Ausgabe 
17.3.1917 Erstes Blatt
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Nr. ( 5

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Erster Blatt

sör. Jahrgang

pOttschesfentO: KremtsAN a. M. NS8b

eneral-Äyzelger sur Gderhessen

ZM'ingrnmdbnlS «.Verlag: Srühl'sch« Univ.-Vuch- u.Steindruckerei R.Lauge. SchrSstleitnng, Geschäftsstelle «.Druckerei: Schulstr.?.

Samrtag, \ 7 . Mrz M7

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sämtlich in Gießen.

Smikverfehr: Gervervedank Siegen

(WTB.) Großes Hauptquartier, 16. März. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Keir« größeren Kampfhandlungen.

Im A n c r e -Gebiet, beiderseits der Somme zwischen Avre und Oise, VorfelDgefechte, bei denen Gefangene ein-

Sebracht wurden.

Auch bei Ar ras, in den Argonnen, auf dem Ostufev der Maas bei der Chainbrettes-Fe. und im Walde von Apre- mout, sowie nöiDlich des Rhrin-Marne-Kanals gelang es unseren Stoßtrupps, vier Offiziere, über fünfzig Mann und einige Maschinengewehre aus den feindlichen Gräben zu holen.

Oestlicher Kriegsschauplatz.

Bei neu einfetzendem Frostwetter nichts von Vedew-

tung.

Mazedonische Front.

Starke französische Kräfte griffen tagsüber wiederholt unsere Stellungen nordwestlich und nördlich von M o n a st i r au. Westlich von Nizopole drang der Feind in geringer Breite in den vordersten Graben, im übrigen scheiterten die durch heftige Ferrertv-elleri eingeleiteten Angriffe an der vor­treffliche« Haltung der Grabenbesatzung und dem wirkungs- »rffcs Abwehrfeuer der Artillerie.

Zwischen Ochrida- und Prespa-See sind eben­falls nach starkem Feuer erfolgende Vorstöße der Franzosen

abgewiesen worden.

Der Erste Generalquartiermcister Ludendorff.

*

Der Abendbcricht.

Berlin, 16. März, abends. (WTB. Amtlich.)

Im Westen m?i> Osten nur vereinzelt lebhaftere Ge-

feAstätigkeit.

* . *

Die Sensation des heutigen Tages ist, daß die Meldung, der Zar habe abgedankt und sein Bruder Michael sei zum Rsg-enLen berufen worden, verfrüht ist! Bonar Law hat seine frühere Mitteilung, ebenfalls im Unterhanse, selbst be­rüchtigt. Er fügte hinzu, über den Aufenthalt des Zaren sei nichts bekannt. Der Ex-ekutiv-Ausschust der Duma habe jedoch- beschlossen, daß der Zar abzudanken habe. Das ist ganz außerordentlich wichtig und interessant. Vieles, was durch die russische und englische Zensur jetzt zu uns kommt, wird gefärbt, einseitig dargestellt sein. Daß Bonar Law seine erste eilfertige Feststellung, die er mit dem Ausdruck der Befriedigung verknüpfte, neuerdings einschränken und ver­wässern mußte, darf unsere Genugtuung erwecken. Denn es -wird damit, wie auch aus den heute vorliegenden Berichten über die Einzelheiten bei den revolutionären Vorgängen in Rußland klar, daß die Lage in dem Nachbarreich schwieriger und dunkler ist, als es der Entmrte angenehm sein kann. Es ist sehr auffällig, daß man den Aufenthalt des Zaren Niko­laus nicht kennt, und die Befürchtung verstärkt sich, daß da eine Tragödie sich abspielen könnte, an denen das russische Herrscherhaus inrmer reich gewesen ist. In Moskau, so heißt es, dauern die Kämpfe noch fort, und der Sieg der Revolu­tion ist dort noch keine beschlossene Sache. Wenn der Zar -.roch starken Anhang hat, werden die ihrer Ueberlegenheit sicheren Urheber des Umsturzes vor Blutopfern nicht zurück­scheuen. Wie tief es im Volke selbst gährt, wonach dieses Volk, das die Straßenkärnpfe ins Werk setzte urld dann mit der Duma verhandelte, rm Innersten verlangt, das wird sich erst rm Verlauf der nächsten Wochen zeigen. So viel scheint uns sicher zu sein: die Massen, die auf die Speicher der Lady Buchanan einstürmten und die Straßen und Hallen füllten, waren mehr von Hunger und Sorge angetrieben als von vanslawistischen Eroberung sgedankeu. Gs könnten also, und die jetzigen Herren der Lage müßten sich darauf gefaßt machen, ähnlich schnelle Szenenwechsel stattffnden, wie wir sie aus der Geschichte der großen französischen Revolutions­zeit kennen. Diejenigen, die, wie zum Beispiel das Zen­trumsblattGermania", von dem Umsturz in Petersburg nicht viel mehr halten als von einem gewöhnliä)en Kabinettslvechsel, werden sich doch wohl täuschen. Das neue Kabinett Ä)er der Exekutiv-Ausschuß wer wird denn

eigentlich die oberste Richffchnur liefern? haben wenig Zeit zu verlieren. Die allgemeine Not und Wirrnis, die Ungeduld des darbenden, murrerrden Volkes brennt ihnen auf die Finger. Die englische, liberale Tünche, in der wir heute das Bild Rußlands schauen, könnte gar bald einer blutroten Ueberschwxmnnung weichen müssen. Die inneren und äußeren Triebfedern dabei sind nicht weniger stark als in dem Frankreich von 1789. Im Kern wird es sich, nach unserer Ueberzeugung, nicht um eine Kabinetts- und Regie­rungskrisis, sondern um eine Volkskrisis handeln. Vorläufig wird man esschweigend verhüllen, denn die Rachgötter schassen im Stillen". Das Heil Rußlands hängt jetzt nicht von liberalen Reden und Anregungen ab, sondern von der Kraft der Gewalthaber, oie elementaren Schwierigkeiten und Gefahren bei der Fortführung des Krieges zu beseitigen oder wenigstens zu mildern.

Ter österreichisch-ungarische Tagesbericht.

W re n, 16. Mürz. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 16. März 1917.

Oestlicher Kriegsschauplatz.

Nichts zu melden.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Gestern abend stand der Raum von Kostanjevica unter stärkerem Geschützfeinr. Ein darauf folgender Angriff der Italiener wurde vor der Ott'chuft abgeschlagen. Im Karst- Gebiet herrschte rege Fliegertätigkeit. An der Tiroler Front beschossen weittragend feindliche Geschütze Arco und Villa Lagarina.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Am Ochrida- und Prespa-See Geschützkampf und ver­einzelte ftindliche Vorstöße, die vereitelt wurden.

Der Stellvertreter des Chefs des Gencralstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

* * *

Die Meldung von der Abdankung des Zaren verfrüht.

London, 16. März. (WTB. Nichtamtlich. Draht­nachricht.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Im Unter- hause erklärte Bonar Law bei Schluß der Sitzung in Beantwortung einer Anfrage: von der britischen Botschaft in Petersburg sei ein Telegramm eingelaufen, das ftststelle, daß die frühere. Meldung von der Abdankung des Zaren und der Ernennung des Großfürsten Michael zum Regenten nicht ganz genau zu sein scheine. Die Abdankung des Zaren und die Ernennung des Regenten seien noch nicht ausgeführt, obwohl das Exekutiv­komitee einen dahingehenden Entschluß gezeitigt habe. Fer­ner teilte Bonar Law mit, er habe ein weiteres Telegramm erhalten, nach dem der Aufenthalt des Zaren u n - b e k a n n r ist.

Der Aufenthalt der Zarenfamilie.

Amsterdam, 16. März. (WTB.) Tie hiesige Presseagentur meldet, daß sich der Zar im Hauptquartier befindet: die Zarin und der Zarewitsch sind in Kraßnoje Seelo.

London, 16. März. (WLÄ.)Daily Chvonicle" meldet aus Petersburg, daß die Zarin bewacht wird.

Der Umstur; in Rußland.

Die neuen Minister.

Basel, 16. März, (zf.) Die Petersburger Tele­graph en-Agentur meldet die folgende Liste des ireueu nationalen Kabinetts:

Ministerpräsident Fürst Lwow, Präsident der Semstwo-Vereiuigung: >

Inneres: M i l j n k o w, Mgeordneter von Petersburg;

Aenßeres Serenzki, Mgeordneter von Saratow;

Justiz Nekrassow, Vizepräsident der Duma;

Verkehr Konowalow, Mgeordneter von Kostroma:

Handel und Industrie Mannilow, Professor an der Universität Moskau;

Oeffentlick)er Unterricht Gutschkow, Mitglied des Reichsrats, ehemaliger Präsident der dritten Duma, Präsi­dent des Vereinigten Komitees der mobilisierten Industrie;

Krieg (interimistisch auch, Marine) S ch i n g a r e w, Ab­geordneter von Petersburg;

Ackerbau Derestschenko, Abgeordneter von Kiew; Finanzen Godnew, Mgeordneter von "Kasan.

c m -7 o** v « y t u , xu. »wtj. 'ocnyramtirrlL. Der von

der Reichtum« ersetzte V-o l l z i e hu n g s an s schu ß besaht

aus folgenden Per,mren. dem Vorsitzenden der ReichÄruma Rod- * Mtzn der sozialdemokratischen ReiLdumaftaktton Descherdze, dem Führer der Aroetterparrtt Kevenskij, dem Kadttten- suhrer Mchuk^o, dem Angehörigen ber Okwbttstenftullion Oberst Engelhardt, dem Vrzeprch identen der Reichsduma, dem Kadetten Konowalow, dem Kssabenofftzrer Kurculse, dem ersten Rttchsduma- lerrersr Dnttrn ukowo, dem zweiten Reichsdumasekretär RvchewsSj, dem Oltobrastenführer rochidlowskij, dem Köderten Nekransvw. dem Führer« der gemäßigten OktobttsLn Fürst Lwow und dem Führer der lrnken Nattoualisten Schulgm. ^ ^

Laut 'Depeschen aus Haparanda dauern in Moskau die m? Ä - ? e \ß a a 5?^ Ir ^ 0 r . - L Oberbefehlshaber des Moskauer Mrlrtarbezrrkes Wroffowskn lehnte die Unterordnung unter die neue Negrermrg ab und weigette sich, die Gewatt aus den Händen zu geben.

Berlin 1? März. (Priv.-Tel.) DieB. Z. am Mittags meldet ans Stockholm: Der Dnnraabgsordn-ete P e p e l a j e w ^r von den Revolutionären zum Kommandanten der Festung Kronstadt ernannt worden ist, ist im Privatberuf HandLungs- gehüfe, rm MrlrtärverhäLtnis Gefreiter der Reserve. Als Zeit-« Punkt des Beginns der Revolution muß der Montag Mittag bezeich­net tverden; denn gegen cm Uhr waren in Petersburg fast alle offentlrchen Gebäude und die Wohnungen der einzelnen Minister von einer großen Menschenmenge belagert. Vor dem Ministerüna des Innern verweigerte eine gvotze Menschenmenge den BeamLK dem Zutritt.

Petersburg, 16. März. (Reuter.) Die Är bei ber v e liitlet Exekutivkomitee i>er Duma haben eine Uel eremstüinn-^ra er- zrelt, daß eine konj'tiLuierende Vepämmlüng ev&eiuych iueu.cn wll, die auff der Gkundläge des allgemeine» Wahlrechts a wählen ist.

Großfürst Nikolar.

Petersburg, 15. (WTB.) Meldung des Reatr-rsch« Bureaus. Großfürst Nikolai tclegraphiette an Rotz- zianko, daß er im Einvernehmen .mit dem Generalftabsä-es 2l l e x e j e w den Zaren gebeten habe, unter den gegenwärtigen verhängnisvollen Umständen den einzig möglichen Beschluß zu fassen, um Rußland zu retten und den Krieg zu einem erfolgreichen Ende durchzuführen.

Der Vorgang der Revolution.

Petersburg, 15. März. (WTB.) Meldung des Reirter- schen Bureaus. In der Nacht zum Montag wirrde eine geheime Sitzung der Duma veranstaltet. Am frühen Morgen des Montag erklätten verschiedene Gardecegimentec, daß sie auf die Seite des Volkes tteten wollten. Einige Offiziere wurden getötet; andere Regimenter schlossen sich ebenfalls der Bewegung cm. Das Hauptquartier der Artillerie wurde übenoältigt und der Kommandeur getötet. Auch die P e t c r Pauls- Festung wurde genommen und das Gefängnis geöffnet. Die Zitadelle ist jetzt das Hauptquartier der revolutionären Streit­kräfte.

Als die Mitglieder der Duma am Montag in die Sitzung kamen, fanden sie einen kaiserlichen Erlaß vor, der die Sitzungen bis nicht später als Mitte April vertagte. Aber die Parlaments-, führer beschlossen, daß die Duma nicht au sein andergehen sollte. Der Präsident Rodsjanko telegraphiette an den Zaren, diü Lage sei ernst. In der Hauptstadt herrsche Anarchie, die Regierung sei gelähmt. Ter Trauspott von Lebensmitteln und Hcizmaterioch sei völlig desorganisiett, die Unzufriedenheit steige, ans der Sttaße feuerten die Truppen gegen einander. Es sei nollvendig, sostrt je­mand, der das Vertrauen des Landes genieße, mit der Bildung einer neuen Regierung zu beausttageu. Rodsjanko telegrapyierrH die Botschaft zugleich an den Chef des Generalstabes A l e x j e w Ünd an Idie kommandierenden Generale an der F r o n t, die er aufsovdette, ihren Einfluß auf den Zaren zur Un­terstützung des Appells der Duma auszwvend-en. Gegen 1 Uhr kam eine Mordnung der ausrührettschen Truppen an das Duma- gebäude, um zu hören, welche Haltung die Duma einnesnreir würde. Rodsjanko teilte ihr den Beschluß der Duma zugunsten einer Veränderung der Regierung mit und fatemte, daß Ruhe und Ordnung erl-alten werden müßten. Tie Dluna wählte ein Komitee von zwölf Mitgliedern, um die Ordnung ausrecht zu erhalten. Die Mgeordneten der äußersten Rech­ten wohnten der Sitzung nicht bei.

Um zwei Uhr kamen bei der Duma neue Truppen an, ditt mit lebhaften Zurufen begrüßt lnurden. Tie militärische Wachej 'der Duma wurde durch Aufständische ersetzt. Der Offizier der Wache wurde auf der Sttaße verwundet. Um halb sechs Uhr wurde der Präsideirt der ersten Kammer gefangen genommen. Tie Häuser vieler Minister wurden durckpucht. Ter Ministerpräsident Fürst G o l i tz i n telephonierte, daß er zurücktrete.

Die Revolution ave hatte;! sich inzwischen des verhaßten Krestv- Gefängnisses bemächtigt und setzten alle politischen Ge­fangenen in. Frei heit. Ebenso wurden die Frauen be- freft, die sich in Untersuchimgshaft befanden. Das Hauptbu- reau der Geheimpolizei wurde zerstört und sämt­liches Archivmatettal, das sich auf politisch^ Personen und Or­ganisationen bezieht, verbrannt. Abends äußerte;! alle Truppen Pttersburgs, sowohl die Land- als arrch die Marinestrtttkräfte, daß sie sich ckuf die Seite des Volkes stellen. Tnlppcn ans Kcwn- stadt kamen lierüber, um sich der Bewegung anzaMlecstan sie fvaren aber nicht von vielen Ofsizicren begleitet. Tie Straßen sind jetzt sicher. Einige Polizeibnreans sind verbrannt od,w zer- stött, als Racheakt gegen die Polizei, die von den Täcbprn