Ausgabe 
15.5.1916 Zweites Blatt
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Sr. US

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags,

DieKletzener Fa»«sU«nv!Lttcr" werden dem

»Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt. das Lreirdlatt für Lrn Kreis Siegen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Zeit­srase«" erscheinen nwnatlich zweimal.

ZVMeZ Matt

s 66 . Jahrgang

Montag. \5. Mar m

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

General-Anzeiger' für Gberhejsen

SchriMeitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:^^A51,Schrift» leitung: «LZA112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

vre Lage der UrisgZgefüngMen.

In dem Ausschuß ffir den. Reichshaus Haltsetat ist auch über

©A-gc unfeoex Kriegsgefangenen in den feind- 1 i chen A'-a ndern verhai?delt »norde?:. Dem Ausschrrßberickst ent- srÄimen wir darüber die nachstehenden Darlegungen eines Ber- itreters des Auswärtigen Amtes:

In Japan seien kürzlich aus mehreren Kriegsgefangenen- In ttcm Klagen eingelaufen, denen das AuÄoärtvge Amt unverzüg­lich nachgegangen sei. Im allgemeinen könne auch jetzt noch die Lage der deutschen Kriegsgefangenen in Japan verhältnismäßig als befriedigend angesehen werden.

!Für die deutschen Kriegsgefangenen Und verschickten Zivilper­sonen in Rustland treffe dies leider nicht zu, vielmehr befänden sie sich zum! Teil wenigstens in recht traurigen Verhältnissen. Bei den Kriegsgefangenen, von denen neuerdings eine Anzahl wohl ans wirtschaftlichen Gründen von Sibirien nach dem europäischen Rustland zurückgebracht worden sei, lasse Unterkunft, Bervflegung* und Bekleümng teilroeise sehr zu wünschen übrig. Soweit die Ge­fangenen in leerstehenden Kasernen untergebracht seien, sei abge­sehen von der mitunter zu engen Belegung nichts gegen die Unter­kunft einzrttvenden. Häufig bestehe sie aber in Baracken, die nicht hinreichend Schutz gegen die Unbilden der Witterung bieten, ja sogar in Erdhöhlen. Die Verpflegung sei in letzter Zeit auf Grund von Nachrichten über nicht genügende Ernährung der russi­schen Kriegsgefangenen in Deutschland Hera gesetzt worden. In manchen ^Lagern habe es an ausreichender Bekleidung wäh­rend der kalten. Jahreszeit gefehlt. Die Gesundheitsverhältnisse lägen an verschiedenen Plätze?? durch Mangel an Arzneimitteln und an den notwendigen sanitären Einrichtungen sehr im argen. Scklintmer noch stehe es unt die 7vach dem Osten Rustlands und nach Sibirien verschickten deutschen Zivilpersonen, soweit sie ohne eigene Mittel seien und austerhalb der größeren Ortschaften ihren Aufenthalt airgewiesen erhalten haben, da sich die russischen Behörden weder um ihre Unterkunft ntxi> um iljre Verpflegung kümmerten.

Bon hier ans sei alles getan worden, um nach Kräften die Lage der Deutschen in Rustland zu bessern. Um über die tatsäch­lichen Verhältnisse Aufklärung zu erhalten, seien Reisen von Neu­tralen in das Innere )ftußla??ds herbeigeführt worden, wozu sich, abgesehen von den Beauftragten der amerikanischen Botschaft in St. Petersburg, auch sonst eine Anzahl Amerikaner sowie Schweden, Dänen und Schweizer bereitwilligst zur Verfügung gestellt hätten. Ihre Berich terstatttmg hätte die Handhabe geboten, un? bei der russischen Negierung wegen Abstellung der von ihnen beobach­teten Mststmrde mit Nachdrirck vorstellig zu werden. Diese Neu­tralen wären auch von deutscher Seite reichlich mit Geld ausge­stattet worden, um außer de?? der amerikanischen Regierung für dre deutschen Zivilinternierte?? im unbeschränkten Maste zur Ver- füOmg gestellten Mitteln, deren Verteilung jetzt im allgemeinen befriedlgend vor ftch ginge, den Zivilinternierten wie den Kriegs- «ewngenen da, wo es not tue, Unterstütze gen zukommen zu lassen. .Besonders zu erwähnen seien hierbei die Delegierten des däni­schen Roten Kreuzes, die mit deutschen Rote-Kreuzschwestern zu­sammen nach Rußland reisten und ungemein segensreich wirkten, ferner das schwedische Rote Kreuz, durch dessen Beauftragte um Weihnachten herum hunderttaNsend Pakete mit Liebesgaben aus Deutschland unter den deutschen Gefcchgenen verteilt worden seien, endlich die Tientsiner Hilfe für Kriegsgefangene, die unter der Artung der Gemahlin des früheren chinesischen Generals von H^Eken die deutschen Gefangenen in Ostsiosiien ü? trefflicher Wsse wersovge- von der brutschen Regierung sei die ausgedehnte Li^bestatigkect der Tientsiner Hllfsorganisation erst vor kurzem tmrch Gewährung eines Beitrags von einer MMsn Mark an­erkannt worden.

Weiter bemühte sich die deutsche Regierung, tunlichst vielen »eupchen Gefangenen in R??ßland die .Heimkehr nach Deutschland -zu erinöglichen. Ueber die Entlassung der dienstuntauglichen Kriegs­gefangenen se: mit der russischen Regierung eine Verständigung getroffen, deren Durchführung nach einer längeren. Unterbrechung, wahrend der Wirrtermonate in den nächsten Taigen wieder ausge­nommen werde. Ein mit der russischen Regierung geschlossenes Abkommen wegen der Entlassung der seit Kriegsausbruch zurück- ^ gehaltenen Zivilpersonen mit Ausnahme der wehrfähigen männ- . lfthen Personen im Alter zwischen 17 und 45 Jahren werde leider

von der russischen Regierung in verschiedenen Punkten nicht innc- gehalten. Es sei aber zu hoffen, daß die hiergegen unternomme­nen Schratte von Erfolg begleitet sein werden. Besondere Ver­handlungen würden schon seit längerer Zeit wegen der Zurück- fuhrung der bei den Einfällen der Russen in Ostpreußen Ver­schleppten gepflogen. Ihr Aüschllch habe sich durch unanuehm- dvre Bedingungen der russischen Regierung verzögert, dürfe aber, nachdem deutscherseits neue Vorschläge gemacht worden seien, in Balde erwartet werden.

In England hätten sich die Verhältnisse gegen ftüher nicht unerheblich verbessert, da die hauptsächlich aus Mangel cm Organi­sation hervorgegangenen llebelstände in den Gefangenenlagern zum großen Dell beseitigt seien. Wegen ernsterer .Klagen, die über dce Zustände in verschiedenen Gefangenenlagern in den englischen Kolonien laut geworden waren, seien Vorstellungen erhoben wor­den, ^durch die hoffentlich Abhilfe geschaffen weiche.

Frankreich gegenüber habe den gewichtigsten Beschwerde- Punkt in der letzten Zeit die Verbringung einer Anzahl Zivil- gefangener von Sebdou in Algerien nach dem im Innern ge­legenen Orte Lagho-uat gebildet. wo die Lebensbedingungen für Weiße jede?? falls in der heißen Jahreszeit höchst ungünstig seien. Die unverzüglich dagegen unlerr^urncenen Schritte hätten den Erfolg gehabt, daß die französische Regierung die Ueber- ffjhrnng der Gefangenen ?mch Frankreich angeordnet lrabe: ihr Eintrefftn fei dort all-ernächstens zu gewärtigen. Im übrigen sei in Frankreich der Hauptbeschwerdepimkt 6ie unzureichende Ernährung der deuffchen Gefangenen, die auf einer Ver­geltungsmaßregel der ftanzösischen Regierung »vegen der durch die Umstan.de gebotenen Herabsetzung der Kost der Kriegsge­fangenen in Deutschland bericht. Eine beftiedigende Lösimg der Frage, die ei?nm für die deutschen Gefangenen in Frankreich er- trägtichen Zustand herbeiführen solle, stehe in Aussicht. Auch sonst seien aus verschiedenen französischen Gefangenenlagern nicht unerhebliche Beschwerden hierher gelangt; diese würden nach- drücklichst verfolgt.

Wegen der Freilassung der deutschen und ftanzösischen Zivil- gefan genen sei kürzlich nach langwierigen Verhandlungen eine Vereinbarung mit der französischen Regierung zustande gekommen, auf Grund deren alle deutschen Zivilpersonei? mit Ausnahme der wehrfähigen Männer zwiscl)en 17 und 55 Jahren aus der französi­schen Gefangenschaft zu «rtlassen seien, darunter auch die aus E l s a ß - L o t h r i u g e n sortgesührten und di-e in den Kolonien festgenommenen. Bei der Durchführung der Vereinbarung hätten sich allerdings aus französischer Seite Schwierigkellen ergeben, die wohl auf eine mißverstandene Auslegung der getroffenen Abreden durch untergeordnete Stellen zurückzu führen seien und voraussicht­lich bald behoben werden würden. Ueber die Entlassung dienst­untauglicher Kriegsgefangene sei mit Frankreich, wie übri­gens auch mit England, gleichfalls eine Verständigung getroffen worden, auf Grurü) deren in regelmäßigen Zwischenräumen die Heimbeförderung der unter die Verständigung fallenden Gefange­nen erfolge. Ferner sei gegenwärtig ein im Einvernehmen mit der Schweiz geschlossenes den ts ch-fra n z ö sisches Abkommen wegen der Unterbringung minder schwer kranker Kriegsgefangener in dev Schweiz mitten in der Durchfuhr? mg begriffen, indem schwei­zerische Aerztekonnnissioncn die beiderseitigen Gefangenenlager zur Nachprüfung der in Betracht kommenden Personen bereisten. Das Abkommen tverde auch auf die Zivilgefangenen ausgedehnt werden. Mit England stehe übrigens der Abschluß einer gleichartigen Ver­einbarung zugunsten der Kriegsgefangenen in naher Llussicht. Die Unterbringung der Deutschen, in der Schweiz, der wir für die Üeber- naHme dieses LiÄ>eswerkes zu wärmstem Danke verbunden seien, sei ausgezeichnet.

psmnxK

Ins beut Reiche.

Aus dem Hauptmlsschutz des Berlin, 13. Mai. (WTB.) Im Ha npta ns schuft des Reichsta ges erläuterte auf Anregung eines polnischen Redners Ministerialdirektor Dr. Lewald seine Erklärung vom 3. Mai namens -der preußischen Regieru??g dahin, daß kritt § 13 B des preußii chen Ansiedelungsgesetzes die für die A n s i e d e l u n g erso r- derliche Bescheinigzrng polnischer Kriegsbeschädigten in allen von jener Erklärung betroffenen Fällen erteilt weü-en soll,

und daß Kriegsbeschädigte polnischer dlbstmmnung in den nicht zum Wirkungskreise der deutsck-en Ansiedlung gehörigen Gemeinden uno Gutsbezirken bei der Ansirdlung nfft Hilfe des Kavitalab- findurrgsgesetzes dieselben Vorteile wie deirffche Kriegsbeschädigte aus den Kwedllen der Rtmtengutsgesetzgebung und sonst verfüg­baren staatlichen Fonds erholter.

Ter Hauptausschuß des Reichstags erledigte heute das K a- p i t a la b f i n du n gs g e se tz für K r i cgst^ei l n ehm e r mit einigen Aendernngen. Angenommen, wurde ferner' eine Resolution der N a t i o n a l l i b -e r a l e n , in der gefordert wird, daß Diaß- nahmen gell-offen werden, um die Wohltaten der Kapitalabfindimq in geeigneten Fällen, auch kriegsbeschädigte Offizieren urcd den Witwen gesallen-er Offiziere z uz innen den. Weiter wurde ein Ge­setzentwurf verlangt zur Einführung dar Kapitalabfindung für die Witwm von gefallenen Kriegsteilnehmer?'^ welche eine weitere l§l,e ein gehen, bis zum Jnkrastretei? des Gesetzes den Willven in diesem Falle inr Gnadenwege eine Abffndnng in Höhe- des dreifachen Be­trages der Witwenrente zu gewähren, ?cnd ferner ein Gesetz-enlwurs noch, für diese Tagung, in dem zur Förder?rng der A n s i e d l u n {J bi? Kriegsteilnehmer und ihre Hinterbliebenen von der Rcichs- st e m p e l a h g a b e bei Grnndstückssibertragungen i Reichs ju'mpel- gesetz vom 19. Julß 1909) befreit werden. Endlich wird die Regierung ersucht, Schritte zu tun, damll in allen Bundesstaaten Vorkehrungen getroffen werden, um die Ansiedlung von Kriegs­teilnehmern, besonders von Kriegsbeschädigten und Kriegswitw-m, zu erleichtern.

Nach der Weiterbcratung über die .Handhabung der Zensur wurde der Antrag der Soz. Arbeitsgemeinschaft auf Aufhebung des Belager,mgszustmrdes und der Zensur abgelehnt. Tie Entschließung Alpe rs (Welfe', Go t he in (Vp.), Mumm (D. Fr.- auf Freigabe der Presseerörterung über Mitteleuroppa tourde zurückgezogen. Tie fortschrittliche Entschließzing aus Vorlage eines Gesetzes, das die Zensur in nicht militari schau Angelegen­heiten sowie die Vereins und Versammlungspolizei unter dem Belagerungszustand den Zivilbehörden überträgt und die Ver­antwortung des Reichskanzlers fordert, tvurde abgelehnt. An­genommen wurde die Entschliestmrg des Zcnttrums, der Na­tionalliberalen und Konservalloen, den Neichskanzler zu ersuchen, dafür zu sorgen, daß das Vereiics- rurd Versanimlungsrecht und die Preßfreiheit nur soweit eingeschränkt iverden, als dies im Interesse einer siegreichen Kriegführung unbedingt geboten sei, ferner eine gleichmäßige H a u d h a b u ft g der Zensur sicherzustellen und die Vertrellmg der Zmsnrm nahmen und Zivil­behörden durch diese Behörden zu veranlassen. Angenommen wurde gleichfalls die Zentrumsentschließrmg auf Beschränkung der Ver­hängung der Schutzhaft >anf das aus rein militärischen Gründen absolut gebotene Maß, und die weitere Zenrrumsentschließung> bei Verhängung der Schutzhaft den Verhafteten die im ordentlichen Prozeßverfahren gegebenen Rechtsmittel zu gewähren, init eiwnü Zusatz des Zentrums, 'dccß bei der Verhängung der Schutzhaft dem Ver!)aftcten ein Rechtsschutz gewährt werden soll, welcher mindestens nicht zurückbleibt hinter dem ini Strafverfahren vor den ordent­lichen Gerichten den Untersirchungsgefangenen zu stehenden Rechts­schutz. Schließlich w?crbe eine n a t i o n a l l i b e r a l e Entschließung angerkonimen, den Reichskanzler zu ersuchen, um die Vorlage eines Gesetzentwurfs bei Beginn drs nächsten Sitzungsabschnitts, durch welchen die auch während des Krieges unentbehrlichen Sicherheiten hinsichtlich der Eingriffe der Militärge?valt in das bürgerliche Leben geschaffen werden und durch den die Verantivvrtlichkeit für diese MaßnalMen geregelt rvird.

Der Ausschuß setzte den Beginn der Beratung über die Fragen der Vo l ks er re ährung auf Montag vorTnittag fest.

Freie Veterlandische Verkmiinmg.

Berlin, 13. Mai. (WTB.) Eine große Kundgebung im Abgeordnetenhause veranstaltete heute abend der VorstaTrd der Freien Vaterländischen Vereinigung, vertreten durch den GeheiTtven Justizrat Professor Dr. Kahl und Ben Oberver- waltungsgerichtsrat Dr. S ch u l t i u s. Vertreter der Reichs- Staats- und städtischen Behörden, der Finanz- und Handels­welt, von Industrie und Handwerk, Reichs- und Landtags­abgeordnete und auch viele Damen bildeten die zahlreiche Zuhörerschaft. Es wurde die brennende Tagesfrage:Wir t- schaftliche Lage und Balkseinigke it' behandelt.

Max Krger.

Ein Nachrnf.

Bon Friedrich Schwarz.

Max Reger ist tot. In der 'Fülle der besten MänNeZsahre, Mitten nxig einem Schaffen, das in seiTrer strörn!enden Fülle und erfindungsreichen Kraft wicht seinesgleichen hatte in unserer Zeit und -uur verglichen iverdcn ka7cn mit der llmstlerffchen Fruchtbarkeit einets^ Bach oder Schubert, hat ihn der Tod hinweggerafft. Tra7iernd stchtt an seiner Bahre die gesamte 77rusikalische Wiest, die durch sein jähes Hinscheiden einen schweren, einen schier uTrersetzlichen Verlust erlitten hat. Nur langsam und Tviderstrebeird, !vie allem ganz Großen, hatte das Publikum sich ihm zugewandt. Die gewaltig vorstürmende Leidenschaft seiner Sturm-- und Drangzeit vernnrrte .zunächst und -rief mehr Verwunderung als Bewunderung hervor. Aber dan?? seit ettoa zehn Jahre?? erkannte die deutsche Welt in ihm immer mehr einen ihrer hohen Meister, und von de?r Besten seiner stPäitwelt, die ihm verstehend folgten, ivard er ausgenommen in jene selige Schar der Herrscher inr Reich der Töne, in denen so viel von den? Tiefsten unserer .Kultur beschlossen ist. Wenn trotzdem ldie Kunde seines Todes nicht in allen Kreisen miseres Volkes das volle Bewußtsein dafür auslöst, was wir verloren, was Reger als -künstlerische Persönlichkeit war, so liegt das zum größten Teil an 'jener ganz nach innen gekehrte?: Art seines Werkes, dessen Quelle?: .gleichsam aus dem Urgrund der Musik hervorströmen.

. Negers Kunst ivurzelt, so wie die Bachs, im Religiösen: aus 'der Innigkeit alter Choralmelodien, aus der gebundenen Kraft ^ frommer Kirchengesänge erwächst ihn: A?rregu?rg, :md mit einer In­brunst, die aus der Liebe und der geistigen Durchdringung der allen Meister ihre Nahrung erhält, versenkt er sich in die Geheimnisse des KontrapuEes, der wrmdervoll bewußten Verssechtung der Stim­men. Bach war der Genius, der ihm^ den Weg durch sein^Künstler- leben ?oies, ??nd es ist ?vie ein Symbol, daß er an der Stätte, da der Dbonkas-Kantor so lange getmrkt, einen Höhepunkt seines eige- nen Lebenschnden sollte, daß Leipzig der Ort seines frühen Todes wurde. Sei??e ganze Veranlagung ist nickt so sehr in breitge- schw??ngeuen Melodie??, in der glühenden Leidenschaftlichkeit, wie sie uns Richard Wagner offenbart oder wie sie Richards Strairß z?i Höchster Virtuosität steigerte, z?: suchen, sondern sie entfallet sich i?r einer bis i?is kleinste Detail gehe?ü>en Beseelung und Verkettuirg der Tonglieder. Von diese??: Standpunkt einer Höhe rein poly- ptzvTwn Schaffens aus müssen seine Werke betrachtet lverden. Nur tunter diesem Gesichtstvinkel ist ein tieferes Eindringen,^ein volles Verstä?ü>nis ii: die vielgestaltige und z?:nächst schwer faßliche Welt seiner Werke ?nöglich. Negers Musik ist absoluteste Musik: nur vorübergchiend wie in seinenTo7?dichtungen ftir großes Or­chester nach vier Gemälden vo?r Arrwtd Böcklin" hat er sich dem, Gebiet derProgrcnmnusik", die doch sonst die Produktion seiner Zeit beherrschte, zuge?va?ckt. Mehr als aelege?:tliche Versuche derart rmfret man bei ihm nicht. Wie er sich überhaupt zu schildernder Musik verhält, geht am besten daraus hervor, daß er dem lockenden Ruf des Dheatc?^s, der so viele andere Kornponisten auf Irrwege

geführt bat, ?:ie gefolgt ist, daß sich unter der großen Zahl seiner Werke kein einziges dramattsches, befindet.

NLan hat Reger vielfach als einen Bach-Epignon bezeichnen wollen. Daran ist mix so viel richtig, daß er durch die Art seiner Begabung, durch seine ganz nach innen gekehrte Kdmposittonsweise aus eine For?n) imb auf ein Gebiet ?uttürlich Hingele?? kt rmirde, die Bachs überragende Gestalt vor ihm vollkomme?? beherrschte. Die Kirchenmusik, die in dem .Schöpfer derMallhäus^Passion" ihren größten Meister verehrt, sagte seiner Eigenart besonders zu, urw so ist der größte Teil seiner Tonschöpfungen religiöser Art. Wir finden unter seinen Werken, deren Opuszähl mehr als 140 beträgt, Ehoralvorspiele fi'ir Orgel, Chormotette?!, Kantaten, Or- gelsonatei? i?? unabsehbarer Fülle. Viele dieser Arbeiten sind für de?: Gebrauch beim Gottesdienst eingerichtet, so die52 Choral­präludien für alle Sonntage des Jahres^" und dieChoralkantaten zu den Harrptfesten des evangelischen Kirchenjahres". Lllle dieie Kompositto??en haben nichts von der trockenen Strenge, wie sie wohl den alten Werken der Kurchenmusik anhaftet: Wärme und blühender Wohllaut strömen aus Urnen hervor. Auch in seinen Liedern lebt ein solch rnelodiscker Reichtum, eine üppige-Entfallung der glücklichsten Erftndung, geboren aus der Fruchtbarkeit einer nie er77?attenden Phantasie.

Reger hat die starren Formen einer vergangenen Epoche, an die er sich anlehnte und die er kunstvoll benutzte, nicht äußerlich überno?nmen: er hat sie vielmehr stets aus einer seelische?: Ver- wandffchaft heraus neu belebt und organisch fortgcbildet. Das offen­bart sich z. B. bei der Betrachtung seiner Fuge??-,Kompositionen. Als der einzige ?noder??e Ääüsiker. der der Fuge größte Beachtung schenkte, betrat er hier ein Gebiet, das nach sei?rer Blütezeit unter dem großen Johann Sebastian nie mehr recht gepflegt worden ?var. So ist es,ei ns seiner größten Verdienste, diese edle Kunstgattung zu neuen? Glanz ertmckt zu haben: die meisten seiner Schöpfungen kli??gen in Fugen aus, die, sich im:??er höher emvortürmend, einem gewaltigen Näeere gleich dahinbrausen, im? ?ich dann schließlich nach einer letzten Zusa?n7mnfassung und Gipfelung aller Kräfte i?? ?ve?chen Wvhlklang ausz??löse??. Die Fuge ist :?? der Behandlung durch den Meister ihrer Form nach bedeutend errveitert worden. Reger hält z?var an der Gr??ndtonart fest und kehrt immer wieder zu ibr zurück, aber seine modulatorischen Ausweichrnrgen sind oft von saszi??ierender'h?rheit und erhalten ihre Berechtigung allein durch die logische Gesetzmäßigkeit des ganzen Aufbaues. Schon sein erstes größeres Qrchestern>eri', dieSinsomietta", zeigt diese ihm eigentümlichen Eigenschaften. Daß Reger den vielstimmigen Riesin- apparat eines moder?:en Orck-esters mit sÄtLner Meislerschafc be­herrscht, daß er die Farben eines Tor?gemäldes in reichster Bunt­heit z-u mischen versteht, das bewies am großartigsten ein späteres SPerk: derSinfonische Prolog zu einer Tragödie". Juweilen bat Reger The?:ren alter Meister näeder aufgeTmmmien und als Mri; für seinen ?wuen Gedanken ver?7)endet. so etwa die oBariationm über ein Bachschss Thema für Klavier" oder dieOrchestervaria- tione?: über ein lustig^! Thema von Ada?n Hiller". BedQtteud und getvalttg tritt er uns- überall entgegen, nn> wir un^ in seine Werke

versenken: freilich bedarf e§' liebevoller Beschäftigung mit ihm, um i?? das Innere seiner Kunst einzudringen. Ei??e spätere Zeit erst wird über den E?vigkeitsnmrt des Regerschen Schaffens urteilen können. Eins ist sicher: ?vas Max Reger der Nachwelt hinterlassen, das sichert ihm auf lange hin einen dauerrchen Platz in der Ge­schichte der Tonkunst.

*

Amerikanische Shakespeare-Feiern. Die Dreihnndertjahrfeier zu Ehren Shakespeares wurde, wie ei?? New Porker Mitarbeiter desDail?) Chrouicle" seinem Blatte zu be­richte?? tveiß. ??? Amerika in allergrößte^ Aäaßgabe vorbmeitM. Ta man bei dieser Gelegenheit nicht lstnter dem alte??, au Tradi- tioner? rcickren Europa z??rückstehen uwllte, ging ?na,r mit einer Propaga??da und einem Ausivande z?? Werke, die rvomöglick die amerikanische -Verherrlichung Shakespeares über sämtliche Feier?: in der übrigen Wjelt stelle?? sollten. Dom Atlantischen bis zum Stillen Ozean wurden die verschiedensten Festlichkeiten, Auffüh­rungen und Urrrzüge vorbereitet. Die Arbeiten loareu stellenweise bereits seit Monate?? im Ga??gc. So begann die &erannte Columbia- Universität schon im Noven?ber vorigen Jahres m!it den Sitzungen ihres :Festkomit^. Die fiihreudc Stellung sicherte sich selbstver­ständlich N e w Dort d??rch die. Inszenierung eines F e st z u g e s ?nit einer großarttgen A u f s ii h r u n g im Freie n, die alles, was bisher :?? offe??er Arena dargeöoten wurde, U? den Schatten stellen sollte. Malerei, Sprechku??st ??nd Musik solle?? die Riesen- ei???uchme sichern, vo?? der mau sich nachgerade Phantastisches er­hofft. Tänseirde von.Leuten der verschiedensten Berufe ??nd Künste tmrrden in de?? Dienst dieses Unter??ehmens gestellt, u??d viele Wockcn hindurch wurde das Studium der Sbakesj-eareschen Zeit eiftigst betrieben, da?nit keine kultur- oder kunsthistorischen Fehler in der Herstellung der Kostün?e u??terlaufe??. Diese New Norker Festa??ffuhrnng toird dad??rch zu ei??er ??ationalen Feier erhoben, daß sie eine 0-astspielreise durch die lvichtigsten Städte der Ver­einigten Staaten antritt. nackten sie in Marchattau genügerd bewundmt w::rde. Neben den Solisten sind nicht toerffger als 2000 Mittvirkende in verscksiedener Weise l^schäftigt, als Gesangchor, als Statisten usw. Die plötzliche Shakespeare-Begeisterung hat einen solchen Umfang ange??ommen, daß u?an selbst die farbige Bevöl­kerung ??? die Feierlichkeiten einbezieht. 9iatürl?ch unterließen es die Engländer Tsicht, bei diesen? Anlasse die Stpnpathien zu be­tonen, die das alte England mit dem iirngen Amerika verbinden müßten, und die von Londoner Scha??spielern veranstalteten Sb-ake- speare-Aufführm?gen Tvaren ??'rcht immer völlig von politischer Pro- paga??da zu trennen. Am meisten Machte der Direktor des Lo?.dor?er His Majesty's Theater, der seit vielen Wöchen ???it seinem E??- semble in Amerika tätig ist, vo?? sich rede??. Als ein bcsondei'es Kuriosi/m sei noch das Auftrete?? der eirglischen Gäste unter Tree im Lafayette-Theater zu Harlem ec?vahnt. Da HarleM bereits z?r de:? sogenannten farbigen Distrikte?? gehört, tvar das Tlieater fast L7?sschließlich von Negern besucht, die der Auffühnrng des Shake- speareschenOthello" :nit umso -größerer Sachkenntnis folgten, als der cdle Mohr von einem leibhaftigen SchNmrzen dargestellt wurde.