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Lr. 15 Zweites Blatt
Erscheint M-Ii ch mit Ausnahme des Sonntags,
167. Jahrgang
Beilagen: ..Siehener ZamilienblLtter" und „Areirblatt für den Ureis Gießen".
PeAche«Nonto: Frankfurt am Main Nr. U686. Vankverkehr: Gewerbebank Gießen.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejjen
Donnerstag. J8. Januar I9XZ
Zwillingsrunddruck und Verlag:
Brüh l'sche Unwersitäts-Buch-u.Steindruckerel,
R. Lange, Gießen»
Zchriftleitung. Geschäftsstelle und Druckerei:
Schulstraße?. Geschäftsstellen. Verlag:
Schristleitung: 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: AnzeigerGießen.
Uriegsbriese aus dem Osten.
Telegramm unseres zuiü Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Dif Kämpfe an der Riga-Front
Das Gefecht bei Mangal.
Mitau, Anfang Januar 1917.
In der Nacht vom 4. zum o. Januar ging bei ziemlich starker Kälte ein heftiges Schneegestöber über Kurland nieder. In den Stellungen vor Riga war nicht die Hand vor den Augen zu sehen. Trüben, bei den Russen, die dicht vor ihrem Weihnachtsfest standen, herrschte völlige Ruhe. Man lvar eben im .Stellungskrieg an der „stille:: Front". Tie Linie wird in der Hauptsache durch aufgesetzte Brustwehren von dicken Baumstämmen gebildet, dazwischen sind Unterstände, di? durch Balkendecken Schutz gegen Artillerie- Wirkung geben sollen. Hinter der Linie stecken feste und sehr saubere kleine Blockhäuser Eine Rückenwehr besteht an vielen stellen nicht. Tas Trahthindernis ist breit und bid>t. So führt von der Straße Mitau Riga eine ununterbrochene Waldstellung durch den Forst und die kleinen 'her-einragenden Zipfel des Tirul-Sumpses. Nordwest lick? Mangal wird die Sunrpfzunge breiter: dann von der Düne südlick des Babit-Sees koinmt die feste Dünenstellung und die starke Position ans dent Kirchhof von Wismann.
In dieser etwa 30 Kilometer langen Front standen die Posten und suchten, wie iede Nacht, das Borgelande mit den Aühen zu durchdringen. Dichter fiel der Schnee. Die Nacht war ruhig. Nur das Fallen der Schiwelasten vor: zu stark niederge-, bogenen Zweigen war zu hören. Ta setzte an der Straße Mitau— Riga die Artillerie ein, von weiterher klang auch? starker Ge- sch.ützlärm Gleichzeitig aber waren die Russen mit starken M- teilungen in Schnechemden vor dem deutschen .Hindernis. Alarm! Die Stellnngsbcfatznng raste an die Brüstungen, die Maschinengewehre begannen zu hämmern. Tie Russen verschwanden im Schneegestöber, und viele Tote und Verwundete ließew sie vor und in dem Hindernisdraht zurück.
An drei Stellen hatten sie aber doch in die Stellung dringen, können. Bei Buobai, an einer gefrorenen Sumpfstelle im Wald. Das Regiment warf mit Reservetrnppen im Nahkampf die Ein- gedrungenen aber sofort wieder hinaus. Alle neuen frontalen An» grisse schlug die Truppe gleichfalls ab. Die Lust, nach Sndosten aufzurollen, um die Straße Mitau — Riga zu gewinnen, verging den Russen vor der Haltung des Regiments, dessen Führer übrigens einmal in einem historischen Aiigeiiblick eine Rolle gespielt hatte. Ihm hatte der Kommandant von Nowo-Georgiewsk, Bobhr, bei der Einnahme den Degen übergeb-en. Alle weiteren Vorstöße von kleineren Abteilungen gegen diese Front, ebenso wie die mehr oder nrinder Demonstrationscharakter tragenden Stöße gegen den Brückenkopf von Dünhpf, dem Gelände von Kekkau, und dem Streifen nahe der Küste westlick? von Schl-vk wurden glatt abgeschlagen.
Es blieben noch am 5., mittags,'die beiden anderen Einbruchsstellen südöstlich und nordwestlich von Mangal. Die bei Mangal selbst stehenden Kompagnien hatten die etwas später einsetzenden frontalen Angriffe mit sehr schweren Verlusten für die Russen abgeschlagen, als die Meldungen von beiden Flügeln kamen, daß die Russen durch seien und man bereits Flankenfeuer bekäme. Der älteste Kompagnieführer — ein bekannter Breslauer Schauspieler — ließ darauf die Flügel ein wenig umbiegen. Er holte sich seine Offiziere zusammen: „Man svird uns nicht im Stich lassen. Wir haben noch genug Patronen. Unter allen Umständen halten. Nachmittags um 3 kommen wir wieder zusammen." Das Telephon nach Skangal rückwärts war noch in Ordnung. „Wahrscheinlich wird Sie eine Sendung Munition noch erreichen. Die Russen nähern sich von Südosten der Straße Diskup—Mangal." Bei einem Anruf, eine halbe Stunde später, kam keine Antwort mehr. Inzwischen wurden neue frontale Anchftffe abgeschlagen. 4 Uhr. „Wenn von Skangal Gewehrfeuer anfängt, treten die Reserven in den Kämpf." Man hörte plötzlich anschwellendes Jnfauteriefeuer im Wälde hinter sich. Dann würde es wieder still. Mach zählte die Patronen. Es wurde 1/25 Uhr. Es war finster; später war voller Mondschein. Die Schüsse aus den Flanken nahmen zu. Bon Skangal her war nichts mehr zu hören. Die Kompagnien hatten sich schon unter dem seitlichen Druck bei Mangal gesammelt. Durchbruch! Man kam gegen Mangal vorwärts. Eine russische Abteilung kam aus einer Lichtung. „Ergebt Euch! Hände hoch!" die 25 Mann wurden gefangen mitgeführt. I
^ Inzwischen, waren ein Gardebataillon und andere Kräfte zum Teil mit Kraftwagenkolonnen nach vorn gebracht imd zu beiden Seiten, der Straße Diskup—Mangal angesetzt worden. Bei hellem Mandl ick t geriet inan im Waldgefecht Mann gegen Mann aus 20 Schritt. Die Reserven gingen stürmisch mit hervorragender Entschlossenheit vor. Der Wald bei Skangal zeigt, wie gut sie schossen,
er liegt dicht voll russischer Leichen. Um 7 Uhr waren die Brustwehren erreicht. Die Russen suchten sich zu halten. Es kam zum Nahkampf mit Bajonett und Handgranaten. Ein Teil der Russen ergab sich, der Rest versuchte über die Waldblößc hinter den Stellungen, den dichten Wittd jenseits der Lichtung, zu entkommen. Maschinengewehre und Schützen schossen die Flüchtenden auf der weißleuchtenden Fläche zusammen. Die meisten fielen noch im Hindernis, die andern auf dem freie:'. Feld dalpnter. Eine KLttc von Toteft liegt bis zum jenseitigen Waldrand
Am 6. Januar wurde die Einbruchsstelle irordöstlrcb Mangal eingeengt. Die Russen verstärkten ihre Artillerie und beschossen natürlich besonders heftig den Rand der Einbruchsstelle. Die nördlichen Anschlußtruppen schlugen alle Angriffe ab und suchten sich gegen Süden abzuschließen. So konnte am Abend des 6. ein deutscher Erfolg gebucht werden: 1300 Gefangene, darunter 16 Offiziere, mehrere Maschinengewehre waren eingebracht worden. Bis aui eine kleine Lücke war die Stellung wieder geschlossen, die russischen blutigen Verluste waren ungeheuer. Freilich, die deutschen Trupven hatten in diesem Gefechl bch Mangal auch ihre Käaft angespannt,
imd der Russe war an Stellen weit überlegen.
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Am 6., morgens, fuhr ich über Diskup zu den wiedcrgenomme- nen Stellungen bei Mangal. Tief verschneiter Tannenwald. Nach dem großen Betriebe der Ansahrtsstraßc, aus der Schlitten hinter Schlitten^ fuhr und die großen Lastautos ratterten, kommt die Waldstraße vor Skangal wie ein heimliches, vergessenes Waldidvll einen: vor. Ta liegen diesersten Gewehre am Weg, die ersten russischen Toten: sie liegen bald dicht im Waldgelände und dichter in dem schmalen Graben zur ^Linken der Straße. Einer der vielen Totcmvege. Ta liegt ein junger Russe, iwch im Anschlag sitzend, gegen eine Brücke gelehnt, der Kopf ist noch gerade, als sähe er zum Feind. Bon Norden hm schütter: Artillcrielärm durch I)ic klare kalte Luft. Näher zur Stellung liegen deutsche Tode. Sanitäts- mannschastcn arbeiten ihre schnüre, traurige Arbeit. In der Stellung sieht es wüst aus. Wie die Russen es fertig bekommen, in so kurzer Zeit diesen unglaublichen Schmutz und Unrat zurückzulassen, ist ihr Geheimnis. Tie neue Besatzung ist dein:, Aufräumen. Sie haben doch um: in schwerem Nachtgefecht gestanden, diese jungen Gardisten. Aber sie sind doch recht guter Dinge für die Umstände. „Wir haben es eben geschmissen." Außerdem, hier ists augenblicklich herrlich. „Die dicke Luft fängt erst etwas weiter nördlich an." „Wie wars denn?" frage, ich einen Gefreiten aus der Altmark. Das feste, frische Gesicht, altmärkisches Bauerngesicht, strahlt auf: „Wir griffe,: sie an und schmissen sie durch den Wald. 20 Meter Büchsenlicht." Dann wird das Gesicht ernst: „Schwere Nacht, verdammig, schwere Nacht." " •
Bon einem Maschinenbewehrftand kann man in das Vorgelände sehen. Da liegen die Russ-an in dichten Hocken. Ein Maschinengewehr dazwischen. Vorn bewegen sich noch ent paar Verwundete und werden unruhig, wenn der Kanonendonner zur Linken an- sckwillt: ,,Wir holen sic heute nacht", sagt der Posten neben mir. „Jetzt gehts ja nicht." Unaufhörlich peitschen Jnfanterieschüsse durch die Luft. Die Russen würden das barmherzige Werk an ihren eigenen Landsleuten jetzt nicht dulden. ZuwÄlen kommen gräßliche Schreie aus der Lichtung.
Wir gehen rfteiter nach links. Es ist richttg, hier ist dicke Luft. Dicht neben der EnAruchsstelle hauen die russischen Granaten ziemlich lebhaft in den WÄd. Eine Birke fällt hinter uns über die Brustwehr. Drüben am anderen Rand der Walds^peise hinter den dichten braun-grauen Zweigen der Gebüsche stehen fckft unbeweglich bramre Schatten. '
Es wird rasch dunkler. Man bereitet sich vor, die Lücke ein Stt'ick zu verkleinern. Die Artillerietrimmt zu. Der Mond kommt hoch. Tiefe, schwarze Schatten liegen jetzt im Wäld.
Aus dem Rückweg treffen wir einen Mann mit drei.Russen. „Die wimmelten sich so an uns 'ran. Nu solle se wenigstens das Maschinengewehr weiterttagen." Der eine Russe, ein hünenhafter Sibirier, ttägt ein russisches Kavallerie-Maschinengewehr über der Schulter. Er grinst über das ganze Gesicht. „Je nun, man trägt, was man nicht ändern kann," sagte einer,der Umstchenden. Der Russe trabt mit dem Gewehr und Ladestreifen weiter.
Die Kalte nimmt zu. Der Schnee schimmert blau-weiß durch den Wald.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus 5t«6t und Land.
Gießen, 16. Januar 1917.
Gedenket der hungernden Vögel!
** Aus dem Stadttheaterbureau. Tie morgigL Aufführung des Lustspiels „De- siebente Tag" von Äbanzer und Welisch, ist die letzte des hübschen Werkes und es sei daran erinnert,
daß die in bester Besetzung gebotene flotte Ausführung in deft bisherige:: nicr Vorstellungen stets lebhaftesten Beifall gesund«, hat.
Landkreis Gießen.
*' Alten- Bus eck, 17. Jan. Reservist Sigmund Blondheim. 11. Bayer. Jnfanterie-Regt. Nr. 81. Sohn des MetzgerS- A. Blondbeini, erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
C.B. Großen-Buseck, 17. Jan. Der Landsturmmamr Karl Dörr, zurzeit bei einer Munitionskolonne im Osten, wurde-' als Aellester der Kolonne mit der Hessischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet. Sein Sohn befindet sich schon seit der Karpathenschlacht in Gefangenschaft.
F. C. Lich, 18. Jan. I.: diesen: Jahre sind 400 Jahre ver< flössen, seitdem die hiesige M a r : e n k i r ch e fertiggestellt und geweiht wurde. Sie ist an der Stelle, wo die alte Stiftskirche fuh befand, die mau abgetragen, errichtet. Im Jahre 1864 wurde das Innere der Kirche nach den Angaben Hugo von RitgenS rneuert.
A Watzenborn, 17. Jan. Ter jüngste Ächn Pfarrers, der Sichrer Theodor Sommerlad, de: als Landi stürm mann bei einem I n fcrntc r ie^ste g: n: cn t über ein Jahr ut Galizien kanrpfte, ist zun: Gefreiten befördert und den: Ersatz-, Bataillon :n Worms überwiese:: worden. Vor ,einer nnlrtär: scheu Einberufung wirkte er über drei Jahre als Lehrer an der rrchiu-l* zu Nidda.
Kreis Büdingen.
p. dl i d d a , 17. Januar. Das Ve r e l n s l a z a r c t t vorft Roten Kreuz, das hier in Krafts Saalbau eingerichtet war. ist bis aut unbestimmte Zeft ^schlossen worden, weil es in letzte:- ;^ei1 sehr schwach belegt war. Tie Insassen wurden teils ihren Eriatz- Bataillonen, teils einem Lazarett in Bad Nauheim überwiesen-s 70 Zentner Speisetartofteln verkauft die Lazarcttverwaltnng an; hiesige, nicht ganz versorgte Einwohner gegen Bezugsscheine, den Zentner zu l Alk. Auch gab sie 30 Zentner Weißkraut nnjd Wirsing und Rotkraut, den Zentner zu 6 Ml. ab. Dennoch bleiben so reiche Vorräte an Nahrungsmitteln, daß der Betrieb bei dem- nächstiger Wiedereröffnung des Lazaretts und voller Belegung int* gestört weiter erfolgen kann.
Kreis Friedberg.
:: P o h l - G ü n S , 18. Ja»:. Pionier Otto Z ö r b, der kürzlich das Eiserne Kreuz sich erwarb, erhielt nuninehr auch die Hessische Tapferkeitsmedaille — Die Verdienstmedaille erhielt der Armierungssoldat Konrad S ch e p p II.
Hessen-Nassau.
F. C. Frankfurt a. Al., 17. Jan. Ter Landesansfchnß genehmigte dei: Vertrag mit dem Rhein-Maünfchcn Verband für Volksbildung über die Errichtung etucr L i ch t b i l d o r s a n: m lnng und wählte in den Llnsschnß La>idesl,auptu:am: Krekel in Wiesbaden, Stadtschulrat Proleßor Tr. Ziehen i>t Frankfurt a. M. und Fortbildungsschulleiter Ducke r in Linrburg.
Fc. Wiesbaden, 17. Jan. Die Königliche Regierung, Abteilung für Kirchen- und Schulwesen, regt an, da sich in diesem Fnrhjahr ein empfindlick)er Mangel an Arbeitskräften in den landwirtschaftlichen und gärtnerischen Betrieben bemerkbar machen wird, die stärkere Heran^ehung der Jugend ins Auge zu fassen und früh^ zeittg vorzuberetten. Sie will die bisher lose Vereinigung voft Sckstilern zu gelegentlicher Sammeltätigkeit oder gelegentlicher land°< wirtschaftlicher Hilfsarbeit in der Form von ständig zur Verfügung; stehenden o r g ai s i e r t e n S a m m e l - und H e l f c r k o l o n neu möglichst mit Einschluß auch der Schulentlassenen sestzufügen. Vor allem erscheint in Gegendien mit gemischt landwirtschaftlicher und industtieller Bevölkerung, namentlich in den kleineren Städten, eine Zusammenfassung der nicht berefts regelmiäßig in der Landwirtschaft beschäftigten Kinder erforderlich. In Frauenstcin bei Wiesbaden wurde ein Ausschuß nebst Kolonnen bereits gebildet. Dort sind auch prakttsche Vorbereitnngs- und Hilfsdiensttage mit Erfolg abgehalten worden. Die Königliche Regierung verspricht sich neben der Einrichtung der gesetzlichen Hilfsdienstpflicht manches von dieser freiwilligen Hilfsbetättgnng der Jugend nicht nur für den Rest der Kriegszeit, sondern auch für die folgende zur tteber- leitung in die Friedenswirtschaft voraussichtlich erforderliche Ucbcr-- gangszeit.
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Geschichten von Alber! Memann.
Als die Deutschen sich 1864 endlich gegen die Bergewalttgung des stammverwandten Schleswig-Holstei:: durch Dänemark erhoben hatten, da wollten die Engländer, die sich ja stets als die rücksichtslosen Polizisten des Festlandes aufgespielt haben, das nicht zugeben und richteten eine drohende Protestnote an die dent schien Regierungen. In der Oper zu Hannover wurde an dem Abend, als dieser Gewaltakt bekannt wurde, Marschiners „Templer und Jüdin" gegeben. Tie männliche Hauptrolle sang der junge Heldentenor Nremann. Ta plötzlich bei seiner großen^ Arie trat er vor, und mit kühner Improvisation ließ er mit seiner Riesenstimme den Satz in den Saal hinernschallen: „Du stolzes England, schäme TiclZ" Begeistert jubelte ihm das Publikum zu und verlangte gegen das Theatergesetz so stürmisch! sein Erscheinen, daß er noch einmal hervortrcten mußte. Viele Dankschreiben gingen ihm nachher zu. als die Geschichte, die jedem Deutschen zu Herzen sprach, bekannt wurde, und der 9kome des Sängers war znm erftenntal in aller Munde. Seitdem hat sich! Albert Nremann durch seine:rn- vergleichlichen künstlerischen Leistungen einen Ruhm erworben, der in der Geschickte der deutschen Bühne im Zusammenhang mit dem Sieg des Wagnerischen Musikdramas immer fortleben wird. Tenn Niemann war das Ideal des Sängers, das sich der Meister ersehnte und das beute allgemein anerkannt ist. Wenn wir aber diese kleine heut wieder so akttrelle Episode, die den Künstler zuerst populär machte, erwähnen, so geschieht es deshalb, weil sich, sein leidenschaftlich losbrechewws Temperament in solch plötzlichen Entladungen an: stärksten offenbarte^ Auch Niemann hat den Dornenweg des Anfängers in seiner Künstlerlaufbahn durchmessen müssen: nichts blieb dem jungen Manne erspart, der aus der Maschinenfabrik, durch die schlechten Vernrögensverhälttnsse des. Vaters gezwungen, zur Bühne ging. Bei seinem ersten Anstreten in Halberstadt blieb er in den paar Worten seiner Bedientenrolle stecken und mußte unter Gelächchcr des Publikums die tveltbede nt enden Bretter verlassen. Tann fristete ec sein Leben durch Rollen- anssch reiben: sein erstes Auftreten in Berlin war ein gänzlicher Mißerfolg. Trotz dieser Widrigkeite:: aber hat die Einzigartigkeit seiner Erscheinung, die Urgelvalt seiner 9Latur von Anfang an die Aufmerksamkeit der K'enner auf ihn gelenkt. Sein Genie brach sich durch, so. schon während seiner Dessauer Lehrzeit, wo ein einziges Wort als Hauptmann im „Propheten" ihm den stürmischsten Beifall eilttrug. Als er dann in Hannover für den plötzliche erkrankten Heldentenor in letzter Stunde als Masaniello eintrat, ixt war der große bleibende Erfolg da, der ihn rasch auf die
Höhen der Kunst uttb des Lebens hob. Schon durch sein Aeußeres war Nremann als ein Liebling der Götter und Menschen gekennzeichnet. Mtt seinem herrlichen Wuchs, seinen unvergleichlich edlen Bewegungen, dem wundervollen Ausdruck seiner Augen bot er das Urbild des altdeutschen Helden, und für seine unverwüstliche Körperkraft brauchte er andere Beschäfttgung, als das Theaterspiel ihm bot, das edle Waidwerk ltrtb die Fischerei. Spielen imb Zechen und ab und zu auch ein gehöriges DreLnschlagen. Mochte er :roch, so eine große und schwere Rolle haben, er ging doch bei Sturm und Wind aus die Jagd oder stand mit KÄrouenstiefeln im Wasser und fischte Forellen. Seine Zornausbrüche waren von Intendanten, Kollegen und Kritikern gleichermaßen gefürchtet. In Hannover wurde er einmal zu einer vierwöchentlichen Haft verurteilt, weil er in gereizter Stimmung dem Kapellmeister den Hut vom .Kopfe geschlagen hatte. Er verbrachte diese un-! fteiwillige Muße in einem höchst „ftdelen GefänMis", von dem sich die Hantwveraner noch jahrelang zu erzählen wußten. Zu der gebietenden Würde seiner Hünengestalt gehörte auch sein schöner Vollbart, den er als eine Art Talisman betrachtete und an den er kein Schermesser heranließ. Niemanns Bart spielte in der „Nie mann-Epidemie", die durck, ein Vierteljahr hundert in Deutschland herrschte, eine große Rolle, und er war mit den von ihm dargestellten Rollen so e:rg verknüpft, daß man sich, jahrzehntelang Taunhauser und Lohengrin nicht bartlos vorstellen konnte. Als Niemann den Parsifal spielen sollte, ging das Gerücht, er werde sich^ dazu den Bart abnehmen lassen; er sollte gesagt haben ü „Für den Meister lasse ich! mir nicht nur den Bart, sondern auch die Nase abschneiden." Tiefes Gerücht rief aber schmerzbewegte Proteste seiner Verehrerinnen hervor. So königlick;> und stolz, wie Niemamr auf der Bühne gewandelt, hat er sie verlassen. Eines Abends, nach einer Vorstellimg von „Tristm: und Isolde", in der er noch einmal die ganze brausende Leidenschaft imb den übermenschlichen Schmerz seiner .Kcmst in diese Gestalt gelegt hatte, sagte er nachher, wie beiläuftg zu den Kollegen: „Heute abend babe ich Schluß gemacht." Er sollte damals zum erstenmal den Siegfried in de: „Götterdämmerung" singen und damit seine Darstellung des Nibetungenrrnges krönen, da sagte er kurz vor der Aufführung ab. Er bedurfte nicht der Sensationen und des Erfolges, wie andere. d:e nur Schauspieler sind. Wie Shakespeare ging er im Vollbesitz seiner Kraft von seinem Werk, und ähnliche Gefühle einer über allem Irdischen stehende:: Reife mögen ihn beseelt haben, wie fte der Ächter im „Sturm" ausftedrückt.
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n Notstand, Wucher und Fürsorge in alter Zert. Aon schweren Hungersnöten und ivirksamen Mitteln, mit denen man in alter Zeit Wucherern beizukommen wußte, erzählt Antvn Capella rn ernem Beitrag zum 7). Band der „Bibliothev der Unterhaltung und des Wissens" recht :nteressant unter anderem MvenbeZ -. Die heutige Oel- und Fettn« kanntti: auckn vergangene Zeiten. Damals brannte man Talglich,.ter, die im Herbst und Winter um so nSttger waren, als man zwölf und dreizehn Stunden arbeitete. Im Jahre 1575 trat, w:e schon früher, großer Mangel an Lichtern ern: trotzdem dre Lichterzieher große Vorräte an Unschlitt bo, iHMlbtM fte dve Preise immer l>öher. Da gütliche Mittel nichts wrder den Wucher halfen, setzte der Rat der Stadt Nürnberg euren Amtmann über das Unschlitt und gebot den Metzgern bei lwtieir Strafen, nur an die Stadt ihre Rohstoffe zu verkaufen. So entstand das große Unichlttchairs. Im Januar wurde Wastel Pennas. „w^ker lmndtsfleisch ftir schaffleisch verkmifte." mit dem Sttang blT*rinrr int ^70 nötigten die Stadtverwaltung,
^ ,crf 5 i} a * ,rc 1pätn ‘ viele Gegenbeft E. ,'ftmgeld auf das Getreide zu legen Tie vier vererdibten .ltadtpchen Einnehn:er. welchc oas Umgeld ans Wein ernzunehmen batten machten mit den Wirten insgchÄ «Wh^ (Vemerndeverwaltung um eine Tonne
^uner wurden vom Henkersknecht ans der E. Ritten gestrichen; am Tag daraus wurden allen dw Zeigefn^er der Lckwnrhand vom Henker abgeschlagen. Achtzig ^bn ^uwmmen 14 000 Gulden an die Stadtkasse be- Todesjahr des Meistersingers Hans Sachs. l:eß der Nürnberger Rac mitten aus dem Markt ernen hohen hölzernen Pranger mit einem breiten Fußtritt u:rd zwe: Halseisen autrichiten und bekannt geben: Daß
alle, sowohl Manns- als Weibslente, welche sich erfrechten, Fleisch, w dwd, lorwr auch grüne Gartenfrüchte, als w- v Kohl, K^ut und Zwiebeln, den Käufern, nicht
^ abgeben und ke:n Kupsergeld dafür annehmen lvollten Sil™" OM" stellt und :n die Halseisen geschlossen werdetr sollte:: siebzig ^>ahre spater, in allgemeinen schweren Krica-^
lmitten, wurde am 12. Leptember der Pranger wieder am gleichen »erorbnet^ab auch die Bauern und (Mrtnnl Gemuse uich anderen Nahrungsnnttel zu teuer ve?- kcmften imb bannt Wucher treiben wollten, daran gehest^
zufrieden; „Nn> '"' dies Nrtttt da„ wucherische Gmrndel alioglerch dermassen in , . S*
muffen/' 1 ^ mmt baöün ^ keinen Gebrau machen


