Ausgabe 
21.2.1917 Zweites Blatt
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Kt. 44

Zwei!» Blatt

Erscheint »glich mit Ausnahme de« Sonntag«.

Verlagen:Sietzener KamiiienblStter" und «reisblatt für den Kreis Hjetzen".

-ostscheittonto: Krantfurt am Main Nr. U686. Vmttverfehr: Sewerbebank Gietzen.

lt»r. Zayrganz

General-Anzeiger für Gberheffrn

Mittwoch, 2>. zebwar \%Z

Zwrlttngsrundorutt und Verlag: Brühl'scheUnwersilätä-Buch-u.Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schristteitung, Geschäftsstelle und Druckerei:

Schulstrave?. Eeschäf.s, leiten.Verlag:

Schriftteuung: 118.

Anschrift für Druht-tachrtchternAnzeigerVießen.

Geburtenrückgang und vevölkerungspoliM.

»n scstMtiivz berichtet t#bm, tagte gefömt noc!»> unraZ.^/2 Uhr mr großen Vorsaale der Landesuuiversttat. eine aus Gießen und Wetzbar gut tesuckste Verßrrnmluug, bk bcn Zweck L^Zruppe Gteßeu-Wetzlar des rhetn-maints-chen Ver- oanoes für Bevölkerungspolittk zu begründen,

führte Prof. Tr. Opitz etwa folgendes ans: ^ mrch 30 Ddonatat des Würgens fühlen Freund und Feind, < £5, des Entschens noch erst: zu erklimmen ist. Unser

gelrebbes^aterlmrd hat sich zu den größten Anstreirgungen empor- gerasft. Dre Anspannung der Kräfte gilt nidyt nur für unsere unvergleichlichen Feldgrauen draußen, die das Unerträgliche für uns ertragen, auch die Heimat muß alle Kräfte ein setzen. All unsro Hanteln und Denken ist beherrscht, und niuß es sein, von dem Gedanken an dre Errrnnerung des vollen Sieges' Zu fold>ec Zeit eme Versandung «u laden zu anderen Zwecken, mag befrenrdeud erschem-n. Doch tst mchts erklärlicher und natürlicher, ja ich wage zu sagen, wichtiger als unsere Llufgate.

Toll ein Organismus Und auch unser Reich ist rot solcher sich gesund .traft lebrosfrisch erhalten, so 'muß ihm hie Kraft zu- gesuhrt werden zur Arbeit und zum Wachstum. Gilt das schon für rtrhige Zetten, wie vielmehr sür diese Zeit, wetm ein so gewaltigeir Blut Verlust, wie wir ihn jetzt erleben, die Notwendigkeit, unzählige Wmrten M heilen, die der Krieg dem Volke geschlagen hat und noch Mägt, erst recht Kräftigung und Stärkung durch junges Blut, durch Hermrreifen frischer Köpfe und Hände erfordert.

Der Krieg rst über unser Volk gekommen, zu einer Zeit, in der es an einer furckstbaren.Krankheit zu leiden begonnen hatte, an der Selbst Vernichtung, die sich ausdrückt in der Furcht vor dem Kinde beim Einzelnen und dem Geb urtensturz

Hohe Zerr aber rst es für unser Volk zur Selbstbehaupttrng. Sclzon

rst es m der Krreg^-eit fotoeif aekomman. daß die Ge^sz-ten an ? m-j.* k - < ..., ^ ,. r , -

Zahl die Sterbefälle in der Heinutt nicht mehr erreichen. R WiWjie physr,^ Fruchtbarkett rst verwrrkt, sondern es

Millionen Anwohner haben wird, während Deutschlands Bevölke- rung brs dahin nur auf 8285 Millionen angewachsen sein wird -'S* ob ein Volk, das im Begriffe ist, im Geburten

Egmrg abwärts zu glecken, den nchttgen Einhalt zu finden, vev mochte Frankreich trotz seines glühenden Parriotismus' nicht zu lojen. Es hat schon eine Rerhe von Jahren gegeben, da in Kant rerch dre Zahl der Gchuüten kleiner war, als die Zahl der Todes laue. Las berechtrgt mrs aber nicht zur Skepsis. An uns Deutschen wrrd es fern zu zeigen, daß wir auch auf diesem Gebiete durch Orgarnlatronskraft und Entschlossenheit etwas leisten können. Die- rst aber unbedingt erforderlich.

.... totr so, daß seit 1908 in Preußen die Zahl der

1?brlrch lebend geborenen Knaben von 673 000 bis 1913 aus jähr- lrch 620 000 gesunken ist. Die Höchstzahl der stellungspflichtigen wngen Männer wird also von 1928 (mit 475 0M) bis 1933 aus 434 (D0 linken müssen. Für ganz Deutschland dürfte sich der zu dhrssall an stellungspflichtigen Rekruten aus-jährlich 65000 belesen. Das Bedenklich dabei ist, daß Rußland einen lahrltchen Bevölkerungszuwachs von 2 Millionen, bei einer Ge­burtenzahl von 44 aus 1000 hat.

Im weiteren uittersucÄe der Redner die Gründe, die die Gefahr der Volks Verminderung verursacht haben. Er kam zu dem Schlüsse, daß die überseeische Auswanderung und die kör­perliche Degeneration dabei keine Rolle spielen, nicht einmal s-o sehr chronischer Alkoholismus, (der!(juty tremrinftert hat. Bon größere' Bedeutung sind schon die verschiedenen Geschlechtskrankheiten, die m den letzten Jahren, besonders seit dlusbruch des Krieges an Bedeutung zugenvmmen haben. Die Ehehäufigkett hat ffch nicht ver­mindert und kann daher auch nicht als Grund angeführt werden. Da aber andererseits aus Statistiken über uneheliche Geburtei' hervorgeht, daß die lveibliche Fruchtbarkeit in der Großstadt und aus dem Lande konstant geblieben ist, so kann' der Rückgang der

ehelichen Geburten nur an dem Willen der Verheirateter,

ohne die Opfer des Krieges geht also unsere Volkszahl zurück.

Wenn nicht ein völliger Umschmu cg einsetzt, )iuD wir als Voll! verloren. Heute kann man den Satz anssprechen, daß eine große stets wachsende Zahl von gesunden und tüchtigen Deutschen die einzige Möglichkeit ist, daß unser Volk und Staat sich auch i Zrckunft behaupten können.

Noch sind aber solche Gedanksr, so wahr sie auch sind, im brerten Volke fast unbekaniit. Ihnen zur Weiter Verbreitung und zur Anerkennung zu verhelfen, aufzuklären darüber, daß nicht Geld und Gut, sondern gesunder Nachwuchs das höchste Gut auf Erden, ja daß sie das einzig wahre Gut sind und zugleich wie das höchste Glück für die Familie, so die bitterste Notwendigkeit für uns alle snrd, zu zeigen, daß nottvendigeriveise ein Volk, daß sich dem Ewig- keitsgedanken abwendet, sich selst durch öden Materialismus zur langsamen Selbstvernichung verirrteilt, das ist die Aufgabe, die uns gerade wegen des Krieges am'Derzeit liegt. Eine zweite Aufgabe ist es, durch praktische Tätigkeit zu zeigen, daß und wie geholfen iverden kann.

Der mit diesen kurzen Aufgaben umschlossene Kreis van Aus­gaben fft ungeher-er groß. Er bedeutet nicht weniger, als eine völlige Umgestaltung der Lebensauffassung wertester Kreise, grundstürzende Blenderungen im Betzoldmtgs- und Steuerwesen und vieles andere mrchr. Bor der Größe der flufgabe den Mirt sinken zu lassen, wäre verfehlt. Unser deutsches Volk hat im Kriege wahrlich gezeigt, daß «S kann, wenn es will und muß. Und wenn die alten Römer und die neuen Fnrnyosen auch an der Aufgabe gescheitert sind, die wir nun stellen, so wollen wir und müssen wir zeigen, daß die so viel gerühmte Ovganisationsgabe und Gründlichkeit der Deutschen inehr letftöt und das vollbringen kann, woran andere Völker ge­scheites sind.

Hierauf sprach Kreisarzt Medizinalrat Dr. E. W a l g e r über Geburtenrückgang und Bevölkerungspolitik und führte etwa sol gendes ans:- l

Ottvohl es sich gera d e in diesem Kvroge gezeigt hak, daß die Masse nicht allein ausftWaggebend ist, sondern daß die moralischen und geistig en Kr äfte stets die Führung behaupten, so kann body der .chrstan d rött rettn, wo geistige urrd ntoralische Ustberlsganhrö die grobe Massenwirkung nicht mehr aufzuheben vermögen. Unser deutsches Volk hätte sich in diesem Kampfe schwerlich behaupten können, wenn seine Bevölkerungsziffer von 1870 an Nicht von 40 auf 68 Millionen an gewachsen wäre. Darum erweckt die Tatsache, daß die Geburten- zaA wie in anderen Ländern auch in Deutschland relativ und abso­lut rasch sckt einer Reihe von Jahren gesunken ist, größte Besorgnis. Während die Anzahl der Geburten im Deutschen Reich auf 1000 Einwohner im Jahre berechnet im Jahre 1895: 37,3 betrug, sank diese Zahl bis vor Ausbruch des Krieges auf 27,5. In einer Denk­schrift, die das Preußische Miwsterium des Innern jüngst über die Ursachen des Geburtenrückganges hat erscheinen lasten, ist auf diese drohende Schicksalsfrage des deutschen Volkes ernstlich hinge­wiesen, da mit einer Abrurhme der Bevölkerung, die bei diesem Ge­burtenrückgang in absehbarer Zeit sich ergeben würde, ein gefähr­licher Wendepunkt für die Selbstbehauptung des deutschen Volkes eintreten würde. Besonders gefahrdrohend ist, daß der Rückgang der Geburten unaufhaltsam fortgeht, daß sich die Geschwindigkeit dieser Rückivärtsbewegung zu beschleunigen scheint und daß zugleich ihre Stetigkeit zunimmt. Der Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle betrug zwar noch 1901: 858 000 und 1913: 834 000, öfter es ist nicht zu vergessen, daß auf die Bevölkerung von 1901 ansaetragen der Geburtenüberschuß 1,5 Prozent betrug, auf die Be­völkerung von 1913 mit 68 Millionen aber nur mehr 1,2 Prozent erreichte: ein guotenmäßig sehr erhebliches Sinken in kurzer Frist. Zu berücksichtigen ist dabei rwch, daß die bisherige Beständigkeit des Geburtenüberschusses nur einem Sinken der Sterblichkeit zu verdarcken ist, wie es vorher niemals erlebt wurde. 30 Sterlüfälle auf 1000 Menschen waren 1870 eine geläuffge Ziffer, während das Jahr 1913 nur mehr eine Sterblichkeitstziffer von 15,3 auf 1000 hatte. Dieses Sinken der Sterblichkeit findet aber seine Grenze, Mhrend für den Geburtenrückgang keine Naturgrenze g^ogen ist. Die Bermehrimg der alten Leute bildet jedoch keinen vollwertigen Ersatz für den Ausfall an Geburten, und dann können höhere Ge­walten eintreten, wie dieser Krieg, die die Sterblichkettsziffer erheb­lich erhöhen. Jetzt schon läßt sich abschätzen, daß uns dieser K^ieg eine große EitÄüße an Gefallenen, sonst der Zeugung entzogenen und vor allem Nichtgeborenen biringt. Die wirtschaftlichen Verhält­nisse nach dem Kriege werden die Erwägungen, die dem Kindersegen gegenüberstehen, vermehren, abgesehen davon, daß mindestens 1 Million Frauen mehr wie vor dem Kriege auf die Heiratsmöglich­keit verzichten muß.

Der Trost, daß der Geburtenrückgang eine allgemeine Erschei- itung bet allen Kulturvölkern sei, ist rricht stichhaltig, da bei den slawischen Nationen der Rückgang kaum zu spüren ist, bei den Ro- inanen nur zum Teil vorharchen, bei den Germanen jedoch recht erheblich ist. |

Statistische Nachweise ergeben auch, daß der Rückgang in der ehelichen Fruchtbarkeit größer ist, als in der allgemeinen Frucht­barkeit. In Berlin betrug die eheliche Fruchtbar-keitsziffer aus 1000 Frauen im Jahre 1875 nickst weniger als 238, 1912 nur 90. Weiter sei erwähnt, daß in Berlin gegenwärtig auf 100 eheliche Erstge­burten nur 74 Zwettgeborene und 44 Drittgeborene kommen. Also ein Viertel der Ehen sind Einkinderehen und über die Hälfte Zlvei- kinderehen.

Die politische Bedeutung dieses Rückganges nstrd klar, wenn man bedenkt, daß das europäische Rußland im Jahre 1940 164

fehlt in den Ehen an dem Willen zum Kind. Ter egoistische Wille zur Beschränkung der Kinderzahl hat, wie Redner weiter ans- führte, seine Untersllitzunq in den Lehren des englischen National­ökonomen ^Malthus und in dem Neumalkhusianismus geffindcn, der die Empfängnis durch künstliche Mittel verhindern will. An dic Verhinderung der Geburten schließt sich die A ft t r e i b u n g, an der schon Griechenland und Rom zugrunde gegangen sind. Leider wett­eifert auch unser deutsches Volk dem Vorbild des alternden Roms nach. Nach Mitteilungen im preußischen ?Ibgeordnetenhause (vom Anfang 1916) hat Zahl der Abtreibungen in einem Jahre die Rekordziffer von 300 000 erreicht und zwar nur soweit es den Be­hörden bekannt geworden ist.

Es muß daher festgestellt werden, daß der Rückgang der Ge­burten sich aus dem Willen erklärt, nicht mehr als eine bestimmte Zahl, oder gar feirre Kinder zu habtzu.

Ms Ursache des Willens zur Kinderbeschränkung führte der Redner an: die Propaganda des Neumalthusianismus, daß Kinder erne Last seien, das Verbot der Kinderarbeit und die Durchffihrung des Schulzwanges, wodurch eine wirffchaslliche Verwerrdung der Kinder nicht mehr möglich ist, die Wvhnungsnot, zumal in den Großstädten, die zunehmeirde Beteiligung der Frau am außerhäus- lich en E rwerbsleben, die mit dem Auf- und Erziehen von Kindern unverträglich ist und die ungenügende Ausbildung der Mädchen, die nt Ftcknuken und Geschäften tätig sitrd, im Hauswesen, der Haus- wirffchaft, der Säuglingspflege, Koch- und Nähkunst usw. Ferner die Schwierigkeit der Lebenshaltung und deshalb späteres Heiraten der Männer, die übertriebene Befürchtntrg, daß das Anderzeugrw die Frauen krank mache, obwohl Schwangerschaft keine Krankhetts- periode ist, ungenügende Ernährung der Säuglinge bei ungenügen­der Sttlltättgkeit, übertriebene Sorge um die Erziehung der Nachi- kommenschaft, die leidenschaftliche Fürsorge nach sozialem Aufstrebcn der Kinder utw nicht zuletzt in der modernen Weltanschaunna, die das Materielle eine erschreckende Macht über unser geistiges Leben gewinnen läßt.

Die großen Errungenschaften be* noturwrssenschaftlichen Zeit­alters können uns nur dann zum Segen dienen, wenn ihnen ein großes Gegengewicht an Seelenkultur und Charaftewstege gegeben wird. Und dieses Gegengewicht wird auch wirksam sein gegen den einseittgen Individualismus unserer Zeit und seine extremen Theo rien des Mutterschutzes.

Was nun zu tun ist. charakterisierte der Redner kurz also: Das Streben nach Gründen der Vernunft, die Fruchtbarkeit zu regeln, ist bis zu einem gewisten Grade berechtigt, durch die Ge- fttttdheit der Frau und die Not der wirtschaftlichen Verhältnisse. Mer es ist Sache des Gewissens. Es gilt d«rs Gewisten zu schärfen. Ferner sind wirtschaftliche Maßnahmen sehr wichttg, wie Reformen in Beamtenrecht und Beamtettüesoldung, Umbau des Steuer­systems zugunsten kinderreicher Familien, Erz iehungs gelber für Kinder, Streben nach Verfrühung der Ehen. Einbehaltung eines Teiles des Lohnes bei Unverheirateten und Auszahlung bet der Eheschließung, bessere Ausbllduttg der weiblichen Jugend für die Ausgaben des Haushaltes. Karnpf gegen die Geschlechtskrankheiten durch Beratungsstellen, Ausbau der Mutter- und Säuglingsfür- sorge, weitere Herabdrückung der Säuglingssterblichkeit, Schutz der unehelichen Kinder sowie Wvhnungsfürsorge urrd Siedlungspolitik.

Geist und Idee bedürfen der Forin, um zu wirken, deshalb ist der Verein für Bevölkerungspolittk öder auch Fmnilienpolitik ge­gründet worden.

Wir bilden uns nicht ent, so schloß der Redner, daß wir nun ein Radikalmittel gegen den Geburtenrückgang gefunden hätten und es würde in kurzem erreichbar sein, dem Heftel zu begegnen. Aber läßt ntan die Tinge so gehen, wie sie gehen, so wird unsere Bvlks- krast eine nicht wi-eder gutzumachende Schwächung erfahren. Helfen Sie alle, mitzuringen um die Seele unseres geliebten deutsches Volkes und unserer Nachkommen, auf daß sie auch uns als ihre Väter segnen, wie wir es mit unserett Vätern tun.

Der bedeutsame Vortrag war außer dent Angegebenen noch vielfach durch stattstisches Material unterstützt, auf das wir leider aus Raummangel nickst näher eingehen können.

*

Anschließend an den Vorttag von Kreisarzt Med.-Rat W a l - ger sprach Frau Professor Vogt über die Stellung der Frau zur Bevölkerungspolittk:

Fast unübersehbar groß und gewaltig steht die Aufgabe der Be- völkerungspolittk vor uns, wett reicht sie hinein in die deuffche Zu­kunft, bedeutungsvoll für das Wetterleben künftiger deuffcher Generationen! Eine kinderfreundliche Wittschasts-, Blldungs- und Sozialpolittk soll einsetzen im neuen Deuffchlartd, und ich kann mir keine Partei denken, die so unbedingt und rückhaltlos hinter einer wahrhaften Bevölkerungspolittk stehrö würde, wie die Frauen. Ihnen sind die Gebiete der Hauspslege, Wohnungsfürsorge, Mutter- tmd Sättglingsfürsorge, des Arbeitertnnenschutzes wohlbekannt, untz besonders die organisierte Frauenbewegung ist auf diesen und vielen! anderen Wegen der sozialen Fürsorge mtt guten Erfolgen tätig ge­wesen, ohne freilich die mannigfachen Hemmungen bcseittgen zu können, die auch sie vorfand,- dazu war Frauenkrart allein zu schwach.

Aber nun soll der Staat auf solchen Wegen tvottdern und er wird rufen, und fteudige Mitarbeit fordern und finden, lind wir ersehnen und erhoffen diesen Ruß demt es ist wohl eine lächerlich^ Taffache, daß die Herren bisher unter sich blieben bei den Berattin- gen von Maßnahmen, für die Rat und vor allen Dingeit Sach­kenntnis der Frau notwendigerweise an erster Stelle zu stehen hätte. Doch das soll ja von jetzt an anders werden! Freilich müssen wir

auch fordern, daß die eirrzelne Frau, mehr als bisher, sich bewußt als Staatsbürgerin fühlt, utrd tttcht tmr das, wenn auch vielleicht frermdlich geduldete Objekt gesetzaeberischer Maßnahmen. Sie muß imstande sein, ihre Mitarbeit unter den Gesichtspunkt des allge- memen Wohls zu fteüeit.

Die Doppelnatur aller Bevölleriutgsvolittk wird uns sofort aor, wenn wir an ihre Wirkung auf die Famllic denken., intb ich lle&e ntcht an, sie für ebenso wulstig, wenn nickst für wickstigec zu halten, als die Arbeit in der Oeffenttichkeit. Wir rufen nach einer ueform des Familienlebens, nach einer Reform des Privallebens überhaupt! Bewußte, freiwillige Einfachheit muß der durch dre KrtegsVerhältnisse erzwungenen Einfachliett folgen. Lv wtrd die Aufgabe^der Gesellschaft zur Aufgabe des rörzelnen Individuums, zum Besten unserer Ktttder. Und weil sie sich nt ihrer moralischen Auswirkung auf die Kinder bezieht, ist wiederum die ^rau m ihrer Stellung als Mutter von der größten Bedeutung, ^-te t>t diejentge, die in den meisten Fällen die Lebenshaltung tnnerhalb, aber auch außerhalb der Familie besttmmt: in ihrer Vand liegt zum größten Teil die Kindererziehung und sie katm deswegen unmerklich die neue Generation dazu besttnrmett, sich mehr dem§ein" mtd weniger demHab^en" zuzuwettden. Frellich es braucht Charakter, um diese bewußte Einfachheit einer üppigen Umgebuitg gegenüber durchzusetzen, es braucht Vevanttvortlichkeits- gefuhl vor der . Zukunft, um unsere Kinder zu anspnrchslösen Menicheu^zu erziehen. Aber ich denke, das ist so recht eine Aufgabe für uns grauen des Mittelstandes, besonders, wenn wir uns vev- gegenwärtigen^ daß unser Beispiel gute oder schlimme Wirkung au3ubt auf die sozial unter ims stehendett Schichten, die so >ehr lteben unsere äußere Lebenshaltung ttachziuahmen. So kann es aljo auch von uns Frauan abhängen, ob das deuttche Volk rm- imnde sein wird, sich aus Materialismus und Sucht nach dem ^chern loszureißert und sich zu erbeten zu wahrer Menschlichkeit!

^ -voch der Entschluß zur freiwilligen Vereinfachung der Lebens­haltung rst auch nur ein Teil der ganzen Ausgabe. Für viele Tausende bedeutet der Friedm die Heimkehr des Vaters ein Herablinken von der bisherigen sozialen Stufe, vielleicht hinab , ' n f lc bitteren Not. Da liegen Hilss>nöglichkeiten moralischest

' oie von verstehenden Frauen nicht übersehen tverden können.

darf Sjie da cnt ein Morl von Riccarde Huch aus ilttstw ^uthcrbuch erinnern. Sie sagt:Ich bete darum, daß Europa a r m wird!" Nun, ich glaube, dies Gebet hat seine Erhörung sch-oit gesunden. Hinter diesen Worten aber steht die Erkchmtnis, daß eme Lebenserneuerung mir daun möglich ist, wchrn wir uns frei niachen können von den egoisttschen Ansprück>eu au das tägltche Leben. Und auch dafür rufen wir nach der 97hutter! Sie wird das Ihrige zu tun wissett.

So senkt sich eine schjwere Doppelaufgate mit der neuen Be­völkerungspolitik auf 'uns Frauen herab, und wir wollen darmtf vertrauen, daß der Staat uns zu .Hilfe kontmt und die Frau dre.vtellöpfige Familie durch eine kinderfrcundltchc Polittk schützen wrrd. Frühe Heirat von gesunden, terufstückstigen Men­schen muß er fördern, den Ausstieg begabter Knabeit und Mädchen durch das Mitte! moderner Schulgesetzgebung erntöglichen. Dertn wir wollen nicht vergessen: Deutschland braucht nicht mir viele, e f.Furcht viele gesunde mtd wohlerzogene Kirtder.

Vielseitig fft die neue Bevölkermtgspolittk, vielseitig muß auch unsere Hilfe sein. Niemand darf zurückstchett, wo cs dte Zukunft des deutschen Vaterlandes gill, wo es gilt, mehr wie früher, aber auch anders wie früher an die Zukunft unserer Kinder zu denken.

An diesen Bortvag schloß sich die Gründung der Ortsgruph« Gießen-Wetzlar in der Zusammensetzung, die wir schon gestern bekanntgegeben haben. NackHittragen ist noch-, daß der Ortsgruppe sofort von ungenannter Seite 10 000 M k. zur Verfügung ge- stellt wurden, um thre Tättgkett wirkungsvoll aufzimehttten, und daß auch bereits andere freiwillige Unterstützungen rötgegangen srnd.

vermischtes.

* Don Juan als Ehemann. ImMercure de France" beschäftigt sich ein Forscher mit der sagenumsponnenen Gestalt des Ton Juan, mtt seiner .Herkunft und seiner Legeude und smht wr allem die Ansicht zu bekämpfen, daß der weltberühmte Verfühver, wie jetzt vielfach angenommen wird, sich durch göttliche Mahnungen zu einem mönchisck-en, frommen Leben bekehrt habe. Der fran­zösische Forscher führt Don Juan auf anderem Wege auf best Tugendpfad zurück, nämlich durch seine Heirat. Schon mit 30 Jahren heiratete er und liebte seine Frau so treu, daß er nach ihrem Tode wahnsinnig lvurde und mit ihren sterblichen Ueber- resten sich in ein Kloster zurückzog. Später, als er nach Sevilla zurückkehrte, ffel er den ttaurigsten Hallunzinattonen zum Opfer: er glaubte, seiner eigenen Beerdigung betzuwohnen und sah auf der Straße eine weibliche Gestalt, die genau seiner Frau glich ater wenn er seine Schritte beschleunigte, um sie zu erreick-eiu begann fie schneller zu laufen, und er meinte, über ihrem Kopf einen Totenschädel zu scheu. In seinem Testament bat er, seine Grabstätte an das Tor des St. Katharinen-Kirchhofs zu legen damit jedermann seinen Körper trete, der unwürdig sei, ttn Tempel Gottes zu ruhen." Und als Grabschrift wählte er für sich folgende Worte:Hier liegen die Knochen des schlimmsten Mannes, der je auf der Welt war. Bsttet für ihn. . , "

Das konzentrierte Licht