Ausgabe 
29.7.1916 Drittes Blatt
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®r. Db Drittes

Ägttch mft AaSnahme bei Ss«ntagS.

Dieöltfccntr KauÄiendlatter" werden dem »Lszeigeck' viermal wöchentlich beigelegt, daZ ..Lrelsblatt für den Xretr Sietzen" zweimal wöchentlich. MeLandwirtschaftlichen Zeit- ftagen" erscheinen monatlich zweimal.

VM 1H6. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffeu

5am§tag, 29. Iuli chsü

Rotationsdruck imd Verlag der Brühl'fchea Universttäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lang e, Gießen.

Schrijtleitung, Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:^^51, Schrift» leitung: ^K112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Geschichtstafel

der beiden ersten Ariegsjahre.

, (Wichtigste Begebenheiten.) '

1 Westtichcr Kriegsschauplatz.

^ ' 1914.

3. August. Kriegserklärung von FraEceich; Einmarsch in Belgien.

7. August. EirrnahrNe von Lüttich.

3, August. Siegreiches Gefecht bei Mülhausen i. Elf.; diese Stadt vorn Feinde befreit.

11..August. Siegreiches Gefecht bei Lagarde, die Frunzosen auf Lunevilte zurückgewdrfen.

19^ August. Deutsche Siege bei Altkrrch (lvesllich Mülhausen) und- Weiler (nordwestlich Schlettstadt). Damit ivird Mülhausen zunt zweiten Mal vom Feinde befreit und im Oberelsaß die trrt wesentlichen heute noch bestehende .Kcrmvflinre hergestellt.

T9. August. Vor Nankur wird eine französische Kavalleriedivisicm entscheidend geschlagen.

20. August. Schlacht bei Saarburg. Die sechste deutsche Armee (Kronprinz von Bayern) wirft die Franzosen aus Deutsch- Lothringen wert über' die französische Grenze zurück.

20. August. Brüssel und Gent von den Deutschen besetzt.

23. Äugust. Schlacht bei Longwy: Sieg der Armee des Deutschen Kronprinzen.

24. Äürgust. Deutscher Siog bei Neufchabeau (4. Armee).

25. August. Einnahme von Namur.

s28. August. Einnahme deS St^rrforts Manonviller.

tzk^August. Große Erfolge aus der ganzen Westfront: es siegen: Armee Muck bei Combos, Bülow bei St. Quentin, .Hausen an der Aisne, Herzog von Württemberg und der deutsche Kronprinz an der.Maas.

2>September. Die franEsthe Regierung flicht nach Bordeaux.

, 4 September. Höhepunkt des deutschen Vormarsches in Frankreich.

b/<^S?ptember. Schlacht an der Marne, deren weitere Folgen den deutschen Rückzug bis zur Aisne veranlassen, uM einen französischen llmhehuugsverjuch zu vereiteln.

-^September. «-Einnahme von Maubeuge; 45000 Gefangene, viel Kriegsmaterial.

k^^September. «Erneute deutsche Angriffe nach dem Rückzug von der.Marne; Erstürmung des Schlosses Brimont bei Reims, 2500 Gefangene.

9:i3ftx>6er. Einnahme von Antwerpen.

14. Oktober. Besetzung mm Lille.

20>34. Oktober Heftige Kämpfe im Mev-Ab schnitt.

«UL, stöovember. Einnahme von Dixmuiden.

Iff23. November. Andauernde Kämpfe im Bstr-Abschnitt: der Endersolg für die Deutschen bleibt nur deshalb aus, wer! die Engländer eine künstliche lleberschwemmung verursachen.

).?. Dezember. Der französische Generalissimus Josfrc bestehlt (als Entlastung für die kurz vorher von Deutschen und Oester- rerchern schwer geschlagenen Russen) den ersten Durchbruchs­oersuch. Er ist noch vor Jahresschluß Verlustteich abgescÄagen.

1915.

%2j^-14^amiar bei Soissons. Die Franzosen verlieren

das rechte Aisne-Ufer (etwa 3040 Quadratkilometer) 5000 Gegangene, 20 000 Mann bluttge Verluste, 35 Geschütze, viele Revolverkanoneu, Maschinengewehre und sonsttges KriegS-

gerüt.

Februar - März Winterschlacht in der Champagne'

gleichzeitig ztvefter französischer Durchbriichsversuch. Von 6 Armeekorps unternommen zur Eittlastung der in Masuren vernichtend geschlagenen Russen. Die Franzosen erreichen nur sttichweiscn Geläudegeunnn, verlieren 3 000 Gefangene und erleäden 40000 Mann blutige Verluste.

10.13. Marz. Schlacht bei Neuvo-Chapelle. Dritter Durchbrüchs­versuch im Westen, unternommerr von de:: Engländern, um 1 auch ihrerseits eine Militärische Leistung in d:e Wagschale werfen zu können. Erfolg: Ervberuug des genannte:: Dorfes

! Englische Verluste 20 000 Mann, Deutsche ein knappes Fünftel.

328. Aprü. Vierter Durchbruch^iersuch im Westen: unter­nommen zwischen Maas urtb Mosel. Ebenfalls völlig miß­lungen.

9.30. Mai. Lorettv-Schlacht: bei Arras und La Bassee. Fünfter Durchbrucbsversuch im Westen. Unter großen Opstwn der Feinde mißlungen.

Juni, Juli, August. Nur kleinere Kämpfe, bei denen die Deuffchen meist Angreifer sind, teilweise nicht unbedeutenden Gelände- gewinn erzielen und zusammen über 20 000 Gefangene umchen.

22.-24. September. Artilleristische Vorbereitung zu dem großen Durchbruchsversuch in der Champagne (dem sechsten im Liften überhaupt).

25.-27. September. Die drei Hauptschlachttage der Champagne Schlacht.

46.Oktober. Zweite Angriffswelle der Champagne-Schlacht

1314. Oktober. Dritte AngrifsswelL der Champagne-Schlacht.

23.30. Oktober. Letztes Ausflackern der französtschen AstgriM- » tätigfeit. Gesamt-Ergebnis der Herbstfchlacht in der Cham­pagne: Uwvedeutender Geländegewinn der Franzosen, viel davon schon in den späwren Phasen des Kampfes zurückae- wonnen. Französische Verluste 4.500000 Manu, Deutsche ein Fünftel bis ein Viertel dieser Zahl.

November und Dezember. Nur unbedeuterMe Kämpfe

1916.

Januar und erste Hälfte Februar nur Kämpfe von minderer Be

deutung.

22. Februar. Erster Tag des Jnßanterie-Angrrffs auf Verdun. 3 000 Gefangene.

25. Februar. Feste Douaumcmt genommen.

11. März Die Zahl der um Verdun gemachten Gefangenen ist aus 430 Offiziere und 26 000 Mann gestiegen. Beute: 189 Geschütze, darunter 41 schwere, 232 Mrschinenyewchre> viel anderes Kriegsmaterial.

6. Juni. Erstürmung der Feste Vaux.

9. Juni. Bedeutende Erfolge östlich der Maas-. Ein Füdwerl genonvm-m und viel Gelände gewonnen. Die Gesamtzahl der im Maasgeüret .gemachten Geasugenen ist auf annähernd 50 000 gestiegen.

1. Juli. An der Somnie beginnt nach emwöchentkcher Artillerie- vorberntnng auf einer Breite von 3040 Kilometern der ftanzösiich-englische Durchbruchsversuch. Die Frauzosen er­ziele:: iu den erster: Tagen Mäßigen, bic Engländer nur ver-

- schwindend geringen Geländegewinn, beiderseits Mft unge­heurer: Opfern erkauft.

8. Juli. Besorchers blutiger Tag im Westen: bit französisch-eng­lische Offensive auf allen Punkten zum Stehen gebracht.

Vor 'öer^m haben bic Franzosen auch nach Ansetzen der Genera loffenftve cm der Somme fcmnfei Vorteile erzielen formen.

20. Juli. Zum zwecken Male setzen die Feinde zu einer General- ofwnftve^an. Sie erfüllt ihren Ziveck noch sch-r viel weniger, wie drejenige vom 1. Juli: Der Geländcgewinn ist rvinzig, die Opfer ungeheuer. Deutsche Gegenstöße, bei denen mcht weniger als 68 MaschinenMwehre erbeutet werden, bringen dazu noch den größten Teil des z eckweise aufgegebenen Ge­ländes zurück.

.Fester dann je stecht die lebende deutsche Mauer zu B egimn des dritter: Kriegsjahwes!

2. Russischer Kriegs s^u««latz.

1914.

1. August. Kriegserklärung an Rußland.

3. August. Deutsche Vortruppcn besetzen Wexandrowo, Kalisch und Tschenstochow.

17. August. Siegreiche Gefechte der Deutschen bei Stallupönen und Mlawa.

24. August. Die Russen besetzen Jnsterbirrg.

23. 25. August. Oesterreichischer Sieg bei Krasnck.

26.29. August. Schlacht bei Tannenbcrg.

6. September. Die Oesterreicher räumen Lemberg und im Anschluß daran weite Gebiete Galiziens und der Bukowina

811. September. Schlacht bei Goldap-Angerbury-Gerdanen. Zweiter Sieg Hindenburgs in Ostpreußen, der erstmalig die Räumung der Provinz durch die Ruft«: bis auf einen kleinen Strich herbeiftthrt.

13. Oktober. Entsatz der vm: den Russen ein geschlossenen Festung Przenchst.^ Die Deutschen beginnen ihre:: ersten Bormarsch auf Warschau, und die Oesterreicher auf Jwangorod (im Sude:: WestpolenA) sowie zur Rückeroberung LemberyS

28. Oftober. Beginn des takttsck>en Rückzugs der Deutschen und Oesterreichcr aus Westpolen.

11. November. Przenchst zum zwecken Male von den Russen ein- geschlossen.

11. November. Beginn einer zweiten allgemeinen deutschen und österreichischen Offensive auf der ganzen Linie von West­galizien bis nordöstlich Lodz.

14.20. dNovember. Siegreiche deutsche Olefechte bei Wlocklawek.

20,-30. November. Siegreiche deutsche Gefecht in der Gegend

von Lodz Und Lowcksch.

6. Dezember. Zwecke Besetzung von Lodz drrrch die Deutschen

11. Dezember. Oesterveichffcher Sieg bei Limanowo; russischer Vor­marsch auf Krakau gescheitert.

1915.

Januar. Vorbereitungen zu neuen Unternehmungen 7.15. Februar. Wrnterschlacht in Maftn:en. O

Ostpreußen zum

zweiten Male, und dieses Mal endgültig und völlig vom Feinde befreit.

18. Kbruar. Tschernowitsch Arm zweiten Male von den Ruffen

Urrückevobert.

18.22. Aöärz. Russischer Raubeiufall iu den Nordo-ft-Zipsel Ost­preußens; Memel Me: Tage in russischem Besitz.

1.18. April. Letzte DerzweiftungKangrrffe der Russen ans der

Karpathenfront gescheitert.

27. April. Beginn des deirtsche:: Einmarsches in Kurlmck».

2.14. Mai. Schlacht bei Gorlice-Tarnow (Dunajek-Dnochbruch).

6. Mai. Besetzung von Libau durch die Deuffchen.

3. Jüni. Rückeroberung von Przemysl durch dcuffche Truppen.

22. Juni. Rückeroberimg von Lencherg.

4. Juli. Ztvecke Schlacht bei Krasntk: Rückzug der Russen auch in diesem Fwntabschuitt.

12. Juli. Beginn einer zweiten Offensive Hindenburgs in Kurland, am 14. wird SchaNben zum Mecken Male und endgültig besetzt.

28. Juli. W<nchsel-Uebergang der Deutschen zwffchen Jwangorod und Warschau.

5. August. Einnahme von Warschau durch die Deutschen.

8. August. Besetzung von Jwangorod durch die Oefterrercher.

18. August. Eckmahme von Kvwno durch die Deutschen.

20. August, (ttnncchme vom Nowo-Georgietvsk durch die Deuffchen.

26. Au^ st. Einnahme von Brest-LitowÄ durch deuffche und öster« reich ische Truppen.

31. August. Besetzung von Luzk durch die Oesterveicher.

3. September. Einnahme der Festung Grodno durch die Deuffchen.

18. Septeucher. ^Fall von Wil:ra.

18. Oftober bis 5. November. Schlacht in den Pripeffümpfe::.

Bringt nach großen Verlusten der Russen deren Gagmoffensive nach dem allgemeinen Rückzüge zum Erloschen.

23. -Oktober. Erstürmung von Jlluxt (nordwestlich von Dünaburg).

24. Dezember. Beginn der sogmanuten NeUjahrsschlacht zwffchen -Oesterreicher:: und Russen m Ostgalizien und au der Strypa,

1916.

15. Januar. Abschluß der österreichffch-rUsfischen Neustchrsschlacht. Die russffcher: Angriffe nach 70000 Mann bückigen Verlusten völlig abgeschlagen.

18.30. März. Der große russische TurchbrUchsversuch gegen die HindenbUrgffche Front: nach Vertust von 140000 Mann ,,m Sumpf^und Mut erstickft7

28. April. Si'idlich des Narocz-Sees ruffffche StEungen in er­heblicher Breite und Tiefe genommen: 5 600 Gefangene.

4. Juni. Beginn der großen ruffffcheu Offensive aus dem süd­lichen Teil der Front.

8. Juni. Die Russen besetzen Luck.

11. Juni. Erster Tag des Eingreifens ver Deuffchen in die Kampfe rwffchenOesterreichern und Russen seck deren großen Sommer- Offensive (Armee des Grafen Bothnker). Nordwestlich von Buczacz werden 21M Rüsten gesangsr genommen.

16. Juni. Nachdem die russische Offensive in der Gegend weUich von Luck schon seit einigen Tagen zum Stehen gebracht worden ist, gehen die Verbündeten zum Angriff über. Die Hceresgriwpe von Linsingen »nachte 3500 Gefangene. Bis zum 23. ist diese Zahl aus 11 000 gestiegen und ein erheblicher -txnl des verlorene:: Geländes NrrückgenonttMn.

17. Juni. Im südlichen Ostgalizien und der Bukowina geht der ruffischc Angriff einstwellen noch weiter; die Russen be­setzten Czernowitz.

4. Juli. Ein österreichffcher Bericht berechnet die ruMchen Ver­luste ffir den ersten Monat nach Beginn der großen Offen­sive auf mindeste::s eck:e halbe Million.

Von Anfang Juli ab beginnen die Russen auch mft An­griffen auf die Hffchenburgische Front; sie werden allent­halben abgcwiese::.

Dc: den Heeresgruppen des Prinzen Leopold von Bapern, v. Linsingen und des Grafen Bothmer gewinnen die deuffchen Gegenstöße an Kraft, sie ergeben vermehrten Geländegennnn und steigende Gefangenenzah^en.

Mitte Juli. Die russische Offensive kommt nunmehr auch in der Bukowina zum stehen und der Kamps kehrt auch hier in die Form des Schützengrabenkriegs zurück. Trotzdem der hier erzielte Geländegewim: der Russen kein unbebeutenber ist, spielt er doch bei der Gesamtlage rm Osten keine enffcheidende Rolle. Deshalb kann der ganze nffsische Llngriff in seinen militärischen wie polckische:: Endzielen alg gescheitert an­gesehen werden. Weder der Vorstoß auf Lemberg, noch der Einbruch in Ungarn sind gelungen, ebensowenig nue der Druck auf Rumänien.

(Schluß folgt.)

was ei» Neutraler am Serlmer Sonntag fleht.

Ganz anders als in unseren Köpfen matt sich im Kopfe gewisser Neutraler die deuffche V^lt, besonders aber in dem jenes sogenan::-, ten Neutralen, der für denTemps" das Somrtagsleben in Berlin schildert. Danach beherrscht einekranlshafte" Aufregung die deut­sche Reichshmwtsdadt am Sonntag, an dem Tage, an dem sich die Berliner in das brausende Weltstadtleben stürzen, um die Ent­behrungen ^der Woche zu vergessen. Die Pariser werden wahr­scheinlich beim Lesen des Arttkels lange Gesichter machen, denn! der nerttrckte Geioährsmann stellt fest, daß ttotz der genialen Aus­hungerungsblockade die Berliner am Sonntag Unmengen zu essen und zu trinken haben. Ganz Berlff: stürzt sich Sonntags gierig in .die Lokale m:d die Kaffeehäuser. Die Speisekarte weist zwar keine große Llnsrvahl auf, aber jeder bekommt so viel, daß erdick-satt" wird und die deuffche Nationattrntugend, die übergroße- und Trinklust, feiert wahre Orgien. BeiKempinski" mrd imRheft:- gold" bekommt man ka:m: einen Platz, von dem aus um:: den Riesenappettt aller Gäste beobachten kann, der natürlich seinen Grund in der Hungerperiode der Werktage hat? Am Nachmittage kwerden besonders hieAutomatew^ gestürmt, wo auch die ärmeren Leute für ein paar Pfennige ein Glas Bier oder eine Scheibe! Leberwurst herauszichen:rnen. Alle Altersklasse:: und alle Stände! sind in dem hin- und herwogeuden Sonntagspublikum vertreten, ganz alte Damen, sehr junge Leute, -Frauen mft ihren Kindern, Soldaten in Uniform und eine große'Menge von Offizieren. Es ilohnt sich muh, um fünf Uhr nachnnttags zum Tee in:Kaiser­hof" oder imHotel Esplanade" einen Platz zu erobern. Dort geben sich die oberen Zehntcnffend ein Stelldicheiü. und da sieht man, wie die eleganten Berlinerim:en geradezu unglaubliche Men- -gen von kteft:en Kuchen verzehren, so dich im Nu die hohen Kuchen­pyramiden, die der Inhaber des Hauses vorsorglich aufgebmtt hatte, von der Bildsläche verschwiichen. Die Berlinerin war eben schon, von jeher naschhaft u:td kann sich auch im Kriege diese Lieblings- sünde nicht abge'wöhnen. Die Begeisterung ftir die Türken ist im­mer noch sehr groß. Tauchen in einem Kaffee Fez träger auf, so spielt die Miffik sofort die türftsck>e Hymne (!). Die Kellnerfftürzen herbei und setzen auf den Tisch der Bundesgenossen kleine seidei:e, Fähnchen, die mft dem Halbmond verziert sind, m:d die Schönen des Kaffees werfen freimdliche Blicke. Der Lärm in: Kaffee aöep verstummt sofort, sobald man hört, daß draußen Soldaten vorbei- inarschieren. Dann drängt sich alles an das Fenster. Schweigend

ziehen die Soldaten zum Bahnhof, von dem aus es an die Front geht. Kommen sie aber an einen: dichtbefetzten Lokal vorbei, so müsftn fte auf Befehl plötzlich ein vaterländisches Sieb anstimmeu. Dieser befohlene Patriotismus (?) nracht mif den scharfblickenden Neutralen" einen recht traurigen Eindruck. Ebenso besucht wie die Kaffees sind am Sonnüag die Berliner:os. Senttmentale ^llmgeschichten, in denen junge Mädchen aus Liebesgram im Teiche den ^,od suchen^ werden gern gestchen, noch lieber aber der zum Lachen redende Film, der irge::d einen russischen General verspotteß, Me größte Begeffzerung aber herrscht, ivem: dasNeueste vom ^ttuegsschcnwlatz" vorgefüh-rt wird, 'öluf der loeißen Leinwand er- sche:nt zuerst der Riesenschl'und öftrer Kanone, die auf einem eng- mchen Pcmzen'cknff steht, dlber der dadurch hervorgerufene schlechte Eindruck^schwindet sogleich, dem: nun zeigt sich ecu Unterseeboot! und zaubert auf alle Gesichter ein tirdlich-frohes Lächeln. Mft Interesse, oh-ue lautes Mißbehagen zu äußer::, sehen die Berliner amy gern zu, ^wenn die Leinwand eine PanLe französischer Truppen vor Jvffve darstellt. Dochi merkt man deuffich,:me ein Erschauern bmd) den ganzen Saal geht". Um Verzeihung, Herr Neuttaler, sollte es nicht etwa zufällig gerade gezogen haben?

m

Ein neues Museum in Aachen, lieber die Be­gründung eines neuen eigenarttger: Kunstmuseums in Aachen be­richtet -ein eben erschienener lltt:strierter Katalog, den der Verlag ^ Wolfs in Leipzig herausgebracht hat. Ein junger kunstbeg.niterter Großindustrieller Erich Cüpper hat daS gesamte WerkWernhard Hoetgers erworben und es demnächst iu einem eigenen musealen Anbau an seftwm Aachmer Privathause zur Aufstellung bringen und den deuffchen Kmffffreunden dauer::d zugänglich machen. Der Bildhauer Bernhard Ho et g er. seil JÄjren Mitglied der grvßherzogliche:: Küvstlerkobmrie in Tarm- stadt, das von seiner Hand die großartige plastische Lücsgestoltt:ng des Platanenhaines auf der Mathilde:ch«öhe besitzt, gehört zu ieuen Persönlichkeiten in: künstlerischen DeuffMund, die an der Spitze der jungen Generation der kommenden Entwicklung vorgearbeitet haben. Er ist der Vorkämpfer einer aus dein! Gefühl hieraus ge* borenen :uuen Kmrsffvrm, die in bewußtem Gegensatz zu dem Jm- preffronisMus der letzten Vergangenheft für den Geist unserer Zeit einen eigenenexpressiven" Sttl sucht. Er hat im Vollbesitz semer reiche:: Ü^asttschen Mittet und eines neuen geläutertenFormeu- ideals, das sich unbeivußt wieder den großen 'StÄeppchen der Ber­

gangenheft ::ahert, in zähem Ringen Werke unvergänglicher zeiten- loser Schönheit geschaffen, vor denen die jüngere Generation längst bewundernd Halt gemacht hat. Erst im Frühjahr dieses Jahres war ihn: gelegentlich einer umfassenden Ausstellung im Cassirerschen Kunusalon nn großer Erfolg beschieden, der mrttelbar auch den Enffchluß des tun ge:: Aachener Kunstfreundes beeinflußt hat, dem Werke Vvetgers ein eigenes Museum zu bereuen, das berufen ist auch m der Folge das bildhcncerffche Schassen des Meisters auf- zmrehmen. Es wird das erste rein plasttsche Museum stiu, das in Deuffchland entsteht, und als ein Quckl lebendigster Kraft für die Krim ft fruchtbar werden. Tenn .Hoetger gehört zu jenen Neu- sctwpfern, d:e :n mtuittver Leidenschaft den Geist unserer Tage erfaßt und künsllerisch umgedeutet haben. Er, der von Rodin in seiner Eittwicklung ausging, bat dem Steinblock jene auftagende Taternskraft neu vermittett, die künstlerisch die Sehnsucht unserer K:t w:e :n einem unendlichen Gesäß zusammenfaßt. Der Dichter Kan m:r EdschMid hat dem Katalog des Hoetger-Riuseums der ^gmMttmg Erich CüPper ein Kapftel über die Kunst des Bild­hauers beigegeben, das der inneren Gemeinsanrkeft zweier Neu- ge,talter eirum überzeugenden AuÄnmck verleiht. Georg Bier­mann. der neu berufene Genernldirekwr der Kölner Kunst- vflege, hat m einem kurzen Vorwort der vrogrammaffschen Tat des : ungen Sammlers zngesttmmt, die als ein Dokument deuffchen Barbarengeistes" in der Zeft des Weltkrieges erhöhte Beachtung verdient.

schreibt UE aus E:eHoc:nek: Das ruffffche Solbad Cftcho- d:nek. -dos nahe an . der deutschen Grenze bei Thor:: und Alexandrowo liegt, bat m diesem Sommer, mitte:: in den Kriegs- wirren, erne fröhliche Auferstehung mtter deuffche:- Verwaltung gefeiert. Selbst das Kuiftheater des Bades, das in den letzten Jahren vor dem Kriege :ahrl:ch von 14 bis 15000 Ltzurgästen besucht war Ot mcht länger verschlossen geblieben. An: 22. Jnl: hat das Deutsche Theater aus Lodz seine. Vorstellungen lster eröffnet, die d:e Kurdireftion mft eurer nwnatlichcu Sichventtou von 2500 Mark witerftützt. SudermannsHeimat" mit ?ldele Hartwig als Magda ^mDete vor ausverkauften: Hause den Auftaft, den: u-uiere Werke Mderinmrns und eine Anzahl nwderner Schwanke folgen werden. Der jtürmffche Beifall, der laut wurde, zeigte, daß das l^periment, aus der Bühne, ans der früher nur Polnisch oder russisch gespielt ivottu'i: is>, deutsch Sckiauspieler zu Worte konimn: zu lasien, auf gutes Gelingen rechnen darf. E ^