Hr. 4
Zweites
Erscheint 1i lich mit Ausnahme des Sonntags.
Beilagen
Urciolatt für den Ureis Gießen".
Postschecks
„Gictzener Zamillenblatter" und
o: F-cenkfnrt am Main Nr. N68b.
kaukerlehr: Geweibebank Gießen.
Blatt
(61. Iahrgsiig
General-Anzeiger für Gderhesjen
§reitag. 5. Januar M
Zwilliagsrundüruck und Verlag: Brühl'scheUniversiMs-Bttch-ii.Steindr ckerei.
R. Lange, Gieszen.
5chriftle!1ung, Geschäftsstelle und Druckerei:
Schulstraße?. Geschäftsstelle mBerlag:
Schristleitung: e=a© 112.
Anschrist für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Die deutchen Zriedensbe-ingAngen und Wilson.
Ter FOrcr der ungarischen Borfasiunüspariei Gra^ Julius AHrassy, führte laut „3«r- «rg. in 1 einer NeujahrSrede in Budapest aus: _ ^ . _
2ÜC,,, die Entente
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He unfewe'lebinflung« f° ta,m ^ K J> m \ ä " üen^n Wilson Mhren, dem sie mitgeterlt lverdrn. Die
^gimriMn der mlnte können sich nur dünn vor Frre- ücnsverfRolungen fürchten, wenn fre voraussetzen daß sie solche Anacdvte zu Horen bekommen wurden, die die tt>haTe öffentliche Meinung mich rn oen Ententel.and.ern akzeptieren würde, und wenn die Regierungen der Entente -nrn weiteren Kampf entschlossen sind, der allen fühlenden Menschen ein Greyel. Der Friede scheint noch nicht unmittelbar nahe zu sein. Wir müssen deshalb mit Anspannung aller Kräfte weiter für den Frieden kämpfen, um unseren Feinden die Verhinderung der Friedensaktion ulnnöglich zu machen."
Dazu schreibt die „Mn. Volksztg.": „Mit sehr gemischten Gefühlen wird die deutsche Oeffentlichkeit — vorausgesetzt, daß die Rede des Grafen Andrassy genau und richtig wiedergegeben ist — die Nachricht aufnehmen, daß die deutschen Friedensbedingungen dem Präsidenten Wilson übermittelt werden, von dem dann der Vierverband das Nähere erfahren kann. Graf Andrassy würde eine derartige Ent- yüllung — es handelt sich wirAich um eine solche — nicht haben machen können, wenn er nicht Unterlagen für deren Richtigkeit hätte. Graf Andrassy ist ein ernster Politiker, und die Tatsache, daß er öfters in Berlin im Aufträge der nnga- rifchen Regierung weilt und nrit der deutschen Regierung Verhandlungen führt, gcht seinen Aenßerungen erhöhte Be- demu'.lg. Es liegt ein dringendes vaterländisches Interesse vor, daß von seiten der deutscher! Regierung Stellung zu dieser voru Grasen Andrassy behaupteten Tatsache genom- rnen wird. Die deutsche Regierung sollte den möglicherweise nunmehr zu erhebenden Borwurf nicht aus sich sitzen lassen, daß sie zu gleicher Zeit, wo sie in der Oeffentlichkeit eine Friedensoernrittlung Wilsons aülehnt, doch ans nichtöffent- Irchem Wege eine solche sucht; denn etwas anderes kann es nicht sein, wenn hier Wilson zu dem Unterhändler zwischen den beiden streitenden Parteien gemacht wird. Von einer Seite, die uns als durchaus zuverlässig geschildert wird, hören wir übrigens, daß diese vom Grafen Andrassy erst in Aussicht gestellten Mitteilungen tatsächlich schon erfolgt sein sollen. Anfklürnng erscheint hier dringend geboten."
Aus Stützt uutz Luntz.
Gießen, 5. Januar 1917.
** Aus dem Stadttheaterbureau. Da das „M ä r ch e n v v m D a u m e n l u t s ch e r" so starken Anklang gefunden hat, daß die drei bisherigen Vorstellungen gänzlich ausvcrkaust waren, ist für Sonntag, 14. Januar, nachmittags 372 Uhr, eine weitere Vorstellung des Märchens an- ge;etzt worden, um den zahlreichen Bestellern, deren Wünsche bisher nicht befriedigt werden konnten, eine wesiere Gelegenheit zu bieten.
** Die Goldankaufstelle hält vom 5. d. Mts. wieder regelmäßig ihre Geschäfts stunden ab und zwar Dienstag nachmittags von 2—4 Uhr und Samstag vormittags von 10—121/2 Uhr in dem Gebäude der Bezivks- sparLasse zu Gießen.
** 1917, das Jahr der Finsternisse. Das Jahr 1917 wird nicht weniger als vier Sonnen!- und drei Mondfinsternisse bringen. Die Askrjonvmen verkünden, daß 1917 das Jahr der Finsternisse sein wird. Von den Finsternissen entfallen zwei auf den Januar, 8. und 28., drei auf den Juni und Juli und zwei auf den Dezember. Außer der großen Zahl von Finsternissen bietet das neue Jahr weder in astronomischer, noch kalendarischer Hinsicht Bemerkenswertes. Es ist ein Gemeinjahr von 365 Tagen oder 52 Wo chm und einem Tag, davon 52 Sonntagen. Die beweglichen Feste fallen auf einen mittleren Termin; Fastnachtsdienstag 20. Februar, Ostersonntag 8. April, Himmelfahrt 17. Mai, der letzte Mai- sountag, der 27., bringt das Pfingstfest. '
** Sch ulferie n. Wie wir erfahren, ist der Grund dafür, daß die Ferien aller Schulen bis zum 16 Januar verlängert worden sind, in der Ersparung von Kohlen zu suchen.
Landkreis Gießen.
** Grünberg, 5. Jan. Wachtmeister Übrig, Karl Rohm, Jean Rehorn, Heinr. Sch e l l h a a s und Karl M ä l - l e r zu Grünberg haben vom Großherzog das „Kriegsehrenzeichen" verliehen bekommen.
Kreis Büdingen.
da. Büdingen, 5. Jan. Leutnant unb Regiments-Adjutant > Johannes Schneider erhielt das Eiserne Kreuz 1. Klasse. - Vizewachtmeister d. Landw. Erich Eulau erhielt am 29. Dez. 1916 da? Eiserne Kreuz 2. Klasse, nachdem er vor einigen Wochen die Hessische Tavierkeitsmedaille erhalten hatte. — Der Ge'reite Heinr. Euler 51t Bonhausen, im Feld-Art.-Rgt. Pr. 25, wurde zum Unteroffizier befördert — Dem Unteroffizier Karl Gleiß im Landst.-Jns.-Batl. Friedbera, Prokurist der Firma Ballerstedt u. Eo. in Hain-Grünbau, erhielt für Tapferkeit vor dem Feinde das Eiserne Kreuz 2. Klasse.
da. Orleshausen, 5. Jan. Musketier Friedrich Heck erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse. - Karl P r e u ß e r aus Düdelsheim erhielt die Hessische Tavserkeitsmedaille. — Der Hilfsschwesier Kate Sommer von Lindheim, tätig im Reservelazarett Auerbach (Bergstraße) wurde das Hessische Militär-Sanirätskreuz verliehen.
** Ortenberg, 5. Jan. Dem Vizefcldw.bel Jakob D i ck - l e r, beim Armee-Oberkommando einer Kraftfahrtruppe im Westen, wurde wegen hervorragender Leistungen das Eiserne Kreuz ziveiteö Klasse verliehen.
Kreis Lauterbach.
y. Crainfeld, 5. Jan. Von einem herben Mißgeschick wird die Familie des Landlmrts Konvad Müller hier betroffen. Kurz vor Weihnachten erhielt sie die Nachricht, daß ihr Sohn Heinrich, welcher im Reserve-Jnf.-Regt. Nr. 172 diente, gefallen sei. Heute ist der jüngere Bruder Karl, welcher schon längere Zeit leidend war, infolge eines Schlaganfalls verstorben. Eine verheiratete Tochter versüarb diesen Herbst in der Klinik zu Gießen.
Kreis Schotten.
y. Aus dem oberen Vogels Le r g, 5. Jan. In einer Gemeinde unseres Kreises tvar der Gemeindebulle zum Schlappen bestimntt; der Ochse war gefesselt. Es sollte ihm, da er sich un- geberdig zeigte, noch ein Ring durch die Nase gezogen werden. Bürgermeister und Gemeinderäte zogen fest an der zu diesem Zwecke um den Hals angelegten Schlinge; als dieses geschehen, stürzte der Ochse zusammen. Er war durch diese Manipulation vollständig erdrosselt worden. Der herbeigerufene Veterinärarzt e'rkannte das Tier inststgedessen als ungenießbar und es mußte auf den Viehanger übergeführt werden. Es ist zu bedauern, daß bei dem allgemeinen Mangel der Fleischnot noch solche Vorkommnisse stattfinden.
Kreis Friedberg.
Q. Bad-Nanheim, 5. Jan. Die hiefige Bürgermeisterei erläßt an die Bevölkerung Aufrufe, nrit durch die Stadt beschafften Lebensmitteln sehr sparsam umzugehen und etwaige Ueberschüsse zu konservieren, da es nicht bestimmt sei, ob im llntmenden Sommer — der Zeit des stärksten Verbrauches in Bad-Nauheim — die Zufuhren so regelmäßig und in gleicher Höhe erfolgten wie jetzt. —> Leutnant Philipp Pfeffer wurde mit den: Eisernen Kreuz ausgezeichnet. DieSchlwestern Anna Bnkowski, Christine G r etz e l, FriÄa M 0 n j e, Lisi Hirsch erhielten das Misitär-Sanitäts-
Kveuz. Frau San.-Rat Tr. Hirsch, Fräulein Helene Müller, Schwester Martha Koch das Kriegs-Ehrenzeichen.
Kreis Wetzlar.
d. Aus dem Kreise Wetzlar, 5. Januar. Größere Revisionen der Kartoffelvorräte sowohl bei den Erzeugern, als auch, bei den Versorgungsdeveichtigten durch die Polizeibeamten sind zurzeit im Gange. Durchgreifende Maßnahmen sind erforderlich- da dem Kreise die Verpflichtung auserlegt worden ist, rund 100 000 Zentner Speisekartoffeln an rheinisch: Industriestädte zu liefern.
d. Dorn holz hausen, 5. Januar. Wie unsere in Amerika lebenden Angehörigen von unseren Verhältnissen unterrichtet sind, geht aus einem Telegramm hervor, das einer hiesigen Familie durch den amerikanischen Konsul in Frankfurt a. M. zugegangen ist. In dem Telegramnr wird angefragt, ob die Angehörigen hier noch, am Leben seien, wie es ihnen ginge und ob sie etwa Gelt oder Lebensnnttel nötig hätten. Nicht minder freuen roerden sich die Anfragenden, wenn ihnen durch ein sofort wieder durch den Konsul ausgegebenes Telegramnr die Mitteilung gemacht wird, daß lvir hier uns noch des besten Wohlergehens erfreuen.
Hessen-Nassau.
— Bad Homburg v. d. H., 4. Jan. Der hiesige Rentner Gustav Weigand hat das ihm bei der Zwangsversteigerung zu- gefallene Hotel „Augusta" mit Park der Heeresverwaltung mit der Bestimmung geschenkt, daß das Gebäude zu einem Militär- Genesungsheim für Unteroffiziere und Mannschaften der deutschen Armee und Marine umgenxmdelt wird. Für die innere Einrichtung und die dauernde Erhaltung des Genesungsheims stellte Herr Weigand ferner eine bedeutende Barfunrme zur Verfügung. Der Mert der gesamten Stiftung beträgt etwa eine Million Mark.
vermischtes.
* Kalender und Kunst. Der Mensch von heute, dem die Verbindung von Kalender und Kunst am sinnfälligsten in dem seit etwa einem fallen Jahrhundert beliebten „Abreißkalender" cntgegentritt, kann sich nur schwer vorstellen, daß der Kalender, heut ein vergängliches Abbild der flüchtig verrinnenden Tage, in früheren Zeiten für die Ewigkeit geschaffene Kunstwerke enthielt. Und doch ist dem so. Durch viele Jahrhunderte hin hat die bildende Kuust mit den Werken großer Meister den Kalender geschmückt. Bei den alten Römern wurde schon im ersten christlichen Jahrhundert der Kalanden, d. h. die Aufzählung der Monatstage mit Angabe der wichtigsten Feittage, in Stein gehauen ausgestellt. Bald traten neben die Steinkalender Kalendarien, die auf Wachstafeln und Papyiusrollen in den Familien verbreitet wurden und künstlerisch ausgeschmückt waren. Ein solcher Kalender ans dem Jahre 354 ist uns, wenn auch nicht im Original, so doch in Kopien alter Kopien erhalten geblieben, lund hier sind bereits die einzelnen Monate in bildlichen Darstellungen personifiziert. Viel reicher trat der Bilderschmuck in den Verzierungen jener mittelalterlichen Kalender hervor, die in be.i Klöstern von kunstgeübten Mönchen verfertigt wurden. Der Wechsel der Jahreszeiten, die mannigfachen verschiedenartigen Beschäftigungen in den einzelnen Monaten, das ganze Abbild des menschlichen Lebens, wie es im Kreislauf des Jahres zusammeng^>rangt ist. sie boten eine unerschöpfliche Fülle von Motiven, die in der „hohen Kunst/' im Mittelalter noch nicht dargestellt wurden. So wird die Katenderillustration eine Zufluchtsstätte realistischer Naturbeobachtung, und hier treten bk ersten Landschaften, die ersten Stilleben, die ersten Ausschnitte aus der Alltagswelt des Mittelalters hervor. Die Kunst, die sich der schönen Ausgestaltuug der Kalendarien '.widmet, ltrirb zu einem hervorragenden .Teil fac Mimatur nralerei des Mittelalters, und gerade die Rionatsbeider, die einen sonst rn dieser Epoche nie hervor- tretenden Naturalismus atmen, sind nach einem Worte Mors Riegls, der die mittelalterliche Kalenderillustration zuerst erforscht hat, der beste Beweis dafür, daß die hellenistische Eroberung terc Natur int Mittelalter nicht erlischt, sondern in einem lebendigen und organischen Zusammenhang weiter geft'ihrt wird. Die größten Meister der „Jlürminverungsknnst" hielten sich nicht für zu gut, Kalender auszuschmücken. Das Breviarrum Grimani, dres unschätzbare Kleinod der Markusbibliothek zu Venedig, das' man „die
Aunft und wsssenfchaft.
* Theaterbeginn einst und jetzt. Durch die ueuer- idl;en Verfügungen, über die Verkürzung der Polizeistunde und auch die Theater genötigt worden, den Airfang ihrer Vorstellungen danach zu regeln, und binnen kurzem wird es in Deutschland knun noch eine Bühne geben, deren Vorstellungen später als um 7 Uhr beginnen. In einer großen Zahl deutscher Städte ist dies auch rn Friedenszeiten die übliche Anfangsstunde der Vorstellungen ge- weseir und nur den Großstädter will sie als eine frühe Frist zunt 2'.eginne des Spieles bedünkeir. Tabei vergißt er, daß dre^Darlegung des Theateranfangs in die späten, Abend- und dre Nachtstunden ver'hältnismäiffg sehr jungerr Ursprungs ist, ia, daß dre Theatergeschrckcke in ihrem größeren Teile überhaupt keine albend-, sondern nur Tagesvorstellungen kennt. Tagesvorstellungen waren die Aufführungen der Antike: die Theater Roms hatten wohl Sonnensegel, aber keine Beleuchtungsanlagen, und oft nahmen dre antikerr The,atervorstellirngen, ivie z. B. die drainatischen Wettstreite ciuf dem Tionvsostheater zu Atheir, deir größeren Terl des Tages in Anspruch. Das galt auch für die mittelalterlichen. Mysterienspiele, die gewöhrrlichl auch dem Schlüsse des Gottesdienstes ihrerr Arrsarrg nahmen. Die Llnkündrgung eines solck>eir Spreles rrr .Hamburg, die aus dem Jahre 1466 stammerr dürfte, ladt aus' 12 Uhr iiach dem Gottesdienste >ein, und dieselbe Zeit grbt der Theaterzettel eines ge ist licken Spieles an, das 1520 zu Rostock veranstaltet wurde. Uebrigens waren auch die Atysterrenunele zum Teil wahre Daueraufführungerr: zu Valeuciennes nahm 1547 die Darstellung der Passion volle 25 Tage in Anspruch., und tu Frankreich sollen einige Mysterienspiele gar bis zu 40 Tagen gedauert haben. Reste dieser alten Tagesanfführungen haben srch ja noch bis in unsere Zeit erhalteir: ein Tagesverk srnd dre Ober- ammergauer Passionsspiele, und auch Richard Wagner hat ferne Festspiele dem fallen ftarfen Tage und nicht denr mudeir Abend, anvertrauen wollen. Wann und wie aber ist dre Sitte der Abendvorstellungen entstanden'? Allem Anscheine nach ist sre daraus farvorgegangen, daß die Bühne fick an die Lebensgewohnherten der Reichen anschloß rrnd auf sie Rücksicht nahm. Dre Zeit des Theaterbeginns hatte sich dann nach >der üblicher Spersezctt zü richiten. <So wurde in den Londoner Theatern zurzeit Shakespeares tu der Regel des Nachmittags gespielt, wobei nran um 3 Uhr begann, aber in derr elegantcrr, überdack)teir Privattheaterrr scrnden damals bereits Abendanfführrmgen statt. Schon vorher, rm Jahre 1532 zeichnet der Efaonist von Venedig, Marino ^oanndo, gelegentlich aus: „Heute abend süliren die Brüder vorn Kloster San Gvovanni e Paolo chic Komödie auf," wofai es freilick,. zwerfel- ielhast bleibt, ob hierbei rricht vielmähr die späteren. Nachjmftckags- iturrden gemeint sind. Tenn diese setzten sich im Larrfe der nächsten Jalirhunl'erte allgemein als die Zeit des Dheatiwbeginns durch. Im 17. Jahrl/unoert fingen die Theater bei uns in der Regel um .5 Uhr nachmittags an. Im Paris gab es zur Revolutionszeit geradezu Kämpfe um den Theaterbeginn; die Stunden u»echselteu ungemein häufig. Die Büfaren fingen um 4, 5, 6, ja selbst um
7 Uhr an, bis ein Polezeibefehl im Jahre VI den Theater beging allgemein laus 6, den Theaterschluß auf 97° festsetzte. Dagegen protestierten die Reichen, die gern noch vor denr Theater ihr Diner einnehmen wollten, und bafar für 77° U'hr eintraten, aber die Arbeiter, die damals die Mehrheit der Theaterbesucher stellten, setzten ihre Wünsche durch> und cs blieb bei der frühen Stunde. Der damaligen Welt erschien der 6 Uln-Beginn überhaupt schon reichlich spät. In Berlin begann Döbbelin noch 1786 seine Vorstellungen um 5 Uhr des Nachmittags; erst 1787 wurde die Anfangszeit auf Ergels Vorschlag ans praktischen Gründen um eine Halle Stunde hinausgerückt, uird es dauerte dann noch eine geraume Zeit, bis chan auch in Deutschland sich z.u>n 6 Uhrbeginn entschloß. Erst im 19. Jahrhundert ist dann der Anfang der Theatervorstellungen mit Rücksicht auf die rasch sich verändernden Lebensgewohnheiten immer weiter hinausgerü.ekt ivorden. In Berlin firhrte sich etiva in den achtziger Jahren der 8—77° Uhranfang! allgemein ein; das neue Jahrhundert sah dmrn die Theater bereits um 8 Uhr beginnen und vereinzelt sind in Berlin sogar Vorstellungen auf 872 Uhr angesetzt worden. Daß dies an sich keineswegs erfreuliche Neuerungen sirll, wird jeder Theaterfreuud zugeben, da die Frische und Aufnahmefähigkeit des Publikums durch die Verspätung des Vorstellüngsbegiims nur herabgesetzt wird.
— Die Berliner Uraufführun g des neuen Fulda-Ln ft spiel s. Ans Berlin wird uns geschrieben: ?l!uf der Suche nach einem Zugstück für das neue Jahr wandte sich das Berliner Komödien Hans an das bewährte Lnstspielgeschm Ludwig Fuldas, dessen jüngste Arbeit „Die verlorene Tochter" Somrabend zur Uraufführung gelangte. Auch ohne die Mitwirkung der Vorneujahrsstimnnmg wäre dem Lustspiel der Erfolg treu gewesen. Ohne besonders anstrengende Entdeckerreifen ein noch nnbetretenes Land zu imternehmen, schrieb Fulda cutd Reihe angenehmer, heiterer Szcuren, die einem beliebten Motiv einige neue Wendungen abgewannen. Die verlorene Tochter ist ein Backfisch aus bester Familie, der sich in einen auf übliche Weise angeschwärmten Literatur- und Lbunstprofcssor verliebt und eines Tages Mit ihm die Flucht ergreift, umj auf diesem, nicht ganz bürgerlichen Wege die Ehe zu schließen. Doch ebenso unerwartet wie der Verlauf dieser Reise, die sich dank den mrerschütterlick^en. moralischen Grundsätzen des Professors in fast zeremonieller Weife abwickelt, ist auch ihr Ergebnis, daß zwar in einer £>eirat, aber mit einem anderen, gipfelt. Der hübscheste Einfall des Lustspiels besteht darin, daß dieser Andere, ein zwar weniger ideal veranlagter, dafür aber umso forscherer Rechtsanwalt dazu ausm'chen wurde, ftm die verlorene Tochter wieder zur Besimumg zu bringen. Tics gelingt ihm so gut, daß eine Verlobung die Exkursion der afantener- lustigen Literaturschülerin beschließt. Die bekannten Vorzüge Fuli^S statten auch dieses Stück mit -einem flüssigen, angenehm ptäluerndnt Dialog und einer ganzen Anzahl lvitziger Worte aus, das rein Bühuengemäße ist, wie ja bei Fulda selbstverständlich., geivandt, sicher und mit ges-chmackvollen Mitteln ausgestallet. Die beste Figur des Stückes, das trotz aller Lusffpielgtchflogenfaiteir persönlich
gesehene und gezeichnete junge Mädchen, stand auch darstellerisch im Mittelpunkt des Wends. Erika Gläßner, die nüihrend der letzten zwei Jahve bereits nrehrfachi als ein frisches und auch künstlerisch empfindendes Lustspieltalent auffies, holte sich einen starken und ehrlichen Erfolg. Auch die übrigen, von Dr. Ernst Welisch wirkungsficher inszenierte Darstellung mit Reinhold Schünzel als Literaturprofeffor, Euge'a Burg als REsanwalt imd Lieb- l>aber und dem durch, Olga Engel uud Gustav Botz verkörtzerten Elternpaar, solvie dem in seiner schürfen, beiveglichen Komik vorzüglichen Hennann Picha tat das Ihre, um dem Lustspiel zu einem Beifall zu verchelfen, der sich, allenr Ansck-ein nach noch an sehr vielen Abenden in gleicher Weise ivird wiederholen können.
— Berliner Theaterbrief: „Figar 0 s Hochzeit bei Reinhardt. Aus Berlin wird uns geschrieben: Das Neujahrsfest brachte im Berliner Deutschen Theater die seit langem angellindigte und nrit Spannung erlvartete Inszenierung von Beaumarchais' Lustspiel „Figaros Hochzeit". Die politische Satire, die iu dem Stück steckt rrnd sich andeutungsweise in mancher Beziehung auch auf die heutigen Verhältniffe mr-venden und so aktualisieren läßt, lveiterhin die Dankbarkeit dieser litera> rischen Aufgabe und schließlich, aber nicht am rvenigsten, die Fülle der bildhaften und szenischen Rköglichkeiten lsaben in diesem Fall ein Unternehmen veranlaßt, dessen mannigfaltige Probleme in wirklich glänzender Weise gelöst worden sind. Der fawoglrche Geist und die nimmer müde Ironie Beaumarchais' winrden ii: einem Nahmen gebracht? der schon an imd für ftch sehenswert ist. Neben Reinhardt gebührt trotz der in allen Rollen durchuieg vorzüglichen Aufführung der Hacwtanteil an der glücklick>en 6>esanrtWirkung diesmal dem Müler Ernst Stern, der in Dekorationen und Kostümen, in einer Verschmelzung von Rokoko:md spanischer Pracht Bilder sckMf, die an sich bereits für die Berechtigung dieser Inszenierung genügend starkes Zeugnis hätten oblegen können. Im Ri ittelpunkt der dem dichterischen Wesen Beaumarchais' mit feinem Verständnis !nachspürenden Aufführung standen Max Pallen- b e r g und Camilla E i b e n s ch ü tz. Palleul'erg spielte den Figaro, dem mmr einst iu Berlin durch Josef Kllfttz verkörpert sab, auf feine Weise, nrit den besonderen AusdrucksnMeln seines ckxlrakte- ristisckien Talents. Er rst mehr scharf als biegsam, mein sprunghaft als geschmeidig rrnd stellt einen Figaro aus die Beine, bei dern inan durch alles Feueriverk der den ^Herrschen zu erblicken vermag. Frau Eibenfchütz, Z>ie im Rahmerr des Deutsck^eu Zvklr^ sckion mehrfack) durch eine Steigerung ibros Könueirs überrasckw' hat diesmal in Laune und GM« dm Höhepunkt erreicht. Bon den übrigen Darstellern, die sich diesmal ausnahnMo^ zu amec tadellos iitcntainbergreifenden und sich ergäurzenden Gesamtlveft ixr- einigten, trugen Else Heims, Else Eckersberg, Otto Gebühr, Max Gülstorfs, Paul Biensfeldt rmd Emil Jan- nings am meisten zu dem Erfolg bei, der sich in einem Beifirll äußerte, lvie er bei den gclungeirsten Premrereu firum ülxnttwffen werden kann.


