Nr. 33
Zweites Blatt
tnti Ausnahme deS Sonntags.
Beilagen: ..«ietzener ZamillenblSItett' und „Llreirblatt fUr den KreU Sietzen".
pastscheckfonto: Zrankfutt am Main Nr. N6S6. Vankverlehr: Sewerbebank Sketzen.
\bl. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhejjen
Donnerstag, 8. §ebruar
ZwillingSrundoruck und Verlag:
B r ü hl'fche UnwersilätS-Buch-u.Steindrnckerei. R. Lange, Gießen.
Zchriftleitnng, GefchSftrstelle und vrnckerei:
Schulstrage?. Geschäf.si'leUe u. Verlag:
Schriftle»tung: 118.
Anschrift für Truhtnachr»chten:AnzeigerDteßen.
Uriegerheimstättenbewegung.
Vvn Dr. rer. polit. Hans Siegfried Weber erhalten wir folgende Zuschrift:
Erst beute kommt mir der Bericht eines Vortrages (Gießeuer Anzeiger Nr. 10, 12. Januar 1917), den Herr Oberlehrer Professor m btrccfer über ,,Kricgerbetmstattcn und Bodenreform" aus Einladung des Frauenstimmrechts Vereins zu Gießen gehalten hat, ui cne Hände. Bei der überaus bedeutungsvollen Frage der Krieger- Heimstätten und bei den ungemein falschen Anschauungen, die hier- ^ber rn den weitesten Kreisen verbreitet sind, halte ich es für meine Pflicht, an dieser Stelle zur Kriegerheinlstättenbewegung das unbedingt Notlvendige zu sagen. Der Vortragende, Dr. Strecker, bewegte sich in seinen Darlegungen vollständig in den Bahnen der Gedankengänge des vom Bunde deutscher Bodenreformer gegründeten Hauptonsschuss-es für Kriegercheimstätten und gab eigentlich nur einige Randbemerkungen zu den Flugschriften dieses Haupt- ausschusses. Dr. Strecker beschäftigte sich auch in seinem Vortrage mit meiner in der Sammlung der „Deutsch .Krieg" (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart) erschienenen Schrift über „Ansiedelung von Kriegsrnvaliden". U. a. sagte er folgendes: „Gerade im jetzigen Stadium der Anig el e g en he^i t, wo es noch nicht die Be ratungen einzelner Paragraphen gilt, sondern darauf ankbmntt, überhaupt erst einmal Stinimung dafüt zu machen und das Be wußtsein für die dringende N otw en d i g keit zu er wecken, daß etwas geschieht, da iist der Ton, den Dr. Weber a n s ch l ä g t, verhängnisvoll, w ä h r e n d sich unter seinen praktischen Ratschlägen sehr Wohl solche befinden, die Beachtung verdienen." Ich unterschreibe an dieser Kritik jedes Wdrt und habe auch heute noch gar keinen Grund, irgendwie etwas von dem in meiner Schrift Gefügten zurückzunchnien, sondern ganz im Gegenteil muß ich das mer Ausgesprochene nur noch stärker unterstreichen.
Damals, als ich meine Schrift, Ende 1915, herausgab, hatte der Dnptausschuß für Krieger he im statten seineerstc ^ o g ü l t i ge Fassung der Leitsätze veröffentlicht., vrw.r • • Millionen von Exemplaren in das deutsche
Volk hmeingeworsen worden, cs haben sich Millionen Familien dem Halchtausschuß für .^üegerheimstätten angeschlossen, doch siehe da, mk Agitation ^war blücklich mit diesen Leitsätzen beendet, da wurden plötzlich neue Leitsätze herausgegeben, die in vieler Hinsicht die stärksten Bedenken, die ich erhoben hätte, beseitigen, aber troßdem noch genügend Raum für lediglich Stimmungsmache haben und alles weniger als aus einer nüchternen Betrachtung der Wirklich!- keit aufgebaut find. Wenn ich auch noch nicht weiß, ob nicht nüch- Üens eine dritte Fassung der Leitsätze für die Kriegerheimstätten erfolgt, so dürfte es immerhin interessant sein, einmal zu zeigen, wie der Hauptausschuß bisher die Bewegung für die Kriegerheimstätten vollzogen hat. Ich kann hier selbstverständlich nicht auf Einzcl- .zeiten ein gehen: nur das Allerbedenklichste soll herausgehoben f verden.
Der Hauptausschuß will unfern Kriegern ein unverlierbares und unverschuldbares Heim für ihre «Fchmilie und für sich derart verleihen, daß der Staat oder die Gesellschaft der Obereigen- tümer an Grund und Boden ist. Tie Kriegsteilnehmer sollen also unter ein Ausnahmegesetz gestellt, sie sollen als Versuchskaninchen benutzt werden, um eine noch niemals in der Wirklichkeit durchgeführte Näaßregel anszuprobieren. Aus der engen Verbindung von Land und Leuten sind letzten Endes die tvertvoll- sten Kräfte für unser Volk ertoachsen, aber diese Verbindung konnte nur deshalb von so großer Bedeutung sein, da das Privateigentum äM Grund und Boden als eine, unentbehrliche Grundlage für unsere deutsche Kultur betrachtet wurde. Wn: an diesen Grundlagen rüttelt, der will den Bau unserer Volkswirtschaft erschüttern und die festen Pfeiler untergraben, ans denen das deutsche Wirlschafls- leben ruht. Ties muß nran sich gegenwärtig hakten, fvenn mau an die Verwirklichung des Gedankens des Hauptausschusses sür.Krie- gerheiinstätten heran geht.
Bei der ersten Fassung der Leitsätze hat der Hauptausschuß noch von der unkündbaren Bodenrente gesprochen und damit klipp und klar das Mgentum am Grund und Boden aufgehoben. In der zweiten Fassung ist von einer unkündbaren Bodenrente gar nichts mehr zu lesen und statt dessen fordern die neuen Grundsätze, daß die Kriegerheimstätte kaustvcise gegen eine vom Heimstättenausgeber an erster Stelle eingetragene Rentenforderung übertragen wird, die nur mit Zustimmung beider Teile und des Reiches ablösbar ist. Unter dem Heimstättenausgeber sind öffentlich rechtliche Verbände und sonstige gemeinnützige Vereinigungen zu
verstehen, die vom Reiche das Recht der Heimstättenausgabe ver- ttehtm bekommen. Der HauptanSschnß begnügt sich also nicht mit 5 £ 111 Preußen zur Anwendung gekommenen Renteugutsbesitz, sondern will ein Neickfsgesetz mit Weiterbildung deS Reutenguts- prnnzips: auf etnws feinere Weise soll mit diesem neuen Nechts- mstimt das Eigentum an Grund und Boden erschüttert werden.
In der ersten Fassung der Leitsätze für die Kriegerheimstätten ift zu lesen, daß jeder Krieger einen A n s p r u ch auf eine Krieger heim statte haben soll. Einen Anspruch runn ich aber auch bekanntlich cinklagen. Woher soll aber das Reich das Geld Erholen, wenn nun mehrere Millionen Krieger olefen Anspruch auf ein eigenes Heim und eigenen Boden erheben? Ich hatte damals geschrieben, loelche Gefährlichkeit in dieser Forderung des, HMlptausschlusses lieg!, lute dadurch Hvffnnnglm in unfern Kttegern getoeckt werden, die später nicht erfüllt loerden kormm. Wenn ich nickst irre, war es auch die Frankfurts Zeitung, die sich damals in ähnlichem Sinne aussprach. In der zweiten » u s s n n g d e r L e i t s ä tz e i st n u n p l ö tz k i ch d e r G e d a n k c des Ans p r u ch es jedes K r i e g e r s a u f eine Krieger- Heimstätte in der Versenku n g rer schwunden. Man h^üe aber, wie ich schm damals hervor hob. mü dieser Forderung des Anspruchs die unheilvollste Propaganda unter Miseren Soldaten entfaltet, so daß späterhin auch der Kriegsminister und der L andimr t sch ft smnriffa r dagegen rargehen mußten. Davon scheint Herr Dr. Strecker gar nichts,zu wissen, wemi er meine Gedanken- gange zurück!mist, die. von sog. gemenrnützigen Unternehmungen sprechen sollen, undwenu er es rügt, daß ich por hochstehenden Männern warne, die sich nur lediglich nnrrmherzig der Frage der Kriegerheimstätten angenommen haben, aber sich um den Gedanken der Verwirklichung niemals gekümmert haben. Ich glaubt ?llo, fvenn Herr Tr. Strecker sagt, daß meine prakttschien Vor- fchlägc Beachtung verdienen, dies auch dahin aufsassen zu können, daß der Hauptausschuß für Kriegetheimstätten diese meine scharfe Krrttr etioae- beachtet kstrt und sie in seiner zweiten Fassung der Leitsätze zu berücksichtigen suchte, soweit er dazu fähig war.
Nun haben die Herren des Hauptausschusses für Kriegerheim- statten auch emsehen müssen, daß man zur Durchführung ihrer Gedankenwelt Milliarden nötig hat, lim 1 den Grund und Boden den Kriegsteilnehnrern zur Verfügu-Np zu stellen. In der ersten Fafsung der Leitsätze wird eine R e r chs ö d la ndi ste u er v v nt 2 Prozent auf alles Privatland gefordert, das seit mehr als fünf Jahren nicht unter dauernder, f o r st w i r t s ch a f t l i ch c r, landwirtschaftlicher oder gärtnerischer Kultur gehalten worden ist. Ich habe damals hervorgehoben, daß eine Oedlandsteuer genau das Gegenteil bezweckt von dein, was im Interesse der deittschen Volkswirtschaft liegt, daß sie ein Hindernis für die Kultivierung und Bebauung der noch brachliegenden Sttecken Landes ist. Ich weiß nun nicht, ob der Hauptausschuß für Kriegerheimstätten sich hier hat bekehren lassen, jedenfalls ist eigenartigerweise in der zweiten Fassung her Leitsätze von dieser Reichsödlandsteuer in gar keiner Weise mehr was zu findein Mer statt dessen greift man seine Zuflucht zu einem überaus bedenklichen finanzpolitischen Experi- ment. Man tvill bis zu 0 0 Millionen Darlehens- kassen scheine ansgeben und alle Spargeldsammelstellen sollen mft einem Teil ihrer Jahre onlagen der .H e i m st ä t t e n b i l - düng dien st bar gemacht werde n. Die Herren vom Hauptausschuß für Kriegerheimstätten haben infolge unserer hohen Kriegsanleihen die Kunst des Mil i iardcnrechnens gelernt und be- denken gar nickst, daß diese Darlehens lassen scheine auch einmal eingelöst werden würden. Der Assignatenfchwindcl ivährend der franzüsisck>en Revolution zeigt eine sabelhaste Aehnlichkeit mit dieser Geldbeschaffung für die .Kriegerheimstätten. Ebenso wie man in der französischen Revolution für Hmrderttausende von Assignaten noch kein Stück Brot bekam, so dürfte t-s auch bei den Darlehenskassenscheinen des Hauptausschusses für .Kriegersin:statten zu- gcheu. Wir können uns nur glücklich schätzen, daß die Finanz- gesetzgebung des Deutschen Reiches nicht in den Händen des Hauyt- auslchusses für Kriegerheimstätten ruht!
Das eine dürfte sich aus meiner Gegenüberstellung der beiden Fassungen der Leitsätze des Hauptausschusses für .Kriegerheimstätten ergeben, daß hier eigenartigerweise dreimertel Jahr lang mit Lettsätzen herumgearbeftet wurde, die lediglich getreu der früher ausgesprochenen Notwendigkeit des .Herrn Tr. Sttecker darauf hinaus laufen, Stimmung ftir die Kriegerheimstüttenbewegung zu machen. Gegen ein derartiges Verfahren kann m. E. nicht scharf genug vorgegangcn werden. Es bestand hier nicht vaeine Absicht, die. Lösungen für die Fwage der Ansiedlung von .Kriegsinvaliden
anzugeben. Tie ?knsicdlnng von Kriegsinvaliben l)abe ich näher behandelt in meiner obeir angegebenen Schrift, und die Frage der .Kriegerheimstätte in der Zeitschrift für Agrarpolitik (Zeitschrisr des Deutschen Landwirtschaftsrats), Jahrgang 1916 Nr. 4 und
im GrnndstückS-Ävchiv Iahrg. 1916 Nr. 18.
Die Frage der Ansiedlung von K'riegcrn würde doch
letzten Endes bei. 10 Millionen Männern, die ,im Felde
stehen, darauf hinaus laufen, die Ansicdluug in Stadt
und Land vollständig umzugestalten. M. E. wird mail auch hier nicht, wie es dar HMiptausschllß für Kriegerhtün- stätteu will, mit der Vergangenheit vollständig breck>cn dürfen, sondern organisch 1 »eiterbauen auf der Grundlage, die bereits ge schaffetn wurde. Vttm tvird eme Verbcsscruug der Wolmungsver ' hältnissc in der Stadt anstreben und man nürd vor allen Dingen die Dermekfrunb des Landvolkes, das der Ilmgbrmmen ft'kr unser deutsches Voll ist, durchführen durch eine großzügige innere Koto- nisattoil, vue sie Preußen vorbildlich in Angriff genommerl hat durch die Ansiedllmgskvmmission und auch durch die für die Einzel- provinzen unter Beitritt des Staates gegründeten Landesgesell- schäften. Das ist der Weg, den eine Kriegerhnmstättenbeivegung zu beschreiten hat.
Es ist aber wirklich an der höchsten Zeit, sieb über die unwirklichen (bedankengängc des Hauptansschusses für Kriegerheimstätten und der daraus hervorgegangenen Bewegung die nötige Klarheit zu sckmften. Das ist ja doch gerade die Aufgabe der Wissenschaft, daß sie nickst einer ernsacki vorhaMeilen Stimmung nachgibt ^ und nachlanft, sondern Klarl>ett über die Probleme zil schassen sucht und auch ihre prakttsche Tnrchsüüruug ius Auge faßt. Ich kann nicht verstehen, wie Herr Tr. Strecker es als Hauptsache ansehen farm,. Sttimirung für die Kriegerheimstätterwewegung zu machen und die Frage ihrer Bernürksichung erst, in zweiter Liuie zu betrachten.
Aus Stcrdt sind Land.
Gießen, 8. Februar 1917.
" A ir s z e i ch n u n g. Rechtsanwalt Lind, der als Unteroffizier im Osten stebt, erhielt im Januar die Hessische Tapfer- keitSmedaille. — Vizefeldwebel Römer von hier erhielt im November das Eiserne Krerlz 2. Klasse und wurde am 15. Januar zum Leutnant der Reserve besördert.
Landkreis Gießen.
U 2ang-G 3nS, 7. F-ebr. Dem Assistenz- und Bataillons- arzt Ph. Frey, Sohn des Landwirts F. Konr. Frey II., wurde da« Hessische Sanitätskreuz verliehen. Dos Eiserne Kreuz wurde ihm bereits schon verliehen.
Kreis Alsfeld.
d. B e c n f c t b, 8. Fehl:. Inl Bettiebr^ der nahen Grube Hedwig", der sogen. „Eiseukaute", verunglückte am Ic&ten Samstag der Motorfahrer Jchhaimes Magel von hier. Er wurde durch den M>cstor an Kopf und.Brust schlver gequetscht, so daß er mehrere Stunden beivußtlos lag und man das Leben dos jungen ManneS fürchten mußte. Nun befindet pr sich wieder aus dem Wege der Besserung.
ie. Ni edcr-O hmen, 7. Febr. Hier merke unter großer Beteiligung der Gemeinde der älteste Eimvohnar nuferes Dorfes, der Laudfoirt Adam Kratz, M Grabe getragen. Binnen kurzem hätte der alte Mann, der körperlich und geistig noch Verhältnis-' inähig reckst rüstig und in fernem langen Leben nie ernstlich krank war, seinen 96. Geburtstag feiern können.
Kreis Schotten.
z. AuS dem oberen V o g e l 8 b e r g , 7. Febr. Der Winter ist jetzt mit einer solchen Strenge und Kälte ausgetreten, wie sich selbst die ältesten Leute eines glekchen nicht zu erinnern wißen. Seit einigen Tagen scheint man sich am Nordpol zu befinden. Den höchsten Kältegrad hatten rvir in der Nacht von Sonntag ans Montag, 17 Grad Reaumnr, zu verzeichnen. 14 bis 15 Grad waren seither jede.! Morgen zu verzeichnen. Dabei webt ein etstger Ostivind. Viele Mühlen sind eingefroren und stehen still, ebenso manche Wasserleitungen, Holz- und Kohlenvorräle werden knapp.
Kreis Wetzlar.
R. Hörnsheim, 7. Febr. Dern Vne-Wachtmeister Otto Schneider wurde daS Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen; die Hessische Tnvferkeitsmedaille erhielt er bereits früher. O. Schneider ist der Schiviegersohn unseres Geineindevorstehers Dnrk und Sohn des Postagcnten Karl Schneider in Lang-GönS.
wiener Uriegswinter.
Man schreibt uns aus Wien:
Die Stadt ist jetzt von Liner nie erlebten Schönheit. Weiß und weich gepolstert mit Schneedecken, Schneekissen, die halbmeter- lwch auf den Dächern, Bürgersteigen und Fahrbahnen liegen. Eine Schneekapuze trägt jede Gaslaterne, eine Schne-ehaube jeder Prellstein. Die weiche, wollige.Decke ttinkt allen Lärm in sich. Still ist die Straße, man fühlt sich tveit fortversetzt in eine ft eine verschneite Provinzstadt oder in längst zurückliegende Zetten. Ti: Gemeinde konnte die nötigen Reinigungsarbetter nicht aufbriug'u, „das weiße Geld" der Schneeschaufter lockte — trotz wesentlicher Erhöhung — nicht mehr an, settdem in Werkstätten und Fabrit'.'u jede freie Hand mit Gold ausgewogen wird und Wochenlöchie von 60 uird 60 Kronen auch! für Frauenarbeit nichts Seltenes mehr sind. So liegen längs des Fahrdammes ganze Schnechügel aufgehäuft. Wer sie behindern nicht weiter „den Verfahr", den es beinahe gar nichst mehr gibt. Ein Automobil ist nun !vie vor einem M enschenalter eine beunruhigende Smsation, Luxus fuhrwerke sind verschwunden, aber auch Lastsahrzeuge sind rar geworden, denn die Erhaltung eines Pferdes, das heute den horrenden Kurs von 8000 und 4000 Kronen nottert, kostet im Tage' 10—15 Kronen. Kohle, ein wichtigstes Lebensmittel in diesen Tagen, rvird nicht niehr ins Haus zuaestellt, und so sieht man namentlich in den minder bemittelten Bezirken — als typische Figuren des Kriegsiviuters auf allen Straßen und Gassen Frauen, alte Männer, ftciue Kinder mit braunen Säcken aus dem Rücken, in denen sie den kostbaren Wärmespender von den Kohlenlagern an den Bahnhöfen der Nvrd- und Nordwestbahn oder aus den Magazinen der Händler nach Hause schleppen. Man spart, wo und une man kann, im Großen und im Kleinen. Tem Verbot der Schausenster-Beleuclftung ist die Verlöschung der großen elektrischen Straßen-Bogenlampen gefolgt, nur die blind verschneiten Gaslaternen brennen noch, aber auch nur mehr bis zur 9. Abendstunde, dann wird die Hälfte von ihnen erloscht, und die Straße liegt im schummrigeu Helldunkel.
Ter Krieg ist aus einem jubelnd mitreißenden Erlebnis eine harte, ichwere Arbeit geworden, die täglich ihre neue Aufgabe fttüt und täglich durch Anspannung aller Energie bewältigt sein ^ .-dennoch sind immer noch einige — eine kleine, aber geld- machtige Partei — da, dis das strenge Gesetz der .Kriegsbeschränknng nicht einhalten wollen. Ta werden immer noch die Preistaxen 6^vlsfenlos überschritten, die Karten Vorschriften nicht beachtet, Fleisch an fleischlofen Tagen gegessen. Bor einigen Monaten berettS !-at eine polizeiliche Kontrolle im Villenviertel des 19. Bezirks, im Cottage zu Massenbesttafungen wegen verbotenen Fleischgenusses 6esührt, eine ganze Reihe von Strafmandaten im Betrage von 2000, 3000, 4000, 6000 Kronen sind ergangen. Aber sie
nützten ebenso wenig toie die unerbittliche V^estrafung^ der Preistreiber, der llebertveter anderer Leb^.nsunttelvorschristen, und so hat der Stadtli-alter für Wien und Niederösterreich verfügt, daß alle Preistreiber, alle Fleischesser an fteischloseu Tagen, alle Brot-, Mehl-, Fett und Zuckerbezieher ohne Karte in den Zeitungen und an der Amtstasel geprangert werden sollen. Dir erste Straf- liste ist nun dieser Tage erschienen, und .... sie enthält sämtliche Feinbäcker ersten Ranges. Die Konditoreien der „Gesellschaft" auf dem Graben und dem Kohlmarlt, Demel und Gerstner, fehlen ebensowenig wie die sozialdenrokratischen .Hammerbrotwerl', kleine Bäcker in den Vorstädten ebenso wenig ivie die großen Fabriken und Lupnsgeschäftc in der inneren Stadt. Die Sttafcn sind recht empfindlich, sie gehen in vielen Fällen bis zu 3000 nnd 5000 Kronen. Trotzdem scheinen sie noch immer nicht tiart genug zu sein, und man mrd^nne es in Prag bereits geschehen ist, einen Schritt weiter: zur Sehlicßung .dieser unbotmäßigen Geschäfte, gehen müssen.
Immer, immer noch suchen die Wenigen den Geboten für Alle sich zu entziehen. Es ist von einer bösen Diode zu berichten, die zur Flucht von den Nahrnngsmittelbeschränckungeu in der „Gesellschaft" gegenwärtig grassiert: man^wird ganz einfach krank. Das fxunt: Man macht einen ftcinen Schlacasfenlandsansflng in ein Sanatorium: Bllttarnmt, nervöse lleberrciznng . . ., Mastkur G Wer es hat, kann es sich Leisten, und braucht nickst einmal gar zu viel zu haben^denu die Sanatorien verpftegen bereits für 50 Kronen im Tag. Dabei gibt es weder „Katten", noch zugemessene Rationen. Es herrscht völlige Eß- und Trinksreiheit für den, der es hat, und es Habens so viele: die Sanatorien der Stadt, in Baden, Vöslau, aus dem Senimcring sind überfüllt von solchen Kranken, die ihr schwerer Geldsack drückt. ?lber schon sprickst man davon, daß demnächst auch unter ihnen fürchterliche Mrsterung gehalten werden soll. ' H. W.
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Tic Uraufführung v o n Georg Kaisers „Bürgern von Calais". Aus Frankfurt a. M. schreibt nmn uns: Durch Auguste Rodins gewaltiges slöerk ist die in der Froissartschen Chronik geschilderte Oieschichte der Bürger von Calais in weiterem Kreise bekannt geworden. Ein seine eigenen bedeutsanren Wege wandelnder deutscher Dichter, G e o r g K a i s e r, hat sie in einem Bühnenspiel aufgegriffen, um eine Reihe von Zügen vermehrt und zu einem Drama von starker Innerlichkeit gestaltet, das im Frankfurter N c lr e u Thea t e c unter Direktor Hellmers Leitung seine erfolgreftHe UrausMrung erlebte. Englands König — nach der Chronik ist eS Eduard III., bei Georg Kaiser nur einfach: der englische König — steht mit mächtigem Heer vor Calais und heischt seine Uebergabe. Die französische Armee ist vernichtet, die Stadt schier wehrlos gegenüber dem gewaltigen Feind. Um des Hafens von Calais willen versichert der
König von Englcmd, mit der Stadt glimpflich zu verfahren, wen, sechs ihrer Bürger freiwillig im Getvand des Büßers, barhäuptig und unbeschn'ht, den Strick im Nacken, sich ihm ausliffeiu. dann ec tue mit ihnen, was ihm beliebt. Wider solches Angebot bäunM sich die Bürger auf und mit dem französischm Hauptmann gelobei sie. ^treu ausznharren, den Briten zum Trotz. Da tritt Eustach de Loarnt-Prerre, einer der reichsten Einwöhner der Stadt, vo seine Mitbürger. Tie Aussichtslosigkeit eines bewaffneten Wider ßandes ihnen vorstellend, verlangt er, sechs sollten sich berei erklären, dem englisckfen König willfährig zu sein, sechs Bürge ans freien Sttickcn, um das große Werk der Bewohner twn Calais den .Hasen, den sw unter Hingabe aller .Kräfte geschaffen, vor den sicheren Untergang zu bewahren. Und als erster gibt er selbst seine, Willen zur Tat kmrd. Das Vorbild wirkt Wnnwr uiid alsball sind sechs weitere Männer versammelt, um mit ibnr für di Hermatstadt sich zu ovsern. Sechs aber sind nur gefordert, unH Eilstache bestimmt, daß der unter ihnen Freiheit und Dasein be halten inöge, der anderen Tags beim ersten Ton der Glocke zu letz auf deur Marktplatz eintrifst. Sie kommen alle in der Frühe de' neueii Morgens. Nur Eustach? de Saint-Pierre seblt, und' mar findet rhn> der freiwillig vorangegangen, entseelt im eigenen Hause bte sechs sich anschicken, aus ba Stabt zu gehen, läßt der Könü voll England ihnen verlünden, er wolle, da ihm in dieser ^?ach em L>ohu geboren worixm, um des neuen Lebens willen teil, Lebeii vernicht?u. Calais mrd sein Hafen sollten ohne Buße oori der Zerstörung gett-ttet sein. Ter Leichnanl Eustack? d ? Sa int^ Pierre aber wird in der .Ktt'che stehen, in der der König vor, England seine Gebete verrichten will Dieser soll, so spricht der Erste der gewählten Bürger Calais', vor seinem Uebcrwinder knien. ... Man versteht, aus was es Georg Kaiser ankommt. Es geht ihNl um den alten Gedanken edelste,' Opserbereitschaft. Ihm hat er alles untergeordnet, um seinetioillen verzichtet er auf eine ausgeprägte dramattsche Durchdringung des Stoffes. Der erste Akt bat sein-? sichere Steigerung, inr letzten dritten, da Zweifel die Bürger anwaudelt. flammt noch einmal starkes dramatisckies Leben auf —, sonst ist das Bühnenspiel Msdeutung der tragenden Idee. Diese allerdttrgs erfolgt in einem Werk von starker rhpthmi- schcr Wucht, von ttefleuchtender sprachlicher Schönheit. Die Dar' stellung wurde mit hingebungsvoller Sorgfalt dem Ernst der Dichtung igerecht. linier den Mitwirkeuden seien die Herr,m K l ö p s e r aus dem Neuen Theater, W e n d t vom hiesigen Schau- spielliaus und Ehrle vom Darmstädter Hoftheater besonders genannt. Tie Aufnahme des Werkes war nicht stürmisch, wobl indessen äußerten sich in dem starken Beifall Anerkennung mrd Wärme, für die der anwesende Dichter mehrfach sich bedanttm fbinrtc.


