Nr. 8 ZVektes
Erscheint täglich mit VuSnayme de« Sonntag«.
Beilagen: „Giehentr ZamiliendlStter" und „Nreisblatt für den Kreis Sieben".
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Blatt
167. Zatzrgang
ener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhesfen
Müooch, fü. Zmmar
Zlvillingsrunddruck und Vertag:
Br ühl'scheUniversitätS-Buch-u.Stund- ckerei. R. Lange, Gießen.
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Schriftleitung: 112.
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Galatz.
Um in Friedenszeiten von Braila nach Galatz zu kommen, setzt man sich ganz einfach in einen der hübschen Flußdampfer, und in kaum einer SMude tragen einen die mächtigen Donauwellen bis hin nach Rumäniens Hafenfestung Galatz. Die Eisenbahn dagegen mackft einen weiten Umweg und führt bei der Station Barbosch am Sereth vorbei, bis sie schließlich bei Galatz nlündet. Die ganze Gegend ist eine einzige Sumpfniederung. In der Nähe von Barbosch erweitert sich ein im Sommer oft ausaetrockneter Back), der zürn Sereth hinabfließt, zu einem schilfdurchwachsenen See, der den ganzen unteren Teil des westlich von Galatz liegenden ziemlich breiten Taleinschnittes von Calica in Sumpf verwandelt. Dickft bei dem Bahnhof von Barbosch steigt ein großenteils von Menschenl)änden aufgetürmter Berg steil, festungsäh:ilich empor. Das sind die vom Volks- munde „die Wmerschanzen von Barbosch" genannten Vorwerke, und zahlreiche altertümlicl)e Münzenfunde scheinen dem Volksglauben recht zu geben. Die Römerschanzen beherrschen die ganze Umgebung, das Serethtal, die Douau, die Eisenbahnbrücke von Barbosch nnd die Landstraße, die hier in ziemlich stellem Gefälle das Hochplateau verläßt. Die Rumänen Hab«: gnte Gründe gehabt, gerade Galatz zu einem starken FestungsPunkte ausznbauerr, denn auch unmittelbar vor der Stadt ist das Gelände für den Angreifer besonders unangenehm. Bon Norden her wird der Zugang zu GcrKch von der die Stadt beherrschenden Hügelkette versperrt, jener Hügelkette, die sich, teils sanft, teils schroff ansteigend, mit dem Berg lande zwischen Birlad utij> Pruth vereinigt. Nordöstlich aber von der Stadt geht die sumpfige Donauniederung in den über zwei Quadratm eilen großen Bratischsee über. Galatz selbst gewährt von weitem einen ganz malerischen Anblick, der sich aus dem terrassenförmigen Aufbau der Stadt ergibt. Erhebt sich der kleinere niedrig gelegene Teil der Stadt nur tveuige Meter über den: Spiegel der Donau, so steigt die Oberstadt bis zu einer Höhe von mehr als 70 Metern ans, und die Straße»:, die die Unter- von der Oberstadt trennen, folgen iit oft steilem Auf und Ab den Windungen der zerrissenen Lehmfelsen, die hier die Fortsetzung des Calicatales bilden, die zuerst den Lauf des Sereth bis zu seiner Mündung begleiten, um sich dann dem Donaustrom zu nähern. Will man einen Gesamtüberblick über die Stadt haben, so tut man am besten, wenn man die höchste Erhebung des westlichen Stadtviertels, der „Mahala", ersteigt. Dann bietet die Stadt mit ihren zahlreichen Türmen, Häusern und Gärten ein wuittrervvlLs Bild von südlicher Farbenpracht, aus dem besorckxrs die Kuppeln mit ihrem kräftigen Blau das Auge zu fesseln wiffen. Wer diesen Rundblick genießt, wird von Galatz ganz begeistert sein, steigt er aber nachher hinunter von der Höhe in die Stadt hinein und sieht sie sich genauer an, dann erkennt der Westeuropäer mit Entsetzen, daß er sich in einer richtigen, schmierigen, orientalischen Stadt befindet. Die etwa zwei Dutzend Kirchen haben mit Ausnahme der armenischen kaum etwas Eigenartiges, eine gleicht in ihrem dürftigen Aeußeven der catoeren, und die zahlreichen stattlichen Gebäude, die von der Höhe aus sich so prächtig crusnahnren, lassen bei näherem Zuschauen ihre Verwahrlosung erkennen. Sie passen gar nicht in bas schmutzige Elend, das dem Straßenbild den Charakter gibt, sie stehen da als Zeugen einer glänzenden Vergangenheit, jener einstigen Blütezeit von Galatz, als die Stadt Freihafen war. Das Leben von Galatz aber wurde mit einem svchlage gelähmt, als im Jahre 1883 der Freihafen lvieder aufgehoben wurde, und überraschend schnell sank Galatz zurück in das öde Dasein einer rumänischen Provinzstadt. Ans der glücklichen, aber nur wenige Jahrzehnte dauernden Glanzzeit stammen auch noch die warenhausartigen Ge
schäfte, die für die Reisenden, die in den siebziger Jahren) des vorigen Jahrhunderts Galatz besuchten, eine viel bestaunte Sehenswürdigkeit bildeten. Aus dieser Blütezeit rühren auch noch die großangelegten Hasenanlagen von Galatz her, die für den heutigen Einfuhrhandel viel zu geräumig erscheinen. Am wohnlichsten sieht es noch in dem eigentlichen Geschäftsviertel aus, wo fast ausnahmslos deutsch-jüdische Kaufleute wohnen, die es verstände»: haben, ihren Häusern wenigstens einen leichte-: Anstrich von europäischer Kultur zu geben. Holperig und schlecht ist überall das Pflaster, am schlimmsten aber in jeneru Stadtteil, der sich im Süden, dort wo die Straße nach Bvcrila sich abzweigt, an den Donauabhängen hinzieht. Da ist ein Wirrwarr von jämmerlichen, hüttenähnlichen Häuser»:, lichtscheuen Spelunke^ von übelriechenden Gassen und Gäßchen, die bei Regenwetter vollsbcnchig ungangbar werden. _
Aus Stadt und Land.
Gießen, 10. Januar 1917.
•' Amtliche Personalnachrichten. Uebertraqen wurde am 5. Januar dem Lehrer Phil. Ellrich zu Gau-BischoiS- heim, mit Wirkung vom 1. Januar 1917 ab, eine Lehrerstelle au der Volksschule zu Jügesheim, Kr. Offendach. - In den Ruhestand versetzt wurden: die Lokomotivführer Adam Linder und Ludwig B e st zu Bischossheim, der Zugsiihrer Friedrich Spengler zu Darmstadt, der Rangiermeister Jost K r i ch d a u m zu Gustavs-- burg, der Eisenbahnuuterassistent Valentin Reis zu Biblis und die Bahuhofsausseher Kaspar Seim zu Stockheim a. Nh. und Johannes Niedern höfer »u Ortenberg, sämtlich in der Hessisch- Preußischen Eiseubahngemeiuschast, aus ihr Nachsucheu, vom I. Jan. 1917 au. — Vom G r o ß h e r z o g ivurde dem Lokomotivführer Adam Linder aus Anlaß seiner Versetzung in den Rpheslano das Silberne Kreitz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
** Kreis-Obst- und Gartenbau-Verein. Am Sonntag, den 7. Januar l. Js. fand im Restaurant „Felsenkeller" die Hauptversammlung des Kreis-Obst- und Gartenbau-Vereins Gießen statt. Den Hauptpunkt der Tagesordnung bildete der Vortrag des Garteninspettors Junge aus Geisenheim über das Thema: | „D er Früh g e mMjleb au und dessen Schädlingsbe^ kImpfung." Die dlüsMhruugeu. des Redners fanden: bei der über 100 Personen zählenden Zuhörerschaft, unter der auch die Damen recht zahlreich vertreten waren, dankbarste Aufnahme. Herr Junge »vies vor allem aus die volle Ausnutzung jedes Stückchen Landes zur Airpflanzung von Gemüsen hin, bannt gerade in diesem Jahre, wo die Kartoffeln knapp seieir, die Bevölkerung sich mit Gemüse reichlich ernähren könne und der Aushungerungsplan unserer Feinde durch attseittgje tatkräftige Mitarbeit eines iebeit zu Schanden würde. Die Devise mjstsse also heißen: Baut Gemüse an und die sich hieraus ergebenden Frag«: WAren die, wiie sorgeis- wir für eine gute Ernte, was ist hierbei hauptsächlich zu berücksichtigen? Auch nach der Gemüseernte müsse unter allen Umständen für Aufbewahrung Sorge getragen und jedes Konservenglas zn diesem Zwecke verwendet werdeir. Eine der Hauptbedingungen beim FrühgenÄsebau sei die möglichst rasche Entwicklung der Pstanzen nnd ihr Grund sei eine gute Sorte und sachgelmäße Kultur. Der Redner ging hier des Näheren aus die Art und Weise der Pfanzung usw. ein und erläuterte leicht verständlich die einzuschlagendei: Wege, um den Anbau van Frühgemüse recht gewinnbringend zu gestylten. Dann ging er ans die Gemüsearten sÄbst ein uni) behandelte der Reihe nach den Anbau von Spinat, Mangold oder Römischen Kohl, Salat, Frübkarwsfrln, Zwiebeln und HiÜsenfrüchtcn. Zuletzt wies er auf den Ban von Kohlgenrüse hin und teüte da die empfehlenswerten Sorten auf Grund gemachter Erfahrung«: mit. In verständlichster Weise erklärte der Vortragende die Schädlinge der Frühgemüsekultur und deren Bekämpfung und deutete an, daß gerade aus diesem Gebiahe in unseowr Kindelrn ein gutes Werkzeug zu erblicken sei, um diesen Schädlingen ernstlich zu Leibe zu gehen. In der jetzigen Zeit sollten und müßten auch die Kinder und wer. sonst irgendwie zur Verfügung, mithelfen, wto eis n,ür gehe, damit die Sicherstellung der Nahrungsmittel auf den besagten Gebieten vollzogen werde, wir in froher Zuversicht in die Zukunft blickest könnten nnd dereinst doch die Siegespalme aus dem gewaltigen Ring«: hervodtragen vermöchten Nachdem der stellvertretende Vorsitzende, Stadtverordneter SKmon, dem Redner seinen und
I den Dank der ?lnwesenden abgestattet hatte, wies Oekonomierat Spieß-Friedberg auf den rechtzeitig zu bewerfftelligenden, vielleicht vereinsseitig zn regelnd«: Düng er bezug hin. Nach den erfolgten Rechnungsablage, Feststellung des Voranschlags und einer Gegenseitigkeitsverlosung für die Vereins Mitglieder! schloß der stellvertretende Vorsitz«:de die Verhandlung mit dem Hinweis, daß in den betten kommend«: Monaten in Grünberg und Lich je eine ähnliche Tagung des Vereins stattfinden solle.
** H indenbn r g-M a uer. Wir weisen hierinit nochmals aus den morgigen, Donnerstag, den 11. Januar, abends 71/2 Uhr. in der neuen Aula stattfindend«: Lichtbilder-Vortrag hin. Die für nachmittag anberaumte Scmdervorführung für Schüler fällt aus. Ferner wird noch besonders darauf aufmerksam gemacht, daß auf Wunsch der Universität der Beginn des Bortrages aus 7 3 /* Uhr verlegt ist, demzufolge die Oesfnung der Aula erst 7 l /i Uhr erfolat.
H Beschlagnahme. Bestandserhebung und Enteignung von P r 0 s p e k t p f e i f e n a u s Z i n n von Orgeln und freiwillige Ablieferung von anderen Zinnpfeifen, Zinn-Schallleitern ufio. von Orgeln und sonstigen Mnsikinstrumenten. Nr. Ll. 1./12. 16. K. R. A. Am 10. 1. 17 ist eine neue Bekanntmachung in Kraft getreten, die neben einer Meldepflicht eine freiwillige Ablieferung, aber auch eine Beschlagnahme, Enteignung und Einziehung von vollständig ans Zinn bestehenden stummen nnd sprechenden Prospektpfeiien, d. h. denjenigen zilmernen Orgelpfeifen, die in: Prospekt einer Orgel — von außen sichtbar — nntergebracht sind, oder waren, oder noch eingebaut iverden sollen, vorsieht. Alle näheren Einzelheiten ergeben sich ans dem Wortlaut der Bekannt- machunqeu nnd den AnsführungSbestimmungen, welche die init der Durchführung beauftragten Konnnunalbehörden erlassen. Die Veröffentlichung erfolgt in der üblichen Weise durch Anschlag nnd Abdruck in den Tageszeitungen, außerdem ist der Wortlaut der Bekanntmachung bei den Bürgermeistereien einzusehen. Betreffs der Ersatzsrage sei erivähnt, daß bereits vor dein Kriege die durch die Bekcmutmachung betroffenen Orgelpfeifen durch das billigere, aber für bei: hier in Frage konnnenden Ziveck gleich gut brauchbare Zink ersetzt wurden- Ein großer Teil der Prospektpfeisen ist sogar ohne weiteres entbehrlich, da die Orgeln auch dann bennrchar bleiben, wenn diese Prospektpfeifen ausgebaut und nicht sogleich ersetzt iverden. Ans besondere»! knnstgeiverblichcn oder knnstgeschicht- liche»: Wert, der durch behördlich eingesetzte Sachverständige sest- znstellcn ist, wird die erforderliche Rücksicht genommen iverden
Landkreis Gießen.
O Torf-Gill, 10. Jan. Weg«: Einberufung des bicsi- g«: Vorsitzenden des Ortsausschusses für RotcS Kreuz unb Kriegs- Hilfe fallt) hier seinerzeit keine Sammlung für die hessische Ost- preußeuhilfe statt, da sich nicn:ai:d der Angelegenheit augenomm«: hatte. Sie tvurde nun in der vergangenen Woche nachgelwlt und ergab die Sunrme von 254,80 Mk.. tvelche der Kreiskasse zu Gießen übenviesen wurde.
** S t e i n b a ch, 9. Jan^ Wegen tapferen Verhaltens erhielt Ludivig Haas, Sohn des Schlagmüllers Friedr. Haas hier, die Hessische Tapferkeitsmedaille.
Kreis Schotten.
n. Schotten, 10. Jan. Eine recht segensreiche Einrichttarg hat der Verein „Lehrerheim Vogelsberg" dadurch getroffen, daß er in seinem in der Nähe vo:: Schott«: gelegenen Erholungsheim allen heimatlosen Urlaubern kostenlos Unterkunft und Verpflegung gewährt. Diese Heimatlosen, die aus diese Weise für die Dauer ihres Urlaubs-eine angenehme Heini- stätte finden, sind tdils Leute, die gar fmie dkngehörigen mehr ihr eigen nennen, teils sind es Mannschaften, deren Heimat in den besetzten Gebieten des Elsaß liegt. — Die zum Teil schon seit Beginn des Krieges im Felde stehen, ohne Urlaub nehmen zu können. Sie tvußt«: einfack) nicht wohin. Daher begrüßen die Soldaten. die nun von ihren Regimenteri: teils durch Bernnttlnntz des Hessischen Landesvereins vom Roten Kreuz nach dcnc hessischen Lehrerheim beurlaubt iverden können, diese Einrichtung mit großer Freude und Dankbarkeit, zumal sie auch nach ihrer Abreise von dem Verein stets iwch mit Liebesgaben bedacht werden. Unter den jetzt im Heime weil«üwn Heimatlosen, denen nachträglich auch noch eine hübsche Weihnachtsfeier veranstaltet mflirbe, befinden sich (unter alleren auch vier Leute von dem hessischen Reserve-Jnfanterie-Regiment Nr. 116. Tie erforderlichen Mittel werden durch eine von dem Vorsitzenden des Vereins, Lehrer Ludwig Dern, Offenbach a. M., in die Wege geleitete Sammlung aufgebracht, uich dieser ist auch zu jeder Auskunft bereit.
Das Reinhardt-Gastspiel in Zürich.
Zürich, den 5. Januar.
Urrter ungeheurem Andrang der KuNftfreudigen begann gestern das Gastspiel des Deutschen Theaters unter Max Reinhardt in Zürich. Es war ein Ehrentag deutscher Kunst. Keineswegs nur Züricher Publikum füllte das Theater; auch aus der Welsch- und Südschweiz, aus Genf, Lausanne und Lugano tvaren, vom Weltrufe dieses Tcheaters gelockt, Neugierige gekommen. Des Griechentvagikers Orestie wurde vor atemlos gespannter Hörerschaft abgewandelt. Dies Werk des Aeschylus, das man mit seiner ungeheuer realistischen Abmalung bluttger Geschehnisse leider nicht unmodern nemren kann, kam fcu tiefster Wirkung. Wie ein Teppich, aus Fackelrot, Beühieb und Dodesschrei gewirkt, wurde die grausige LaÄ)schaft von Argvs vor uns hingebrettet. Im Hintergrimd brannte Troja, urrd vor unseren Augen stürzte der Sieger Agamemnon ins Berraternetz. Fort zeugte das Böse in Atreus Geschlecht, über dem ermoibeten G«nahl sanken Ehebrecherin und Ehebrecher zusammen, eingeflammt vom Stahl des Rächersohnes.
Die Aufführung des 'Deutschen Theaters war ein einziger großer Höhenzug mit mehreren Gipfeln. Die stärkste Ueberraschung bot Maria Fein, deren Kassandra ein loderndes Gefäß seherischen Wahnsinns war. Nicht den Bewegungen entsprang hier die Raserei, sondern eu:em von Schicksalspfeilen wundgelchossenen Herzen. Mit ihr zusammen ist Her min e Körner zu nennen, deren Argiverkönigtt: übermenschliches Maß mikbrachte. au die Zvklopenmauern mykenischer Burgen gemahirend. Und nun M 0 i s s:! Die lange Zeit der Theaterentwöhnung hat dem Lkünst- ler nichts angehabt. Mit jener glockenreinen Jntonierung, j«:er beseelten Vokalisation, die man von ihm gewölptt ist, sprach er Orest und spielte ihn hinreißend. Er wurde als Bruder Elektras, als Sohn des erschlagen«! Vaters, als Vedroher und Mörder der aufschreiendeu Mutter, als sortgepeitschter Wahnsinniger gleich vortrefflich. Im Abstand, aber lobend seien g«:annt Johanna Terwins Elektra, Diegelmanns Agamemnon, Josef Kleins proletarischer Aegisth, Fritz Richards und Wa nge n h e i m s eindringlich sprechende Chorführer. Der Chor selbst wurde misgczeichnet geleitet. Ihn bildeten Zürrcher Studenten, unter denen - zur Ehre deutscher Kunst sei es gesagt — auch manches feindlichen Ausländers Jüngtingsstimme mitklang. Max Reinhardt und seine Treuen wurden brausend gerufen.
Auf den griechischen Tragiker ließ Reinhardt am zweit«: Abend Sl)at'efpeares „S 0 m nl er na cht str a u m" folgen. d:csen holden und innigen Waldspuk verliebter Müßiggäi:ger. D rel Welten gaukeln in diesem Komödi«:bau durcheinander, die Sphäre der Geister, das Reich des Athenische»: 2ldels und die Figuren einer scherzl>afL plebejischen Unterschicht. Ständig tvechseln sie den Schwerpuntt: bald sind Oberon und Puck, die Lisftgev ob«:auf. T>ato stehen die H erzenswirrung«, der Liebespaare und ihre Sehn«: i f ; I i m uns, und bald schlinge», v:e Ri'rpeleieu »fer Hand- ■ vui unsere Aufmerksamkeit. Einer üpwv'wn s^ch-
svmmerwiese, von schönen 'Versen durchzirpt und durchfuukelt Wie von Grillen und Johanniswürmchen, gleicht diese Komödie. Ganz so brachte Reinhardt das Werk einer entzückten Hörerschaft zum Geschenk dar. Die musikalische und malerische Sttmmführimg des Ganzen spiegelte sich in tausend Einzelheiten und riß hin. Ein Wechsel sanfter und derber Lichter war allen Szenen m«üerbaft Mlfgesetzt. Die Besetzung der Einzelrollen war im wesentlichen jene, die vor zwölf Jahren mithalf, Reinhardt berühmt zu machen. Sein unvergeßlicher Viktor Arnold wird fteilich auf keiner Bühne mehr Thisbe spiel«:, aber Waßermanns Zettel und Pyramus strahlte in ungebroch«:er komischer Kraft. Jeder Augenblick, den er mit seinem mohrrübcnwt«: Kopf, den eine Zeitlang ja das EselshmGt ersetzte, auf der Vühne zubrachte, ging wie ein Witzgeschoß ins Publikum. Witzige Burschen »varen auch Krauß und besonders Diegelmann als täppisch gutmüttger Löwe. Das Elftsche des Stückes lag natürkick) bei nicht minder bedeutenden Künstlern Neben Marra Feins wie ans Stern«:- licht gesponnener Titania stand M 0 i s s i s längst berühmter Oberon. Eine seiner lherückendst«: ßprechrotten konnte so von den Zuschauern genossen werd«:. Besonders die Schluß- und Segens- »vorte für Theseus, dahin schwimmend auf Mendelssohns Klänge»», strömten ein«: ttefen Eindruck durch das Haus. Gertrivd Epsoldts wohl längst :p die Theatergeschichte eingegangener rauhschwänziger Puck — vor ihr pflegte man ja diese Rolle bei wetten: süßlicher und charatterloser miszufassen — fand volles Verständnis. Erwähne ich noch Hartmanns Lhsa^der und vor allem Else Hei »ns und Johanna Terwin, toelche die beiden rivalisiere»tt>en Bräute durch alle Phasen der Sentim«»- talttät und des Uebermnts hindurch steigerten, so habe ich inl Kerne gesagt, was man bewunderte. Unsagbar frettiäi bleibt der Duft vb dem Ganzen, und unerllärbar das ordnende Band. Strindberg sagte, er könne sich »acht einmal die Reihenfolge der Geschehnisse in: Sommernachtstraun: dauernd rnerken; Reinhardt hat es getan und mehr. Als Orchesterdirigent gastierte Oskar Fried, der zuweilen nrtt eigenwillig«: Unterstreichungen, aber stets mit der nötigen temPeram«:tvoN«: PlMntasttk die Musik herm»sbrachte.
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Ten Eindruck seiner erst«: bnd«: Gastspvelabcnde steigerte Reinhardt mit Kabale und Liebe" bei weitem, ^ttemlos folgte das Kiblikuu: depr ZusamMenjchLag der Geschehnisse und Glzaräkter in himmlisch«: »nid tenchischeu Lvidenschaft.nl. Man sah »Diebet «nnml klar, 1 ötc falsch es ist, Reirchardt einzch für iemen Masse n regiss«a auszugeben. Min, die Seelen vm: sechs, sieben schausprelerisch«: Jndtviduolitüten tveih er eb«rsv ans das Jnftrmmmt seiner Kirnst zu spann«: und auf Um«: wie auf Saiten eine verttnrerlich:,te N^elvdi: erkling«: zu !lass«i Es gab eine tvund«- votti. Zusainmenarbett aller Beteiligten. Das stckig^unselige Liebespaar , vuseiuandergeriss«: durch Neid und Stcmdeskabale, war b« § l s e H e: m s inti> P a u l H a ^ t m a u »t in treuest«' Händen. F,>i.u t y -■ U±f unb levte ganz in dies«»» geichmanb-ten und
folterten, unschuldig z»»gründe gerichteten RdenschQUoesen. Man verstand Hingabe und Raserei ihres Ferdino»ü>. Paul Harttnmm brauchite den Hmich von Reinheit und flldcl, der vor all«n seinen Max Piccolvnnni auSzeichi»«t, auch ü: diese Gestalt nttt. Größte Dramatik wurde voi: ihm groß v«ckörpert, der Untergang eines solch«: Nkensch«: nmßte erschüttern. Hinter d«: beid«» standen als väterliches Sck)icksal Paul Wegener, der den Präsidenten von Walter mit jener skrupellos«: Eisenhärte und Gewissenlosigkeit ausstattete, die gerade diesem Schauspieler wie nxurgxu sonst zu produzieren gelingt, und vor allem Diegelmann als MusiLrs Röiller. Tiegelmmms Leistung »vird mamhem unverqeßliäi bleib«:. Das war ein Vater! Hintapp«tt> zwischen Zärtlichkett und Jähzor»:, Sauguinck und.Müdigkeit, war er wirklich, der RLens-cki, für d«: Luise Miller das schwerste Opfer ihres Herzews vollziehen konltte. H e r nr i n e Körner, die zn>«sellos stellemveise zu kalt und zu wenig lieblich düickte, fand für die tragischen Abschnitte der Mllford-Rolle d«: richtig«: Ton. Erwähne ich noch Krauß als Sekretär Wurm, d«l er hosfma»:esk mit eurer pha»:tastischen Note des Bösewichts spielte, so habe ich alles genannt, »vas vortrefflich war.
Ueber diese oft ge»lial«: EinzelleistmrgeN hinaus aber war von Rciirhardt der Toi: der sozialen Krittk, der F«lerwind der Auflehnung getrost«:, der hier stärk«- iwch als m der „Emitia ß^alotti" einherbraust, tz^rade deshalb zvunderte man sich, die Tieiveverzählung von den verkauften Landeskmdern im diskretest«: Piano Vortrag«: z:: hör«:. Nein, dieses Faktum soll mit lauter und vernehmlicher Stimme vorgetragen werden. Es ist von einer Mlualität, die man nicht scheuen soll.
— Die Eröffnungdes Rousseau-Museums. An: 21. Dezember nmrbe zu Genf das :t«te M»lssean-Nius«:nl. das in der dorttg«» Uuiversitäts-Bibliotl^ek eimgenchchct »vordem ist, feierlich, erüsf»:et. Es geht auf die Tätilcheit der dortig«: Rousseau-^le- sellschiast zurück, die seit ihrer Begründung eiftig Rvusseail-Liwratur. Roussean>Handsch)rift«: lmd .Rousseau^Andticken gesanmwlt »md dabei von seit«: des G«:fer Staates wie Privater reche Ilnver stützimg gefmü>en I>at. So I>at der Rat der Stadt Genf die in: öff«:tlich«l Besitze befindlichen Hmchschrisbeu Mnsteaus, solvie auck' [eine Büste von Houdoi: übe»ivies«:: das „Museum »>'r Künste und d« Geschichte" zu t^ns l>at der fftvusscru l^sellsäiaft d«: berübutt«» Tisch, an dem ffGusseau auf der Petersinsel gearbeiter lmt, smvie das Lümpck.«», das il>m dabei ostuuüs Licht .^spendet bat, üb«lass«l. und schliesstict) sind auch aus privat«»! Besitze zahl reche RoilsseMl-Eri»r»ver»n».wn den: neuen Museum zugestoss«» So hatte es b«m gleich bei der Eröstnuug ^jch>- und seit «re Schätze mlfzuweis«», insbesoudeve läßt sch an den .msgestellt«: Maimffript«! Rausscaus seine Arbeitslveise vorzüglich! studier«! Sehr rech ist die Rvusseau-Ltterntur. solvie die Jkonogvaphie des Dichters verttvten, und an interessant«: Roussean-Religuftn fehlt es mch. ircht


