Nr. 225 Zweites Blatt J66. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme VeS Sonntags.
Die „Sießener Zamiliendlütter" werden dem
»Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das ..Urekvlatt für den Nreir Sletzen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Oberhejjen
Montag, 25. September 19*6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jcheo Universitäts - Blich- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schnstleitung, Geschäftsstelle ii.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:^E51,Schrift» Leitung: Adresse für Drahtnachrichtenr
Anzeiger Gießen.
LLaatssekretär tzsisferrch und andere Keichs- bsarute über MegSVirtschaWche Fragen.
Berlin, 23. Sept. (WTB. Amtliche) Ter Staatssekretär des Innern Tr. Helffer: ch enrpfiug an: Freitag, den 22. Sept., Vertreter d-es Deutsche:: Handclstages, des Deutsche:: Hatüwerks- und Geloerbekmimrertages, des Deutscheil Landrvirtschaftsrates !und des -KriegSausschusfes der Deutscher: Industrie, um die Wünsche der Erwerbstätige::. Mr Ä:genblicklick)en kriegswirtschaftlichen Lage ent- gogenztMehnten tünd die Maßnahmen zu besprechen, die nach Ansicht dieser Kreise tnmf> jene Lage bedingt werden. An der Besprechung r.ahm der Staatssekretär des Reichsschatzamtes Graf von Rödern, der- Reichsbankpräsident Tr. Havenstein und der Präsident des Knegsemährungsamtes teil.
Im Lause der Mehrstündigen eingehenden Besprechungen, bei denen die verschiedeneir krieaswirtschaftlichen Fragen zur Erörterung gelangten, wurde auch die Frage der Kriegsanleihe,' berührt. Der Staatssekretär des Reick)sschatzanrtes nahm dabei Ber- anlassung, die Wichtigkeit einer soliden Grundlage unserer Kriegs'- sinanzen zu betonen und wandte sich weiter den Gerüchten zu, die deii Aeichmmgserfolg der Anleihe zu schwächen geeigiict erscheinen. In dieser Beziehung führte der Staatssekretär etwa folgendes aus:
Schon vor Auflegung der Anleihe ist das unsinnige Gerücht entstanden, die Regierung beabsichtige, sämtliche Sparta s seng nt haben zu beschlagnahmen, was vor einigen Wochen manchen kleinen Sparer veranlasse, sein Guthaben von der SparkassMnrückzuziehen. Die Tatsachen haben inzwischen dieses Gerücht Lügen gestraft. Sie haben bewiesen, daß die Regierung nie daran gedacht hat, bei dieser Anleihe zu einen: Zwang in irgend einer Form zu greifen. Freiwillig sind bisher 36 Milliarden vom deutschen Volk in langfristigen Anleihen ausgebracht. An die Freiwilligkeit nrtd die Einsicht des deutschen Volkes soll auch jetzt ::nr appeliert werde::. Dann folgte das Gerede, die Kriegsanleihe:: würde:: vor Ablauf der Konvertiernngsfrift in ihrem Zinssatz herabgesetzt loer- den. Dieses Gerücht geht vereinzelt mich immer um und hält manche ängstlichen Gemüter von der Zeichnung zurück. Gewsß werden wir nach dem Kriege Geld brauchen, aber Finanz- : Wissenschaft und Steuertechnik sind ausgebildet genug, nur dann, wenn es nottirt, nicht den W,eg des Bruches eines Zahlnngsver- sprechens, sondern den einer gerechten u::d gleichmäßigen Heranziehung der Steuergnellen zu beschreiten. Jede Regierung und jedes Parlament werden es als ihre vornehmste Aufgabe betrachten, den Gläubigern, und zu ihnen gehören auch viele Millionen wirtschaftlich Schwache,,das gegebene ZahlungsVersprechen zu halten, das heißt also, die Anleihen zu vollem Zinssatz zu verzinsen, ttnd dann, wenn nach dem Jahre 1924 von der Kündigung Gebrauch gemacht werden sollte, sie zu volle m N ennwer t zurückzuzahlen.
Das Interesse an den künftigen Steuern ist in weiten K . eisen schon recht groß. Die gegenwärtige Lage hat es noch nicht er-< fiordert, daß der Bundesrat zu irgend einem der verschiedenen FinanzProjekte Stellung nahm, und die Finanzverwaltung wird vor ihrer eigenen erwgnltigen Stellungnahme nicht unterlassen, über die sür die einzelnen Produktionszweige wickftige Frage mit den für diese Produktion wichtigen Wirtschastskreisei: Fühlung zu nehmen.
Der Reichsbankpräsident wies in Anknüpfung an diese Darlegungen des Reichsschatzsekretärs darauf hin, daß diese Kriegsanleihe wie keine andere endscheidend sein könne, als der eindrucksvolle Und überzeugende Beweis, daß das deutsche Volk, wie mit den Waffen, so auch mit der Finanzkraft unüberwindlich sei. Die hier vertretenen großen Verbände sind die Generalstäbe der großen wirtschaftlichen Heeresgruppe:: des dent- '! cTjert Volkes, ihre Mitglieder die Offiziere dieser Armeen der Heimat. Wie draußen unsere kämpfenden Mannschaften ihr Alles Ansitzen, wenn ihre Führer, zu denen sie Vertrauen haben, ihnen Beispiel und Vorbild sind, so werden auch die Mannschaften der Heimat, die große Masse der Zeichner, sich mit ihren: Gut und ganze:: Können mit in die Reihe stellen, wenn auch hier die Führer, die 'ihr Vertrauen haben, mit Wort und Beispiel, mit dem Einsetzen ihres eigenen Gutes und ihrer Person heMortreten und ihre
Gefolgschaft sichern. Viel ist schon von Ihnen allen getan, aber überall in ihren Wirkungskreisen findet sich jurd) manches Stück unbearbeitetes Land. Von den altenundan gelegten Vermögen wurde durch Inanspruchnahme und Beleihung der Tar- lehnskassen tun: wenig erst flüssig gemacht. Hier liegt noch eine stiarke Quelle neuer Mittel für die Anleihe, die es auf- z uschließen gilt. Mancher zweifelt, ob er die Kriegsanleihe alsbald nach dem Kriege werde :vieder zu Geld machen können, wenn ein. gleicher Bedarf bei vielen Zeichnern gleichzeitig entstehe. Indes diese Sorgen und Zweifel sind nicht berechtigt. Es sind bereits ganz bestimmte Pläne und Maßnahmen in Aussicht genommen, die nach menschlichem Ermessen geeignet und ausreichend sein werde::, auch einen sehr großen Andrang solcher Wertpapiere aufzunehmen und unter Mitwirkung der Darlehnskassen die allmähliche Wiederaufsau gnng und Unterbringung dieser ausgenommen en Bestände auf eine entsprechende Anzahl von Jahren zu verteilen. Der Reichsbankpräsident legte die hierfür zurzeit in Aussicht genommenen! Pläne und Maßnahmen des näheren dar und fand damit die voll- befriedigte Zustimmung der Versammlung.
Des weitere:: erörtert wurden Stand und Sicherung nn-- serer Volksernährung. Der Präsiden tdes Kriegsernährungsamtes legte in längeren Ausführungen, dar, daß trotz aller Schwierigkeiten im einzelnen die gute Getreide- und Futtermittelernte eine günstige Entwickelung des Viehstandes und eine Besserung der Gesamtverhältnisse gegenüber den: so außerordentlich ungünstigen Vorjahr erwarten lasse. Besonders, eingehend wurde der von England gegen uns organisierte, in deir letzten Zeit :wch verschärfte Wirtschaftskrieg besprochen.
.Der Staatssekretär des Innern legte dar, mit welche:: Mitteln England arbeitet,, um uns nicht nur während des Krieges wirtschaftlich niederzuschlagen, sondern auch nach dem Kriege dauernd nieder zu halten. Das deutsche Volk hat sich bisher der schweren Probe dieses in der Weltgeschichte unerhörten Wirtschaftskrieges gewachsen gezeigt. Trotz der vielen Millionen von Männern in: kräftigsten Alter, die aus schaffenden Berufen herausgenommen wurden und im Felde kämpfen, ist es gelungen, die kriegswichtigen Industrien auf der Höhe ihrer großen Aufgaben zu. halten. Unsere Stahlerzeugung, die so gut wie ausschließlich für den Krieg arbeitet, überschreitet heute 80 Prozent der höchsten Friedensproduktion. Tie S t e: n k o h l e n g e w in - n n n g bleibt nur wenig hinter diesem Satze zurück. Die B r a n :: ko hle n er zeu g n n g ist sogar höher, als sie je in Friedenszeiten gewesen ist. Reue große Industrien, wie die S t: ck st o s f: ndn stx i e , sind, während des Krieges aus der Erde gestampft worden. Unsere Felder sind, trotz Leutemangels, sorgfältig bestellt worden und haben gute:: Ertrag gebracht. Der Güterverkehr auf den deutschen Eisenbahnen hat den Friedensumfang nicht nur erreicht, sondern sogar überschritten. An der Erhaltung unserer Wirtschaftskraft in diesem Kriege, der die kräftigsten Arme für die Verteidigung des Vaterlandes verlangt, hat die den t s che Fr a u ein garnicht hoch genug zu rühmendes Verdienst. Niemand kann bestreiten, führte der Staatssekretär des Innern weiter aus, daß wir unter dem britischen Verbrechen des Wirtschaftskrieges schwer zu leiden haben, und daß unserem Volke nun im dritten Jahre die größten Opfer und Entbehrungen auferlegt werden. Aber gerade die ungewöhnlich schlechte Ernte des letzten Jahres hat den Beweis erbracht: Wir können nicht ausgehungert werden. Auch unter den ungünstigsten Verhältnissen reicht unsere Arbeit aus der heimischen Scholle aus. um uns, wenn auch nicht vor Entbehrungen imb Not, so doch vor dem Aeußersten zu bewahren — vor der Unterwerfung unter der Willen des Feindes.
Von den Vertretern der Organisationen wurde übereinstimmend betont, jetzt der: Kampf unter Zusammenfassung aller Kräfte mit äußerster Entschlossenheit zu führen, gerade weil England nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch finanziell die Seele des gegen uns geführten Vernichtungskrieges ist. Es gelte jetzt, in der Zeichnung auf die Kriegsanleihe unsere finanzielle Unbesiegbarkeit erneut zu beweisen und auch auf diesem Gebiete unserer Mriegführmw die Mftffen zu liefern, deren sie zur Niederkämpfung dieses gefährlichsten Feindes bedarf.
Die sozialdemokratische Reichskonferenz
Berlin, 23. September. In der heute fortgesetzten Aussprache sprachen noch für die Mehrheit Sindermcum (Dresden), Dr. Q'uarck (Frankfurt a. M.), Nvske (Merfeld-Köln-, Wffrnig '(Hamburg', Loewe (Breslau), Landsberg (Magdeburg), sür die Minderheit Dittmann (Solingen), Strobel (Berlin), Ledebour (Berlin), Vogtherr (Stettin), Stadthagei: (Berlin), Limbertz (Essen). Nack- Annahme eines Sch'lußantragies begannen die Schlußworte in der Reihenfolge: Kate Dnnker, Haasc, Scheidemann. Ebert verzichtete auf das Schlußwort.
Ein Antrag Haas e und Genossen: ,,Da die Reichskonferens nach 'dem Organisationsstatut, der Parte: keine Berechtigung hat, über sachliche Anträge zu beschließen, beantragen wir: eine Beschlußfassung über sachliche Anträge ist abtznlehnen", wurde in namentlicher Abstiinmung mit 275 gegen 168 abgelehnt.
Tarauf erklärtet: beide Oppositionsgruppe::, sich an den weiteren Abstimmungen nicht zu beteiligen. Das von Dr. David 'und Genossen eingebrachte Manifest zur Bundesfrage wurde mit 251 gegen 5 Stimmen bei 15 ungültigen Stimmen aUge- no minen.
Mit 218 gegen 3 Stimmen be: 3 Enthaltungen (98 anwesende Reichstagsabgeordnete nahmen an dieser Abstimmung nicht teil' b i l l i g t e d i e R e i ch s k o n f e r e:: z aut Antrag Auer (München) und Genossen die Bewilligung der 5b r i e g s k r e d: t e durch die Reickstagsfraktion und mißbilligte das Sonder Vorgehen eines Teiles der Fraktion, das zur Abspaltung von der Gesamtfraktion _ geführt hat und den Zusammenhalt der Parte: auf das schverste gefäl/rde. 35 Konferenzteilnehmer, darunter die Mitglieder der Minderheit der Reichstagsfraktion sowie die Gc- iwss-en Dr. Adolf Braun, Kurt Ersner tnü> andere hatten sich der Abstimmung über die Anträge David und Auer mit der Begründung enthaltet:, daß richtunggebende Beschlüsse dem Wesen der Parteikonferer:zen widerspräche:: imd diese Eltschließung zur Bindung der Parteigenosse:: ausgenutzt lverden könne, die aber die Partei der Einheit und Geschlossenheit nicht entgegen führen! werden. Tie Konferenz sprach unter Protest gegen die Handhabung des Belagerungszustandes und der Zensur sowie unter Ablehnung der Liebknecht'scheu Bestrebungen aus, daß Liebknechts Handlungen keineswegs aus unehrenhaften Gründen begangen wurden. Die Konferenz bedauerte die Verurteilung Liebknechts und die ge ge:: ihn ausgesprochene Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte.
Angenommen wurden darauf folgerte Anträge: Merfckld gegen gehässige Kampsesweise, Verwahrung gegen die unbefugte ungerechtfertigte Aberkennung der Eigenschaft als Vertreter der Parte: gegenüber dep: Genosse:: Bloß durch die Braunschweiger Wahlkreiskonferenz, Robert Schmidt auf Herabsetzung der Höchstpreise und gemeinnützige Verteilung der Lebensmittel, Beims auf Erhöhung der Kriegsunterstützung, Dr. Quarck auf fortschreitende Demokratisierung <ber Verfassung und Ausbau der sozialpolitischen Gesetzgebung. Dem Vorstand überwiesen wurde ein AntÄtz Rdüncheu (Volks ernährungskonsirerrz) und Tr. Braun (Kommissionen für de:: Uebergang zur Friedenswirtschaft.
In der Schlußrede mahnte Ebert zur Einigkeit, die Diffe- renzet: seien nicht so groß, um die Einigkeit unnwglich zu machen.
Die von Dr. David eingebrachte Entschließung lautete:
Tie Reichskonserenz der sozialdemokratischen Partei Deutslch- 'lands anerkennt die Pflicht der Lande-s Verteidigung In der Ueberzeugung, daß nur durch geschlossenes Zusammen^ stehen in diesem Kampfe gegen eine Welt von Feinden das Deutsche Reich vor Zerstückelung, vor politischer und wirtschaftlicher Knebelung bewahrt werden kann, hat die Sozialdemokrat^ sich zu Beginn des Krieges in Reih und Glied mit der Gesamt-' heit des deutschen Volkes gestellt. Noch imMer ist dieser Krieg für Deutschland ein Verteidigungskrieg, noch immer gilt es, schwere Gefahren, die unserem Lande drohen und die die Arbeiter schuft nicht zuletzt treffen tverden, abzuwehren.
Wir danken unseren Brüdern im Fel^e, b*t eilt allen Fronten dem Ansturm feindlicher Uebermacht todesMMg! ftandhalten. Die Sozialdemokratie ist nach wie vor entschlos-
Reisee'ttrdrücke aus Norwegen.
Von Prof.^Dr. Hermann Gunkel.
(Fortsetzung.)
Ueberall aber merkt n:an, wie der Reichtum des Landes vorwiegend im Holze besteht. Aus jeder Station liegen zugehauene Bretter und Balken, zur Weiterbeförderung be- stimnrt: neben den Häusern sind die davon übrig gebliebenen Randslücke mit d.er Rinde aufgeschichtet. Lluch Grubenholz, d. h. n.icht allzu dicke Stämme, zu bestimmter Länge zersägt, sieht tnan überall. Im See liegen eingefrorene Holzflüße. Oder Baunfftämme, wie zu Flößen verbunden, werden von einem Pferd den Berg heruntergezogen. Enen wunderlichen Anblick bieten 5)olzpfähle, in gleichlaufenden Reihen ans dein Schnee emvorragend; auf meine Frage wurde mir geantwortet, daß ein Trockrren des Heues und des' Getreides auf'dem Boden der großen Feuchtigkeit wegen Unmöglich sei, so daß dieses auf solchen Pfählen und auf dein zwischen ihnen gezogemen Draht ansgehängt werden nrüsse. Aus Holz bestanden auch früher, wie das Bygdö-Museutn zeigt, die Geräte der Bauern. Alle die alten Geräte und Möbel, die man dort sieht und die zu einem gewissen Teile noch immer Vielfach nachgeahmt werden, sind nach unserm Geschmack oft von wunderlicher, schwerer Derbheit, mit bunten Farben bernalt: tiefe, hölzerne Trinkschalen; Großvaterstühle, schwerfällig genug aus einem Baumstamm ausgehaueu; quadratische Bettstellen, in denen man sich in Hockerstellung znscmrmenkauern muß: ei:: Moderner würde darin kein Auge zutun. Aehnliches Gerät, wenn mrch freilich nicht gerade diese nnbeqnenten Bettstellen, findet man auch heute noch gelegentlich auf einzelnen Gehöften in Gebrauch, ein augenscheinlicher Beweis dafür, wie konservativ der nor- ivegische Batier bei all seinem Demokratismus ist. Anderseits benutzt der Bauer heute oft die allerneuesten amerikanischen Maschinen bei der Ackerbestellnng und bei der Ernte.
Bon dieser alten Bauernkultur durch eine breite Kluft getrennt ist die städtische, wie sie sich in C h r i st i a n i a darstellt. Daß dieser Unterschied zwischen bäuerlichem und städtischem Wesen Jahrhunderte hindurch bestanden hat, zeigt eben oas schone Bygdö^Mnsenm aufs airschaulichste. Diese städtische 5:n'ltnr ist, wenigste:^ ihrem Ursprung nach, durchanA internationaler Art; seil dem gotischen Stil Hut Norwegen an allen Wandlungen des westeuropäischen Geschmacks getreulich teil- ^uommen, und man muß schon lange im Lande weilen und Icharse Augen haben, um hier überhaupt Besonderheiten wahrzunehmen. Auch die Stadt Christiania besitzt wenige charakterffUlche Viertel. Die prächtige Hauptstraße „Karl- ^oyans-Gade m:t dein würdevollen Universitäts-Gebändc,
das majestätisch darüber thronende königliche Schloß aus
laufend, ist eine schöne hauptstädtische Straße, die aber auch in jeder andern europäischen Stadt liegen könnte; die meisten anderen Straßen sind weniger nach dem Gesichtspunkt der Schönheit als des Nutzens erbaut; von dem wundervollen Fjord (sprich: fjur) ist die Stadt leider durch den Hafert getrennt, so daß man vom Wasser wenig genug zu sehen bekommt.
Die Straßentypen sind denen der deutschen Städte an der Wasserkante außerordentlich ähnlich; säst niemals findet man eine Gestalt oder ein Gesicht, dem man nicht auch dort begegnen könnte. Die Damen-Mode ist, soweit ich es beobachten konnte, 'dieselbe wie bei uns ; so sah ich die doppelten Röcke und die hohen Schuhe ans feinem Leder, die ich soeben in Frankfurt und Berlin bemerkt hatte. Auch die Sitte ist im ganzen dieselbe. Der Dentfche wird, wenn er nur ein inemg vorsichtig anftritt, gar tlicht als solcher bemerkt werden. Die Preise sind durch den gewaltigen Export des Weltkrieges gewaltig gestiegen, die Lebensmittel eher teurer als bei uns ; selbst die Fischpreise waren, wie man mir erzählte, anfgeschlagen. Der Unterschied ist nur, daß man dort sür Geld alles, was man wünscht, bekommen kann. Die deutsche Mark steht im Kurs bei dem gegenwärtig ausfallenden deutschen Export nach Norwegen außerordentlich niedrig.
Ich war nach Christiania ans den Wunsch wissenschaftlicher Freunde, besonders des Theologischen Studenten- veveins, gekommen, um an der Universität Vorträge zu halten, und dort so liebenswürdig und freundlich ausgenommen worden, daß ich nicht genug dafür danken kat:n. Die herzliche Gastfreundschaft des norwegischen Hauses, das gütige Entgegenkommen der Dozenten der Universität, die Freundlichkeit der Herren der deutschen Gesandtschaft und anderer Mitglieder der blühenden deutschen Kolonie, nicht zum mindesten die frische Liebenswürdigkeit der norwegischen Studenten habe ich schmecken dürfen. Ich habe also Christiania ran; wie am Feiertag kennen lernen und bin ebendeshalb vielleicht nicht znm^ Urteil über das dortige Leben am Mltag befähigt. Von den „Advokaten und Zahträrzten", die, wie man mir erklärte, für diese Stadt charnkteristisch sind, habe ich nichts wahr- genontmen. Dennoch haben n:eine Freunde nicht versäumt, mich über die innere und äußere Politik Norwegens zu unterrichten. Auch habe ich es für meine Pflicht gehalten, in vielen Privatgesprächen die gegenwärtigen Verhältnisse und StimnrUngen des deutschen Volkes ihnen darzustellen. Das Angebot, einen politischen Vortrag zu halten, wie es vor kurzer Zeit der englisck)e Professor Murray getan hatte, habe ich nicht angenommen, weil ich mich nicht dom berufen fühlte.
Die Volksart ist von der unsrigen verhältnismäßig wenig unterschieden. Eigentütnlichleiten, die mir mitgeteilt wurden, konnte ich in der Ele nicht wahrnehnw:. Vielmehr habe ich mich unter den vielen vortrefflichen Menschen, mit denen ich verkehren durfte, wohl und wie zu Hause gefühlt. Jü der inneren Politik ist Norwegen chrrch sein Bauerntum bestimmt; sie ist daher demokratisch gerichtet, was aber nicht einen konservativlen Grundzug ausschließt. Die Ideale der inneren Politik Norwegens sind von alters her die von England und Frankreich ubev- nmnmenen, weshalb es dem Norweger nicht leicht Wird, die^innerer: Verhältnisse, etwa in Preußen zu verstehen. Der Hof spielt^ keine besonders große Rolle. An einem Mittage wurde, tvie es mehrere Male in der Woche zu geschehen pflegt, von einer Militärkapelle vor dern Schlosse ein Promenadenkonzert gegeben; der Mnig erschien, deutlich erkennbar, am Fenster: das umstehende Publikum, das ihn sicherlich ebenso g:ll wie ich bemerkte, grüßte ihn nicht. An dem äußeren Schmuck der Stadt Christiania selber ist zu erkennen, daß ihr jahrhundertelang ein Hof, von dem die Äiltur gepflegt worden wäre, gefehlt hat; man bemerkt das an dem Mangel gewisser Anzeichen, die ftir jede, viel kleinere deutsche Stadt, in der ein Fürst residiert'hat, charakteristisch sind. Die Kultur der Stadt ist von dem Bürger selber ansgebaut worden. Für die Richtung der Politik'nrag angeführt werden, daß gerade w'ährend meiner Anwesenheit von der Volksvertretung beschlossen wurde, daß auch Frauen Minister werden können. Der Beschluß ist aber, soweit mir bekannt, einstweilct: sozusagen nur auf Vorrat gefaßt worden.
Fast in jedem norwegischen Hause, das ich betrat, wurde mir von der Sp r achen f r a qe erzählt, die auch jetzt mitten im Weltkriege inrmer noch viele Gernüter zu beschäftigen scheint, während draußen die Geschicke einer Welt entschieden werden. Bei dieser Sprachenftage aber handelt es sich nicht etwa um die Reinigung der norwegischen Sprache von den vielen ein gedrungenen Fremdwörtern, sondern um den Versuch, die Sprache Ibsens und Björnsons abzuschaffen, weil sie vielen Norwegern allzu dänisch ist, und an die Stelle dieser sogenannten „Reichssprache" eine neue, aus den norivegischen Mundarten künstlich gezogene und den: Schwedischen näher kommende „Landessprache" zu setzen. Und was vielleicht — wie man mir anseinander- setzte — das Bemerkenswerteste an der Sache ist: diese Sprachenftage ist mit den politischen Parteiungen verquickt; die jetzt herrschende radikale Linkenpartei hat^die „Landessprache" als einen Hauptpunkt auf ihr Programn: gesetzt. Einstweilen wiegt indes in der Presse die „Reichssprache" noch bei weitem vor.
(Schluß folgt.)


