich der feineren Nuancen entraten. Die Jugend seiner drama- tisckien Arbeit zeigt sich xn der sehr flächen Haft angelegten Exposition. Der Erfolg war groß und unbesttitten. Gespielt wurde zum Teil sehr gut. Zumal von Herrn Schwarwenka, der die Aphoris­men des Helden in edlem Pathos vortrug, und von Frav Reiter als spätere Gattin des am Efe! über den Triumph der Bestie zu­grunde gebenden Helden. Der Auwr durfte sich häusig zeigen.

Lovis Co rinths araphi sch es Werk. Aus Berlin wird uns geschrieben: Der Maler Lovis Corinth hat die Betrachter der deutschen Krmst im Laufe der Jahve, die er immer schaffenssvardia, nmwer kraftvoll und mit irrpvlftv«: Enevgie

zur Vollbringung einer Anzafe sehr verschitHenarti-!er Werke aus- nutzte, oft in Atem gehalten. Handelte es sich doch u,n das Schul­beispiel «nes von Betätigimgslust übergnellvnden Talents, das sein Köunen^ oft unbesorgt, oft mit ungehemmtem Stteb«! nach einem plötzlich gesteckten Ziel gleichermaßen wie ein edles, aber unbändiges Pferd dahinttaben, vorwärts galotwieren ließ. Daher die Wucht iu Objekt und Vinfeffülpung, daher die llagl cickcheit, das Nebeneinander von Stärkstem und Fehlgeschlagenem, die für das malerische Wert von Lovis Evrinth so überaus charakteristisch sind. Eine Ausstellung im Berliner Kunstsalon G u r l i t t ermöglicfe jetzt zum ersten Male d« großen Anhängerscherr Corinths auch sein Werk als Graphiker, als Zeichner von Grund aus zu betrachten. Eine außerordentlich reiche Menge vielstrebiger Blätter gibt hierzu interessant Gelegenheit. Tiefe 9lusstellung, die als sehr lehrreich zu wert«, ist, dient dazu, das Urteil ül>er Corinth zu festig«!, das Lob zu erhärten, aber auch die Grenzen der Anerkennung nrft einigermaßen besrimmten Linien zu ziehen. Da gibt .es skizzen­hafte Zeichnungen mit rücksichtslos und dabei den Kern Wesens treffenden, hing«oolf«ien Umrissen; Zeickprungen mit koloristischem Gepräge, breitem Sttich und ftilliger Akte in der spezifisch Corinth' scheu, mächtig anslwl«ü>«-. Manier. Man imrndert mm Blatt zu Blatt, und trotz des viel sackten, oft abrupten Wechsels der Eindrücke festigt sich von selbst die Empftndung: hier waltete mit Faust und jäh ausschießender Hast eine ganz starke Vv-zabung, die sich keine Zeit nehmen wollte, zu plmnm und zu prüfen, zu wägen nnd zu 1 «l«r. Tiefe Blätter, die der wichtigsten Mittel des Corinthsch'N Wirkens, des koloristischen Elements, beraubt sind, lass«: Gut und Böse sozusagen nackt in Erscheiiunrg tteten. Sie gestatten, die Meinung über Corinth in feineren Einzelheiten zn korrigieren. Sie lassen beurerken, daß die Enttvickllmg sich bei diesem VLcmne nickt in einer Kurve, sondern gewissermaßen in Sprüngen erlü>igte, felß sein Auge und fein Wollen nicht vor den Richterstuhl des vielfach geschulten und geschmeidig gemachten, empfindsam«: Aestheten zitiert wurden, daß vielmehr die Hand mit festem Cftiff zupackte und nicht mehr losließ, was sie fast physisch durchzuckte, sondern es in einem durchgeh«!den Tempo zu Ende formte mocfeen nachher Kritik und Selbstkritik entscheiden, so oder so. Wir seben hinter die Kulissen und wir stellen dabei fest, daß Corinth ein Talent von wirklich persönliche .ibraft. der zienrlich seltene Tupus des ungebärdigen Könners ist. Wir stellen dies fest rmd beschließen doch, wieder mit größerer Freude zu ein«! Bildern nirückzu- kehr«:. Nicht die Feinheiten der Linien, der nerrwseu Umschrei­bung, die mit Messersckmrfe ausged«!taten Charaktere sind fein Reick, sondern die warmen Töne der Luft auf prallenr Fleisch, die großen Flächen :md Gegensätze, die Gebfete, die breit strömend« Arbeiten gestatten oder mch besser erferderu. Das sagt im* das an Schönheiten .und Unausgeglichenem reiche graphische Werk van Lovis Korinth.