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6.10.1916 Zweites Blatt
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Nr. 235 Zweiter Blatt M. Jahrgang

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Die AchersteAung des Bedarfs an Speisefetten und die Sicherstellung des Milchbedarses

für dLaMeoölkeruirg sind die schwierigsten aller kri-egswirtschaft- \id,m V^bleme. Im Frieden wurde, so lautet eine Veröffentlichung/ aus Berlin, ein großer Teil des Fettbedarfes durch Einfuhr ooni Fetten aus dem Auslande und dann vor allem durch unsersi Schweine gedeckt, zu deren Mästung ausländische Gerste und andere Futterstoffe in außerordentlichem Umfange bezogen wurden, ?luch die Einfuhr von Stoffen für die MargarineBereitung spieltg für unsere Fettvers-orgung, die Einfuhr von ölhaltigen Futter^ Mitteln zur Erzeugung fettreicher Milch für nnsere Milchoer- sorgung und damit zugleich für unsere Fettversorgung eine ganz bedeittende Rolle. Nach Fortfall des größten Teiles dieser Einfuhr \jat die Fettversorgimg naturgemäß wesentlich zrachgelassen. Tie deutsche Technik und Wiss-ensckzaft hat zwar durch Nutzbarmachung aller möglichen Fettgu-ell«: sich mit Erfolg benrüht, die entstandene Lücke etwas auszusüllen. Auch die Einschränkung des Seisenvcr- brauchs, die Sck>assung von Ersatzstoffen für Seife hat Vorteile gebracht. Llber eine einigermaßen ausreichende Versorgung der nicht landwirtschaftlichen Bevölkerung mit Speisefetten ist nur möglich, wenn das Milchfett in sorgsamer Verteilung hierfür 1-eran gezogen wird.

Mit schwerem Herzen und nach gewissenhafter Prüfung des Für und Wider sind die Stellen, in deren Hände die Sorge für unsere Kriegswirtschaft gelegt ist, an die gesetzliche Regelung der Fettversorgung und der Milchoersorgung herangegangen. Tie feste Ueberzeugung, daß ohne gesetzliche Ordnung bei der nicht weg- zuleugnenden außerordentlicheu Knappheit an Speisefetten und auch an Milch große Bezirke unseres Vaterlandes einen: wirk­lichen Notstände entgegengehen würdeir, während andere Gegenden sich auf diesen: Gebiete i:: einem gewissen Wohlstände befinden, ij-at imabweisbar dazu genötigt, :mch einheitlichen Gesichtspunkten die Milch- und Fetterzeugiurg zu regeln und eine gleichmäßige Verteilung des erzeugten Fettes, sowie eine möglichste Sicher- stettmtg des notwendige:: Milchbedarfes anzustreben.

Für die landwirtschaftliche Bevölkerung, welche gerade bei der Milcherzeugung besonders hohe Mühe und Kosten auswendm. muß, bedeutet das eilt«: schweren und tief empfuiü>enen Eingriff in ihre Wirtsckiaft. Tie Möglichkett einer einigermaße:: reich­lichen Versorguiur durch selbst erzeugte Milch und Butter bildete bei der Landbevölkerung neben der Versorgung durch! selbst erzeugtes Schweinefleisch und Speck eine der Grundlagen ihrer Hauswirt­schaft und einen gttvissen Ersatz für das Fehlen aller der vielen Vorteile und A::nälmckrcb>llÜen, die die städtische .Hausfrau in ihrer Wirtschaft genoß. Aber die Notwendigkeit, die städtische Bevölkerung imd vor allem die schwer arbeitende Industrie-Arbeiterschaft mit ausreichendem Fett und solche Bevölkerungs-Gruppen, die zu ihrer Ernährung Vollmilch nicht entbehren können, mit M:lch zu versorgen, hat schärfere Maßnah:nen zur Herbeiführung eiües gewissen Ausgleichs notweittüg gemacht.

In Gegenden, wo auch die kleineren Landwirte und viehhalten­de:: Arbeiter sich gewöhnt habest, ihre irgend entbehrliche Milch mr Molkerei zu bringe::, ist der Wandel der Tinge nicht so fühlbar. In den vielen Gegeichen aber, wo im Banernbetriebte selbst Butter hergestellt wird, ist der Eingriff schwieriger :rnd wird viel tiefer empfunden.

Auch für die städtifche Bevölkerung, soweit sie bisher noch eini­germaßen mit Vollmilch versorgt war, bedeutet die notwendige Neu- vegÄung eine unwillkommene Mkehr von alten Gewohnheiten. Denn, um genügende Butter zu schaffen, ist es nötig geworden, den Vollmilckwerbrcruch wesentlich zu beschränken und eine Neu­regelung des Milchverkehrs vorzuschreiben, die für viele Gegenden eine schmerzlich empffnchene Veränderung in die bisherige:: Lebens­verhältnisse bringen wird.> Tie Milch entzieht sich in noch viel stärkerem Maße als alle a:ck>eren Nahrungsmittel der Reglementie­rung. An unzähligen Stellen erzeugt, Muß sie sofortigem Ver­brauch zugeführt werden, weil ihre Haltbarkeit von allergeringster Dauer ist. Eine Rationierung der Bevölkerung. wie sie bei fast allen anderen Nahrungsmitteln möglich ist, läßt sich bei der Milch nur in bescheidenem Umfange durchfuhren. Tenn wegen ihres Ein­tagslebens sind der Möglichkeit, sie von Orten des Ueberslusses an Orte des Bedarfes zu bringen, feste Grenzen gesetzt. Dazu kommt, daß gerade in den Wirtschaften, in denen die Milch erzeugt wird, eine Mgrenzung des Bedarfs äußerst sckpvrerig und jedenfalls sehr gefährlich ist. Es inuß alles vermieden werden, un: dem Selbst- erzeuger durch zu starke Beeinträchtigung seiner Wirtschaftshaltung die Liebe zur Sache zu nehmen. . Jeder weiß, welche Mühe und Arbeit notweickng ist, um die Milchvieh-Wirtschaft auf der Höhe zu halten: wie ln den Wirtschaften alle Mitglieder des Hausstaittes von früh bis spät tätig fetit müssen, uni für das Meh zu sorgen) Würde man hier aus allzu starrem Schematismus und aus" dem Be­streben einer Gleichmacherei heraus zu einer festen Abgrenzung des Bedarfes schreiten, so würde als die Folge wahrscheinlich eine Schä­digung der Milcherzeugung und damit eine Schädigung der Gesamtheit erreicht werde::. Deshalb hat man davon abgesehen, int Gesetze dem Bedarf der Selbstversorger ein festes Maß vorzuschreiben. Man darf zu unserer Landbevölkerung das Vertraue:: Haber:, daß sie sich des Ernstes der Zeit bewußt ist, keine Verschwendung mit der Milcb treibt und schließlich auch um ihres eigen«: Vorteiles willen die Vollmilchmenge dem Zwecke der Allgemeinheit dienstbar macht, die sie nicht notwuttüg in ihrer Wirtschaft gebraucht. Sollten sich Mißstände ar: einzelnen Stellen ergeben, haben die lokalen Behörden die Möglichkeit, einzuschreiten.

Mas der Selbstversorger nicht für sich und seine Wirtschaft gebraucht, soll nun der Allgemeinheit dienen, damit der notwendige Bedarf der vollmilchberechtigten Bcvölkenmg an Frischmilch sicher- gestellt und im übrige:: alle verfügbare Vollmich zur Fettgewinnung herangezogen wird.

Die Auffassung darüber, für welche Bevölkernngsgrupven Voll­milch zur Ernährung unentbehrlich erscheint, sind ebenso geteilt, wie die Auffassungen über die Milchmcnuren, die den einzeln«l Gruppen zu gewähren sind. Das Gesetz hat zur Reges,mg dieser Frage einen Weg eingeschlagen, der von einer Reihe anerkannter Größen aus den: Gebiete der Wissenschaft und der Praxis für rickchig gehalten ist. Es schasst den Bbgrisf der Vollnn.chversor- gungsberechtigten und rechnet zu ihm Kinder bis zun: vollendeten 6. Lebens:ahre, stillende Rtütter, schwangere Frauen in best letzten drei Monate:: vor der Entbnttmng und Kranke; es gibt weiter den Kindern im 7. bis 14. Lebensjahre ein Vorrecht auf Zuweisung von Vollmilch, soweit sie nach Deckung des Bedarfs der Vollmilchversorgungsberechtigten noch vorhanden ist und ver­pflichtet die Kominunalverüände und Gemeinden, innerhalb ihrer Bezirke den Milchverkehr so zu regeln, daß jene beiden großett Gruppen der Bollinitchversorgungsberechtiaten und der im Range nach:hnen zu befriedigenden Vorzugsberechttgten unter allen Um- erMten^^" vor den übrigen Schichten der Bevölkerung'

Die Reichsstelle für Speisefette, der die Bewirtschaftung der Ss^lsefette und der Milch und die allgemeine Verkclwsreqelung auf d:esen Wirtschaftsgebiet«: übertragen: ist, bestinlmt die Mengen, A r «« Vollmilchversorgungsberechtigten sicher zu stellen sind. Diese Mengen, die auf Grund statistischer Unterlagen für die ein­zelnen Gemeuwen oder Kommunalverbände berechnet werden, sollest den bedarfsbezirken auch nach Möglichkeit sichergestellt werden. - a £ Milcherzeugung einen starken Rückgang erlitten hat

und tnelleiajt \n den Wintermonaten einen lvetteren Rückgang er- 1 eioen wird, :st doch die Hoffnung berechtigt, daß in den weitaus

meisten Gebieten unseres Vaterlandes die Vollmckch-mengen sich be­schaffen lassen, die hierfür erforderlich sind. Eine Reihe von Vor­schriften des Gesetzes bietet die Handhabe, die Milch dahin zu leiten, wo sie gebraucht wird, und so dürfte auf diesem Gebiete der Volksernährung wirkliche 91vt nicht eintreten Well alle Stellen von der Ucberzeugung durchdrungen sind, daß die oben: genannten vollmilchversorgungsbereckstigten Bevölkerungsgruppen ohne angemessene Mengen von Vollmilch nicht leben können, ist davon abgesehen worden, das in dieser Vollmilch «tthaltene Fetts ihnen anzurechnen und dementsprechend ihren Fettbezug zu kürzen. Ebensowenig wird selbstverständlich dem Kommunalverbände bei der Zuweisung seines Gesamtfettbedarfs das in jener Vollmilchmenge enthaltene Fett in Ansatz gebracht. Da die örtlichen Lebensbedirr- gungen außerordentlich verschiede,: sind, lvird den Kommunalver­bänden die ausdrückliche Befugnis erteilt, nach ihrem Ermessen jene für die Bollmibkwersorgungsberechtigten er rechneten Vvll- rullchmengeu aus Kinder und Kranke so zu verteilen, wie sie es nach bestem Wissen und Gewissen für zweckmäßig hatten.

Alle Vollmilch, die über jenen Bedarf der Vollmilchversor- gungsberrchtigten hinausgekst, muß grundsätzlich für die Fettge­winnung in Anspruch genommen iverden, und lvenn sie ttotzdem zum unmittelbaren menschlichen Verbrauch benutzt wird, wenig­stens nach Maßgabe ihres Fettgehaltes zur Anrechnung komme::, und zwar sowohl den: Kvmmunalverband gegenüber bei der Aus­stellung seines Bedarfes an Speisefetten, als auch dem Berbraü- cher gegenüber. Für die Volkswirtschaft wird das zur Folge haben, daß :n viel stärkerem M^ße als bishlw die billigere und doch so nahrhafte Magermilch sich Eingang in die Haushaltungen ver­schaffen, aber zu einem großen Teil auch ihren Weg in die Käse­reien suchen wird. Allerdings bleibt es eine schwierige Aufgabe, die zum unmittelbaren Verzehr bchtimmte iNagermilch so zu be­handeln und so zu verteile::, daß sie süß und gesund in die Hände der Verbraucher gelangt. Aber auch hier werde,: sich Mittel und Wege finden, damit dieses Ziel erreicht wird.

Taß auf allen Gebieten, wo vielleicht früher bei der Ver­wendung ton: Milch nicht mit der nötige:: Sparsamkeit vorgegangen ist, in Zukunft tunlichste Beschränkung geübt iverden _muß, ist klar. Deshalb bleiben alle die einschränkenden Bestimmungen, über die Verwendung von Milch, die schon in stüherer: Gesetzen getroffen sind, bestehen und sie werden erweitert, wo sich Einschränkungen! in der Mckchversorginu; als notwendig erwiesen haben.

Eingehende Erwägungen sind darüber angestellt, ob von der gesetzlichen Regelung auch der Verkehr mit Ziogenmllch ersaßt werden sollte. Ueberzeugende Gründe haben aber zu dem Entschlüsse geführt, hiervon ab^useheu. Denn die Ziege, die ja die Kuh des kleinen Mannes ist, hat Gott sei Tank in :n:mcr steigendem Maße Eingang in die lleinen Haushaltungen gesunden, und cs würde eine Abkehr von dem durch die Förderung der Ziegenzucht beschritten en Wege bedeuten, lvenn man jetzt die Ziegenmilch einen: Schematis mus zuliebe der Kuhmilch gleichstellen und hierdurch sicher eine ganz außerordentlich unerwünschte Beschränkung in der Ziegenaufzucht herbeisühren würde.

Ten Behörden werden durch die Neuregelung des MlchVerkehrs sehr schwere Aufgaben zugewiesen. Die Zuleitung dec Milch in das Gemcindegebiet, die Verteilung der M^itch in der Gemeinde, die unterschiedliche Verkehrsbehandlung zwischen Vollmilch und Mager milch, die Notwendigkeit, wenigstens für die Abgabe von Vollmilch Bezngskarlen vorzuschreiben und ähnliches mehr, erfordern äußerste Aufmerksamkeit und gewissenhafteste Lkrveit. Aber wie sich bisher Staat u:ü> Stadt den Anforderungen gewachsen gezeigt haben, die durch die Kriegswirtschast an sie gestellt sind, wird es hoffentlich auch hier gelingen, der Schwierigkeiten Herr zu werde,:.

Tie Bevölkerung aber wird sicher ernsehen, daß die gesetzlichen Eingriffe in das Wirtschaftsleben, welche die Neuregelung des Ver^ kehrs mit Speisefetten u:ü> Milch im Gefolge haben, notwendig sind, weil sie unser Volk vor sicherer Not bewahren sollen und es in de:: Stand setzen sollen, in dieser harten Zeit durchzuhatten. Wenn der­jenige, der ^hcute noch in eurem gewissen llebenlusse lebt, sich davon überzeugen läßt, daß er um des Ganzen Wille:: dem abgeben muß, der bis heute entbehrt hat. dann wird er sich auch mit den Härten abstnden, die zweifellos die Neuordnung dieser Wirtschaftsgebiete mit sich bringt, und er wird vor allem auch die Uebergangszeit ohne Murren ertragen, die ja erfahrungsgemäß am schwersten empfunden wird.

Nttegsdrsefe aus dem Osten.

unserem zum Ostheere entsandten KriegsberichterKatloe (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

In der Klause von Macarlau.

Macarlau, 26. September 1916.

In den Gärten von ^elsö-Visso blühten die Rosen, oben auf den Höhen, die über Visso- und Vaser-Tal hinübersahe::, glänzte Neuschnee. Es sollte bttter kalt in den Bergen oben sein, die Wolken zogen tief über die schimmernden Kuppen. Ta hatte der Herbst ein Einsehen und warf ein paar goldenhelle, warme Sonnen-, tage in das Waldgebirge, Täler und Höhen streckten sich in sonnen- slimmender Wärme:md schier von den Augen kamn auszuttinkender Herbstschönheit. Wie ein Spuk kam selbst den den Gebirgskrieg ge­wöhnten Jägern der Krieg in diesen: leuchtende:: Hochland vor. Wer zum erstenmal die braunweiße:: Schrapnells der russischen Gebirgsgeschütze sieht und den dluffchlag der Granaten auf den feierlichen unberührten Höhen erlebt, erschrickt fast vor der Ver­wegenheit, mit der der Mensch seinen Vernichtungslärn: in bat Sonntag der Natur trägt, aber dann gewöhnt man sich, wie man sich an alles andere gttvöhnt hat.

Tie Kukurutz-Felder von Felsö-Bisso sind schnell durchfahren, neben dem schmalen Fahrweg rauscht die Baser zu Tal, bald zur Rechten, bald zur Linken läßt sic Raun: für den Weg. lAn de:: paar Stellen, an denen Nebenbäche einmünde::, gibt es Raum für ein paar Felderbreiten, für ein paar Obstbäume. Saubere Holzhäuser stehen da an den Hängen: das Maisstroh wird geschnitten, überall tätiges Leben. Tie^ Bevölkerung ist zum größten Teil wie ja auch in Felsö-Visso deutsch, Schwaben und Niederösterreicher, die vor 150 Jahren eingewandert sind. Blonde Kinder mit blauen Augen tobten in de::: Garten von Felsö-Vissä mit mir herum und wollten mir ungarische Spiele beibri:up:n, die ich nicht recht begriff. Freilich die blonden, wttden, kleinen Mädel, so zwischen, 4 und 6 Jahren, in dem Alter, da selbst der Kriegshimmel noch voller Geigen-»:gt, die wunderschöne Musik machen, freilich die wilden, lieben Mädel hießen Terh, Bobi, Jlla, Bibi, :md mein, Deutsch verstanden sie nur sehr Mangell>ast. . . .

Zuweilen, hat man den Eindruck, daß plötzlich Fahrt u:ü> Weg im Vaser-Tal ein Emde habe, :veil sich die stecken Tannmhängd geradewegs vor der Sttaße lwckbauen, aber dann führt natürlich mit plötzlicher Wendung doch eine Lücke durch Tann und Fels, und die Baser schäumt in schnellerem Fall durch die Enge hindurch. Auf den: Wildwasser kommt dann plötzlich :nit Zuggcschwindigkeit ein Holzstoß herunter, ein mächtiges Floß, auf dem vier bis fünf Männer stehe::, die große u:ck> starke Ruder führen, die an der Spitze deS Floßes die Holzmasse lenken sollen. An der Biegung, :M schäumende:: Fall, meint man, das Floß müßte m Atome zer­schellen, die eine Ecke fährt auch gegen das felsige Ufer, aber mit einem Ruck haben sich, die Flößer befreit, wie eine Stahlfeder schnellen die riesigen, geschälten Tannenstämme empor, hinab, das Floß sanft weiter zu Tal.

Ter große Wasserreichtum des Gebirgsbaches überrascht dabei, zur Frühlingszeit könnte das Wasser sich kaum lebhafter, schäumender zeigen. In Macarlau sieht man dann^ das Ge­heimnis des Reichltums. Ta ist eineKlause", eine Sperre ein­gerichtet, die über 250 000 Geviertmeter Wasser anfftaut. Eine 3 bis 4 Meter dicke Mauer sperrt das Tal, dahinter sammelt sich das Vaser-Wasser zu einem langgestreckten, dunkelgrünen Gebirgs­see an. Soll die Flößerei beginnen, lverden die .Schleus«: ge^ogen^ und aus der schmalen Wasserrinne wird ein flößbarer Olebirgs- strom für einen Tag. Im hübschen Haus des KlausenwärterZ von Macarlau hause ich nun. Don deutschen Soldaten wird jetzt gescheuert, gezimmert, geweißt im Hause: aber bald ist alles blitz­sauber. Tie Vaser rauscht durch die Klause, der weiße Staub blitzt vor den dunkelgrünen Karpathentaunen: auf den Höhsn ist es ruhig. Kaum ein Schuß fällt. In den kalten, sternenschüinen Nächten schrei«: die Hirsche.

lAukldün: Wege zur Stellung, aus dem Koman, aus dem Purulin ziehe:: die Tragtiere vorbei. Das ist die anixwe, die bcktere Sette dieses schönsten Kriegsschauplatzes: jedes Stt'ick Draht, jedes Brett, jede Rolle Dachpappe, alle Lebensmittel und die Munition müssen auf den Rücken der lleinen Tragtiere in mühsaiper, ach mühscuner Bergwanderung nach vbe:: gebracht werden. Wie/viel Arbeit, wieviel Kraft!mrd Mühe ist nötig, so eine Grai:atkiste aus dae Höhe zu schleppen, und wie schnell fressen die sauber«: Gebirgsgeschütze die Traglasten ganzer Kolonnen auf.

Noch singen die Jäger, die die Tiere führen. Eine ganze, junge helle Stimme bringt die anderen zum Schweigen, man hat ja noch drei Kilometerleichten" Weg vor sich:

.... und die Dornen und die TistÄn, ja, die steck:«: gar so sehr.

Doch^ die falsche, falsche Liebe, die sticht noch viel mehr. . . .

Das letztemal habe ich das Lied von einer sehr lieben Frauen- stimn:e gehört, es kommt mir vor, als seien es Jahrzehnte her. Jetzt singt es der Jäger hier in das Rauschen des Vaser-Baches, und die Bilder einer Zeit, die ferner wie die fernsten blauen Berge scheint, rauschen schneller als das Bergwasser vor inein«: Aug«: vorbei. Es ist gcurz gut, daß die Pferde gesattelt sind und man beim Traben wieder Augen und Aufmerksamkeit ai:f die Tinge in der Nähe richten muß.

Am Fuße des Rotundul beginnt irg«tt>wo das Tannendickicht etwas liäster zu werden: das ist der Anfang des Weges' auf die Höhenftellung. Es ist erstaunlich, wie die Ulanenpferde das Klettern gelernt Hab«:: dabei sinken sie alle Augenblick bis zu den Knien in d«: moorigen Grund ein. Schließlich wird der Weg trockener, es geht Schritt um Schritt auswärts. Tragtierkolonneu kommen bergab, kleine serbische Pferde, Esel, größere Maulesel. Sie schi:eiden die steilen Serpentinen noch durch Zwischenwege ab und scheinen irgendemen geheimnisvollen Klebestofs an den Hufen zu haben, der das Ab gl eit«: verhindert.

Noch eine Steigung, man :neint, den Gipfel zu haben, da türmt sich ein letztes steckes Wegestück empor. Endlich ist der Kammlvüg erreicht. Tie Sonne brennt aus Rasen und wetten Huslattichhalden. Das Auge trinll die wundersame Ferne. Gipfel blaut neben Gipfel, dazwischen grünen die Wälder, eine blaue, wu:ck>ersame Luft zittert über den Tälern und den Höhen unter dem Kan:m.

Ter Batacktonsstab sonnt sich und trinkt Kaffee.

Es ist so stckl, daß man das Atemholen der Welt hören kann, das tiefe Klingen in der Bergeinsamkeit.

Krieg, ja, ja Krieg. . . Bor der Stellung irgendwo in bet 'Kiesern-Latschen steht das Sck-erenfernrohr. Man sieht wett hin«:, in die Hänge des Piciorul-Comanrckin, wo die Russen lieg«:. Ta schiebt sich ein russischer Jnfm:teriezuL den Weg drüben hinan. Man erkennt Mann für Mann, den braimen Stoff der Mänbck, inan sieht die Gewehre, die Chargen zur Recht«: der marschierenden Kolonne. Ob sie etwas Vorhaben? Trüben auf der Höhe selbst soll auch Besvegung sein. Abwarten. Bereitsein. Noch ist tieft Stckle. Tie Jäger baden sich in der milden Sonne.

Morgen? Man ivird sehen. Trüben weit über den blauen Spitz«: stehen, zwei länglick>e Striche, :vie Kommas, die in den blauen Horizont von fiirwitziger Hand gezeichnet Wurd«:. Es sind die «rmänischen Fesselballons nördlich von Torna Watra, Vvn dort von Süden ^her llingen jetzt auch dumpfe, ftrn-e !£8ne. Tie Artillerie.

Man läßt sich das hier nicht anfechten. Man muß den schönen Tag fangen, >vie man mit dem schlechten ferttg werden Muß. Es gibt frisches Wildschweinsfleffch: der Hauptmmm hat tzjne starke Sau geschossen. Auch ein Bär ist schonausgemalH", übrigens. Es sollen, sagt mir der ungarische Forstverwaller, 30 bis 40 Stück in dem! Riesenoevier sein, undheuer sind fie Vs-, sonders ffrech. Sie haben das Vieh überall von den Almen ver­trieben." Er verzog keine Miene dabei, als er dies sagte. Dm Bestand an Hirsckpvckd schätzt er <u:f 300 Hautrt, darunter min­destens 25 Kapitale. Ter Luchs streift noch im Gebirge, der Wolf zieht ins Tal. Wenn man in die ungebäi:d:gte dunlle Wald­wildnis hineinsieht, glaubt man schon, daß hier der Jäger auf seine Kosten kommt, lvenn das Wild auch etwaspertreten" ist.

Ueber das Vaser-Tal spannt sich beim Heimrttt in goldener Schönheit der Sternenhimmel: der Wald rauscht dunkel zu beiden Seiten des Weges. Tie Hufe llappern auf dem ftlsigen Grund? durch die blaue Tämmeruug.leuchtet ttefgekb das Licht aus dem Klausenhaus von Macarlau entgegen.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.

Okt.

1916

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Regen

Höchste Telnperatur am 4. bis 5. Okt. 1916: -ff 17,2° C. Niedrigste 4. 5. 1916: +13,0°C.

Niederschlag 6,1 mm.

a Godener J

Mineral-1

Pastillen [

Nachahmungen weste man zurück. 1