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3.5.1916 Zweites Blatt
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Kt. m SMker Blaff

mtk MrrSnshmr der Sonntag-.

DieHlktzcnrr werden bctn

rSttjri^jer 4 »xcrnuri wöchentlich beigelegt, daS (MilMt Mr des llrett Efeßrn" zmrinrai wöchentlich. Die .^mrLDieifchasittchrn Zeit- fr«§tn" erscheinen monatlich zwennal.

M. Zsyrgayg

General-Anzeiger für Gberheffen

Mittwoch, 3. Mal M»

Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schei, Universitäts - Buch- und Steindruckereu R. Lange, Gießen.

Schriitleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Berlaq:e^,51,Schrift- Leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten.'

Anzeiger Gießen.

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Der Reichstag nach den Gsterfemn.

Am Dienstag' sind die Steuerausschüsse des Reichstags ^rKer zirscmrmengetreten. Das Plenum wird ihnen voraus­sichtlich erst in der nächsten Woche folgen. Vorerst stehen die kStenerftagxn, die der endgiiltigeir Beantwortung durch die Llusschüsse noch harren, im Vordergründe. Die Kriegs- kgewinnste-uer, die jetzt kurzweg Kriegsfteuer heißen soll, hat in der ersten Lesung im Haushaltsuusschuß ein verändertes Gesicht gewonnen; die Heranziehung der Mehreinkommen neben dem Berraogenszuwachs und die Einfügung eines neuen allgenrernen Wehrbeitrages bedürfen gründlicher Nachprüfung. Der zweite, der eigentliche Steuerausschuß, hat sich zunächst rnit der Tabaksteuererhöhung zu beschäf­tigen, die im Anfänge ganz entfach zu liegen schien, da sich das gesorncke Tabakgewerbe mit ihr einverstanden erklärt haben sollte. Das aus seinen führenden Kreisen stammende Argument, daß die Unternehmer und besonders auch die Arbeiter die Erhöhung zu keiner Zeit leichter tragen würden als jetzt unter dem Kriege, schien den Ausschlag zu geben. Inzwischen hat sich doch auch aus dem Gewerbe selbst lebhafter Widerspruch gegen die Steuer vernehme?! lassen, dessen Gri'mde noch genau untersucht lverden müssen. Ueber die Erhöhung der Postgebühren usw., die noch manche Unzu­länglichkeiten zeigt, ist wohl auch noch nicht das letzte Wort gesprochen. Dies letzte Wort wird für das ganze^ Steuer­bukett erst darin möglich sein, wenn di- Frage der Umsatz­steuer entschieden sein wird, die der AMchuß an Stelle des Quitturrgsstempels zu setzen vorschlägt, und deren hoher Ertrag die andern Steuern einstweilen entbehrlich machen konnte. Auch lster ist der entschiedenste Widerspruch nicht aus- , geblieben Die Steuer, die jeden Unrsatz hcranzieht, soll eine -rohe Gewerbesteuer sein, die ein jedes Erzeugnis auf dem Wege vom Rohstoff bis zum Fertigfabrikat, vom Urprodu­zenten bis zum Verbraucher unter Umständen so oft trifft, Laß entweder eine erhebliche Verteuerung oder eine ver­derbliche Belastung der Herstellung z?t befürchten sei; daß der Umsatz ohne jede Rücksicht darauf erfaßt werde, ob und welcher Gewinn mit dem Umsätze verbunden ist, soll eine besondere Ungerechtigkeit darstellen Als ein anderer Fehler der Steuer> es hingestellt, daß sie künftig dazu verführt, dem gewaltigen Finanzbedarf des Reiches durch einfache -Erhöhung ihres Prozentsatzes entgegenzukommen Steuer- äechnisch und vom Standpunkte des Reiches ist das sicher kein Fehler. ES ist aber imzweiselhaft, daß der Reichstag eine Anziehung der Steuerschraube, die unsere Volkswirt­schaft gefährden könnte, zu vermeiden wissen wird. Im übrigen wäre es angesichts des zu erwartenden ungeheuren Bedarfs vielleicht an der Zeit, mit den alte?! Einwäuden .gegen jede vorgeschlagene Steuer, daß sie laste, drücke, verteuere, einstweilen Schlnß jsu machen. Die Steuer, die nicht lastet, nicht drückt, nicht verteuert, die soll wenn anders sie ergiebig sein soll noch erst gefunden werden Urrd da wir ergiebige, sehr ergiebige Steuerquellen brauchen, kann die Frage derBelastung^' nicht den Ausschlag gehen, 'gelange nicht nachgewiesen wird, daß eine Steuer die Quelle selbst verschütte?, aus der sie fließen soll, und solange der Interessent, der ihren Druck fürchtet, nicht erne aridere, csteich einträgliche Voranschlägen weiß, die andere Leute nicht drückt.

Das Plenum wird, nach Abschluß der Beratung des KLaatShaushalts^ sich auch noch mit den wirtschafMchen

Mastnahmen der Re gerungen zu beschäftigen haben, deren einheitliche und rücksichtslose Durchführung dringlicher als je geworden ist. Hauptaufgabe dabei wird nicht so sehr das Wühlen in alten Wunden als der Ausdruck des entschieden­sten Willens des 'Reichjstages sein, daß für den dritten Vftnter, der wirtschaftlich auf alle Fälle noch 'ein Kriegs- Winter bleibt, ganze Arbeit nach klarem, sicherem Plan ge­macht wird, wie sie der Deutsche Städtetag gefordert hat. Bon gesetzgeberischen Maßnahmen kommen sodann die Ver­abschiedung des Kapitalabfindungsgesetzes für Kriegsbeschä­digte zur Schaffung ländlicher und städtischer Heimstätten, die Kaligesetznovelle, die Herabsetzung der Altersgrenze bei der Altersversicherung in Betracht, und auch die Heraus-, nähme der Gewerkschaften und der Arbeitgeber-Vereinigun­gen aus dem Vereinsgesetz soll soweit vorbereitet sein, daß. sie den Reichstag in kurzem erreichen wird, hoffentlich ohne Einschränkung in dem vollen Umfange, in dem sie zugejagt worden ist.

So findet der Reichstag, wenn er seine Aufgaben noch in diesem Monat erledigen will, ein reichliches Maß an Arbeit vor, das die bewährte Hingebung unserer Volksvertreter erfordert. Nach dem Reichsboten wird dann im Juni noch der Preußische Landtag das Wort haben, um in einer kurzen Tagung die Erhöhung der Steuerz,uschläge zu er­ledigen.

Berlin, 2. Mai. (WTB. Nichtamtlich.) In der heutigen Sitzung des Hauptausschusses des Reichstages hat die Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft schriftlich ftlgenden Airtrag cmgebwcht:

Ter Reichstag wolle beschließen, folgende Resolution anzu­nehmen.

1. Es ist imzulässig, daß durch das Präsidium des Reistages die Presse zu beeinflussen versucht wird, einen von ihm selbst fest­gestellten Bericht über die Sitzung des Reichstages oder den Teil einer solchen zu veröffentlichen, zumal wenn jeder andere Bericht dadurch ausgeschlossen werden soll.

2. Der Präsident wird ersucht, Vorkehrungen zu treffen, daß die Redefreiheit nicht bc-eiut räch lägt wird und der Redner an der Aus­übung eines palamrutarischen Rechts nicht gewaltsam gehindert wird, wie es anr 8. April 1916 gegenüber Liebknecht geschehen ist.

Ein Mitglied der .Fortschrittlichen Volkspartei brzeichnete die beiden Punkte als theoretische Sätze, mit denen praktisch nie­mand etwas anfangen fömte. Eine Kritik der Geschäftsführung des Präsidenten sec dcxh nur nach Maßgabe der Geschäffsordnung- bestimmungen möglich.

Präsident Dr. Kämpf erklärte, sich in eine Erörterung der Vorgänge vom 8. April und in eme Kritik ferner Geschäftsführung nicht einlassen zu können. Er habe immer nach bestem Wissen und Gewissen aus Grund der Bestimmungen die Geschäfte geführt. Wie die Bestimmungen angewendet würden, unterliege allein dcnc Er­messen des Präsidenten. Das Haus könne wohl in einem gegebenen Falle mrt seiner Geschäftsführuna nicht einverstanden sein: dann müsse er die Folgerungen ziehen. In der jetzigen schweren Zeit habe der Präsident Pflichten nicht nur dem Reichstag, sondern auch dein Lande gegenüber. Verderbliche Wirkungen, wie der Rede Lieb­knecht zu verhucdern, halte er für seine Pflicht. Gegenüber den Interessen dos Vaterlandes müßten alle anderen Interessen zu- rftdtreteu.

Ein ZentnmiÄibgeordneker stimmte dem zu. Die bestimmten Vorgänge im Reichstage seien die denkbar unangenehmsten gewesen. Selbst der Redner der Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft habe die Ausfälle Liebknechts hier nicht zu verteidigen gesucht.

Ern sozialdemokratischer 2lbgevrdneter erklärte, das Verhalten LÄbknechts werde von keinem Abgeordneten gutgeheißen und sei

sehr bedauerlich. Ihm aber nachzusagen, er hätte absichtlich landeS- verräterische Aeußerungen getan, ginge zu weit. ,

Ein fortschrittlicher Redner sagte, man müsse sich mehr bannt beschäftigen, wie in Zukunft hochverräterische Aeußerungen im Reichstage verhinL^rt und die Ordnung des Hauses besser gewahrt werden könne. Es Müsse verhindert werden, daß der Recäistag durch einzelne zum Schauplatz wüster Austritte gemacht werde.

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter glaubte nicht, daß der Fall Liebknecht eine gute Grundlage für die Förderung der Anträge der SozialdemokratisckMi Arbeitsgemeinschaft sei, die eigentlich auf eine Machterweiterung der Rechte des Präsidenten hinaus­liefen. Davon, daß die rvahrheitsgetreue Berichterstattung über die Reichstagsverhandlungen gehindert worden sei, könne keine Rede sein.

Nach weiteren Ausführungen wurde schließlich der Antrag im ersten Absatz gegen vier sozialdemokratische, im zweiten Absatz gegen drei sozialdemokratische Stimmen abgelehnt und der Eta/ für den R-eichstag angenommen.

Deutschland und Amerika.

Berlin, 2. Mai. (WTB.) Im Budgetausschuß des Reichstages nahm Staatssekretär Iagow vor Eintritt in die Tagesordnung das Wort. Im Hinblick auf die Wichtigkeit der amerikanischen Frage hatte die Regierung über den Stand der Dinge gern schon heute bei der Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeit Mittei­lungeil gemacht. Tie Entscheidung stehe jedoch noch bevor. Sobald der Reichskanzler aus dem Hauptquartier zurück­gekehrt sei, beabsichtige er, der Kommission nähere Auf­schlüsse zu geben.

Berlin, 2.Mai. Der Schatzsekretär Dr. Helfferich ist ins Große Hauptquartier gereist, um dort an den Beratungen über die Antwort auf Wilsons letzte Note t.eib- zunehmeu. (Frkf. Ztg.)

Kirchliche Anzeigen. Mittwoch, den 8. Mai, abends 6 Uhr: Kriegsbelstunde in der Stadtkirche. Pfarrer Ai a h r.

Sankel.

- Gewerkschaft Gießener Braunsteinber.'- werke vormals Fe r n i e in Gießen. Ter Grubenvorstand bat beschlossen, für das 1. Vierteljahr 1916 eine Ausbeute von 125 Mk. pro Kux zur Verteilung zu bringen.

Märkte.

ko. Frankfurt a. M., 2. Mar. Heu- und Strobmarkt. Auf dem heutigen Heu- und Strohmarkt war nichts angefahren.

Meteorologische Beobachtungen der Station Gieren.

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Höchste Temperatur am 1. bis 2. Mai 1916: -ft 90,0*0. Niedrigste . , 1. . 2. , ISIS: + 7,8*0.

Niederschlag 0,4 mm.

Lrosprinz und Kammersänger.

(Ein Gespräch mit Walter Kirchho ff.)

AnS Lille wirb und geschrsberr: Hinter den Kulissen deS Deutschen Theaters in Lille:Cacmen". Dritter Aufzug. Sergeant Don Josß, jetzt Schnruggler, steht bereit, um den Schuß auf Csca- vällo abzugeben. Die-Zeit des Wartens verkürzt er sich augenschein- liu) damit, den Chordamen Witze zu erzählen. Ich höre:Wissen Sie, lwerne Danoen. westzrnlb die preußischen Farben weiß und

schwarz sind?"-?-'?" »Ganz einfach? Well

Preußen ein MAitärstaat ist!" -!-?" r,DMitt

ist doch weiß! Und Teer? Schwarz, nicht wahr?" Allgemeines Händerrnyeu über den Kvlamr. Gekicher, BuMs ! Der Schuß geht los, urrd Walter Kirchhofs, der stimmgewaltige Kammer- smmer von der Berliner Hofoper, betritt die Bühne. Kirch­hofs in Lille? Das trifft sich ja prächtig. Also nach der Vorstellung Und narb der üblichen Wartezeit für das Umkleiden ins Garderobe­zimmer. Im Augenblick, wo ich Kirchhofs die Hand zur Begrüßung reichen wlll, erstarre ich. Der Landsturmmann steht strainnl vor dem Herrn Rittmeister. Die Siti»ation ist heikel, denn ich will doch den Künstler zu einem längeren Plauderstürwchen entführen. Meine Retterin ist die Gemahlin des Sängers!, die ebenfalls in

Lille weilt, UM in einem große,! Konzert Mitzuwttken. Ihr helles Auflachen entwirrt das milftarisch schwierige Problem. Und das übrige tut eme gute Pulle, die bcäd vor ims steht.^ Jri den Räunren des großen Hobels Rohöl zu Lille gibt's lauschige Ecken . . .

Als Künstler in dem Krieg! Ia^ dos ging fix," begann Kirch- hoff zu plaudern.Am Sonnabend, den 1. August, noch alsPar- sisal" in Bayreuth, am 2. August in Berlin iirt UnisorMgeschäft, am 3. August ini-Neutourischl, wo ich Meine Kolonne auf­

sbellte. Drei merkwürdige Stationen! Ick) kam gleich imch dem Westen und bin seit MLrß dieses 'Jahves zum Stabe des ^Deut­schen Kronprinzen als Ordonnanzoffizier komman­diert."Kannte der K r o n p r i n z Sie von Berlin her?"Ja und nein. Als Mitglied der Hofoper war ich ihm bekannt, aber nicht Persönlich. Die Begegnung nrit Sr. Kaiserlichen Hoheit war eigen­artig. iSä war auf dc!M Schlachtfelde von Marville am 24. August 1914, iw der Kronprinz Truppenschau abhielt. Ich trug einen Vollbart. Sechs Wochen lang war kein Rasiermesser an meine Kehle geckommen. Ich hatte verzweifelte Aehnlichkett nrrt E»au. Trotzdem erkannte mich der Kronprinz, als er an Meiner Kolonne^vorbeifuhr, sogleich. Er ries mich M sich heran, unterhielt Ich nmt mir in der liebenswürdigsten Weise und bescl-enkte mich mit Zigarren und Schokolade. DaH ,var ein denkwürdiger Augeiiblick für mich.. Wre-> verholt erkimdigte sich der Knniprinz später nach Mw, bis ich als Ordonnanzoffizier seinem Stabe zugeieilt wurde." "Hatten Sie da Gelegenheit, den Sieger vorl Longwy häufig zi^sehm? ,^a; in der ^eit des Stellungskrieges fast täglich! Ich wurde dann zu ihm befohlen und mußte entweder mit ihm im Auto fahren oder mit ihm reitten, oder ich dmffbe ihn auf seinen Spaziergängen be­gleiten. Auch abends wurde ich manchmal zur Tafel hinzugezogen, wo dann sehr oft unifiziert wurde."Welche Musik bevorzugte der Kronprinz?"Sein Hauptinteresse galt der ernsten Mupk ^.as betone ich ganz besonders, weil darüber früher andere Mitteilungen veröffenllichlt worden sind. Der Kaonpriirz liebt vor all ein Beetho­

ven ! Als ich eines Abends ihtm ein Lied von Beethoven vorgesungen hatte und dann iwch etwas anderes bringen wollte, sagte der Kron­prinz:Nach diesem kann ich nichts anderes mehr hören! Gute Nacht!" So tief und imchhaltig war der Eindruck auf ihn gewesen!" Walter Kirchhofs hielt inne. Nachdenllich gingen seine Augen in die Weite. Seine liebe,Gnntrdige GemaUin führte ihn wieder nt die Wirklichkeit zurück:Wie war das doch ,u>ck>, als der Kronprinz bei Dir Bratkartofftln?" ,^a, das ,var reizend," fuhr .Kirchhofs fort.Unser Kronprinz lebt beka:urllich sehr einfach. Die in der Hermat vorgeschriebeIveii fleischlosen Tage werden an seiner Tafel, auf der das Kommißbrot nicht fehlen darf, strenge innegel-cllten. ,^aiserliche Hoheit, der Sekt ist hier so ttocken, daß er manchmal gar nicht da ist," habe ich einstmals zu iknn gesagt. Und der Kron­prinz mußte herzlich darüber lachen. Seiner einfachen und herz­lichen Art entspricht es denn auch, daß er Mich dann und wann in meinem Quartier besucht. Dort gibt es natürlich zunächst etwas Musik. Ich habe ein Klavier und vor allem einen prächtigen Klavierspieler, eineii Künstler in seinem Fach, den Lentnaiit Hell­berger, mit dem ich, falls! Zeit da ist, zusammen tnusiziere. Seine Kaiserliche Hoheit hört dann zu. Diese Abende iu meinem Quartier werde ich nie vergessen. Da saßen wir der Kroiiprinz. Rittmeister von Zobeltrtz, der bekannte.Herrenreiter, ferner Major von Müller, der beste deutsche Offizierstennisschüler, Leutnant Hellberger und ich in einer Stube uM eilten lleckreit runden Tisch. Die Lacnpe brannte so gemütlich, daß wir vermeinten, im eigerren Heim zu sein. Und unser Kronprinz erzählte dann von seinem geliebten Berlin^... Eines Abends stellte mein Bursche, ein biederer Pole namens L>ta- chowiak, einen besonderen Leckerbissen auf den Tisch: Bratkartoffeln! Der Kronprinz schmauste vergmigt und meinte dann:Solch gute Bratkartoffeln habe ich in meinem Leben iwch nicht gegessen! Auch

bei Muttern nicht!"-Nach der Ruhe des Stelllmgs-

krieges," fuhr Walter Kirrhhoff fort,kamen dann die gewaltig cm Vorgänge lbeUBerdtun. Ich habe wLbrenv dieser Zell mit meiner 'Ko­lonne Ntuiiitiyn gefahren. Eine Episode daraus, über die der Kron­prinz sunchtbar gelocht hat: Ich,vor mit meiner Kolonne unterwegs. Rogen über Regen. Die Wege aufgeioeicht. Abgrundtiefe Spuren. Bei jedem Schritt versackte inan im Dreck. Ein Wagen der Kolonne bleibt liegeti. Ich hin, um zu Hel seit. Was da ist, wird ranbeordert. Auf mein Kommandozugleich" packt alles an, greift i,t die Spei­chen, in die Räder. Vergebens! Noch einmal:Zu gleich!" Nichts riiijrt sich. Ich Meder hole den Befehl, wohl zehnmal, zwan­zigmal, ick, glaube hündertmvl ist es' geivesen. Ms ich heiser war! Und der Wageir? In aller Ruhe stand er da und schlug Wurzeln. Und auf der Mütze des Fahrers begann ein Zaunkönig sich sein Nest zu bauen!"Nun hören Säe aber auf! Da muß allerdings selbft ein Kronprinz l«benl Gottlob ist inMisck-cic dve Heiserkeit kuriert! Sonst hlitten die 'Feldgraueir Sie nicht imCarmen" in Alte be- Mindern. und beklatscheii können! Hatten Sie auch sonft während des Feldzuges (Selegenheit, Ihre Kunst zu betätigen?"Fc-eiltch! Durch die Güte des Kronprinzen konnte ich einige Male iu Berlin sein. Dann babc ich iu Wien gesungen und in Graz. Das war 1915. Jetzt in Alle. Anfang Min geh:) nach Brüssel, um dort inr Ring zu singen. Und am Ende der Saison gedenke ich wieder in Berlin zcc sein, ebensall.' zu den Ring-Aufführungen! Natürlich hofft ich, daß wir bis dalün den Frieden haben, damit ich in Berlin, meiner lieben Geburtsstadl, bleiben kann. Es n^ar Mitternacht geworden . . . Der Fahrstuhl entführte bat Herrn Rittmeister mit­

samt Gemahlin in die Wohnräume des Hotels Royal. Der Land- sturncmann pilgerte durch die Mensck-enlecren dunklen Straßen Lilles seiner Kaserne zu. (Zensiert Berlins

*

Be-rliner Theater: Molie re und Ballett bei Max Reinhardt. Aus Berlin wird uns geschrieben: Ter große künstlerische Erfolg, dessen die Inszenierung von Moliöres Eingebildetem Krankeu" mit einem anschließenden ein­aktigen Ballett von Rameau in den Berliner Kammer- spielen sich andauernd erfteut. veranlaßte Max Reinhardt, es auch im Deutschen Theater mit Mokiere und Ballett zu versuchen. So kam es Mittwoch zu einer ganz einzigartigen Veranstaltung, die eine Bearbeitmig der ursprünglich dreiaktigen Komödie von MeliereD i e Lästigen" wtb ein Chine­sisches Ballett mit Musik von Mozart brachte. Die Vor- stellwig, die unter dem Protektorat der Stadt Berlin zugunsten des Hilssvereins für die zerstörten Karpatlienstädte uird Göm statt- fand, gestaltete sich künstlerisch wie gesellschaftlich zu einem hervvc- ragend gelungenen Ereignis. Die drei Akte derLästigen" waren von einem ungenannten Bearbeiter mit soviel Geschick in einen einzigen zusammengeschntolzen ivorden, daß das lange Zeit der Vergessenheit überlassene Stück sich in der neuen Fassung als seor wirksam erwies und beim Publifiim ersichtlich Interesse und Heiter­keit auslöste. Liebenswürdig, natürlich und dabei doch stilvoll waren Leopoldine Konstantin mtb der sympathische Liebhaber Paul Hartmonn als das Liebespaar Orphise und Alcestc. Namentlich Frau Konstantin zeigte sich von cirrer beweglichen Bühnengrasie. die ihr in dieser Rolle besonders zustatten kam. Auch Friedrich Kühne, Frau E i b e n s ch ü tz , Joseph Danegger und der be­gabte junge Clxrrakterkomiker Gülsdorff bildeten eine vorzüg­liche UmgÄung ftir den cm Mittelpunkt stehenden Max P allen- berg, der eine Leisckmg von verinuerlichter Eindrßiglichkeü bot. Bon neuem bewies Pallenberg, daß er weit mehr vermag, als bloß ein befreiendes Lachen auszulösen. Gwteskeste Komik und zutiefst empfundene Tragik stießen in diesem Darsteller so unlösbar und ohne scharf sichtbare Grenzen ineinander^ daß seine persöickicbe^n- art imnter wieder besonders gewertet und gewürdigt werden maß. Die eigentlick>c Ueberraschung des 2lbc'nds aber war das Ballett D iegrüneFlöt e". In der Handlrmg Lyrisckres, Groteskes und Symbolisches durcheinandermischend, zeigte dieses Tanz spiel sich von einem nicht mit eittem' bestimmten Ausdruck zu kemrzcicknenden Reiz, der der Gesanttheit von Tlmna, Choreographie, Darstellung und Ausstattung entsttömt. Der starke Erfolg W* Balletts benstes, daß Reinhardt seine bereits in den Kammerspielen bekundete An­sicht, eine neue Art der Ballettkunst zu schaffen., aus die <umkrigß? Weise zur Tat werden läßt. Wieder überraschte die junge nor­wegische Tänzerin Lillebil Christensen durch eßu' intuitive, von feinstem Empfinden für Rhythmus und Linie begünstigte Kunst, von der noch ganz Großes zu ertvarten ist. Auch ihre Partner Katt a Stern, Erlist Matray und Ernst Lubitich zeismeten sich durch individuelles Können ans. Entzückend waren Dekor.n'o::e'.i und Kostüme von Ernst S i e r n. ganz besonders in der chiuen . \ Zartheit des Balletts, denen aus Mozarts Motiven zusaumv-n- gestellte Musik von Einar Nilsson mit sicherer Empfindung r Grundton gab. Der Erfolg war stark und ungetellt. A. L'