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3.6.1916 Drittes Blatt
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Nr. 129 Drittes

Erscheint tS-kch mit Ausnahme des Sonntags.

Die ..Gietzcncr Zamilienbiätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Krers&tott für den Kreis Erchen- zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit- ftagen" erscheinen monatlich zweimal.

Blatt

166 . Jahrgang

General-Anzeiger für Gberhejjen

5amstag, 2. Juni 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange. Gießen.

Schriftleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul­straße?. Geschäftsstelle l'..Verlag:^sO.) 1 ,Schrift- leitung: ^^112. Adresse für Drahtnachrichten.' Anzeiger Gießen.

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Die Lösung des ..Vrenneffelprshlems".

Die Lösung der Aufgabe, die 'Fasern der Brennessel als Ersatz der fehlenden Bcmnnwolle zu verwenden, kann jetzt als so weit gediehen betrachtet werden, daß ein Teil des Roh- stosfibedcrrfs unserer Tuchinduftttc. bereits gedeckt werden tarn. Es ist n-ach jahrelangen Vorarbeiten Prof. O. Richter in Berbiudurig mit F. Pick iir Wien gelungen, das Bren- ilessebproblem befriedigend zu lösen. Hierüber machen die bei Julius Springer in Berlin erscheinendenNaturwissen­schaften" wertvolle Angaben, denen wir an der Hand' der Aushängebogen des nächsten Heftes das Folgende entneh­men:Die Trennung der Fasern mit stärkstem Ammoniak glückte Pros. Richter schon vor etwa 15 Jahren, allein ge­werbliche Bedeutung konnte das Verfahren wegen der sehr hohen Unkosten zunächst nicht gewinnen. Weiterhin konnten auch schon mit verdünntem Ammoniak und selbst mit Spuren von Ammoniak günstige Erfolge erzielt werden. Schließlich stellte es sich bei den weiteren Untersuchungen heraus, daß man auch schon mit Wasser und einem der Flachsrotte ähn­lichen'Verfahren zum Ziele gelangen kann. Erwähnt sei, daß man nach Richter auch verschiedene Nebenerzeugnisse bei der Aufbereitung der Faser gewinnen kann, nämlich etwas Zucker aus den Stengeln, ferner aus den Samen das zu verschiedenen Zwecken gebrauchte Nesselwasser und das sogenannte Chinagrün zum Färben von besseren Schnäpsen. Im übrigen sollen die Auszüge von Nesselsamen das Eierlegen der Hühner auffallend fördern. Das Stengel­stroh wurde nach Richter bei vorläufigen Fütterungsver­suchen von Kühen und Ochsen mit einer vorzüglichen Freßlust genommen und den für gewöhnlich gereichten Futterstoffen in auffallender Weise vorgezogen. Dies kann in erster Linie mit dem. großen Gehalte der Brennessel an Kalk Zusammen­hängen. Im übrigen sind aber Stroh und besonders die Blätter der Bxennessel auch sehr stickstosfreich, eiweißreich. Schon vor langer Zeit wurden die Entwicklnngsbedingungen .der Brennessel und die Fasergewinnung auch bei uns in 'Deutschland von verschiedenen Forschern näher untersucht, in neuerer Zeit u. a. besonders von Bouche im Botanischen Garten in Berlin. Mit Deininger und Grote zusammen ar­beitete er an einer vorteilhaften Fasergewinnung und machte die Öffentlichkeit unermüdlich auf die große volkswirtschaft­liche und völkische Bedeutung der Brennesselverwertung auf­merksam. Vor bald 40Jahren wurde sogar schon eine eigene Behörde, der Deutsche Ausschuß für einen regel­rechten Anbau der .Nessel und für die Förderung der gewerblichen Verwendung und Verwertung der Nessel­faser eingesetzt. Aber das sicher wirkende und genügend billige Mittel zur Trennung der Faser wurde damals noch nicht gefunden, unb selbst dann noch nicht, als von der deutschen Regierung besondere Preise ausgeschrieben wurden. Immer­hin konnten von verschiedenen Forschern schon wichtige Be­obachtungen über die Entwicklungsbedingungen der Nessel gemacht werden. Es mag hier auf chr Vokommen und auf die wichtigsten Standortverhältnisse draußen in der freien Natur besonders hrngewiesen fern. Wenn man sich in den Bergen, vor allem im Gebiete unserer Alpen, oder auch in den Auwäldern unserer Flüsse und Seen umsieht, so muß man oft über die gewaltige Höhe und den massigen Wuchs dieser Faserpflanze staunen. Sie liebt jedenfalls eine geringe Beschaltung und liefert bei reichlicher Bodenfeuchtigkeit auf­

fallend hohe Erträge. Nach Molisch soll die Brennessel selbst die kleinsten Mengen Stickstoff (Salpeter) im Boden aus­zunützen vermögen. Unter Berücksichtigung ihres Wachstums in feuchten Lagen dürste jedoch der Ammoniakstickstoff und Amidstickstoff ihr wahrscheinlich besser als der Salpeterstick­stoff Zusagen. Für einen etwaigen Massenanbau und gute Ernteergebnisse werden jedenfalls nur stickstoffreichere oder mit Stickstoff gut gedüngte Böden in Betracht kommen. Immerhin könnte man auch aus nährstosfärmeren, vor allem stickstoffärmeren Böden Anbauversuche einleiten. In Oester­reich Hai man schon umfangreiche Maßnahmen für den regel­rechten Anbau getroffen. Da aber dort der Boden bei weitem noch nicht derartig ausgenützt ist, wie in den meisten Gegen­den unseres Reiches, so kann ihr Anbau da auch sehr leicht und unbedenklich in größerem Umfange versucht werden, um so mehr, als in den Flußniederungen, in den Alpentälern und an den Berghängen große Flächen für den Nesselbau herangezogen werden können. Besonders wichtig wäre hier­bei auch die bessere Ausnützung vieler Oedländereien, die bisher völlig brach lagen. Vielleicht ließen sich auch viele Eisenbahndämme mit oft nur sehr schlechtem Graswuchs besser ausnützen. Bei uns wird man von umfangreicheren Versuchen mit dem regelrechten Anbau der Brennessel auf bereits urbar gemachten Böden zunächst jedenfalls absehen, zumal da man bei uns in Flachs und Hanf schon lange gut erprobte und wirtschaftlich vorzüglich bewährte Faserpflanzen in größerem Umfange anzubauen Pflegt. Trotzdem wird aber auch gar mancher den regelrechten Anbau der Nessel nicht unterlassen und ihn je nach den werteren Erfahrungen über die Entwicklung der Pflanzen und die Güte der gewonnenen Faser zu fördern suchen. Ihr versuchsweiser Anbau verdient jedenfalls volle Beachtung, wenn auch verschiedene andere bei uns heimische Pflanzen, wie Hopfen, weißer Steinklee, Besenpfrieme, Besen ft rauch nach Richter noch als gute und ergiebige Faserpflan­zen herangezogen werden können. Auch mit der Lu­pinenfaser wird man vielleicht gute gewerbliche Erfolge erzielen können. Die überaus hohe Bedeutung all dieser Ver­suche sür unser Tuchgeweröe und unsere ganze Volkswirt­schaft jetzt und später ist jedenfalls nicht zu verkennen.

Uriegsbriefe aus dem Osten.

Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter

(Unberechtigter Nachdruck, auch au^rgsweffe, verbot»^

Ueberläuftr und Gefangene.

Südlich Smorgon, Ende Mai.

Einer dieser strahlenden Frühlingsmorgen, die mm seit acht Tagen in gleicher junger Schönheit um Freimd und Feürd blühen, sieht uns wieder im Ritt m den Stellungen. Es ist etwas nach 5 Uhr, die Sonne saugt letzten leichten Silberdnnst von den Wiesen, über den Wäldern rauscht die Lust. Noch blüht der Flieder in den Gärten, die das cinLige vvn den Dörfern einst geblieben sind, Birnen- und Äepfekbäume heben sich in leuch­tender weißer Frische über die fcfr toa rya t Ruinen der verbrannten Häuser. Die Pferde scheinen den Leichtsinn des jungen Tages zu suhlen, sie fallen ans dem» Ttzab in Galopp, wie f$e HZ nach diesem schweren Winter wohl sonst kaum mutwillig tun. Das menschliche Leben schläft noch die Pferde schlagen in den Holz­ställen der kleinen Waldstatte, die überall zwischen den Kiefern und Fichten in langer Winterarbeit enrporgewachsen sind. Es ist

friedlich, tief friedlich gleichmäßig klopfen du Hufe den Wiesen­boden, leise knarrt das Lederzeug. Ta kommt eine kleine (Gruppe aus der Richtung der Front, der wir nun nahe sind. Zwei Grena­diere. In der Mitte zwischen ihnen grinst das Gesicht eines russischen Gefangenen.Ein Ueberläufer," sagen Legte. Er ist eben noch, furj bevor es ganz hell wurt e, zu den Stellungen ge­schlichen. Sein gutmütiges Bauerngesichl ist ganz- voll Stolz über die gelungene Tat. Für ihn ist der Krieg zu Ende.Sie treiben das gottverfluchte Sturmlaufcn," sagt der Mann. Er meint damit das Ausbilden des Retrntendepots im Rücken der russischen Front. Aber man kann nicht wissen, ob sie ernst ma:h:n." Bor dem Ernst des Augenblickes, da die Hebungen zur gräßlichen Wirklichkeit werden, ist er eben davongelaufen, er hat die Beschäftigung im Graben, den Augenblick, da der Rekrut zum Schützengrabenmann wird, gar nicht erst abgewartet.Wer klug ist, bedenkt den Weg," sagt das russische Sprichwort. Es muß gar nicht leicht gewesen sein, dieses Uebttlaufen, für den Rekruten. Zufrieden trollt er mit seinen Begleitern ab.

Er ist einer von den vielen, die täglich über die Linien finden. Jeden Tag. fast wird so ein Ueberläufer zum Divisionsstab ge­bracht. Es ist ja natürlich nicht gertt? die Elite des russischen Heeres, die da für ihr ^ Perso n den Krieg Krieg sein läßt, aber? sehr dumm.leben diese Ueberläufer meist auch gerade nicht ans. Ganz ruhig faßte einer die Frage zusammen: Sage mir, wofür ich kämpfen soll, und itf;. will kämpfen. Der Unteroffizier ist ein dummer Teufel, der sagte, weit man kämpfm muß. Warum? Für Rußland? Ich sage, für Rußland ist dieser Krieg ein Un­glück. Nichts als ein Unglück. Er zuckte die Achseln, wie sie nur ein Russe verziehen kann. Gleichgültigkeit, Hosfrnmgslosigkeit, Auf­geben jeden Willens, Zweifel an jedem Wett lag in diesem einen langsamen Achselzucken:Nitschewo!"

Anders sind die Gefangenen. Wenigstens viele. Die lebhafte Patrouillentätigkeit in diesem Frontteil bringt ja jeden Tag fast auch Gefangene in unsere Hand. Bei Torf Sutkow wurde, während der Rest der übrigen Russen nieder gemacht wurde oder floh, ein Mongole nach heftigem Bajonettkampl gefangen. Er war stirmpf und krank, wußte von nichts, verstand kaum russisch, aber er hielt sich gut, und nur daun stet seine ganze .Haltung zusammen, als die Deutschen ben Kranken natürlich gut und zweckentsprechend be­handelten. Vielleicht hat man ihm das Märchen erzählt, das man den Trirppen in Wilna, als es noch russisch war, erzählt.hat, die Deutschen seien Teufel und ttügen Hörner. Ein Märchen, das übrigens auch viele brave und unwissende Wilnaer geglaubt haben, ein Film bewies ja die Wahrheit. Es war ein Film, der die alten Germanen mit den Stierhörnern auf den Helmen dar­stellte! Vielleicht hat man es ihm erzählt, vielleicht dazu gesagt, daß die Deutschen die armen Russen ftäßett, denn es ist keine Dummheit groß genug, keine Albernheit unmöglich genug, um sie nickjt den russischen Soldaten aufznbinden. Mit Staunen sieht man immer wieder den aussagenden Leuten an, daß sie daran geglaubt haben, genau wie sie ihrem Popen geglaubt haben, daß nach dem.großen Sturmangriff die Toten nach 3 Tagen wkbrz leibhaft und lebendig auserstehen würden, um das Leben eines russischen Mnfchiks weiterznteben. Genug, dem armen Kerl zer­brach sein Halt, als er sah, daß die Deutschen auch Menschen und gute Menschen scheinbar sein müßten. Dieser Irrglaube über deutsches Wesen ist ja in weniger kindlicher Form schließlich nicht nur der letzte Halt, dieser stumpfen, unwissenden russischen Bauern- soldaten, sondern für alle, die gegen uns anreun-en. In dem Augerr-, blick, da das Jrrfinnsyebände des Hasses und der Bosheit zusam- menstnkt, da man weiß, Nne unser Wollen und Wünschen auf dem Boden echter Menschlichkeit xmccyAt, wird auch bk Haltung, die oft heroische Haltung der gegen ims Kämpfenden zu Ende sein, sie werden zusammensinken wie der lleine russische Muschik. Daher der Kamps um die Augen und Ohren, der die gleiche Hartnäckigidit wie der der Geschütze aufrecht erhält.

'Zn der russischen Armee hat dieser Kampf immer seine be» sondere Form gehabt, da die Kanäle des Wissens leichter zu vev

Gberhessischer ttunstveretn.

Gießen, den 3. Juni 1916.

Die neueste Ausstellung des oberhessischen Kunstvereins ist von einer außerordentlichen Vielseitigkeit. Der Dresdner Künst- l e r b u n d, eine seit nunmehr drei Jahren unter der Führung des Dresdner Kunstmalers Otto F. W. Sebaldt stehende Vereini­gung ^von Künstlern und Künstlerinnen, hat die Ausstellung mit etwa 70 Werken der Malerei, Graphik und Kleinplastik von zwölf Künstlern beschickt, daneben ist die Kunstgcwerbegruppe Weimar- Bund mit einem erstaunlichen Reichtum an kunstgewerblichen Ar­beiten vettreten, und außerdem firtbet utan noch eine in sich abge­schlossene Ausstellung von Werken des Frankfurter Malers H. Treuner. _

Iw Dresdner n stlerbund scheint sich eine Reihe fottschritt- lich gesinnter Naturen zusammengefunden zu haben, durch die wirt­schaftlichen Verhältnisse gezwungen, sich einander anzuschließen, ohne sich in ihrer eigensten Eigenart von einem übereilt geprägten Schlagwort berühren zu lassen. Bei allen Ausstellern des'Künstler­bundes läßt sich ein farbfreudiges Sehen beobachten. unvermittelter hier, zurückhaltender dott, aber letzten Endes doch als ein Charakte­ristikum der ganzen Gruppe. Sonst unbeengt, gehen diese Künstler ihre eigenen Wege. Wie weit laufen diese aber auseinander bei den Niobiden" von A. Hcnnig, einem geistvollen Expressionisten, dessen schmalgebaute schmerzgebvgene Akte mit Plastiken von Hävger Verwandtschaft haben, während man sich bei der Anlage des ganzen BWes an des gefallenen Weißgerbetts Amazonenschlacht erinnert Ahlt wie weit der Wog von hier zu den Lrndschaftsbildern von D-W. Sebaldt, etwa ,^Zw Zwinger",Aus dem! Gatten" und Blick von der Brühls chen Terrasse", deren männlich satte Farb­gebung und gedrängt plastische Raumwirkung von gebändigter Kraft zahlen. Eigenartig steht daneben ein Erzähler wie G. Richter, dessen Spanischer Tanz" und das symbolische BildchenDer Reiche und der Arme" am beachtenswettesten erscheinen. Grotesk wirft dre biblische SzeneBor Salomo". A. Schaaff hat eine Uhr weiche Art in der TernpercL-ehanLstung von Städtebildern. Der ferne abendliche Tunst schwebt über dusen Werken: beson- d^Z. wirkungsvoll in dem Rundbild .Frauenkirche in Dresden", chv ftch die tveiche Silhouette des Domes in melodischer Farbgebung rn den AbeNdhiurnuel hinein baut. Dieses zarte Färbensviel Schaaff ftndetsich namentlich auch in seinen Jntetteurs, zumal in dem mrt tiebwoller Hingabe gemalten Stübchen:Ihr Zimmer".

Eine kraftvolle Landschafterin, mit einem ausgesprochenen Sinn für rern malerische Werte, ist Käthe Penzras.Brettmische Fischerboott",Abends" und manch anderes Bild von der bre- tonischen Küste, auch die beiden aus demPlauen'schen Grunde", srnd auffallend stark irr ihrer Wirkung, die durch die Vereinfachung der zeichnerischen Mittel im Gegensatz zu den Malerischen noch betont wird. Wrr erwähnen vom Dresdner Künsllerbunv noch die Maler: A. Alten st aedt und A. Thywissen, sowie die

Kleinplastiker: Altenstädt-Förster und Brerthaler.

Von Altenstädt-Foriter rnteressieren zumal die gut beobachteten -Tierplastiken an die Maske des jugendlichen Faun, von Bietthaler dre ausdrucksvollen Körper zumal her dem Keinen Mädchen und demTankenden .Knaben".

Unter der Kunstgewerbegruppe Weimar-Bund treten besonders zwei Künstlerinnen scharf hervor, Charlotte Veit und Emmy Bodewig, Pallenberg. Charlotte Beit, die Bewußtere von beiden, in ihrer GeschirmcksrichtuAg dem Exweman geneigt.

hat eine Att Tuschzeichnungen auf Pergament zu setzen, die in ihrer Linienführung und Ornamentik an Bvardsley gemahnt. Da es ihr an dessen versteckter Dämonie gebttcht, kommt manches doch nicht aus dem Absonderlichen heraus. Ueberhcrupt hat man vielfach den Eindruck des Anempfundenen. Am besten sind vielleicht ihre Buchausstattungen, die bestechende Schriftbilder aufweisen. Emmi) Bodewig hat einige ganz vorzügliche Kleiuplastiken. Man beachte die schlanke, entzückende ModestatuetteEva", die BronzeTraum- tänzettn", die von tiefem Einsühlen spricht, und die kösllichen holzgeschmtzten und vergoldeten Gaullcr, deren Tcmzpvsen augenscheinlich den Tanzbewegrmgen Sachawws abgelauscht sind. Interessant sind auch Hermann Kemmlers Linoleumschnitte zur Mode", jener Bewegung entstammend, die die Näodebikder auf eine künstlerische Höhe bttngen will. Ein Be- stteben, das gute Aussichten hat. Was die Kunstgewerbegruvpe sonst noch ausstellt, sind D«vge, die jedes Frauenherz entzücken müssen, besonders die Stoffe, Decken, Kiffen, Vorhänge und Blusen der vor­nehm wirkenden Batikarbeit, die ihre gedämpften Farbharnro- nien zu äußerst geschmackvoll sttlisterten Mustern zusaMmensaßt. Selbstverständlich gibt es auch kmfftgewerbliche Spangen. Broschen, Teller, Vasen und Kästen, die fast durchweg ein durchgebildetes Stil­gefühl etfennen lassen.

Zum Schluffe soll noch auf den Frankfurter Maler H. Treuner aufmerksam gemacht sein. Ein. stiller mrd feiner Mnstler haucht hier mit Wasserfarben und Dusche zatt stimmungs­voll Bildchen aufs Papier, die von gedämpften Schattierungen be­lebt sind. Vvn den wenigen größeren Arbeiten sftrd dieweißen Ziegen" Mit den abgestuften Lichtwrrkungen aM feinste:!. zz.

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varmstädter Theaterbrief.

ZumAbschlußderSpielzeit.

Freut rmrn sich auch deS leuchttmdsten Somwers, der ins Land glühend und verheißend einzieht, der uns die langen, erouickenden Sommerabende bttnat, an denen wir die jetzt fast herbeigeseynten Theaterferien in vollen Zügen genießen werden, so scheiden wir schließlich doch mit einer gelinden Wehmut vom frequenten Theater­sessel, in dem wir teils gespannt, teils auch gelassen den langen, langen Winter hindurch die Knnstgeirüsse von Oper und Schauspiel entgegennahnren. Gleichsam in fein psychologischer Vorsorge, um uns die Wehmut Mit rachtem Frohmut zu versüßen, Hit die Direk­tion des Hoftheatrers den Schluß der Spielzeft noch mit einem Zyllns von sieben launigen Operetten geschmückt, teils bewährter älterer, teils zugkräftiger neuerer Att, wenn auch schon recht gut bekannten: Neben der Königin der Operttten, derFledermaus", steht derUlmzauber",Grigri",Polenblnt" und andere Schla­ger, die, wenn sie auch nicht als Kassische Bettreterinnen der leicht geschürzten Muse bewertet werden können, doch durchweg ein gut besetztes Hans erzielten, wozu die anerkannte Tüchtigkeit und Laune unseres flotten Personals, an der Spitze Brurw Harprecht, Rudolf Weisker und die immer fidele Mte Gothe, das wesentlichste bei­trugen.

Ganz dicht anyereiht war dieser Operetten-ZylluS^ an die letzte Neuheit des Hostheaters, denRo sen ka va l i e rD Daß ffch mit ihm unsere Bühne, die Sttauß bisher etwas ablehnend gegenüber­stand, ein weithin schallendes Verdienst erwarb, wurde gelegentlich ihrer Erstaufführung schon hiicreicheTrd betont. Es darf verraten werden, daß nach dem verheißWgsvolLe» Anfang für die nächste

Spielzeit bereits Sttauß'Salome" undElektra" vorge^ sehen sind.

Daß unser Hostheater solchen Aufgaben voll gewachsen ist, hat es an den in diesem Winter so erfolgreich heraus gebrachten Ur­aufführungen: Felix v.WeingartnersDame Kobold", Neitzels Richter von Kaschttu" u. MozattsGärtnerin aus Liebe" in Oskar Bies romanesker Bearbeitung bewiesen, von denen sich besonders die ersteve, eine komische Oper, ährrlich wie derRosencavalier", hier wie auswärts mit Recht steigender Beliebtheit erfreute: sie bildet gerade in ihrer harmlosen Anmut überhaupt ein sympatlstsches Gegen­stück zu Strauß'Komödie mit Musik". Aber nicht nur dem komischen Genre, das hier ersichtlich die vollsten Häuser erzielte, wurde Rech­nung gettagen, der Ernst kam am Hoftheater nicht minder wirkungsvoll znm Worte und es wurde damit ein schönes ZengnE dafür abgelegt, daß es auch in dieser schweren Zeit den dlnsprüchen aus gehaltvolle Geistes kost vollauf zu genügen verstand. Es braucht da nur auf seinen unvergleichlich stimmungsvollen und nach haltigst wirkendenParsifal" hingewiesen zu werden, dessen Szenattum zum Teil vom Großherzvg entworfen und von dem inzwischen leider allzufrüh verstorbenen Oberrogisseur der O.per, Ottt Nowack, tatttäftig geleitet wurde. Im gleichen Sinne dem Ernst und der Größe der Zeit Rechnung ttagend, brachte das Schauspiel, durch Ausführung mehrerer Dichter-Zyklen, in erster Linie zweier Shakespeare-Zyften, eine bedeutsame ?dvte in den Spielplan des verflossenen Winters. Der zweite schloß diesmal das Schauspiel mit einer Neueinstudierung vvnRomeo und Julia" ab, in der Alice Hacker in der weiblichen Titelrolle sehr erttculiche Töne des Herzens fand, vielleicht etwas zu modernisiett in der Anlage der Partie. Stuf diesem Gebiet sind auch ivvck» einige Neuheiten zu nennen: Die Uraufführung der drei Schnitzlerschcn: EinakterKo- mÄüe der Worte", Schünherrs vielunrstrittenerWeibsteufel" und im Rahmen eines Jbsen-Zyllus, Ibsens ,TZnge", die der junge talentvolle Tramaturge der Hvflvühne, Dr. Wmver, mit bestem Erfolg inszenrerte. Neben diesen ErstanMheungen standen dann noch zwei ällere dramattsche Werke: SuderimrmrsGitter Rtrf" und E. v. WolzogensUnbeschriebenes Blatt".

Tie Theaterleitung ließ sich während der ganzen Spielzeit an­gelegen sein, in periodischen Abständen vortrefflich besuchte Bolks- und Garnisonvorstellungen .zu veranstalten, die vielen Tausenden verwundeter Krieger im besonderen Kunst, Erholung und Zerstreuung boten. GeneralmnsiDirektor Felix v. Wein­gartner leitete in ihrem Rahmerl mich erfolgreich seineMa­dame Kobold", wie er auch durch sieben große Hofkvrrz-ette unter seiner Leitung die musikalischen Genüsse der verflossenen Spielzeit außerordentlich bereicherte. Uktter Hoftat Ottenbeimers vor­züglicher musikalffcher Leitung standen dieParsifalwlffübrrrngen" und die Einstudierung desRofenfttvaliers", während nach der Erkrankung Ottenheimers der junge Kapellmeister Kl eiber sämt­liche Opern der letzten Zeit, auch ,Lvhengrin", mit bemerd'nswetter künstlettscher Sicherheit dirigierte.

Die Reichhaltigkeit des in der Spiel'.:it gebotenen interessanten!' Matcttals kennzeichnet, zwischen die Cwliuiten des guten Durch­schnitts eingestreut, den Standpunkt und die mverinüdliche Sorge des Intendanten Dr. Egar, sttts ?lnziehendes rmd die verschie­densten Wünsche Befriedigendes zu bieten, fonmt dies jetzt iiftrnb uwglich ist. Und so steht zu hoffen, daß die nächste Spielzeit ebenso wieder mit Erfolg durchhält wie bisher wenn njcht in­zwischen der ersehnte FriÄcn kommt. h.