Nr. 85 Zweites
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Beilagen: „Siehener Zamilienblatter" und „llreisblatt für den Ureis Gießen".
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Vlett *67. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhesfen
Donnerstag, 12. April *9*7
Zwillülgsrundoruck und Verlag: ^rühl'scheUn:versitäts-Buch-u.Steindrnckerei.
R. Lange, Gießen.
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Alts chrift fü r T ra ht ,: a C):: cht en: Anze i g er Gie ß e n.
Gießen, 12. April.
Abermals hatte der Oberbürgermeister die Bürgerschaft der Stadt Gießen für gestern abeich zu einer öffentlichen Versamm- linig eingeladen, in der von berufenen Männern die stacllsbürger- lick)? Pflicht nach besten Kräften den Erfolg mich der 6. Kriegsanleihe zu sichern, dargelegt werden sollte. Der Ruf mar nicht int- gehört erschallt. Ter große neue Saal des Fürstenhofes war schon lange vor Beginrt der. Versammlung gefüllt, und unter den Anwesenden bemerkte man neben den Stadtverordneten eine' große Anzahl unserer Hochschulprofessoren, Angehörige des Mittelstandes, der Arbeiterklasse und verhältnismäßig viel Damen, die ebenfalls init sichtlich großem Interesse den Ausführungen der Redner folgten. Oberbürgermeister .Keller wies in seiner Eröffnungsrede ans die erfreulichen Zeichnungen der fri'cheren Anleihen hin, die das Telegrannn des Kaisers von der vaterländischen Gesinnung der Gießener Bürgerschaft bestätigt habe. Er betonte, wie wichtig gerade in diesem Augenblick ein voller Erfolg der Kriegsanleihe sei, um die einnrütige Kraft des Deutschen Vaterlandes unseren Feinden gegenüber zu berveisen. Landtagsabgeordneter Justizrat Grünewald berief sich als zweiter Redner darauf, daß das Vertrauen des deutschen Volkes auf seine Führer inzwischen nicht habe ins Wanket: geraten können. 47 Milliarden habe das deutsche Volk schon gezeichnet und er erwarte, daß die neue, und wie er bestimmt glaube, letzte Kriegsanleihe, weitere 13 Milliarden voll- Nlache. Ein Opfer sei das Zeichnen der Kriegsanleihe nicht, man solle es nicht einmal eine patriotische Tat, sondern lediglich als ein gutes Geschäft betrachten, weil kein besseres und sichereres Papier da sei. Das Nationalvermögen taste daftir und es könne vom Reiche in vollem Maße dafür nutzbar gemacht werden. Daher sei das Papier auch gut realisierbar, was noch durch die Unterstützung der Darlehnskassen gefördert werde. Ueber die Frage, ob das deutsche Volk im Frieden die Lasten der Kriegsanleihe tragen: könne, verbreitete sich der Redner ausführlich. Den kommenden Verhältnissen des Friedens könne man getrost entgegensehen, da die Industrie eine Intensität der Arbeit mrd eine Anpasfungssädigkeit bewiesen bade rvie nie zuvor. Die Beschlüsse der feindlichen Wirt- schaftskonsercnzen könnten uns gleichgültig sein, denn die Industrie habe geirug damit zu tun, vorerst den Jnlanübedarf zu decken. Ucdri- gens könnten sich tue Feinde den ehernen Gesetzen der Volkswirtschaft gegenüber nickst verschließen Die allerbeste Gewähr für die Zeit des kommenden .Friedens-biete das Volk selbst, das enger znsarnMen- geschweißt sei und nickst mehr durch konfessionelle und Partei kämpfe zerrissen werden würde.
Geh. Kirck-enrat Prof. v. Dr. Eck ging aus von den neuen Waffentaten des deutscl?en Volkes, die sich seit der letzten Kriegsanleihe ereignet haben, aus, und daß wir fest und stark unfern Gegner:: gegenüber das Friedensangebot ergehen ließen. Dieses Friedensangebot der Kraft und des Sieges habe die Kraft imb die Nerven kraft des deutschen Volkes bis aufs äußerste gesteigert. Alles was sich bisher ereignet habe, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Amerika, China und Brasilien infolge des uneingeschränkten U-BootkricgeS, gäbe keinen Airlaß zu Besorgnissen. Tie Lage im Osten sei uns Nichtiger als all dieses und wir müßten die Vorgänge in Rußland mit treu deutschein Herzen begrüßen, da es des russisck-en Volkes Willen sei. Was dort geschehe, sei noch ein Rätsel, aber wir konnten hoffen, daß drüben die Tinge gut verliefen. Er hoffe imb glaube, daß mir einem siegreichen Frieden trotz des noch zu erivartenden Blutbades entgegengelvn. Um diesen Frieden vorzübereilen, sei aber der volle Erfolg der 6. Kriegsanleil)e erforderlich. Stadtverordneter K r u m m sprach von den Verärgerten, von den Verdrossenen und den AengsÜichen und begegnete ilmen mit einem gesunden Optimismus für die Zukunft des deutschen Vaterlandes. Professor Krausmüller drückte die Erwartung aus, daß auch die kleinen Zeichner, besonders die Gewerbetreibenden sich rege an der Zeichnung beteiligten, und Oberbürgermeister Keller schloß die eindrucksvolle Versammlung mit der nochmaligen Mahnung, Deutschlands Einheit und geschlossene Kraft durch die neue Kriegsanleihe für jetzt und alle Zukunft zu erw>eisen.
Air geben im Folgenden die Worte der Redner ausführlicher wieder.
Oberbürpermeistcr Keller
Verehrte Anwesende! Zum 6. Male wendet sich das Reih mit einer Kriegsanleihe an das Deutsche Volk und zum 6. Male trete ich hin vor meine Mitbürger mit der Bitte: Zeichnet die Kriegsanleihe! Diese Bitte wird nicht vergeblich sein, wie sie ja auch früher nicht vergeblich genoefen ist. Erfteulich sind in Gießen die Zeichnungen ans die früheren Kriegsanleihen gewesen. Ter Greßener Bürger kennt seine Bürgerpflicht und weiß, was er dem Vaterland- schuldig ist; er hat bestätigt, ivas der Kais er neulich in einen: Telegramm ausgesprochen hat: daß die vaterländische Gesinnung der Gießener Bürgerschaft ihm wohlbekannt sei. Das Wort des Kaisers galten wir in Ehren. Er kennt sein Volk, seine Kraft und Entschlossenheit, seine Nöte und Sorgen, seine Hoffnungen und Wünsche, er fühlt sich eins mit ihm. Wir aber wissen, daß jetzt be: dieser 6. Kriegsanleihe der einmütige Wille des .deutschen Volkes ganz besonders kraftvoll zum Ausdruck kommen muß.
Ter Kampf ans dem Schlackstselde steht ans seinem Höhepunkt. Wir fühlen die herannahende Entscheidung, die unser Hinden - bürg zun: guten Ende ftihren wird. Wie wird den Feinden der Mut sinken — gerade jetzt, wo recht vom Zaune gebrochen in Amerika ein neuer .Helfershelfer sich ihnen zugesellt —, wenn in einem glänzenden Erfolg dieser Kriegsanleihe der Beweis erbracht wird, daß alles Ränkespiel und jede Bernickstungsabsickst der Feinde - zerschellen wird an der u n be n gsamen Kraft und dem entschlossenen Willen des Deutschen Volkes, der draußen Kämpfenden wie der daheim Schaffenden.
Liebe Mitbürger! Wir alle haben auf der Schule das schöne Gedicht gelernt, in dem es heißt:
„Was ich bin u:ck> was ich habe, dank ich Dir, mein Vattwland."
Ob wir uns früher in unserer Jugendzeit besonders viel dabei gedacht haben? Ich glaube es kaum. Heute aber in diesen schicksalsschweren Tagen empfinden wir ernst und klar den vollen Inhalt jener Tichterwvrte. Das Dasein und der Besitz jedes Einzelnen ist mit dem Schicksal des Vaterlandes unlöslich verairkcrt. Der Rentner, F-abrikherr, der Kaufmann und Handwerker, der Landmann, Beamte und Arbeiter, sie fühlen deutlich: was ich bin und was ich lxlbe, dank ich Dir, mein Vaterland. In Elend und Knechtschaft würden wir alle versinken, wenn das Vaterland dem Anprall der Feinde nicht widerstehen würde. Wenn wir dies erkennen, so müssen wir and) unserer Pflichten gegen das Vaterland uns bewußt werden und müssen den: Vaterland geben, was den: Vaterland ist. Was ist das Deutsche Vaterland? Der wackere Ernst Moritz Arndt l)at mit 6 Worten es gesagt: „Das ganze Deutschland soll cs sein!" Ja, das ganze Deutschland soll es sein bei der Zeichnung auf die 6. Kriegsanleihe, docki und niedrig, alt und jung, arm und reist)', jeder nach seinen Kräften. Und jeder Bürger Gießens wird es fühlen: diesmal gilt',!
Landtagsabgeordneter Justizrat Grünewald
ergriff hierauf das Wort und stellte zunächst die Frage, ob Reden überhaupt hier an: Platze sei. Aber das Wort hat auch hier seine Stätte, denn es könne Klarheit schaffen, :vo Unklarheit herrschte, es könne die Arbeitskraft stärken uni) den Harrenoen und Arbeiten- | den Mut geben. Sogar Minister stiegen l)erab und redeten zum I Volk — so denwkratisch sind sie schon geworden und würden es vielleicht :wch mehr — aber letzten Endes redeten sie doch mir zu einer Anzahl Auserleseiwr, und das große Volk, der gewöhnliche Mann, hörten nichts davon. Die aber gerade sollten Aufklärung erhalten. Der Redner fragt sich nun, ob er in früheren I Versammlungen Zutreffendes verkündet lxlbe, ob er und seine politischen Freunde. keine falschen Propheten gewesen, und er erinnerte an die Worte von Geheimrat Prof. D. Tr. Eck, der bei einer früheren Anleihe in seiner Rede Vertrauen gefordert habe, Vertrauen in die militärische Führung sowohl als auch in die Politik des Kanzlers, zu der Justizrat Grünewald sich voll und ganz bekennt. Dieses Vertrauen aber sei nickst getäuscht worden. In seiner Rede an die Gießener Bürgerschaft vom 2?. August. 1914 sagte der Redner, daß Deutschland seine Feinde abwehre wie ein wilder Keller. Und ist das nickst zur Wahrheit geworden? Auch betonte er damals, also zu Beginn des großen Kampfes, daß das momentan verwirrt erscheinende wirtschaftliche Leben ich cin- richten werde, daß man auch ffnanziell sich zu rüsten verstünde. Auch das ist Wahrheit geworden. Und wenn er damals von den Segnungen sprach, die der Krieg mit sich führen könne, in politischer wie in wirtsck-aftlicher Hinsicht, so spüren wir gerade in diesen Tage:: der Osterbotschast des Kaisers ihre Wirkung, die im nationalen Sinne einigend, freiheitlich erlösend ist. Bei den Reden zur ! vierten und fünften Kriegsanleihe prophezeite der Redner einen großen Erfolg, und er ist eingetroffen. Tie ersten Anleihen brach- ! tcn nickst weniger als 47 Milliarden, wovon die Sparkassen allein k 10 Milliarden trugen, und diesmal können wir ruhig noch 13 (Milliarden erwarten. Diese Riesen Zeichnungen sind gewiß der beste Betveis für das Vertrauen in die Anleihen, von denen die j sechste wahrscheinlich die letzte sein wird.
Für diese sechste Anleihe ist der Eifer und die Ueberzeugung in: ganzer: Volke besonders groß. Viele Bedenken, denen man früher gegenüb erstand, sind geschwunden. Die deutschen Sparkassen allein haben bislang zur sechsten Anleihe schon wieder zwei Milliarden gezeichnet. Ein gewaltiger Zug zeigt sich überall, um mit dieser Anleihe einen großen Sieg zu erfechten.
Beim Technischen null der Redner nickst lange verweilen. Er beschränke sich aus das Notwendigste, da ja eigentlich alles bekannt sei. Höchster:s sei da die Frage aufzuwerfen, welcyer Unterscksted zwisck-en der bprvzentigen Reichsanleilre und den si/rvrozentigcn Schatzanweisungen bestehe. Gar viele Leute fragten sich, welches Papier denn nun das praktischere sei. Er rät zu der bprozentigen Reichsanleihe, die sich mm einmal gut eingebürgert habe. Eine ganz andere Frage, mch die, die der einzelne - Zeichner sich wohl 'häufiger stellt, ist die, ob denn seine Zeichnung ein Opfer bedeute, ob er seinem Patriotismus zuliebe hier ein Opfer bringen sott. Nein, ein Opfer kann das unmöglich sein. Es ist auch gar nickst nötig, vom Standpimkt des Patriotismus die Anleihe zu empfehlen. Es handelt sich hier inn ein bloßes Geschäft: man legt sein Geld in einem gillverzinslichen und sicheren Papier an, das ist alles. Selbst jeder Bankier müsste aus rein finanziellen Gründen dem Zeichner sagen: Dieses Papier musst du zeichnen, kein anderes, denn es ist bei dem hohen Gewinn das sicherste. Unsere Kriegsanleihe ist eben die beste Kapitalanlage. Jeder Anleihezeichner mackst ein gutes Geschäft und gleichzeitig ein patriotisches. Neben den hohen Zinsen, die er einsteckt, stärkt er die inneren Rüstungen des Staates. Ein Opfer dagegen ist etwas ganz anderes. Selbst wer silr das Rote Kreuz etwas gibt, was er nickst wiederbekommt, opfert dort letzten Sinnes nichts. Er gibt von den: ab, was er entbehren kann, und stiftet cs für einen guten, großen, patriotischen Zweck. Ein Opfer bringt man doch erst dann, wenn man von seinem nötigsten Unterhalt, vom Unentbehrlichsten hergibt. Das aber ist für die Zeichner der Kriegsanleihe gar nicht der Fall. Sie ist alles andere als ein Opfer: sie ist ein gutes Geschäft, das man mackst, denn man gibt dem sichersten Schuldner der Welt entbehrliches Geld und bekomint dafür hohe Zinsen. Und was die Sicherheit und Realisierbarkeit der Papiere anlangt, darüber können wir vollkommen beruhigt sein. Das ganze Reich, d. h. das gesamte Nationalverniögen, Haftel dafür. Auch ist cs ausgeschlossen, daß die Anleihe später einmal konvertiert iverde. Und ein Papier mll hohem Zinsfuß und großer Sicherheit ist, das lehrt uns die Ersalmung, stets realisierbar.
Eine andere Frage dagegen, die die Gemüter mit banger Besorgnis erfüllt, ist: Kann das Reich nach dem Kriege die Lasten tragen. Hierüber nun führt der Redner folgendes aus:
Ich halte diese Sorge für unbegründet. — Werfen mir einen Blick ans den Zustand des Nationalvermögens. Das Geld, das für den Krieg verwendet wird, bleibt fast ganz im Lande. Der Staat zahlt für Waffen, Munition und .Heeresbedarf aller Art Geld an die Produzenten, mehr Geld selbstverständlich, als seine Gestehungskosten betragen: Kriegsgewinn. Die Gestehungskosten werden an die.Produzenten und Landwirtschaft, Bergwerke, Löhne an die Arbeiter bezahlt. Diese Faktoren verzehren das Geld im Lande, oder sie ersparen es, sie legen es an, wenn! sie kl::g sind, in Kriegsanleihe. Jedenfalls zum größten Telle in Kriegsanleihe, so daß es der Staat Wieder erlstilt, damit es den Kreislauf wiederhole. Verloren geht nichts, nicht einmal die Granaten sind verloren, die mast gegen die Feinde schleudert — nur das Material, Eisen, Stahl, geht verloren. Davon aber birgt die deutsche Erde genug. Verloren kann werden, indem das deutsche Reick: Produkte des Auslandes bezieht (Tabak, holländischen Käse, Weh aus der Schweiz oder ans Dänemark' und auch von den hierfür gezahlten Geldern geht nur der Betrag verloren, der nicht durch den Gegenwert bezahlt Wirt), also der Gewinn des Auslandes. Verloren gelien kann ferner etwa das Geld, das einer nicht anlegt, in der Schublade oder im Strumpf versteckt und das ihn: gestohlen' »vird oder verbrennt.
Liber dem steht .gegenüber, was wir dem Ausland verknusen, Kohlen insbesondere. Und daftir werden wir auch wohl nicht bloß den Betrag der Gestehungskosten erhalten!
Dieses Jmlandebleiben des Geldes erklärt den glänzenden Stand unserer Finanzen, insbesondere der Rcichs'bank, deren Goldzufluß immer noch steigt und die einen Zinsfuß von 5 Prozent aufrecht erhält. Ihre Geldflüssigkeit ist so groß, daß oer Einzah- lungsbermin für die 6. Kriegsanleihe mit dem Quartalsabschluß zusammengelegt werden konnte. Tie ReicstZbank ist eine Quelle reichen Gewinnes für das Reich, der bekanntlich ourch ein besonderes Gesetz steuerlich erfaßt wird. — Die Geldverhältnisse der Großbanken zeigen, daß das Bankwesen die Machtprobe für das deutsche Wirtschaftsleben glänzend bestände:: hat. Die inneren Reserven sind gekräfUgter als je zuvor, das Jahr 1916 zeigt Gewinne, loie sie in den Zeiten höchster Konjunktur niemals erzielt worden sind.
So sind die Banken gerüstet für die großen Aufgaben, die ihrer nach den: Kriege harren: Gewährung von Geldern zur Abdeckung von Krediten, ivelche die Industrie aus«ehmen mußte, Ge
währung von Krediten für den Einkauf von Rohstoffen, für bk Erstattung von Nenanlagen usw.
Tie Sparkassen befinden sich in vorzüglicher Verfassung, auf ben Kopf der Bevölkerung kommen in Deutschland 272,2, in Frankreich 113,4, in England 106,2 Mark.
Tie Sparkassen haben bisher 10 Milliarden zur 1. bis 5. Kriegsanleihe gezeichnet und für die (-/Kriegsanleihe bis cheute nahezu 3 Milliarden.
Ich kann daher nicht anders, als den Zustand unseres Nationalvermögens als einen vorzüglichen anzusehen und ich vermag die Ansicht derer nicht zu teilen, die da glauben, daß das Geld nach dem Kriege sehr rar und teuer werden müsse.
Es kommt hinzu, daß der Friede die Leistungsfähigkeit unserer I n d » st r i e und Landwirtschaft eracblich gesteigert finden wird: Tie letztere hat eine stärkere Intensität der Bodenbewirtschaftung eingeführt und es sind Flächen in großem Umfang, die vorher unbenutzt lagen, nutzbar gemacht worden.
Die Industrie hat neue Wege entdeckt, sie hat eine Anpassungsfähigkeit bewiesen, die man niemals für möglich gehalten hätte: Fahrradfabriken stellen Bettstellen für Lazarette her, Nähmaschinensabriken Schrapnells, Pianofortefaoriken Patronenhülsen, Karussellsabtikanten Lcrzarettb aracken, Selterswasserproduzenten Granaten. Die Industrie hat gelernt, mit R o h st o f f e n sparsam umzugehen und E r s a tz st o f f c zu verwenden, Stickstoff ans der Lust, flüssige Lust an Stelle von Dynamit imd vieles andere.
Die Bodenschätze des Landes haben sich als viel bedeutender envicsen. als mau vordem glaubte: wir versorgen Deutschland und die neutralen Länder mit Kohlen und gewinnen aus ihnen wichtige Stoffe für die Heeresbednrfnisse, unsere Kalilager sind die fast einzigen der Welt, wir haben Kupfer und Phosphor, wir versorgen die Industrie uird das Heer mit Eisen und Stahl. Unzählige neue Gruben sind erschlossen worden und Sie sehen vor den Toren unserer Stadt ein Werk in vollster Blüte, das den Bedarf der kriegsstahlerzeugcnden Industrie fast zur Hälfte bestreitet. Diese letztere hat lernen müssen und hat gelernt, sich von der Zufuhr überseeischer Erze, die vordem aus dem Kaukasus, aus Indien, aus Kreta, aus Brasilien kamen und für die Milliarden ins Ausland wandern mußten, freizumachen und sich auf die Verarbeitung inländischer Erze einzurichten. Die J:tdustrie in Rheinlcuch und Westfalen zeigt große E x p a n s i o n s l u st, sie baut schon wieder!
Aengstliche Gemüter sagen, wie wirds mit den: Außenhandel gehen, die wollen ja alle nichts mehr von uns kaufen, unsere Industrie wird veröden nsw. Auch hier lehren die einfachen Gesetze von Bedarf, von A n g qb o t und Nachfrage, daß solche Befürchtungen des Untergrunds entbehren. Zunächst hat unsere Industrie auf Jahre hinaus reichlich zu tun, um wiederherzu- stellen, was vernichtet, zerschlissen, verbraucht ist. Liegendes und rollendes Material der Bahnen, Maschinen und Gebäude, Waffen und anderes Kriegsgcrüt — auch Granaten werden weiter gedreht — Kleider und Schuhe, alles ist zu reparieren und zu ergänzen. Ebenso bei den neutralen Staaten. Die jetzt feindlichen Brüder werben nach und nach wieder kommen, sie werden da kaufen, wo's ihnen gut und billig angeboren wird, und Geschäfte wolle:: sie alle machen.
Von großer Wichtigkeit ist in wirtschaftlicher Hinsicht die Umwälzung in Rußland! Das russisck-e Reich ist der aufnahmefähigste Käufer und Verbraucher für die Produkte unserer Industrie, wie es der größte Rohstoffproduzent ist. für uns. Diese Verhältnisse weisen auf ein lvirtsckwftliches Bündnis hin, das freilich nicht gut denkbar ist ohne ein politisches Einvernehmen.' Diesem aber mußte seither die Befürchtung jedes freiheitlw, denkenden Deutschen entgegenstebcn, daß die rückschrittliche, reaktionäre Regierungsgewalt ihre Reflexe aus das deutsche innervolittsche Leben werfen werde — eine Befürchtung, die geschwunden ist. nachdem der Absolutismus in Rußland gestürzt ist und liberale Grundsätze — zunächst gleichgülttg, von welchem Grade und in welchem Maße — zur Herrscljaft gelangt sind. — Das deutsche Volk hat mit den: russischen keinen Hader, beide können fricdlick, miteinander arbeiten und, ganz offen gesvrockien, das deutsche Volk hat auch keinen Grund, die Dardanellenstraße der russischen Durchfuhr für alle Zeit versperrt zu sehen. Das Leben der Völker beruht auf ungehemmtem Zufluß und Austausch der Nahrungsmittel .und G e b r a u ch s g e g e n st ä n d e, jede .Hemmung dieses Verkehrs gereicht den Völkern zum Nachteil. —
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Ich habe versucht, die Aufgaben zu skizzieren, die dem Deutschen Volke nach dem Kriege obliegen, meine Zuversicht aber, daß es dieselben wird bewältigen tön,:.:: und >:ß ein geivalnger Aufstieg uns beschieden sein wird, le.ult in der Hauptsache a n f unserem Volt selbst und ans du: Eiwwiruucgu: des gewaltigen Krieges in: nationalen und freiheitlichen Sinne.
Vor den: Krieg war es zerrissen von Partei- und Jnteressen- kämpsen, .zerklüftel durch iinmer schärfer hervortrctmde gesellschaftliche Gegensätze. Die Herrenstände empfanden nicht meb-r die UnAttbelnlcclfteit des gemeine:: freien Mannes, der gemeine Mann begriff nicht mehr die Notiyendigieit der Einigkeit, cr ver:ve:tdete seine Zbrast in: Klasscntämpf. Immer wieder flackerte konfessionelle Uatdu'ldsamkeit entpor und drohte zum Brande zu werden.
Da 7ck,n der Krieg, ein einig! Volk von Brüderngriff zur Wehr, die herrlichsten Seite:: deutschen Wesens, die Qpftr- frcudigkeit, das Vertraue:: der Stände zu einander, die Treue der Witte, für das Vaterland alles hinzu geben, traten hem/
Bon den Taten unserer Krieger kann man nur in Superlative,: sprechen — :lwe Seele lernt der kennen, der sie in den Lazaretten steht. Welch ferner Sinn, welcher lkmeradschastliche oieist, wiche Keimtnis und Einsicht in die nwralisch.m ,md poritischen Dinge tritt einem entgegen. Ich habe schon in: Winter 191 ! r> manckmral niqmmbcu imb auogcspl'vchen: wem: ich nichr längst deiuokraffsch empfände — hier würde ich's lernen. Ta bt:be ich empfunden die Wahrhell des Wortes, „daß des Volkes ärmster Sohn auch sein getreuester ist."
Mögen Junker, die nichts gelernt und nichts vergesse,: habnt unsere innere Einigkeit bekmnpfen, mag eine extreme ftirnppe links zur Seite stehen, an den Narren springt die Vernunft der Vernünftige,: in die Augen: Da s D e u t sch e V o l t ist einig es ist zusammen geschweißt, gekittet mit Blut' in it Not und Tod.
Das deutsche Dol7 ivird auch mündig werden durch dm Krieg: Der Grunds«tz der Gleichheit al! e r vor dem
Gesetz, wird zur vollen Durchfülwung kommen, Vorrechte einzelner Stände, konfessionelle Unterschiede, der B e v o r - :n nndnngsgeist der Bureaukvatie »vird in die Ruinvelkammer tambern — um konfessionelle Dinge wird man nstln mein streiten cne sozialdemofratische:: Arbeiter nstrd man als glerchbereck^igte Staatsbürger anerkenne::. Mit loie großer Genugtinmg ich diese Wandlungen begrüße, kann der fiel* Vorfällen, der sich erinnert Nne :ch für gerecklle BehaM,u:g der Sozialdenwlraten iewei'S eurgetreteu Ich, »vie ich daraus lmnniviese,: habe, daß ein Men«ci' so,verde. wie er belandelt wird. „Man l^ehm,dle ei:um Menschm ' en: Jahr lang gut und er tvird ein guter Me::sch" Dst Politik


