Ausgabe 
10.6.1916 Zweites Blatt
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M. Jahrgang

rrr. ^53 Sweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieLiehener Famittendlstter- werden dem

»Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt. das Lreirdlatt für den Kreis Giehen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Sett- frage«" erfchernen monatlich zweimal.

General-Anzeiger für Gberhejfen

§am§tag, Juni W 6

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts - Buch- und Sreindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriitleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul« straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:e-M>51,Schrift» leitung: ^^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Die neuen Uriegssteuern.

(Schluß.)

C. Der Frachturkundenstempkl.

Nach dem neuen Tarif werden erhoben:

Für Frachturkunden im Eisenbahnverkehr:

1. Frachtstückgnt und Expreßgrck 10 Pfg.

2. Eilstückgut 20 .

3. Frachtgut in Wagenladmrgcn:

bei einem Frachtbetrage von nicht mehr als 25 Mk. 1. Mk. bei höheren Beträgen 2.

4. Eilgut in Wagenladungen:

bei einem Frachtbetrage von nicht mehr als 25 Ml. 1.5O bei höheren Beträgen 3.

Utfimben über die einzelnen Sendungen im Eiserwahn-Sammelladungsverkehr der Spe­diteure 5 Pfg.

Die Steuersätze für Wagenladungen ermäßigen sich auf die Hälfte, wenn das Ladegewicht des Wagens weniger als 10 Tonnen beträgt.

Befreit sind:

1. Urkunden über Sendungen, die frachtfrei zu befördern sind.

2. Urkunden über die Beförderung von Milch, soweit sie nicht in Wr^enladungen erfolgt.

3. Fm Sammelladungsverkehr Urkunden über solche Einzel- sendungm. die aus den: Transport zum Teil im Eisenbahnstück- gutverkehr befördert werden.

Soweit im Sammelladungsverkehr Urkunden nicht ausgestellt werden, ist die Abgabe nach näherer Bestimmung des Bundesrats $u entrichten. Ter Bundesrat kann die Entrichtung der Abgabe in ««derer Weise als zu der Urkunde auch noch in andern Fällen, anovdmen.

D. Die Tabaksteuer.

Der Tabäkzoll erhöht sich pro Doppelzentner für:

1. Unbearbeitete Tabakblätter von 85 auf 130 Mk.

2. Tabakerzeugnisse:

3 ) Tabakrippen und Stengel wie bisher 85

b) Tabaklaugen wie bisher 100 ^

c) bearbeitete Tabakblätter von 180 auf 280

d) Karotten usw. von 210 300

e) Schnupf- und Kautabak von 300 600

f) geschnittenen Rauchtabak von 700 1100

g) Zigarren von 270 700

h) Zigaretten von 1000 1500

Der Wertzollzuschlag für Tabakblätter und Zigarren wird von

-40 auf 65 Prozent erhöht, der Zuschlag für die int Reiseverkehr eingebrachten Zigarren vor: 1000 auf 1700 Mk. pro Doppelzentner. Jedoch soN die Erhöhung des Wertzolls erst dann in Kraft gesetzt werden, wenn der Wert der Tabakblätter durchschnittlich auf weniger als 180 Mk. herabgeht.

Die Tabaksteuer wird für Tabakblätter von 57 auf 70 Mk. er­höht: für Zigarettentabak bleibt der alte Satz von 45 Mk. bestehen.

Die Fläch,ensteuer, die für Pslanz-imgen von weniger als 4 Ar an die Stelle der Gewichtstener tritt, wird von 5,7 auf 7 Pfg. pvo Quadratmeter, ihr Mindestbettag von 50 auf 70 Pfg. erhöht.

E. Die Zigarettensteuer.

Auf die Sätze der Zigarettensteuer werden Kriegsaufschläge ge­legt. durch wÄche die Steuer für 1000 Stück erhöht wird:

1. für Zigaretten int Kleinverkausspreise:

bis zu 1 ty 3 Pfg. von 2 auf 5 Mk.

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" ZV- 5 .. ' 6-/-18 1 /,,,

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7 Pfg. 15 40

2. für Zigarettentabak im .Kleinverkaufspreise:

über 8 bis' 10 Mk. das Kilogramm von 1,60 auf 4,60 Mk.

20 30 4,80 12,80

Q r.." q9 * " " 4, 7, ,.10.

3. für Zrgarettenpaprer:

für 1000 HMen von 1 auf 6 Mk.

Als Zigaretlentabak gilt aller feingeschnittene Tabak, der im Kleinverkauf Mehr als 8 (bisher 3 Mk.) kostet; der Bundesrat ist ermächtigt, der: Preis von 8 Mk. auf 5 Mit. zu ermäßigen: in diesem Fall landet auch die erste Staffel der Steuerskala nicht 8 bis 10", sondern5 bis 10 Mk?'.

Betriebe, die in der Zeit vom 1. Full 1916 bis zum 31. De­zember 1916 mehr Zigaretten versteuert haben als in der Zeit vom 1. Oktober 1915 bis zum 31. März 1916, haben, soweit die Mehr- Versteuerung 15 v. §>. überschreitet, für die mehr verßei-erte Menge einen erhöhten Kritzgsäufscmag zu entrichten. Der erhöhte Kriegs- aufschlag beträgt bei einer Mehrversteuerung von über 15 bis 20 v. H. das Zweifache, bei einer Mehrversteuerung von über 20 bis 25 v. Jo. das Dreifackze und bei einer Mehrversteuerung von über 25 v. H. das Vierfache des vom Betriebe im Kontingentabschnitt durchschnittlich gezahlten Kriegsausschlages. Der Bundesrat kann zur Vermeidung von Härten für einzelne Betriebe die znm ein­fachen Kriogsausschlag zu versteuernden Mengen anderweit sestfetzen. Für die Zeit nach dem 31. Dezember 1916 bestimmt der Bundesrat, für welche Mengen der einfache Kriegsaufschlag zu entrichten ist. Die darüber hinaus versteuerten Mengen unterliegen dem erhöhten Kriegsaufschlag nach vorstehenden Sätzen.

F. Der neue Postlaris.

Ein Zuschlag als Reichsabgabe mit zweijähriger Befristung, sofern der Reichstag seinerzeit darauf besteht, belastet:

1. Briefe im Ortsverkehr mit 2y 2 , irrt sonstigen Verkehr mit 5 Pfg.;

2. Postkarten mit 2y 2 Pfg.;

3. Pakete bis 5 kg Gewicht:

a) auf Entfernungen dis 75 km 5 Pfg.;

b) ans weitere Entfernungen 10 Pfg.; über 5 kg Gewicht:

a) ans Entfernungen.bis 75 km 10 Pfg.;

b) auf weitere Entfernungen 20 Pfg.;

4. Briese mit Wertangabe aus Entfernungen bis 75 km 5 Pfg.; aus weitere Entfernungen 10 Pfg.;

5. Postauftragsbriefe 5 Pfg.; ,

6. Telegramme für jedes Wort 2 Pfg., Mindestbetrag für jedes Telegramm 10 Pfg.;

7. Rohrpostsendungen 5 Pfg.;

8. Telephon-Anschlüsse und Gespräche 10 Prozent.

Für dringende Gespräche wird die Abgabe nur nach dem Satz der einfache Gespräche berechnet.

Befreit sind: Militärische Sendungen, Sendungen ins Aus­land, soweit Verttäge entgegenstehen, gewisse Pakete, die nur Zei­tungen oder Zeitschriften enthalten, sowie Pressetellgrarmne.

Friedenzvorarbeit im Etappengebiet.

Aus dem Felde wird uns von befreundeter Seite ge­schrieben:

*Das Landsturrnbataillon Gießen sichert einen Teil der Etappenlinie nnd -orte unserer vor Verdun kärnpfenden Truppen. Ununterbrochen grollt Dcrp und Mccht das Ge­witter im Westen. Unsere fleißigen Flieger ziehen einzeln und geschwaderweise nach der Front, und nachts kommen die andern dieIndianer" und machen viel Lärm um nichts, denn die im französischen Tagesbericht gemel­deten Erfolge sind, wie wir uns mit eilgmen Au-gen immer wieder überzeugten, nicht vorhanden.

Der fette Boden, dem eine rationelle Bewirtschaftung, Drainage und Kunstdünger weit höhere Erträge abringen könnte, ist v>on den Fuhrparkkvlvirnen bebaut, und der Stand des Getreides berechtigt zu guten upd besten Hoffnungen. Daneben treiben alle Formationen Schweinezucht und Ge­müsebau, wobei besonders unsere Sachsenhünser, in meiner

Kompagnie derFeldwebel" Wilhelm D. zu Ehren

kommen.

Die Dörfer, die nicht unter dem Krieg gelitten haben, tragen den Stempel bäuerlicher Behaglichkeit und Wohl­standes, freilich Lothringer Art, die nach der Größe des

Misthaufens vor der Tür den Wert des Besitzers schätzt und auch sonst mit Straßenreinigung und Hygiene auf dem Kriegsfuß steht. Hier Ordnung zu schaffen, 'war die erste Aufgabe der Ortskommandanten, damit in Unterkunft und Ruhestellungen kommendeTruppen v orAn sie cknngsgie fahr und Seuchen bewahrt blieben. Die Misthaufen vor den Türen, die Hauptfliegenbrutstätten, sind verschwunden, und die Straßenreinigung wird scharf ,gehandhabt.

Aber damit nicht genug, wo sich Gelegenheit bietet, werden Schmuckplätze und Pflanzungen mit Tischen und Bänken zur Erholung der Leute angelegt. So war in 3c., wo wir lagen, eine prächtige Dorflinde und neben dem Schul­hof eine hervorragend schöne Kästaniengruppe inmitten wüster Steinhaufen. Beide wurden in stillem Wettbewerb der beiden Koinpagnien zu Schmuckplätzen ausgebaut mit Terrassen, Naturholzgittern, Bänken und Anpflanzungen, daß sie die Zierde eines ländlichen Luftkurortes bilden könnten. Die alten Franzosen staunen, wackeln wohl einmal am Geländer und bringen ihre Bewunderung mit: Ires beau, tres solide! znm Ausdruck.

Dem in der Knabenschule quartierenden Kvmpagnie- führer war aber mit der Pflege der äußeren Kultur nicht

genügt und ein. Landstürmer, Lehrer K_r aus Wetzlar,

trat neben die französische Lehrerin ziur Erteilung des deut­schen Unterrichts. Seitdem wurde der deutsche Gruß für Offiziere eingeführt und, als vier Wochen nach Beginn des Unterrichts der Lindenplatz eingeweiht wurde, sangen die Jungen zur freudigen Ueberraschung aller Anwesenden das Lied: Alle Vögel sind schon da!

Heute erhalte ich von dem Lehrer den folgenden Bericht, der von weiterem guten Fortgang und gutem Geist der JNgend zeugen und vielleicht weitere Kreise, insbesondere wohl die Jugend, interessieren dürste.

Von meiner Tätigkeit in der Schule tarn ich nur Gutes berichten. Ich wundere mich manchmal selbst, daß die Kinder meinem Unterricht so viel Interesse entgegenbringen. Gegenwärtig übe ich in deutscher Sprache die Deklination der Hauptwörter. Anfangs glaubte ich, daß ich mir damit eine Aufgabe igestellt habe, die zu vollbringen mir nicht möglich sein werde, aber siehe da, sie begriffen ganz gut und jetzt stellen sie zu den vier Fällen schon selbst Fragen und geben ^ganz richtige Antworten in vollstä-ndigen Sätzen. Auch im Singen haben sie gute Fortschritte gemacht. In der vorigen Woche war ich oft mit meinen Zöglingen im Freien, um, auf Wunsch des Herrn OrtslommMldanten, Maikäser zu fangen, die 'hier so massenhaft Vorkommen, daß von ihnen die großen Eichbäume ganzer Wälder kahl ge­fressen sind. Untertvegs wurde fleißig gesungen. Ich habe mich nur imnrer ergötzt, wenn wir singend an Sotdctten vor- überkamen, die mrs bann ganz erstaunt ansahen, als vb wir aus einer andern Welt kamen. Als wir gestern im Gleich­schritt das Lied:Ich hatU einen Kamerc^en" singend von B. nach M. marschierten, ries ein Soldat:Das sind wohl die neuen Rekruten?". Der Gesang ist das liebste Ltter- richtsfchh der Kinder geworden. Bei Beginn- einer jeden Unterrichtsstunde sagen sie mir: ^,wir haben heute noch nicht gesungen".

Madame W... die französische Lehrerin ist immer noch nicht ganz, hergesteltt. Der ArFt Hai ihr das Schul- halten verboten. Infolgedessen blieb mir nichts anderes übrig, -ckls zu versuchen, auch in anderen Fächern zu unter­richten. Ich arbettete mir meine Lektionen in französischer Sprache schriftlich .aus, ließ sie von Madame W... Nach­sehen und machte mich dann ans Werk. Meine schwere Zunge bildete wohl einen großen Gegensatz zu dem Redefluß und der Zungenfertigkeit der Madame W..., aber es schien mir, als ob gerade das Eigenarttge meiner schwerfälligen

pfingstbrief einer Großmutter an ihr Enkelkind.

Pfingstabend 1916.

Liebe Maria.

Dein Brief ist so voller Weh und jFragen, daß ich erst Herz und Hand zur Ruhe zwingen mußte, ehe ich Dir antrvorten konnte.

Möchte es mir gelingen, aus den Erfahrungen der Zeit heraus die ersehnte Antwvtt für Mch zu finden.

Durch den Verllrst des Gatten ist Dir das Liebste genommen, Dein iunges Leben ist Dir zertrümmert und Dir ist, als starre Dir die Zukunft leer und ohne Inhalt entgegen. Und nun zermartert sich Tein armes Hirn mit Fragen, die wohl kaum unsere Weisesten ganz zu beantworten wüßten. Mußte denn dieser unselige Krieg überhaupt sein, fragst Du und wer sind denn letzten Grundes die Schuldigen, die vielleicht in langer: Jahren durch Fehler und Versäumnisse aller Art den Ausbruch des Krieges hch:beigesührt haben? Letzten Grmrdes liegt hinter diesen Erwägungen die bit­tere Frage: wer sind in Wahrheit diejenigen, die meines Lebens' Glück und Frerrde zerstött und mit mir zugleich tausende und aber­tausende in nie zu stillendes Elend gestürzt haben?

Du Liebes, li^ enrnial das merkwürdige Wort Offenbg. 6, 4 GZ zog aus ein anderes feuerrotes Pferd i:nd dem, der darauf faß, rvard gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, daß sie einander schlachteten und ein großes Schwert lonrde ihm! gegeben." oder Matth. 13,8Volk wird sich gegen Volk erheben und Reich gegen Reich." oder Matth. 24,7 usw. ,,'(§s wird sich erheben Volk wider Volk und Reich wider Reich uvrd es wird Hungersnöte geben und Erdbeben hin und wieder." Sind diese Verheißungen rricht wahr geworden auch für unser deutsches Volk in mancher harten Zeit? Denke nur an den 30 jährigen Krieg; niMn: den wechsel­vollen Sieberhcchrigei: Krieg oder versetze Mch in die furchtbaren Röte und Entbehrungen der.Freiheitskriege. Und doch, wenn Du imi Geiste durch die schwerste Not aller Zecke:: und Völker wan- dettest, nirgends fänbeft Du etwas, das dem Hatz, den Greueltaten, dem Herzeleid und dem Blutvergießen dieser unserer Zeit gleich- käme. dllrgcnds^ ttäsest Du damben wohl auch so viele heldenmütige Aufopferung, so viel geduldiges .Ueberwckrden größter Schwierig­keiten, so viel sieghaftes Beharren als in dieser selben Zeit. Ist es nicht, als ob sogar alle Gemiente teilnähnien an dem Kampfe der Menschen! Feuer, Wasser,^ Erde nnd Luft, die Urelemeicke werden uns dienstbar gewacht, Helsen kämpfen nnd siegen. Und durckstienkt Man die Geschichte aller Völker bis auf die Gegenwart da ists Mit der Abwechsebrng von Krieg und Frieden fast wie mck Ebbe und Flut, nur daß hier andere Gesetze und deshalb auch verschiede::- artige Intervalle herrschen. Und da kommt nrir, wie ivohl vielen in dieser Zeit, der Vergleich Mt den grauenhaften Katasttophen, die unsere alte Mutter Erde durchMachw: mußte, ehe sie wurde, als was wir sie heute kem:en. Die uralte Sage von der großen Flut taucht vor mir auf, ich sehe die Gletscherperioden, erlebe im Geiste die vielen vulkanischen Ausbrüche und denke: Wie viel blühendes Leben ist da vernichtet! Menschen, Tiere, Pflanzer: sind weggesegt wie welke Blätter, die der Herbsüornd fci£eft, ganze Kul­

turen sind verrckchtet bis aus wenige Ueberreste. Und da denke ich in meinem Großnurtterherzcn, lvir sind Kinder der Erde und wer­den wie sie zu unserer Entwickelung von Zeit zu Zeck furchtbarer Katastrophen bedürfen, werden sie einfach nöttg haben! Natürlich spielt in solchen, mit elementarer Wucht hereinbrechenden Gescheh­nissen das Gesetz von Ursache und Wirkung eine große Rolle, und je mehr unsere leitender: Führer die Ursachen llar erkennen, um so Mehr kann mar: sicher dieselben künftig vermeiden und damck den Wirkungen Vorbeugen.

Schwerlich trifft da den einzelnen Menschen oder das einzelne Volk die Schuld, sondern alle Menschen und Völker des^ Erdballs, d e einen Mehr, die andern weniger, haben mit an den Fäden ge­sponnen, die nun unheitschwanger sich verknoteten und zum Kriege fühtten. Wer aber kann sich vermessen, alle Gründe und Hinter­gründe klar zu durchschauen?! Wir Müssen dies Marstellen von Aussaat und:Ernte in 'erster Linie der: Männern überlassen, welche durch ihres Gottes Gnade^und ihres Volkes Vertrauenzum Sehengeboren, zumSchanen bestellt" sind und Müssen uns begnügen, jeder an seinem Telle das für ihn Richtige zu er­kennen und z:: trrn.

D: sagst, Pfingsten sei Dir immer als das lieblichste der Feste erschienen. Fm Kranze der bräutlichen Mäieu war es Dir wie i> e Braut des Jahres, die der Erfüllung und Krönung ihrer ir­dischen Bestimmung entgegenhartt. Und jetzt siehst Du statt des schmückenden Birkerckaubes nur Trauerflor und verzweifelt llingt Deine Frage in meinem Herzen wieder:Wie können wir Pfingsten feiern, wie können wir vom Wklrken des Heiligen Geistes reden in einer Zeit, wo die Menscher: einander anfallen und zerfleischen wie die wilden Tiere, wo die Wisfenschaft der Natur ihre Geheimnisse ablistet, um nur immer härtere und grausamere Mittel zur Ver- nichtmrg der Mitmenschen zu ersinden?"

Ich verstehe Dich in dem allen, Maria. Aber unter Umstanden ist das scheindar Härteste in Wahrheit das Gelindeste, und weiter bin ich in Beziehung auf das Fest zu der Ueberzeugung gekommen, daß wir gerade in diesem Jahre Pfingsten feiern sollten, wie wir es so tief und bedeutsam vielleicht noch nie gefeiett haben.

Keinem! eckrzigeu Menschen, er gehöre denn zu den ganz ober» flachlichen, wird irrt Leben seine Golgatha stunde geschenkt. Und wie ginge wohl ein fühlender Mensch durch diese Zeck, ohne den Kelch der Bitternis zu trinken? Kummer und Herzeleid ader svirken gar verschieden auf die Menscher:. Die einen werdet: ver­bittert und verzrveiselt; von imterdrückten urü) vergossenen Tranen loird ihr BAck so verdunkelt, daß sie rricht irtefyc imstande sind, klar zu sehen, nnd wieder andern werden durch den eigener: Schmerz die Seelenaugen weit geöffnet für das Leid anderer und für die Lage chres Volkes. Alles Leid wirkt zunächst wohl isolierend es richtet förmlich eine Scheidewand auf zwischer: uns nnd der übrigen Welt, dann aber lehrt es uns rveiter und tiefer blicken als je zuvor. ,^Jch habe Euch rwch viel zu sagen, aber ihr könnet es jetzt nicht traget:" spricht Christus in schwerer Stunde zu seinen Jüngern und fahrt dann fottWenn aber jener koMnen wird, der

Geist der Wahrheit, wird er Euih ir: die ganze Wahrheit einführen!" Wann aber hat wohl Gottes (Z^ist Mehr den Menschengeist ausge­sucht, um Wohnung in ihm zu nehmen, als eben in dieser Zeck?! Während ich Dir schreibe, Maria, fitze ich in der Hollunderlaube und ringsum sehe ich hinein in lauter Pfir:gstwuuder; ich sehe den Geist des Lebens förmlich airt Werke. Das kennt und sproßt, erleidet Zerfall und Umrvandlnng, dies große Vdysterium, damit neues kräftiges Leben entstehe. Alles blüht und setzt Frucht an und drängt der endlichen Reife entgegen durch SturM und Stille, durch Regen und Sonnenschein. Und je länger ich hineckrsehe und sinne in all dies treibende Werden, uM so ergriffener wird meine Seele.

Von dem stillen Garten warrdern n:erne Gedanken weit, weit zu den Getreuen in den Schützengräben, zu den Blutseldern Verbürg, zu den schwerer: Kärnpfen im Osten und Süden, zu den Helden, die in den Weller: ihr kaltes Grab fanden' und sterberü) noch halfen, ein neues Ruhmesblatt in den Ehrenkranz ihres Volkes zu flechten. Sie wandern zu den kühnen Seglern der Lüfte, die unsevsn Kriegern Weg und Sieg bahnten. Und sie machen .Halt vor manchem einsarüen Heldengräb, vor stillen Feldern, >oo treue Kämpfer von ihren Taten ruhen, nnd der Gedanke überwältigt Mch: Wie namenlos viel hat zerbrvcher^ vernichtet werden rnüssen, wie viele edle und edelste Menschen haben ihr Leben lassen müsse::, damit Neues entstehe im Leben der Völker und vor allem in unserm eigenen ge­lieb t e n V o l k e. Umwandlung nnd Umgestaltung: tiefstes heilig­stes Mysterium das aus Finsternis zum Lichte, vom Tode zu neuem Leber: führt. Meine Seele erschauett vor der gewaltige:: Verantwortur:g, die uns aus dieser Erkenntnis erwächst!Wenn aber jener komint, der Geist der Wahrheit, der wird euch in die ganze Wahrheit einführen!" O Maria, möchte dieser Göttliche Geist uns Mt seinem Lichte erleuchten, damck wir alle. Führende und Geführte, aus der Zeck heraus erkenrren, was von uns gefordert wird. Haben wir a l s D e u t s che gekämpft für d e n t s ch e s Recht :md deutsche Ehre, so laß uns einen Frieden erblicken, der d i e - ses Kampfes würdig sei. Möchte unsere ivarMe Begeisterung für unser Vaterland sich auch weiterhn: wandeln in Kraft und festen Willen, daMt wir verstehen, die Güter zu wahren und zu mehren, die unsere Helden mit Drangabe ihres Lebe:^ aus den Schlacht­feldern ernwrben haben!

Und hat ein segensreicher, gesunder Friede den Bau fest und neu gegründet, in dem unser Volk ungehirrdert sich entnnckeln und die ihm vvrgeschriebene Bahn vollenden kann, so durchdringe uns Gott in seiner Gnade völlig mit seinem Geiste; er läutere uns Herz umd Sinne, drrMt wir das Innere des neu gegründeten Baus ansgeftalten nach echter derckschcr Art irrt klaren Blick für das. was die Erde fordert und ir: stetem Aufblick zu dem. der unser aller Wege lenkt und lecket! Dann verrvatten wir in Treue das Ver­mächtnis unserer toten Helden und in diese m Sckmc wollen wir jetzt Pfingsten feiern, nicht roahr, Maria?

Im festen Verttauen auf unseres Volkes Jugerü) und Zukunft

Deine GwHamttor.