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S&dks man
166. Jahrgang
E r sche in t kt-llch mit ftAw^ne des Sount«gS.
tte „ttcfcvtier FamMrrtdiatter" werden dem ,Lnze»qer^ viermal wöchentlich beigelegt, das ^Lreisdlatt für den Krtis «jeden- zweimal wöchentlich. Die ..Lav-Vinichasllichen Seit- erscheine« monatttch ztoermatt
Gietzeim Alyeiger
General-Anzeiger für Gberhefsen
Mittwoch, 24. Ma! >41»
Rotationsdruck tmd Verlag der Brühl'jchea UniversilätS - Buch- und Steindruckeret.
9t. Lange, Ließen
Schr-tltlettung,Geschäftsstelle u.Druckeret: Echul- straße 7. Geschäftsstelle u.Verlag:^r^»-ü1,Schrift« leitung: «-^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Eine Unterredung des llerchskanzlers mit einem amerikanischen Journalisten.
OerTfn, 22. MdL. (WTlB.) In einer Unterredung mit dem anrerikantsci«! Jour-nalisten K. v. Wiegand hat der Reichs- fanzler zu den lüngsten Auslussnngal des engliscku'n Mnisters Sir Edward Grey Stellung w^nommen. Herr v. Wiegand wfegvagraphierre der ^New Yorker World" über dieses Interview ßstseudeÄ:
„Nach 22 Monaten eines furchtbaren Krieges, nach Millionen Opfern an Toten, Verwundeten und Verstümmelten, nachdem dar Schultern des gegenwärtigen icnd der künftigen Geschlechter einLl schwere Schuld an Gut und Mut atrsgebürder ist, b e g i n n t E n g - land ein zu sehen, daß das deutsche Volk nicht zermalmt, daß die den tf che Nation nicht vernichtet werden kann. Jetzt, wo teä dttB ernennt, erklärt Sir Edward Gre y, daß die britisrl>en StaatÄnänner niemals Deutscküand zerrwrlmen oder vernichten wollten, trotz gegenteiliger Aeußerurrgen seiner Ministerkollegen, trotz der Forderungen der englischen Presse und trotz des Köders, den Präsidetrt Poincarä dein französischen Volke vorgehalten hat, daß. wenn oss bis zum Ende dnrchl-atte, England und Frank- reich Deutschland de» Frieden diktieren würden." So äußerte sich heute der Reichskanzler von Boltzmann H o l l w e <;, als ich aus meine Bitte von ihm empfangen wurde, um ihn zu tragen, ob er zu den Auslassungen Sir Edward Greys zu Herrn Edward P. Bell von den „Chicago Daily News" Stellung nehmen wolle.
„Glauben Sie, daß eine Preßpolemik uns weiter führt?" sagte der Kanzler. „Sie zwingt unA auf Vergangenes zurückzilbliclen, statt daß wir uns der Zukunft zulvendcn sollten."
,Ia," warf ich ein, „ist eS nicht gerade Sir Edward Grey, der seine Blicke auf die Zucknnft rächtet? Was er anstrebt, ist doch eine friedlicii-e Zukunft der Welt, wenn er auch meint, vorher nrüfse der preußische Militarismus niedergeworfen, sein."
,Zch wundere mich," erwiderte der Kanzler, „wie Sir Edward Grey immjer noch von Preußen im Gegensatz zu Deutschland sprechen kann. Ich weiß sehr wohl, daß die Unkenntnis der deutschen Zustande, die vor dem Kriege in England sowohl mie in Frankreich l)errschtr, daß die Spekulation auf die innere Uneinigkeit Deutschlands Wasser auf die Mühle der englischen und französischen Kriegs- varteicn gewesen ist. ?lber ich hatte geglaubt, die wunderbare und heldenmütige Einheit des gesamten deutschen Volkes in der Verteidigung der üxffmät hätte jetzt beit Herren die Augen geöffnet. Und dann der Militarismus! Wer war es, der in den letzten 20 Jahren mit Militarismus Politik getrieben hat. Deutschland oder England? Denken Sie doch an Äegyptcn, an Faschoda. Fragen Sie die Franzosen, roelche Maü)t damals Frankreich durch ihre Drohungen die Demütigtmg miferlegte, die lange als die „Schmach von sFaschoda" bitter empfunden wurde. Denken Sie an dar Buren - krieg, an Algeriras, »oo England nach der eigenen Erklärung Sir Edward Greys Fvankreich zu versuchen gab, daß es im Falle eines Krieges ans Englands Hilfe rechnen könne, und die Generalstäbe Leider Lander sich entsprechend zu verständigen begannen. Dann kam die bosnische Kliffs. Deutschland war es, das damals den Krieg abwendete, indem es Rußland zur Annahme eines Bernrittelungsvorschlages bewog. England gab in Petersburg fein Mißvergnügen mit dieser Lösung zu erkennen. Sir Edward Grey aber erklärte vei dieser Gelegenheit, wie mir zu verlässig bekcnrnt ist, er glaube, die englische ö stattliche Meinung würde, falls eS zum Kriege ge- kmrtmen wäre, die Beteiligung «Englands an Rußlands Sette gv- dMgt haben. '
Daun Agadir. Mr waren im besten Zuge, nufere Differenzen nrit Frankreich iw Verhandlungswege zu sKichken, aV England -mit der beRmriten Rede Lloyd Georges dazwischen fuhr und die Kriegsgefahr heraufbeschwor."
,^Fch will nicht entscheiden,- ob Eure Exzellenz recht haben," sagte ich, „aber Mr Edward Givey meinte doch, Eure Exzellenz hätten genau gewußt, daß England niemals Bö^s gegen Deutsch- juxitb im Schklde geführt habe."
brauche als Antwort wvhk bloß das Wort „EinkreffwvgS- ipolitrk" au^uspvechen," erwiderte der Kanzler. „Aus den veröffentlichten Dokumenten der belgischen Archive weiß alle Welt, daß auch neutrale Staatsmänner, wie die belgischen Diplomaten nicht nur m Berlin, sondern auch in Paris und London in dieser Nnkvnsuugspolttik nichts anderes sahen, als eine enrinente Kriegsgefahr. Was ich gegen diese Gefahr tun konnte, habe ich getan. -Das Neutralitätsabkommen, das ich Lord Haldane wv M / hatte nicht nur Europa, sotrdern der ganzen Welt den Frieden gesichert. England hat es abgelehnt."
„Ja," erlaubte ich mir z!u benterferr, „Sir Edward Grey meinte aber doch, Deutschland hätte absolute Mnttralttät verlairat, tmd> für bat Fall, daß Deutschland aus dem Kontinent Angrusskriego führen wollte, und darauf, l-ätte England doch nwhl nicht eingel-en können."
„Ich habe," erwcherte der Kanzler, „am 19. August 1915 im Reichstag den Wortlaut der Formel nritgetettt, die ich den« englischen Kabinett in den damaligar Verhandttrirgen vorgeschlagen habe. Die letzte Formel brütete: „England tvird diese lvohlwollend.' Neutra lttät bewalden, sollte Deutschem cd ein >kriog aufgezu-nngen werden." — Au fg ez-ionn gen — bitte ich Sie zu bemerkat. Es widerstrebt nrtt, mrf alle diese Dirrge, die ich ganz ailsffllirlics) vor aller Welt erörtert hcrbe, zsm'ickzukonrnven, aber, uvnn >L>re mich aus die Bemerttmg anrcdeu., die Sir Edward Grey hierüber .gemacht hat, bin ich gezwmcgen, feftzustellen, daß sie d«l Tatsachen nicht entspricht, llnd." fuli-r der .Karizter siort, „lassen Sie nüch noch eine, aber die letzte Bemerttrng Über die Vergangen freit machen. Immer erneut konrntt Sir Edward Gr«i auf die Bel-aupttingj .'.urück, Deutschland hätte den Krieg vermeiden können, tvenn es mlf den englischen Kan sc re u z> vo r s chla g ein gegangen lväre. Wie konnte ich diesen Vorschlag mmehmen angesichts der umfangreichen, in vollenr Gang befindlichen E o bilina ch u n g s- m a ß n a h m e n der russischen A r nt c e" ?, fragte der Kanzler. „Trotz amtlicher russischer Ableugnung mrd wieivohl der formelle Adöbilmacipurgsbesehl nicht vor bem 1 ?lbend des «30. Juli ausgegeben wurde, Nwr uns genau bekmmt, nird ist seitdem betätigt worden, daß die russische Regierimg einem sckwn am 2 5. Juli gefaßten Entschlllß entsprechend, bereits mit der ÄPobilisiernilg begonnen hatte, als der Grcysche ^konsevenzvorschlag erfolgte. Äln genommen, ich wär-e mrf den Vorschlag eingegangen, lurd nach Verhandlungen von 2 bis 3 Woä>en nmhrend derer Ricßlmld stetig mit der Ansaniürlimg seiner Truppen an unserer Grenze fortfuhr, wäre die K orr fere n z ge s ch ei t e r t, würde England uns dann vielleicht vor der russischen Invasion bewahrt oder uns mit seiner Flotte oder mit seinem Heere unterstützt haben? Jnr Hinblick ans die späteren Kriegsereignisse nruß ich sehr daran znxiseln. Mit zwei zu verteidigenden Grenzen konnte sich Deutschland auf keine Debatten einlassen, dererr Aalsgang äußerst problematischer Natur war, während der Feind die Zeit zn.r Mobilisierung seiner Armeen ausnutzte, mit denen er uns überfallen wollte. Sir Edward Grey hat in den kritischen Tagen des Juli 1914 selbst anerkannt, daß mein Gegenvorschlag einer unmittelbaren Aussprache zwi schell den Kabinette?r von Wien uird St. Petersburg besser goeigüet sei, den österreichisch--serbischen Konflikt zu begleichen als eine Ko Ilse renz, und diese von Deutschland bettiebene Aussprache lvar nach Ueberwindung mmlchyr Hindernisse auf dein besten Wege, als Rußland durch die entgegen feinen nirs Ml^irücklich gegebenen Zusicherungen erfolgte plötzliche Mobilmachung s e i n e r gesamten Armee den Krieg Ullvernreidlich machte. Hätte E n g ^ land damals cfil ernstes Wort in St. Petersburg gesprochen, so wäre der Krieg vernruden worden. England tat das Gegenteil. Aus dein Bericht des belgischen Gesandten in Petersburg lveiß die Welt, daß die russische Kriegspatter die Oberland erhielt, als sie wußte, daß sie mrf die englische Unterstützung rechnen konnte. Und weshalb handelte England so? Lassen Sie mich ganz krrrz rekapttulieren, was die cnglischar Staatsmäimer darüber gesagt haben.
„Am 3. Lbugnst 1914 sagte Sir Edward Grey, England werde kaum weniger leiden, welm es am Kriege teilliehme, als wenn es srch nickst daran beteilige. Zugleich wies er mrf das große vttake Interesse hör, das ^England an Belgien habe. Nicht um Belgiens, sondern mn Englands wSlen flidt also Grey Englands Eintritt in den Krieg für angezergt. Drei Tage später erllärtt! Herr A s q u i t h, der Kriegs grund Englands sei ein doppelter gewesen: erstens um eine feierliche internationale Verpflichtung zu erfilllen, zweitens um dem! Prinzip Geltung zu verschaffen, daß kleine Nationen nicht erdrückt werden dürften.
„Derselbe Herr Wgrrith hat pr fchner setzten Rede erklärt, England und Frankreich hätten am Kriege teilnehmen imffsen. mn Deutschland zu verhindern, eine belierrsckwnde Stellung zu gewimun. Ist es nicht der Gipfel des Milttarisim^, sich an einem Kriege gegen ein anderes Laich zu beteiligen, mit dem man tatsächlich keinen anderen Streitpunkt hat, als es zu verhindern, stark zu werden?"
Sc, (Art Belgien," erlaubte ich mir eitl-Mv ers i ei t . ,L)elg«n," sagte der .tbanzler. „England hat es nreisterhaft verstanden, der Mell einzrureden, es habe zum Schutze Belgiens zum Schwert greifen müssen und müsse unr Belgiens willen den Krieg bis ins Unendliche fvrtsetzen. Damit stimmen die soeben zitierten Reden der englischen Staatsmänner doch recht wenig überein, und, wissen
Sie, wie man in fiüheren Zeiten in England über belgische Neutralität dachte? Am 4. Februar 1887 sagte das offizilkle Organ der damaligen konservativen Regierung, der „Standard", daß, wenn Deutschland im Fall eines äklcieges ein Me gerecht durch Belgien tti Anspruch nähme^das in ferner Weise Englands Ehre verletzen oder seine Jnteresgxn schiLstyen wlihrde, solange nur die Integrität und Unabhängigkeit Belgiens nid>t in Frage gestellt werde. .Kein englisches Blatt erlwb gegen diesen Stand Punkt Widerspruch, ja die liberale „Pall Mall Gazette^' schloß sich ihm auSdrücklrch an. Wie aber war es jetzt vor Ausbrach des Krieges? Ausdrücklich bot ich England volle Garantie fiir die Integrität und Unabhängigkeit Belgiens. England aber wies dieses Angebot als einen „irüwerträchtigen Vorschlag" ab 1887 galt eben Frankreich als Englands Rivale, 1914 war es Deittsch land, und deshalb gab Englands Interesse deic Ausschlag für den Krieg."
„Euere Exzellenz wollen," erlaubte ich mir!jn fr aim fc n , „lieber von der Zukunft ats von der Gegenwart sprechen." ,La," versicherte der Kanz-ler, „das ziehe ich vor, den» mtt retrospektiven Bemerkungen kommen lvir nicht vvrivärts."
„Sir Edward Grey »vill einen dauerhaften Frieden, den lvill auch ich. Seit Anfang des Krieges habe ich das immer wieder ausgesprochen. Aber ich furchte, daß tvir dem Frieden^ der, wie ich glaube, von allen Böllern herbaigeseli>rlt wird, nicht näher kommen werden, solange Vcranttovrtliche Staatsmänner der Entente sich in Bemerkmrgen über preußische Tyrannei, preußischer Rcilitarismus und in pathetischen Tellmuationen über il-re eigene Ueberlegenheit und Vollkommenheit ergehen, oder gar, wie cs jetzt Sir Edward Grey tut, Deutschland mit einer Veränderung seiner politischen Z n st ä n b c beglücken wollen. Darauf fann ich dem englischen Mttnster, dem die irischen Zustände doct, Zurückhaltung miferlegen sollten, nicr erwidern, daß Deutsch land Homerule hat. über die cs selbständig verfügt. Illrd, lassen Sie mich das einschalten, bat baut die demokratische Der fafsung Englands die aiglischen Staatsmänner an dem Abschluß gcMmer dlbmachnngeit mit Rußland und Frankreich gehindert. die eine wesentlbchc Ursache deS jetzigen
Weltkrieges sind? ?lbcr ivas ich sagen toollle, ' durch
allgemeine Preßpolentiken und öffentliche Reden wird der Haß unter den Völkern nur immer mehr geschürt. Und das ist nicht der Weg, der zu dem Jdealznstaitde Sir Edward, Greys führt, in dem freie und gleiclcherechtigte Völker ihre Rüsttlngen einschränfen mrd ihre Zwistig,feiten, anstatt durck) dar Krieg, durch Schiedsspruch lösen. Ich habe zweimal öffartlich festgestellt, daß Deutschland bereit war und ist, d i e B een di g u n g d c s K r ie g es auf einer Grundlage zu erörtern, die eine Öftlvähr gegen künftige Angriffe durch eine Koalition seiner Feinde bietet mrd Europa den Frieden sichert. Herrn Poinearös Antwort daraus haben Sie gehört."
„Aber," warf ich ein, „Sir Edward Greys Interview klingt doch anders."
„Das weiß ich nicht," ertvidcrte der Katrzler, „das kann nur Grey selbst lieurteilen. Aber eines weiß ich: Nur wenn sic!, hieStaatsmänn erderkrieg führenden Ländern ui den Boden der wirklichen Tatsachen stellen, wenn sicdicKriegslagcsonehmen.wiesiejedeKriegS- karte zeigt, wenn sic mtt dem ehrlick>an Wällen, das cntsel lichc Blntvergicßeit zu beenden, bereit sind, urttereinander die Kciegs- und Friedensprobleme praktisch zu erörtern, n u r da n n lvc r den wir int® demFrreden nähern. Wer dazu nicht bereit ist. der ttägt die Schuld, wenn sich Europa noch fer nerhin -«fleischt mrd verblutet. Ich weise diese Schuld wett »oa mir."
Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.
Mai
1916
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Sonnenschein
Höchste Temperatur am 22 . bi» 83. Mai 1916: -f 19,9*C. Niedrigste . . 22. . 83. . 1916: + 18,6 # C.
Niederschlag 0,0 mm.
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Goethe und die Berliner Singakademie.
(Zu ihrem Jubiläum am 24. Mtti.)
Goethe hatte nremttls die weltberühntfen Aufführungen der ' Srngakädemce, dieses ersten Musterinstittttes der Gesangskunst, deren 125. Geburtstvy am 24. Mai festlich begatt gen wird, persönlich genossen, und doch spielt er in der Geschichte dieses Vereins eine wichtige Rolle, hat den rmrigsten Anteil genommen an seinem Aufblühen und Gedeihen. Das Bindeglied zwischen Goethe -und der Singakademie war Gioethes liebster Ältersfreund Zetter, der zwar Nicht der eigenlliche Gründer, aber doch der geistige Schöpfer und Vater des Jnstittrtes wurde. Als „auswärtiges, doch iM Geist stets gegenwärttges Mitglied der Stttgakademie" hat der Gesmtg- meister den Weimarer Dichterfürsten gefeiert. Ans „Singe-Tees", tie der Musiklehrer Fasch seit 1789 in angesehenen Berliner Häusern veranstaltet«, ist die Singakademie entstanden, der der damals Noch als MMrermeister tätige, aber der Tonkunst begeistert hin- . gegebene Zelter die erste .Heimstätte und den Namen gab, indem er dem lleinen Verein in einer .Vorhalle des Gebäudes der Kunstakademie einen brauchbaren Bersammfimgsorr entdeckte. So war aus der privaten Gesellschaft eine öffentttche Anstalt geworden, der erste bedeutende Gesangverein, der bald zum Mittelpunkt des musikalischen Lebetts in Berlin, zur Hauptpffegestättc des deutschen KUnstgesanges wurde. Ms der erste Direktor Faschi 1800 starb, trat sein Schüler Zelter an sein« Stelle und führte die kAkademie rasch auf ihre künstlerische Höhe. Goethe nahm an di-eseM tüchttgen Wirken seines Freundes den lebhaftesten Anteil. Als Zelter ihm die mit rührender Liebe geschriebene Lebensgeschichtc! seines Lehrers zuschickte, schreibt er, er habe mit besonderer Fvmde das über die Entstehung der Singakadcune gelesen. „Wie selw habe ich dem gattar Fasch gegönnt, daß er so glücklich war. eine solche Idee zuletzt inoch realisiert zu sehen." Und als ihm der Musiker bald tmrauf seine Denkschrift über Förderung der Musik in deit preußischen Staaten Mitteilt,^ gibt ec ihm wichttxe Ratschläge über die Pflege des deutschen Liedes, die in dem Wirken der Singakademie ihren großartigen Llusdrnck fanden. Ist doch der deutsche Gesang von dem Schaffet: keines Dicksters so tief beeinflußt worden >oie von der Lyrik Goethes, und Zetter ist cs gewesen, der als Erster die ganze Bedeutung der Goetheschen Gedichte für den deutschen Gesang erkannte und mtt unermüdlicher Hingabe seine Schöpfungen -ins Reich der Töne verpflanzte. Goethe hat für die Singakademie' verschiedene Lieder gedichtet, zu Zetters 70. Gebürtstag eine Kam täte verfaßt: die erste Musik zum Faust, die des Fürstar Radzcwill,' wurde von dem Borstand der Singakadauie herausgegebat —i kurz, die Singakademie betrachtete den Dichter durch Zelters Ver
mittlung und Vertretung „als den Ihrigen". In dem umfange reichen Brrefwechsel zwischa: dar beibar Framdat spielt Zelters „Lreblrngskind" eine große Rolle: vott allen ?vuffülwungen und Erfolgat, von allen hohen Besuchet: tmd Festen der Singakadetuie erzählt Zelter ausführlich, utü> Owethe begleitet jede Ertvälmung mtt freundlichem Beifall, mit hilfreick>em Rat. In den leblmftesten Farbat uralt der Musiker die Vollkomjmienluüt seines Ehors, die Schönheit der Darbietungen: er schildert da, innigar Zusamntetr- llang der Stimnren utrd der Seelen, wie die mehr als 300 Mitglieder eine einzige große Fatnilie feien; wohl mertn' „viel gellatscht", und mmr belxrupte, die l ) (Iabemie fei „eilte stille Heiratsanstalt" ; aber wenn sich beim Oüsaug ab und zu auch die Herzen fänden, so sei das doch nur eine Seligkeit meht. lind all diesy Schtldermtgen gipfeln in der Bitte, daß Goethe in duffem ihm. geweihten Kreise erscheinen möge; das tverde für ihre Kunst von großem Nutzen sein: „Unser Clwr ist an jetzo immer twcl, nichts weiter als eine große Orgel, in der jede Pfeife ein vertuntftfälnges Wesen ist und die ich nrit meiner Hand spielar lassen tmd stellen kann: er kamt das Merhöchste werdar, aber er verlangt auch dar allerhöchstar Geist, der es beherrscht. Sähen und hörten Sie ihn trur ein einziges ?Nal, es würde Ilprar ein Licht au fachen» was noch keinem Mtfgegangen ist: Sie ümrdar finden, was niemand noch gefimden." Und dann später: „Komm doch, lieber Junge, nur Einmal noch vor meinem Tode n«ck> Berlitr, damit Tu hier twch erfährst, wie der Himnrel sein Muß, toemt ich mich darauf freuen soll." Er ist stolz auf seine Leistung: „Hütte der große Napoleon mein Reginumt gesehar, er hätte Mrgen gemacht! Er hat Welttette durck>zogen — das t>at er nicht gesehai," und zum Schluß der alte Kehrreim: .„Und daß Tu es nicht scheu sollst, ärgert mich." Goetl>e bedauerte das nicht minder, und im tu er wieder hat er gellagt, daß er dieses „hüchskm Genusses" nie teil Affig geworden. Mer den großar Entschttrß, in die Reisekutsche nach Verlnr zu stetgar, T>at er trotz aller Sehnsucht nicht gefaßt. Er begm'igte sich mtt sck-riftttckien Ermuntaungat und Ratschlägen; so hat er besonders an dem neuen Gebäude, in das die Sing akadante 1827 zog trnd itr dem sie noch hatte blüht, im Geiste leblmft mttgearbeitet. War er doch zu gleich« Zeit in ähnlicheul Noten mtt dein Wiedciaiffbau des «bgebranirlar 'WeimarerTheaters. „Als dem Geiste nach der Singakademie loioU Verivandter," gibt er über den Plan sein Urteil und grattckiert zur „geseg'mttar Ein- werhüng". Aus der Ferne gavoß er jede bedattende Anfführung mtt, und als die Singakadiame ihr Wirfett für die llassische Misik mtt der ersten Auffü'hrung der Bachschen DdattMts-Passion 1829 krönte, da beglückwünschte cr den Fremrd „zu so vollendetem Gc- ltngeu des fast Undarstellbannr: cs ist mir, M wemr ich von ferne das M^er brausar hörte..."
, 1 Strukbomben als Krnderspielzeug in Eng-
' 2 n England, das am beftigstat utrd pompltafteslen unter
allen M-rrertar gegen dar deutsckimr „Mitttarism-u-Z" auftrak, ist beretts so tmlrtärrsch geworden, daß die englischen Kinder unter Een Spielen das Soldatarspiel am meistar bevorzugen, ganz a/s ob ihre Väter seit jeher willige Soldaten gewesen wärai Und die Kartkatnrrsten der Londoner Blätter, die bislarrg ibrar Lumor in Zcickmnngen auslebat, die Berliner >6mvcr bei rohar ^-olbatensptelm zagen, wie sie eben nur die Plwutasie der Lon doner Kartkaturt,tat auszudarkcn n*eiß, müffat sich xelvt nackt erneut anderen ergiebigen Stoff ums-cff-ar. Tenn da die S«bn!- lugend ttn alten Britmntten fick, selbst dem Lasfe^ des Kriegsfpüff^ lnngibt, ist es nicktt Melw mtgängig, liierin ettr*a3 . Tattonische-" also VadanmtenStvcrtes zu erblrckat. In welckier Sv-eise ober die Londoner Straßatjngend ihren naterdings artflanuntat Friivtr- rtfcljett Geist betätigt, geht aus den Klagar der „Daily K-ml" hervor, die über das Kriegsspielat der Schulkinder lammert und nrcht dar Tadel über die Roheit dieser Spiele zir unferdrücken vermag Man kmm dü>5 mich tvirllich verstel)«r utrd muß der „Daily Mail" Mlstmlnnsweise recktt geben, tvemt man erfäl»rt. auf wolck« Art das lwffmmtisvolle Jung EnglMrd sich gegatwihtig die ff.it vertreibt. Das beliebteste und das bawbrtcste Spielzarg find näntlich die — Stinkbombat geworben. In einer Unzahl Läden loerdar Tansende votr Exemplaren dieses aktuellar 'Artikels trotz iir-ehrsacher Proteste ans dar Kreisai der B-iwötterung, äffen tl ich verkauft. Mle Schlachjten der englischai Stta4enping«? mtt den Sttnllwmbar geführt, die reell und echt g«mg sind nur euren ebenso patetrairten ivre fürchterlicki'ar Gerucki z.u verbreiten Zü den Straßen tmwdeir solche Stnrllwmben in die Türen vstwGast- baulern Barbialäden und auLnwcn besnchtat Lvka-len gcwavsen Da diese SttnkbombatIiebhabera einen bald nicht mein zu er- landen llmfairg angatotnüwn hat, liat die atglische Presse rinnt ' allerdings crsvlglosat — Kanch>f g<>gar diese lliffstl-e «i,-. genomim-u Ern Mttarbator der „Daily Matt", der «fc zu diesem Zweck entsandter Benchterstatta- eure WMtderuug dun»! die Lon - doner BorstÄdtc unternahm, erzählt, daß er in nnan L«tzei, Stink- bomben mrlangte und zu seinem Erstannai sofort mehreiv Schocke tan achtelt, nr dorar jeder drei Bombim sättkaMcki vermrckt toM-eu. Auf sertre Frage, wv dieses Mtgenehme Spielzeug ageutlicki per- gestellt werde, wmDe ttftn erwidert: „In Frankreich. m\ hX tme nberliaitvt die meisten neuen ttiiegsarttfel bezieh«!." Die-> mernt dre „Daily Mail", sei an Prorkt. dar nttou itr dar ge gar- lctttgen Hilsel ersinn gen zioischar dar .Mri«tar allerdrnw> nicht vorgeschar habe. . .


