Ausgabe 
27.11.1916 Zweites Blatt
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 279 Swetter Blatt

Erscheint ISqlich mit Ausnahme des Sonntag».

166 . Zahrgang

Beilagen: ..«ietzener ZamiliendlSttett Xreisblatt fUr den Ureis Gießen"

und

Postscheckkonto: Frankfurt am Main Nr. H686. vankoerkehr: Sewerbebank Gießen.

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberhessen

Montag, 27 . November IM

ZwillingSrunddruck und Verlag:

Br ü hl'sche Universiläts-Bllch-u.St?indn,ckerei.

R. Lange, Gieheir.

Zchriftleitung. Geschöftrstelle und Druckerei:

Schulstraße?. Geschäft stelle u.Verlag:

Schristleitung: 112 .

Anschrift für Drahtnachrichten:AnzeigerDießen.

Stürmer gehtTrepow kommt!

Stürmer geht Trepow kommt: Es ist das Ergebnis cin f* Persönlichen Ringkampfes zwischen dnr Ministerrr, wvber sich Trepow als der Gelvcrndteve erwiesen hat. Stür­mer wünschte nach Jnsorinationen eines Stockliolnier Ge­währsmannes neue Stcmtsiiwnopole, um dem geborstenen russisclien Finanzkoloß wieder auf die Beine zu helfeii Aber FrnanMinister Bark und Landwirtschastsminister Bo- brrnski waren dagegen, weil Monopole jetzt im Kriege und wo alles noch ungewiß sei, auf die betreffenden Privat- industrien vernichtend wirken würden. Resultat: Der m* nisterrat beschloß Weglegung aller Stürmerscher Akten über Monopolpläne. Also eine Niederlage Stürmers in der inneren Politik, ehe er noch damit die Schwelle der Duma beschritt. Die meisten Zwistigkeiten aber hatte Stürmer nnt dem bisherigen Eisenbahnminister Trepow. Auf Trepows Anregung hin wurde vor mehreren Monaten ein sogenannter Mnfministerrat zur Beilegung der Lebens- mrttelkrisrs rns Leben gerufen. Stürmer war Trepows steigender Einfluß ein Dorn im Auge. Er reiste zum Zaren und erhielt die Vollmacht, die Lebensmittelfrage allein zu entscheiden und den Mirfministerrat mit der Begründung aufzulösen, daß dieser zu keinem Ergebnis geführt habe, da b:e Lebensmittelfrage nach wie vor kritisch sei und die Organisationslosigkeit im Rücken der Armee weiter zu- nehme. Trepow. wegen dieser Zurücksetzung gekränkt, rich- tete darauf an Stürmer ein offenes Schreiben, worin er in der Lebensmittelfrage weitere Vollmachten verlangte. Er hat sie von Stürmer nicht erhalten, aber von jenen ge­hermen Mächten, die den Willen des Zaren, d. h. der leiten­den Kreise am Hofe ausführen, ohne daß man zunächst weiß, woher der Wind weht. Trepow soll die russische Krise mrf dem Wege einer großen Verkehrs re form lösen! Trepow wurde Wegebauminister bekanntlich als Nachfolger rbuchloffs, der sein Schäfchen beim Hafenbau von Archan­gelsk rns Trockene gebracht hatte, dann aber nicht wegen dieser lumpigen paar Millionen, die auf die Seite gingen, stürzte, janbem wogen der Lebensmittelkrise in Peters­burg, für die rnau die Ursache in den Transportverhäll- niflen suchte. Aus der Petersburger Lebensmittelknappheit wurde unterdessen eine russische Ernährnngskrise, und von Trepow erwartet man immer noch das Heil. Damals, im Dezember 1915, als der in der russischen Geschichte so viel­genannte Mann das Amt des Verkehrsministers antrat, erklärte er auffallend freimütig, daß er vom Wegebau und von den Eisenbahnen durchaus keine dlhnung habe. Er stürzte sich mit Eifer in seine neuen Aufgaben und begann damit, den Moskauer (Äsenbahnknoten zu lösen, wo sich Tansende von Güterwagen zusammengeflruden hatten, deren $eeamft ebenso unbekannt war wie ihr Bestimmungsort. Dann stellte er die Verbindung Petersburgs mit dem Süden wieder her. Im Sommer dieses Jahres trat er bereits mit ei nem großen Plan neuer strategischer Eisenbahner:

NicA ungeschickt ließ er zunächst den Kriegs- mtntster sprechen. Dieser erhob das Verlangen, eine Anzahl d« wichtigsten strategischen Eisenbahn straften neu herzu- stellen beziehungsweise auszubauen. Für einen ordnunqs- nraßigen Verlauf des Aufmarsches des russischen Heeres 'ser der Bau von insgesamt 38000 Werst Eisenbahn erftrder- lich. Dann rückte Trepow mit seinen Akten heraus und es wurde im russischen Mi nisterrat beschlossen, zu Anfang Des Jahres 1917 mit dem Bau von vorläufig 23 000 Werst stra­tegischer Eisenbahnen sowohl im europäischen als auch im asiatischen Muftlaird zu beginnen^ Die. Mittot für oen Ausbau des russischen Eisenbahnnetzes sollen von England und Frankreich vorgestreckt werden, die für eine bestimmte Zeit­dauer das Kontrollrecht für die neuen Eisenbahnen erhalten werden. Der russische Delegierte der Wirtschastskonferenz der Entente Mvkrewski erklärte dem Vertreter derNowoje

Wremja" in dieser Beziehung, daß der Ausbau der russi­schen Beförderungsmittel mit Hilfe der Verbündeten im weitestgehenden Maße geschehen werde und daß sich auch die Wirtschastskonferenz mit dieser Angelegenheit eingehend be- sck)äftigen werbe. Soweit das ursprüngliche Problem Tre­ppt- Durch die russische Lebensmittelkrise dürfte es eine einschneidende Aenderung erfahren haben. Nicht einen neuen Aufmarsch vorzubereiten gilt es jetzt, sondern Rußland vor dem Hunger zu retten. Ist Trepow der Mann dazu?

Mb. Deutscher Reichstag.

75. Sitzung, Sonnabend, den 25. Novemher.

Am Tische des BundesratZ: Staatssekretär Dr. Helfter ich, Lisco.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung nach SA. Uhr und balt, während die Abgeordneten, die Regierungsvettreter und die oefucher der Tribünen sich erheben, folgende Ansprache:

. 2n den letzten Tagen waren unser aller Blicke gerichtet «ruf das Kaiserschloß in Schöubrunn, wo Seine Majestät der ^.5 ss E r u n d König Franz Joseph in seinem ehr. würdigen Alter die Augen zur letzten Ruhe geschlossen hat. Welch em Lebensweg ist damit zu seinem Endzftl gekommen! Im jugendlichen Alter von 18 Jahren, während einer die Geister auf. wühlenden Revolution auf den Thron gelangt, schloß er seine Herrschertättgkeit mitten im Weltleiege. den das Schicksal dazu bestimmt hat, vNkeruniwälzend die Geschicke der Nationen zu be- emsiussen. Mas zwischen dem 2. D«emLer 1848 und dem 21. No­vember 1916 gelegen ist, umfaßt mehr als ein einzelnes Men,chenleben umfassen kann. Schwere Sorgen und Schicksalsschläge, aber auch große Gedanken und große Laten haben das Leben dieses altehrwürdigen Monarchen um­schloffen. An seiner Bahre stthen die Böller der öfter- reichrsch-ungarischen Monarchie, steht das deutsche Volk zusammen mit denen des OSmanischen NeichsS und Bulgariens, um ihre Huldigungen darzubringen, den Manen deS Monarchen, der länger als ein Dtenschenalter treue Bundesgenoffenschaft ge. halten und der sein Bestes eingesetzt hat, um die Völkecftämme zu dem zu führen, um das wir kämpfen, nämlich Unabhängig­keit, Freiheit und die Ehre der Nationen.

Ehre dem Andenken des dahingeschiedeneu treuen Bundes- genoffen, deS dahingeschiedenen Monarchen I

Der Präsident verliest darauf das Telegramm, daS er im Namen des Deutschen Reichstages an das österreichische und ungarische Abgeordnetenhaus abgesandi hat, sowie die darauf ein- getroffenen Antworten.

Lerichk des Ausschrrffes für yasdel usd Gewerbe.

Auf der Tagesordnung stehen eine Reihe von De- richten des Ausschusses für Handel und Gewerbe, darunter ein Bericht über die Ueberführung der Kriegs, in die FriedenSwftt- schuft

Sämtliche Berichte werden nach be« VorschlchAeA deS Ausschusses erledigt. #

Damit ist die Tagesordnung erschöpft

Der Präsident beraumt die nächste Sitzung «rn euch M i t t w o ch, 2 Uhr, mit der Tagesordnung: ErfteLesungdes Gesetzentwurfes über den vat«rrä»Üschen Hr-lfsdienft.

Arre Ge?chWsgrd;vsgsMsPrsche.

Abg. Gröber (Ztr.) beantragt, auch gleich die -roektr Le­sung auf die Tagesordnung zu setzen.

Abg. Lrdebour (Sog. A -G.): Dagegen erhebe ich im Einver­nehmen mit meinen Freunden Widerspruch, tuest wir gegen dieses ganze Verfahren sind, daL jetzt durch den Antrag Gröber eine ausdrückliche Bekräftigung erhält. Dieses Verfahren besteht darin, daß man den Reichstag nicht genügend sich airSsprechen laffen will. (Lebh. Widerspruch.) Dieser Gesetzentwurf von un­geheuerster Wichtigkeit mußte so früh wie möglich an den Reicks- tag kommen und so gründlich wie möglich beraten werden. Wenn diese Vorlage Gesetzeskraft erhält, so würde sie die Arbeiterschaft des Rechts berauben, über ihre Arbeitskraft zu verfügen. (Lebh. Widerspruch und Unruhe.) Die vollkommene Knechtung würde die Folge sein. (Allgemeine stürmische Entrüstungsrufe und heftiger Widerspruch) DaS muß die Wirkung sein. (Pfui, und Schluß- rufe.)

Abg. Baffermann (ntlb.): Gegen diese Ausführungen möchte ich namens meiner politischen Freunde den entschiedensten Widerspruch einlegen. (Lebh. Beifall.) Die bisherigen Vor­besprechungen haben die große Wichtigkeit der Vorlage bereits er­wiesen. Es besteht kein Zweifel, daß es im vaterländischen J»> teresse liegt, diese Vorlage tunlich st rasch zu sör- dern. (Zustimmung.) Der Vorschlag des Präsidenten trifft da» Richtige, ebenso auch der Antrag Gröber. Wir sind also dafür, auch gleich die zweite Lesung auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung Au setzen. Nach der Geschäftsordnung ist das durchaus zulässig. Angesichts der hohen Wichtigkeit der Vorlage muß eine möglichst schnelle Verabschiedung erzielt werden. Dafür hat sich auch unsere Heeresleitung eingesetzt. Ich beantrage daher, die erste und zweite Lesung auf die Tagesordnung zu setzen. (Lebhafter Beifall.)

Abg. Gröber (Ztt.): Mein Antrag ist nach § 21 unserer

Geschäftsordnung ganz zweifellos zulässig. Daß es mir bei meinem Anträge nicht in den Sinn kommen kann, die Rede- freiheit beschränken zu wollen, ist ganz selbstverständlich. Ich weise die diesbezüglichen Anwürfe des Abg. Ledebo-ur ganz ent- schieden zurück. (Zustimmung.)

Abg. v. Payer (Fortschr. Vp.): Wir teilen die Auffassungen der Abgg. Gröber und Bassermann und halten es für wahr­scheinlich, daß es Meckmäßig sein wird, schon Mittwoch in die zweite Beratung einzutreten. Heute wollen wir nur die Mög­lichkeit dazu eröffnen. Endgültig können wir uns ja am Mitt­woch darüber schlüssig werden. (Beifall.)

Abg. Scheidcmann (Sog.): Ich möchte bitten, es bei dem Vor­schlag- des Präsidenten zu belassen. Alle Parteien haben den dringenden Wunsch über dieses Gesetz recht ausführ­lich zu reden. Wenn wir am Mittwoch eine zweite Lesung halten wollen, können nur das ja am Mittwoch beschließen, wenn kein Widerspruch erfolgt. (Zuruf rechts: Ist schon erfolgt) Wenn wir aber heute schon beschließen, die zweite Lesung auf die Tages­ordnung zu sehen, so erwecken wir den Eindruck, als wollten wir die Verhandlungen überstürzen. Dazu haben wir doch keinen Anlaß. Ich möchte nicht, daß irgend jemand sagen kann, er wäre in diesem Hause vergewaltigt.

Abg. Lcdebour (Soz. A.): Auch die Einzelberatung dieser ungeheuer wichtigen Vorlage muß gründlich erfolgen. Wird auch Die zweite Lesung auf die Tagesordnung gesetzt, so würde die Einzelberatung übers Knie gebrochen werden. Sre selbst sind von der Wichtigkeit des Gesetzes überzeugt. Ihr Vor­gehen ist unverantwortlich gegenüber dem Volke. (Lebhafte Un* ruhe.)

Abg. Graf Westarp (kons.ft Wir tragen die Verantwortung für unser Vorgehen, muffen aber die Verantwortung für das Vorgehen des Abg. Ledebour allen denen überlassen, die zu ver­hindern suchen, daß diese mutige und entschlossene Tat zur Herbeiführung des Friedens schnell erfolgt. (Sehr richtig.)

Abg. Frhr. v. Gamp (Deutsche Frakt.): Wird die Koeite

Lesung nicht aus die Tagesordnung gesetzt, so werden die Herren von der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft Widerspruch erheben und damit die Einigkeit des Reichstags stören. Das aber wollen wir verhindern. Wir find in der Kommission der Verständigung selbst mit den Sozialdemokraten nicht mehr sehr fern, aber mit den Herren von der Sozialdemo­kratischen Arbeitsgemeinschaft gibt es ja keine Verständigung.

Abg. Ledebour (Soz. A.): Die uns zugeschobene Berantwsv- hmg tragen wi. mit gutem Gewissen. Was daS Gesetz erreichen will, ist auch zu erreichen, obrre daß die Arbeiter rechts los gemacht werden. (Lebhafte Unruhe.)

Gegen die Stimmen der beiden sozialdemokratischen ffraf* tionen wird beschlossen, auch d i e z w e it 1 Lesung der Vottage auf die Tagesordnung zu setzen.

Schluß gegen 4 Uhr.

Die GMaMiGM

ist morgen von 2 dir 4 Uhr geöffnet!

Giefzerrer Stabttlyeatev.

Festvorstellung zu Großherzogs GeLurtstug.

Iphigenie auf Tauris.

Schckufpiel von Molfganjg von Goethe.

Zum dritten Male wurde der Geburtstag unseres Großherzogs Unter dem Zeichen des Weltkrieges begangen. Wie an den beiden vorhergehenden Malen, war auch diesnial eine Festvorstellung an- bevcrumt, der eine festliche Ouvertüre voranging. Das Haus war ausverkauft mtb unter den Gästen waren die Spitzen der Zivil- behorden, u. a. der Oberbürgermeister und der Rektor der Landes- wrversität zu bemerken. Infolge des Ablebens Kaiser Franz Josefs konnte das Offizierskorps an der Festausführung nicht teilnehmen. des Ersatzbataillons des Infanterie-Regiments

Karser Wtthelm Nr. 116 spielte Unter Leitung ihres tüchttgen Musik- lerters Brurw Hermann die Gluck'scheOuvertüre zu Iphigenie in Aulrs mtt heißem Bewühen und denrzufolge eindrucksvoller Wirkung Hierauf ergriff Oberbürgermeister Keller das Wott zu einer Ansprache, die etwa folgendes ausführte:

,. Hochc,eehrte Anwesenden! Zum dritten Male begehen wir heute drc Feier des Geburtstages Seiner Köpiglick-en Hoheit des Groß­herzogs nrmrtten des Weltkrieges. Alter Erleben ist heute gemein­em, aller Geschicke sind mit einmrder verbrrnden. Tie Einheit von Fürst Und Volk ist allen zum Bewußtsein gebracht. Jeder weiß, daß Uirser Großherzog sich eins fühlt mit seinem Volke. Tie Eigenart unseres Fürsterr ist nicht auf kriegerische Dinge gerichtet. Die Arbeit seines Lebens war immer nur auf Werke des Friedens bedacht Kunst und Wissenschaft, Wohltätigkeit imd Nächstenliebe lagen ihm stets am Herzen. Die kulturelle Veredelirng seines Volkes tvar ihm höchste Ausgabe. Nicht einer ist, der iricht llTÜnschte, daß der geliebte Larchesfiirst nach Beendigung des Krieges auf diesm Bahiren fort- fayren möge. Dann werden wir glücklich sein, der: Fürsten zu be­sitzen, b-er. in Fortfühnuig seiner Friedensarbeft sein Bestes ernsetzen wird, die Wunden ^des Krieges zu heilen und Segen zu säen, bitte Sie, zum Gelöbnis unverbrüchlicher Liebe imh ^reiie jttir von Ihren Sitzen zu erl-eben und einznstimmen in den Ruf. Lerne Kömgliche Hoheft unser Großherzog Ernst Ludwig, er lebe hoch, hoch, hoch!"

. Die Anwesenden stimmten fteudig in diesen Ruf mit ein und i^^chy m begeisterter Stimmung die Landeshymne

__Festaufführung war Goethes edelstes Menschlichkeits-

drai,ra: .Iphigenie auf Tauris" gewählt. Geraume Zeit ^ nacht mehr gegeben worden mit Ausnahme

emer Aufführung des Türerbundes im Philosophenwalde und w war inan mtt allen Sinnen mnso fteudiger diesem Seelendrama ausgetml, dern die äußere Handlung beinahe ganz fehlt. Es war sinnvolle Abkehr tont den grausigen Geschehnissen unserer Tage, eure festliche Ernkehr zu den Bereichen geläuterten Men scheu ttmrs.

wie sie sich Goethe, bevor er sein Werk vollendete, auf seiner Reise nach Italien selbst ersichlössen hätte. Alles ist hier irrnere Begebenheit natürlicher, aber sittlich hochstehender Menschen. Sie kämpsen nicht mtt der Schlechttgkett, nicht mtt der Gemeinheit, sonderrc nur mtt den Wünschen, Regungen, Erschütterungen des eigenen Herzens, um die siegreiche Kraft der Selbstverleugnung, der Selbst­überwindung zu lbewähren." Barbaren und Griechen, Götter und Mensck-en soerden versöhnt: in Menschlichkeit und Harmonie klingen alle Verwirrungen aus; Humanität verbreitet ihren milden Glanz. Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit."

Ms Iphigenie war Charlotte Pilz vom Hoftheater Darmstadt berufen. Wir lernten in ihr eine Künstlerin keniren, die die edelsten Regungen der Menschenbrust in eine sprachlich und darstellerisch reine Form M gießen vermag. Mit klarer samNretweicher Stimine ließ sie die edle Muffk ^^oethe'scher Verse in all ihrem verhaltenen Wohllaute aufklingen. Und diese Stintme versagte so wenig bei der Klage über die Geschiicke des Hauses, wie bei dem Ausbruch des alten TitaNentvotzes, bei der seelischen Not, den König mtt klug­gesetzter Rede täuschien zu sollen, und dem Siege über den Groll des Königs. Es war seelisches Erfülltsein, von dem JNhatte der Goetheschen Schöpfung, was ihrer SttmNre diesen Klang verlieh rmd Lhre klassisch reinen Bewegungen fremd aller seelenlosen Sti ­listik zu gehaltvoller Ausdruckskimst führte. Wilh. Hellmuth als König Dhoas, war eine wenig glückliche Verkleidung zugeteilt worden, die auchi fern Spiel behiirderte Und ihm eine gewisse unbeholfene Schwerfälligkett aufnötigte, die man sonst nicht an ihm zu sehen gewohnt ist. Daß er es trotzdem fertig brachte, den edelherzigen Barbaren %u einer tiefbewegerchen Gestalt «verden zu lassen, nmß umso höher airerkannt werden. Osbrr Feigel gab den Orest. Es hat den Anschchir, daß er mehr aus dem augen­blicklichen Mangel an schauspielerischen Kräften, als aus eigener Wahl, ins Helden fach« gedrängt worden ist. Daher möge er in dem sichtlichen Bemühen, seiner großen Aufgabe gerecht tzu werden, nicht entmuttgt werden. Mit gutem Willen wird sich Unzureichendes noch bessern lassen. Vor allem muß der Künstler sich bemühen, die Klangfarbe seines Organes weniger zu decken, dre gwße Geste überlegter zu venoenden und als Held weniger in der .Kniebeuge zu spielen. Adolf Falken entledigte sich der Rolle des Pylades mtt Anstand und Geschick. Als Gegeii- spieler des Geschvisterpaares kam sein heiteres Naturell glücklich zuc Geltung. Glänzend Mifgefaßt und einheitlich durchgeführt war wiederum der Arkas, den Max Wesolowski spielte.

So vereinigte sich alles zu gutem Gelingen, wozu die diesinal unanfechtbar stimmungsvolle Bühnendekoration erheblich mit beitrug Direktor Stein goetter hat sich mit dieser Auffüh­rung, deren Leitung er selbst in die Hand genommen hatte, auf­richtigen Dank verdient. **

^bisons spiritistische Erlebnisse. Der gwße amerikanische Erfinder Th. A. Edison veröffentticht in einem New Yorker Blatte erneu bemerkenswerten Anffatz über spirittstische Erscheinungen, die er selbst erlebt hat und nicht erklären kann' Es handelt sich um sogenanntesGedankenlesen", das ihm ein gewisser Berth Reese vorführte. Er bediente sich dabei keiner Hilsswerkzeuge auch brauchte er nicht einen besonderenTrance"--Zuftand. Ein Freund Edrsons brachte diesen Berth. Reese eines Tages ohne Ein­leitung oder Vorbereitung in Edisons Werkstatt, und als Edison sich zuerst ablehnend verhielt, erklärte er sich berett, sofort seine Gedavi» kenlesekunst vorzuführen. Auf seinen Vorschlag holte Edison einen beliebigen Arbeiter seiner Aüstalten, dieser wurde in ein anderes Zimmer gebracht und mußte dort den Namen seiner Mutter einiger anderer Verwandten, seinen Geburtsort und ähnliche Angaben niederschreiben. Dann kam er wieder zurück, wobei er das Blatt Papier zusammen gefaltet fest in der Häird hielt. Bertb. Reese sagte >oiort alles, was der Arbeiter niedergeschrieben hatte, als ob er es von dem Blatte abläse. Der gleiche Versuch wurde sogleich mtt an­deren Arbeitern imederholt; er gelang jedesmal, und nun wollte W)ison emen entsprechenden Versuch mtt sich selbst machen. Er ging dazu rn ern anderes Gebäude; dort schrieb er auf ein Blatt:Mck alkalischen Stoffen etwas Gemgneteres als Nickelhydroxyd?" Dann wandte er seine Gedanken absichllich einem ganz anderen Gegeirstande zu und ging, nur mit diesein beschäftigt lmeder rn das andere Gebäude, in dem Reese geblieben war Reeft empftng ihn zu seinem Erstaunen mit den Worten:Für eine Bat­terie aus alkalischen Stoffen gibt es nichts Geeigneteres als Nickel- Hydroxyd . Ber ernem anderen Versuche schrieb Edison auf ein Stück Papier in winziger Schrift die BuchstabenfolgeKvno", dann ftagte ^ Reese, was er niedergeschriebeii hätte, und dieser sagte sogleich: ,Mno Die amerikanischen Gelehrten verspotteten Edison, als er M Versuchen erzählte, die ihm, tvie er eingestand, unerklär lrch seren. Be,anders Wttliam H. Dhoinpison, vorinals Vorsitzender der New Yorker Akademie der Medizin, behauptet aufs entschiedenste, Edison sei das Opfer eines Betrügers gewowen. Edison veranlaßt Thompson daraufhin, sich die Gedankenleftverfucbe Reeses selbst einmal anzusehen. Gs wurde in Thompsons Hause eine Sitzimg ver- anstaltet. Hierbei machte Reese folgende Angaben: Aus den: Boden ernes Kästchens links von Ihrem (Thompsons) Schreibttsche liegt ern Stück Papier, auf demOpsonic" steht. Urtter deni Buche, das hier auf dem Schreibttsche liegt, beftidet sich ein zweites Matt, aus demAmbrccptor" steht und ein drittes Blatt mit dem Wvrte ,.ftntlam", Thompson mußte zugeben, daß alles sttmmte. Er wie Edison konnten icdoch nickt verstehen, auf welche Weise Reese dies wrssen konnte und Reese selbst weigert sich, irgend ivelcke Angaben über ferne Gedankenlesekunst zu machen.