Br, 267 Zweites Blatt
Erscheint täglich nüt Ausnahme des Sonntags.
! 66 . Jahrgang
Beilagen: „Sietzener lsaniilierürlätter" und „KreisWott für den Kreis Gießen".
poft,cheSk»u1o: Zraatfurt am Main Nr. N686. Vankverkehr: Sewerbedank Gießen.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhessen
Montag. tZ. November tW
Zwillingsrunddruck und Verlag: BrühllcheUniversilätS-Buch-li.St.'indruckerei.
R. Lange, Gießen.
Zchriftleitung, Geschäftsstelle und vruckerei:
Schulstraße?. Geschäftsstelle:u Verlag:
Schristleilung: «-TK 112.
Anschrist für Drahtnachrichten: Anzeiger Di« gen
Der Neubau öes deutschen gomiUeuIebcns nach dem Kriege.
Darmstabt, 10. November.
des dritten Tages begann, wie schon kurz be- UM 10^/ 4 UT)r im Kaisersaal. Der Versammlung wohnten, ^rvßherzog, die Großherzogin, Prinzessin Friedrich Karl von Dessen. Staats minister Dr. Ewald und viele andere Ehren gaste bei. Das Thema lautete: '
^ e ^daunach Seite ndesWohnnngswesens. - ^^^brster Redner sprach darüber der bekannte Bodeure- Immier Avals D a rn a s ich k e -Berlin. Er kin'ipfte an die in Kiaut- 'chouz-um Teil verwirklichte Bodenreform <m und betonte: Der Amptsernd für die Zuttruft unseres Volkes sei der Bodenwucher. Der Redner behaichelte dann eingehend die Frage: Wie wohnt das deutsche Volk? Die Beantwortung dieser Frage führe uns m sehr trübe und dunkle Verhältnisse. Es liege auf der Hand, daß E daduvch bedingte Beieinanderleben beider Geschlechter die größten sittlichen Gefahren in sich berge. Hier müsse Wohnungs- wltur getrieben werden. Da während des ^Vrieges fast gar keine Wohnungen gebaut wurden, so werde bdij der Rückkehr unserer Truppen eine große Kalamität cintreten. Ein Beispiel davon habe man nach dem Kriege von 1870-71 erlebt. Der Redner gab dann nne nähere Erklärung des Programms des „Bundes deutscher Boden^former". Er wolle vor allem rechtzeitig in StadtHund Kriegerheimstätten schaffen und der von ihm^ins rieben gerufene Hauptausschuß für Kriegerheimstätten umfasse beute bereits über 2500 Behörden urid Organisationen. Es gebe ^tntb genug, um Heimstätten für eine Million Krieger zu schaffen, Aich die Stadt ^rmstadt könnte allein 16000 Heimstätten schaffen, die für 96 000 Seelen Raum bietzen würden. Der Redner gab aum eine nähere Berechnung der Kosten für die Durchführung des Projektes und trat unter andauerndem Beifall der Versammlung mit lebhaften Worten für die Berwirklicksiung dieses Planes ein.
Der zweite Redner, Oberbürgermeister von Wagner -Ulm, behandelte dasselbe Thema und erörterte besonders die Möglichkeit der Errichtung gesunder und für ein gedeihliches Familienleben geeigneter Wohnungen. Die Stadtverwaltung von Ulm habe seit 25 Jahren mtt der Schaffung von Ein- und Zweifamilienhäusern die besten Erfahrungen gemacht. Nach diesen Ausführungen verlas Oberbürgermeister Dr. Glchssing folgende mit stürmischem Beifall aufgenommene Entschließung:
„Der in Darmstadt tagende Kongreß für deutsche Bevölkerungs- rrragen erklärt den Um unsver Zukunft willen nytwenbigen Neuaufbau' der deutschen Familie nach dem 'Krieg für nicht möglich ohne eine durchgreifende Wohnungsreform. Zumal für die heimkehrenden 'Krieger, die Kriegsbeschädigten und die Hinterbliebenen der Ge- fallenen sind Heimstätten zu schaffen, die geeignet sind, einen körperlich und sittlich gesunden Volksnachwuchs zu sichern, die Wehrtraft des Volkes zu erMen und die Erträgnisse des heimischen Bodens zu Ärgern. Der Kongreß begrüßt deshalb die Entschließung des Reichstages vom 24. Mai ds. IS. für ein Kriegerheimstättengesetz und fordert den Buudesral dringend auf, jenem von allen Parteieft ernmüttg gefaßten Beschluß möglichst bald zu entsprechen. Der Kongreß betont dabei ausdrücklich die Notwendigkeit einer besonderen Recht^rundlage, welche die Gewähr gibt, daß die Heimstätten ihrem Zweck dauernd erhalten bleiben. Ms eine geeignete Grundlage hier-
«s^men dre „Grundzüge"^ die der „Hauptausschuß sürKrie- gnhnmstatten" aufgestellt hat. Me Organisattonen, die es als VNrcht erkennen, an dem Neuaufbau der deutschen Familie mitzu- arbetten, werden der Frage der Kriegerheimstätten ihre planmäßige Untersttchung zuwenden müssen."
Darnach trat eine kurze Päuse ein, während welcher die beiden Redner vom Großherzog und der Großherzogin in eine längere Unterhalttrng gezogen wurden. Es folgte dann noch eine kurze AiMprach«, m der Gch. Rat Professor v. Grub er gegen einig« Ausführung^ der beiden Vorredner Einspruch erhob, während Legattonsrat Dr. v Schwerin die schöne Absicht der Schaffung von Heimstätten für unsere Krieger mit lebhaften Dankesworten begrüßte.
Tie Schlußsitzung am Abend fand des großen Andranges wegen im ^urnhaNensaal am Wvogsplatz statt, der wieder dicht 'besetzt war, besonders von weiblichen Zuhörern. Das letzte Thema der Tagung lautete: i
„Die deutsche Frau als Hausfrau und Mutter"
Oberbürgermeister Tr. Gl ässing eröffnete und begrüßte die Versammlung Und gab zunächst Frau Pastor Harbeck-Tal-
llchtenberg das Wort. Die Neduerin schilderte die hohen Verdienste, vre fick! gerade die deutsche Haus-fvau während der jetzigen Kriegslahre erworben habe. Die Hauptarbeit aber stehe nodj. bevor. Die Mau Und Mutter sei vor allem zum Kämpf gegerr die Unsittlichkeit Drusen, ^edes Volk stehe und falle mit der Sittlichkeit der Frau. Gs dürfe aus keinen Fall eine verschiedene Moral für Mann und Frau geben. Zun: Schluß wandte sich die Rednerin den Fragen der Jugenderziehung zu und trat weiter für die Bereinfachsung 6?> ^/ei^sittan der Frau ein. Sie müsse stolz auf einen reichen zcrnoersegen feint und tit der Familie die Quelle allen Glückes ftiwen. (Lebh. Beifall.)
Die zweite RedneriN, Frau Gch. Rat Heßberger-Berlin verlangt als Hauptpunkt für die deutsche Frau: Tiefes, sittliches < Dveue. Sinn für Häuslichkeit und Freude am Beru
- ^ Die Familie müsse wieder eine Stätte stillen Glückes
^ et ' ie ^ eu Kinder werden. Ein deutsches Heim iw besten Sinne des Wortes sei das schönste Geschenk, das man den Heimkehrenden Krügern machen kürrne. (Lebhafter Beifall.)
Ten Vorttägen schloß sich noch) ei,re längere Diskussion an m** 11 OberfmaNzrat Aals er trat für bessere Gelegenheit zur prak- trfch!M Mitarbeit, besonders der kinderlosen Frauen an den Zielen ^ Kongresses ein. Geh. Abmiralitätsrat Schrameier nimmt vre deutsche Frau gegen manche Aeußerungen in Schrrtz, die auf dem Kongreß gefallen sind. Dr. Grandke sprack? besonders dem verdienstvollen Griürder der Gesellschaft, Dr. Gieber ^welcher wegen Erkrankung der Tagung nicht beiwohnen konnte, den wärm- ften Tank der Versammlung aus. Frau Pfarrer Bu ckrat-Mainz eifrige Tättgkeit der Frauen 'bei der: Bestrebungen des Kongresses hin. Mit kräfttgem Sckstußwort des Oberbürger- mersters Tr. Gl äs sing und Dank an alle Mitarbeiter an derr Bestrebungen endete die Tagung mit dreifachem Hoch auf unsckr ^terland und seine glückliche Zubmft. Heute vormittag /s 10 Uhr fand im Rathaus noch eine geschlossene Mitgliederversammlung der Darmstädter Ortsgruppe für Boderrrefornt statt.
Aus Um Neiche.
Der Kaiser von dem Vaterland isisten Frauenverein.
Berlin, 11.November. (WTB.) Anläßlich der fünfzigjährigen Jubelfeier des Vaterländischen Frauenvereins im Abgeordneten hause verlas Staatsminister v. Mveller folgendes Hand- schlreiben des Kaisers:
Dem Vaterländischen 'Frauenverein zu seinem fünfzigjährigen Bestehen meinen kaiserlichen Gruß und meinen wärmsten Glückwunsch, zu entbieten, ist mir herzliches Bedürfnis. Von Deutschlands erster Kaiserin begründet, im Einigungskrieg von 1870/171 treu bewährt, I>at der Verein unter der unermüdlichen Leitung des Hauptvorstandes und der lwchverdientcn Vorsitzenden reiche und gesegnete Friedcnsarbcit leisten dürfen, deren allmähliches Wachs- ttnn ich durch die fortlaufenden Mitteilungen seiner erlauchten Protektorin der Kaiserin und Königin, meiner Gemahlin, zu meiner .Freude habe verfolgen können. Auf Grund persönlicher Eindrücke weiß ich die Verdienste zu wüttngen, die sich die beruflichen und ehrenamtlichen Kräfte des Vereins im jetzigen .Kriege unter dem erhabenen Zeichen des Rotem Kreuzes um die Pflege der Verwundeten und Kranken, um die Fürsorge für die Angehörigen und Hinterbliebenen unserer heldenmütigen Krieger in aufopfernder imd unermüdlicher Arbeit erworben haben. Ms Ausdruck meiner dankbaren Anerkennung, die jedem einzelnen an diesem vaterländischest Werke Beteiligten gilt, komrte ick, zu meiner aus- rtcftigen Freude auf den Vors-chlag der hohen Pvotektorin zahlreiche Auszeichnungen verleihen. Zur Förderung der von dem Vereine so erfolgreich aüsgeübten und mir auch für die Zukunft besonders am Herzen liegenden Kricgsfürsorge will ich zugleich als Jubiläumsspende 100 000 Mark in deutscher Kriegsanleihe hiermit bewilligen. Sie wird dem Hauptvorstande des Vereins durch du königliche Seehandllmg überwiesen werden. Gott der Herr chenke dem Vaterländischen Frauenverein und all seineii Glrä>ern neben der Befriedigung über die bisherigen reichten Erfolge Kraft und L>egen zu weiterer tteuer Arbeit. Möge es ilnn gelingen, im Verein mit verwandten Organffationen die beklagenswerten Kriegsnöte zu lmdern, die die fteveutlicheu Pläne miserer Feinde über das deuffche Volk und Vaterland gebrachst haben.
Großes Hauptguartter, den 10. November 1916.
gez. Wilhelm R.
Ter Kaffer richtete an die Kafferffi aus demselben Anlaß folgendes Telegramm:
S. M. Kaiserin und Königin, Neues Palais.
Dem „Vaterländischen Frauenverein" habe ich bereits durch ein Handschreiben meinen ,varmen Tank für sein langjähriges treues Wirken Mlsgesprvchen und mir den reichen Segen ver- M-enwärtigt. der in den vergangenen 50 Jahren von tficicr Lttsttmg meiner lieben in Gott ruhenden Frmc Großnrutter aue- gegangen ist. Elv. Majestät, als erlauchten Schirmlierrin des ^Erns, muß ich „roch ein Wort besonders innigen Tankes sagen. Ich dachte in dieser große,: Zeit oft daran, wie reich Gott der Herr unser Voll gesegnet hat, indem er neben den Heldenmut imsercr treuen Kämpfer an der Front, die stille und entsagungsvolle, vielfach ebenso helderrmütige Arbeit unserer Frcnren gestellt hat. Auch rhuen gebührt der Dank des deutschen Kaisers, ob ihre Kraft unseren Zkrankm und Verwundeten oder den Notständen in der Heimat, oder aber rn knapper schwerer Zeit dem stillen Dienst des eigenen Hauses und der Kinder zugute konrmt. Ich weiß, wieviel der unserem Hause so nahe verbmrdene Verein rmter de,n Schutz und der Forderrmg Ew. Majestät in helferrder urrd pflegender Liebe auf wertelte Kreise vorbildlich^ ,orrke,rd bisher geleistet hat. Gott segne o? n r -r J e ^ ! ^ Vwtektorin auch fernerhin zu weiterer segensreicher Arbeit für Volk und Vaterland.'
ge-. Wilhelm I. R.
Berlin 11. November. (WTB.) Van der Kaiserin, die denk Vaterländischen Frauenverein anläßlich seiner ftinfzigiährigen Jubelfeier ein Handschreiben Übersandte, sind der spende des Kaisers 20 000 Mark, von dem Neickiskanzler 50 000 Mark und vom preußischen Minister des Innern 25 000 Mark hinzugefügt worden.
Zentralausschuß der Fortschrittlichen Bvtkspartei.
B erlin , 11. Nov. Der Zenttalausschuß der Fortschrittlichen Volrsparter ttat am Samstag abend im Reichstage zu seiner Herbsttagung zusammen. Jü seinem Geschäftsbericht schilderte der Vor- fttzende des geschästsführenden Ausschiisscs, Reichstagsaktgeordneter Dr Wremer die von der Partelleitung geleisteten und geplanten Arbeiten. Reichstagsabgeordneter Ko ps ch berichtete über die Tö- ttgkert der Parteiorganisattonen während des Krieges. Er gab zu bedenken, daß die Neuwahlen zum Reichstage schneller kommen könnten als man glaube. Der Reichstag und seine Mitglieder hätten nach den Neuwahlen die Aufgabe, inftzuarbeiteu an, Ausbau des deutschen Reiches. Für die Fortschrittliche Volkspartei sei die Losung: Gegen das Fottbestehen aller Vorrechte, für ein freies Volk — Den Abschluß der Verhandlungen am Samstag bildete ein Vor- ttag des Reichstagsabgeordneten v. Payer über Reichspolittk und Reichstag.
Anivevsttäts-Nachvichten.
if M o r bur g, J.2. Nov. Bei der gestrigen eiidgültigen I m - matrikulationder Studierenden in der Anla der Universität gedachte der Rektor, Prof. Dr. jur. Leo nhnrd des Kampfes, den Deuffchland führe,: müsse und auch glücklich zu Ercde führen tvcrde. Die Sttü>ierenden möchten sich der großen Opfer, die der Staat noch dadurch bringe, daß er trotz alledem die Lehrtättsskeit an den deut- chen Universitäten aufrechterhalte, würdig zeigen und rührig ihrem Studium obliegen. Pflicht des Studierenden fet es, in jeder Beziehung in dieser schweren Zeit vorbildlich zu wirke,:.
Gerichtsfasl.
_ pp (Sffen, 11 Nov. Vor der 1. Strafkammer am Landgericht Essen wurde am 3. November der Kaufmann H. W. Heinz, Essen, wcglm Urkundenfälschung und Unterschlagung in zahlreichen Fällen, begangen durch Fälschung von Lolstilisten usw, zu 6 Monaten GefängUis und ^ur Tragung sämtlicher Kosten verurteilt. 1 Monat wurde auf die erlittene Untersuchungshaft angerechnet Ter Staatsanwalt hatte 16 Monate Gefängnis und 5 Jahre Ehrverlust beantragt. Heinz stanunt von Lwrgsolms, war fn'iher Lehrer in Olleiberg u::d wurde anfMtgs 1901 wegen Sittlichkeitsverbrechens vom Gericht in Wetzlar zu einer größeren Strafe verurteilt. ' ,
Kmtft, wisscrischaft rntfc Leben.
— DerLeoniden schwärm. (Zum 13. November.) Eine rnteresfante Erscheinunb kann man in den Nächten vom 13 bis» zum 16. 9ttwember alliährlick,! am gestirnten Himmel beobachten; es rst der in jedem Jahr in dieser Zeit regelnräßig wiederkchrende sternschnuppenfall, der von dem Sternbild des Löwen auszugehen scheint und daher der Leonidenschstvarm genannt wird. Die Sternschnuppen finb kleine Meteore, die, sobald sie in die Erdatmosphäre gelangen, infolge der Reibung glühend iverden und bald tu Dampf verwarteelt »verden. Größere Meteore dringen tiefer in die Erdatmosphäre ein, haben eine längere Bahn und reuchte,: intensiver^ sie heißen Feuerkugeln. Häufig duvchdringen die Körper auch die ganze ^ttnrosphärenschicht und erreichen die Erdoberfläche. Die Lufthülle der.Erde stellt gegenüber diesen Geschossen einen wrrksameii Panzer oder Schutzmantel dar. Dadurch wird die Fallgeschwmdigkeit der Massen l-erabgemind-ert: meist zerspringen auch diese hauptsächlich infolge des jähm Tcnrperatur- wechlsels :n kleme Ecke, und die Bruchstücke gelangen als Meteorsteine auf d:c Erdoberfläche. Bei den: Novemberschwann per Leo- niden lwt man aber^noch nicht das Niedergel-en von Meteorsteinen beobachtet, es handelt sich also bei ihm offeirbar nur tun lleine, leicht verbrennbare und unter sich ziemlich gleichartige Stein- körperchen, von denen unverbrannte Teilchen niemals bis zur Erde gelangen oder auch,rur tiefere Regionen der Erdatmosphäre erreichen können. Dasselbe ist bei dem alljährlich an: 10 August iviederkehrenden Sternschnuppeiistrom der Fall, der aus der Himmelsgegend zu kommen scheint, in der das Sternbild des Perseus steht, und der deshalb als Perseidenschwarm bezeichnet wird Da der Augustschwarm sich am.Gedenktage des heiligen Laurentius zu ereignen pflegt, hat man ihn früher mit den: Martyrium des heiligen Laurentius in Derbuteung gebracht, ber lebendig auf einem Rost gebraten worde»: ist und denr dabei glül>ende Tränen ans den Augen geflossen sein sollen. Man hat daher diesem Sternschnrippen- fall den poetischen Namen „Tränen des Laurentius" verliehen. Der Icoveniberschlwarm entbehrt eiires derartigen schmückenden Beinamens, er ist aber nicht minder beachtenswert als jener. In mcfem Jahre wird freilich das Schauspiel vor Mitternacht ein wenig durch das Licht des Mondes beeinträchtigt werden; wer sich aber die Muhe nicht verdrießen läßt, bis nach Mitteriracht aufzubleibeii, der wird der unbedecktenr Hrnuntl sicherlich Gelegenheit ftnden, eine oder £ CrC nacheinander plötzlich avi Firmament anf-
leuchten zu sehen. Bekanntlich geht nach einem alten Volksglauben der Wunsty rn Erfüllung, den man beim Erscheinen einer Stern- tcknuppe gerade hegt.
SSentcriiojt H eidenstam — der Nobelpreis- träger von 1916. Durch, die Zuweisung des diesj^rigen
LiteraturvEs der Nobelsttftung «rn Wertier von Heideiistanr haben die Schweden den größten nationalen Dichter, den sie zurzeit betitzen, geehrt. Gustaf Wermer v. Heidenstam wurde als Sohn eines Offiziers am 6. Juni 1859 geboren, geht also jetzt seinem 60 ä-ebe^rahre entgegen. Er hat ein großes Stück Welt gesehen und auf Reiserr reiche Ersal/rimg gesainmelt. In seiner Jugendzeit ^I^Ere Jahre in: Orient gelebt, auch in Jtalieri und der Lchwerz rjt er lange und oft_ zu Gaste gewesen, bis er in seinem ^-aitehauie am schönen Wetter)ee ein festes Heim gcftnteen hat. Sein Reiseleben jpiegelt sich auch in seinem Schaffen, uite zwar besonders in dessen Anfängen. Werner von Heidenstam trat zuerst als Lyriker auf und seine Gedichte zeigten eine phantasttsche Haltung und eine gewiste orientalische Farbe, an der unschwer die Eindrücke feiner ^ugendiahre M erkennen sind. Mer im Lmlse der Zeit ist eine große Wandlung mit diesem Dichter vor sich gegangen. Von der gebundenen Rede wandte er sich zur Prosa, von der Ferne zur Hermat, und der phantastisch schrueisende Lyriker von einst wurde zu denr großen Epiker des schwedischen Volkes. In dieser Hinsicht bildete die Dichtung „Die Schweden und ihre .Häuptlinge" wohl das Glanzstuck mmftten einer Gruppe von ähnliche-,: .Werken (,Kurl XII. und seine Krieger", „Die Lfarolinger"). Es sind Hel- deirdichtungen ur Prosa, deren merkwürdigste Cigentünllichkeit darin besteht, daß nicht eine einzelne Persönlichkeit, sondern viel- melir das ganze Volk den Helden der Dichtung bildet. Treffend hat mair diese Schöpfung L>eidenstams mit de Costers „Thll Ulen^ spregel verglichen, jedoch ist das geschichlliche Pathos der Dichtung Herdenstams wohl noch wuchtiger und von mo,ncmentalere,n Zuschnitte zu uennen, als das des vlämischen Dichters. Auch aut dem Gebrete der nrodernen Erzählung liat Heidenstam sich mit Erfolg betattgt und zuweilen fühl, wie z. B. in der Novelle „Die Brüder" mr recht schwierige seelische PrMeme getvagt, die er mit eindringender Feinheit und mit großem sitllichem' Ernste beliandelt bat. Obgleich er sich» in seine,: Werken als Kenner des „menschlichen Seelenlebens und kundiger Psychologe bewährt, hat er doch gegen zerre besonders von Ltrindberg in Sckstveden eingeführte und ver- tretene Art der unbarmlierzigen Sclbstzerglicderung nachdrücklichen Einjpriich erhoben. Zwischen ihn: und Strindberg ist es darüber un letzten.Lebensjalwe Strindbergs zu einer erbitterten Fehde gekommen, in der Heidenstani seinem Ofegirer voll«w Verachtung seine inttmen Beichten vorwarf, während Strindberg Ivieder dafür Heidenstam mrt sehr unzweiderttigeir Tittflatnren belegte. Gewiß dre, die rn den Werken eines 'Dichters Bekcmrttnisse seines persönluhsten und iiittnfftei: Lederte zu finden lieben, bei Heidenstam enttcmfcht werden.. Er ist über sich schiveigsam und memaite wird bteses strengen und beinal>e spröden Dichters an- merten, daß auch« er ^— ganz wie sein einstiger Gegner Strindberg — schr bewegte Liebes- und Ehoschichsale hinter sich hat, und daß
Die Gsidankaufftelle
ist morgen von 2 bis 4 U hr geöffnei!
er. jetzt vor 5 .Jahren, eme vierte Ehe eingegangen ist, und z,oar mit snner dritten geichiedenen Frau, Greta Ljsberg. dttcht im Kreise dieser Erlebnisse sucht Heidenstam seme Motive — sein großes, alles Persönliche tief in den Schotten drückende Erlebnis ist vielmehr sein Volk, dies tapfere, männliche, edle Schwedenvolk, mit dessen Schick- stcken und Helden, mit dessen Erfolgen und Leiden er lebt. Ms es zwischen Schweden und Nvrioegen zrrr Auseinandersetzung kam, da hat Herdeifftam leteenschcfftlich seine Stimme gegen die Geduld, die Verträglichlkeit und den bequemen Friedensgeist erhoben, mit dem r t n • f " dam-als die norwegische Frage behandelte. Er scheute W L.E, ihm den Krieg zu prediget!; und vielleicht haben die Erfahrungen zenes für den ftandingvischen Norden so bedeutsainen ^rcn 1905 dazu beigetragen, ihn der Vergangenheit des schwe-- dischen Volkes zuzuwenden urte ihir zu pem großen nationalen Dichter der schwedischen Geschichte zu machen.
«n ^ichard Strauß DilL Eu lensp i e g e l" als ?°llctt. Zu der auf den 13. Oktober festgesetzten Eröffnung des Manhattan-Opernhauses rn Neu> Port ist ein Werk gewählt worden, das in Deutschlmte ganz besonderes Interesse erwecken muß- W 'st dus nämlich dnt Becrrl>eittmg dev sinfonischen Dichtung "Tfll Eillenspregel" von Richard Sttmrß, bei der die Sinfonie in cnn Ballett, oder wenn inan lieber will in eine Pantomime verwandelt tvorden ist Wie basi „Sattrrday-Magc^ine" zu berichten weiß, hat otrauft selbst zu dieser UnNvaitelung seine Zustimmung erteilt, Er hat ern altes Interesse für das pantonnnnschse Ballett. Wedckurd hat chm schon 1897 einige Pläne zu solchen vorgelegt, ooch fand sie Strauß nicht für.feine Zwecke geeignet. Später hat er selbst verschiedene Ballettenlwürfe verfaßt, nxtnte sich aber nickst cm ihre Mtefuhrung, >oeil er fürchtete, „nt seinem Rttesenorcksvster nicht den nötigen Zusa,mnenl>ang mit den Bewegilngen der Tänzer zu.futeen. Erst die Verbindung mit dem russischen Ballett bat Folöft; bekanittlich I>at er für die Tiagbilesf- GesMchaft die „Josesslegende" als Pantonriure bel)andelt, die dann ztn Paris nnt der Rubinsteins mit bedeutendem Erfolge aiifitefittnt morden ist. Nisinsky, der ausgezeichnete russisch^ Tanzkünstler, hat es nun uuteriivmmen, .Straußiens Donge dicht in ein pan tonn ^ nusches Ballett ilinzuarbeiten, und man darf gespannt sein, ob und rnwieuutt ihm dieser Versuch, geglückt ist. Ms Franz Wüllner bei der ersten^Aufführung des „Eulenspiegels" Strauß um eine pro- gramniatische Erllärnng der musikalischen Tichtnrlg ersuchte, anl- wartete Strauß, daß er dazu nicht imstande sei. „Was irt> bei der Komposition gAvisier Stellen im Sinne lsatte so erklärte er damals,, würde, in Worte gekleidet, oft sonderbar genug erscheinen, ja selbst vielleicht Anstoß geben." Es bleibt nun ab zu ■ maren, ob es Nijrnskti geglückt ist, die von 'Sttgliß in diesen Wotten angedeutete Klippe zu unffchfffen.


