Nr. 87 Zweites Blatt
©rfdjcinl täglich mtt Ausnahme des Sonntags.
Die „Gietzeuer §a«Me«b»tter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das
„Xreisdlatt für den Breis Sieben" zweunai wöchentlich. Die „Landwirischafttichen Sett- frageir" erscheinen monatlich zweimal.
t66. Jahrgang
Seneral-Anzeiger für Gberhejjen
Mittwoch, !2. April lysb
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchei» Universitäts - Buch- und Steindrucke re i.
R. Lange, Gießen.
Schriitleitung,Geschäftsstelle n.Druckerei: Schul« straße 7. Geschäftsstelle u.Berlagi^^Köl,Schriit« leitung: E^112. ^ldresse für Trahtnachrichtew Anzeiger Gießen.
Nordeuropas neue Bohlenkammer.
Die Nachricht, daß die norniegisch-e Regierung aUs- yeoechnte Kohlrmfelder auf Spitzbergen erworben hat, die sw, L so doch ft: weitem Maße von der englischen Kohlenlreferung unabhängig zu machen versprechen, hat nrcht nur rine politische Und wirtschaftliche, sorrdern.auch -eine kulturelle Bedeutung. Spitzbergen, einst und noch bis in die lungste Zeit hinein eine „ultima Thule", die man allein der Herrschaft des ewigen Eises preisgegeben wähnte, wird letzt als die künftige Kohlenkammcr Nordenroyas in den ..^' u ^^ uirt T iert ^ c ^^ e ^ einbezogen und gewinnt durch dre Rerchtümcr seines Bodens eine ungeahnte Bedeutung. Wie der Redakteur Ed-Vard Welle-Strand aus Bergen ans Gnrnd eines Besuches in Spitzbergen in „Politiken" jbe- rrchtet, hatten die Norweger schon seit geraumer Zeit die - ager ans Spitzbergen entdeckt, doch hat erst im Jahre 1890 eine Gesellschaft ans Drontheim einen bescheidenen Versuch zu ihrer Ausbeutung gemacht. Alls sie aber, was bald der Fall war, ans Ende ihres Kapitals gelangt war, gelang es einem der Teilhaber, den steinreichen kalifornischen Bergwerksbesitzer E dw grd Longyear für die Spitzbergener Gruben zu interessieren. „Schön (so sagte der Kalisornier)! ^ch setze eine Million Dollars aus Spitzbergen ein." Sprachs und sandte einen bekannten amerikanischen Bergwerksingenieur, Edward Mnnroe, nach der Polarinset, der nach ein- aehender Untersuchung feststellen konnte, daß die dortigen Kohlengruben die Ausbetttnirg reichlich lohnen würden. Nun wurde eine kapitalkräftige Gesellschaft gebildet, eine Kohlengrubenstadt, die den Namen Longyear City erhielt, wurde an der Advent-Bai begründet, und vor etwa fünf bis sechs Fahren wurden die Arbeiten mit großen: Nachdrucke ausgenommen; u. a. wurde eine mehrere Kilometer lange Eisenbahn zu der großen .Kai-Anlage in Advent-Bctt erbaut; moderne Bohrmaschinen fraßen sich tief in die Kohlengruben hinein und Tausende von Tonnen wurden zu den Lagerplätzen befördert. Die Bahn, sowie die ganze Bergwerksina- schinerre wird selbstverständlich elektrisch detrreban, eine elektrische Sirene ruft die Arbeiter aus den Grübet: zu:n Tageslichte zurück, und ein gewaltiger elektrischer Scheinwerfer sendet ein weißes Lichtmeer in die dunklen Schächte, die zur Tiefe der Erde niederführen.
Die großen Kohlenlager befinden sich auf Westspitzbergen. Die ganze, mehrere hundert .Kilometer lange Strecke von Advent-Bai bis Green Harbour. ist, praktisch gesprochen, ern einziges zusammenl)ängendes Kohlenfeld, dessen Bestände allerdings verschiedener Güte sind. Zum ersten Male wurde int Winter 1909 ein regelrechter Bergwerksbetrieb in Advent-Bai in Gang gesetzt. Damals überwinterten ans Spitzbergen bei einer Durchschnittstemveratur von 27 Grad Celsius unter Null 3—400 Arbeiter. Seitdem ist der Betrieb regelmäßig fortgesetzt worden, und man hat etwa eine halbe Million Tonnen gefördert, wovon jedoch nur erst ein ganz geringer Teil zur Ausfuhr gelangt ist. Denn zu einer Ausfuhr im großen Stile gehören kostspielige Hasnianlagen mit großen Kais, sodaß die Gesellschaft bisher sich fast ganz darauf beschränkt hat, die Kohlen zu fördern und zu lagern Es liegen jetzt schon so große Massen zur Berschiffting bereit, daß der Betrieb in: laufenden Winter eingestellt worden ist. Uebrigens sind die Amerikaner keineswegs die einzigen Bescher von Kohlenseldern aus Spitzbergen, sondern es haben dort im ganzen mehr als 10 Gesellschaften sich Bergwerksrechte gesichert, und auch auf der bekannter: Bäveninsel finden sich große Mengen von Kohlen, die ein norwegischer Geologe auf etwa 100 Millionen Tonnen berechnet hat. Dort besitzt also Norwegen noch eine zweite Kohlenkammer. Auf die Kohlenschätze von Spitzbergen aber machen sich jetzt auch
die Schweden Und ganz besonders die Russen Rechnung, und mar: macht sich in Skandinavien sogar darauf gefaßt, daß Rußland Spitzbergen wegen seiner Kohlenschätze früher oder später sich angliedern wird. Die Schwierigkeit der Verschiffung der Spitzbergenkohle bildet natürlich das Eis, das die Insel acht bis zehn Monate im Jahr blockiert; indessen hat Ingenieur Mnnroe ausgerechnet, daß man von den Grüben in Advent-Bai, wenn sie >eirst in vollen Betrieb genommen sind, im Laufe der Sommermonate über 500 ÖOO Tonnen ansführen kann.
Longyear City hat nun Hammerfest als die n ö r d l i ch st e Stadt der Welt ansgestochen. Einen besonders imponierenden Eindruck macht sie nicht. Eine breite Hauptstraße durchschneidet den grauen Haufen zweistöckiger massiver Holzhäuser. Diese mußten mit Rücksicht ans die Polarkälte besonders gediegen gebaut werden. Die Straßen können, was ihre Breite angeht, dreist mit denen von New Jork oder Chikago wetteiferm; Kanalisierung, Wasserleitung und elektrisches Licht sind durchaus modern eingerichtet. Ueberhaupt dürfte Longyear City zu den gesündesten Städten der Welt zu rechnen sein, zumal da es ja in Spitzbergen, praktisch gesprochen, Bazillen überhaupt nicht gibt. Der Arzt der Stadt hatte in seinem ersten Winter nichts zu tün, als Bücher iu lesen und Billard zu spielen. Alkoholische Getränke sind außerhalb des unvermeidlichen Klubs verboten, und auch da sind sie nur knapp zu haben. Dagegen ist an Tabak und Kaffee kein Mangel. Die teuerste Ware ist die Milch, da es in der ganzen Stadt nur eine Kuh gibt, und ein Liter Milch daher zeitweise einen Preis von über 2 Mark erreicht. Im ersten Winter waren Frauen in der Pol ar st ad t nicht zugelassen; die einzige Ausnahme wurde für den jung- verheirateten Arzt geinacht, der seine Frau mit hinaus nehmen durfte. Inzwischen haben aber auch die Arbeiter, die täglich etwa 6V2 Mark an Lohn verdienen, dasselbe Recht erhalten, und längst hat schon das erste Spitzbergenkind das Licht dieser Welt erblickt. Die amerikaitische Gesellschaft hat für eine große Bibliothek gesorgt, die in dem langen Polarwinter ausgiebigst denutzt wird. Besonders -die Zeit vorn November bis zum Jannuar, wo das Tageslicht säst ganz fehlt, ist hart. Dafür aber sind die Nächte prachtvoll, wenn der Himmel in märchetchaften Nordlichtern prangt und draußen, in der großen Eiswüste, uuter ihrem phantastischeii Scheine grüiie Eisberge unter denl Gebrülle der Eisbäreii znsammenprallen und einbrechen. _
vermischtes.
?. Dillenbürg, 12. April. Durch Großieuer wiirde die Holzwarenfabrik Grebe nebst einem großen Holzvorrat ein Rand der Flammen. Durch das Feuer wurden auch die Wirtschaftsgebäude eines benachbarten Betriebes zerstört.
* Berlin, 11. April. (W. B.) Der ehemalige Berliner Rechtsanwalt Paul Bredereck, der seit Anfang August 1912 verschwunden war, ist von der hiesigen Kriminalpolizei verhaftet worden. _
wandern und «eisen, väder und Sommerfrischen.
Sanatorium Stolzenberg in Soden-Salmünster hat mit Beginn des Frühlings seine Pforten wieder geöffnet, und die ersten diesjährigen Gäste sind bereits wieder ein gezogen. Bon ®iefeen ans in gut 2 Stunden über Gelnhausen erreichbar, bietet die schötr- gelegene Anstalt mit ihrem herrlichen Park eine vorzügliche Gelegenheit, abseits vom Getriebe 'der Städte der Ruhe zu pflegen und schnellstens neue Arbeitskraft und Schaffenslust wiederzu- gehnmten- Tie ärztliche Leitung liegt wie bisher in den bewährten Händen des bekannten Naturarztes Tr. med. K. Strünckmann dessen guter Ruf der Anstalt von Jahr zu Jahr mehr Gäste z„- sührt. Anlagen und Einrichtungen der Anstalt machen Stolzen berg zu einem wahrerr Gesmidheit spendenden Jungborn. Die Preise sind inr Verhältnis zu dem Gebotenen sehr mäßig. Ta auch Gäste
ohne Kur zu mäßiget: Preisen Aufnahme finden, wird manch-r guttim, die Osterferien zu einer kleinen Auffrischung in Stolzen berg zu benutzen. lieber Preise und alle anderen Fragen unter richtet an: besten der reich illustrierte Prospekt, welcher aus Wunsch lastenfrei zugesandt wird.
Wetteraussichten in Hessen am Donnerstag. den 13. April 1916 : Wechselnd bewölkt, zeitweise leichte Niederschläge, tagsüber uiild, nachts kalt.
Letzte Nachrichten.
Die Kämpfe im Westen.
i. Köln, 12. April. Laut der „Köln^ Ztg." berichtet.der Pariser Korrespondent des „Corriere della Sera" am 10. April seinen: Blatte über die Kämpfe um die Stellung „Toter Man n" bei Verdun und führt auS: Man darf nicht verkenneti, daß die Aufgabe des Vorsprunges bei B e t h i n c 0 u r t seit einigen Tagen itl Aussicht genommen war. Hat umn doch sckwn seit Beginn der Kämpfe um Verdun den Plait erörtert, ob nicht alle vorgeschobenen Stellungen auf dem linken Ufer der Maas auszugeben seien, wie dies auch auf einer Strecke der Front in der Woevre der Fall gewesen sei. Mm: habe sodann aber beschlossen, die Stellung zu halten, um deu Vormarsch möglichst lauge zu verzögern. Tie Befestigungsanlagen auf dem Hügel 304 seien von den französischen Truppen schon nach der ^chlachr an der Marne angelegt worden. Ihre Einnahme würde aber keineswegs genügen, um den Weg nach Verdun frei zu machen. Einige französische Militärkritiker fragen sich, itrie der Korrespondent weiter berichtet, ob dieser plötzlich augesetzte Angriff vom 9. April nicht die letzte Kraftanstreuguug der Deutschen vor Verdiin bedeute, um dann das Unternehmen gänzlich auszugeben..
Opposition in der französischen Kammer.
i. Köln, 12. April. Die „flöh;. Ztg." schreibt zur Ab lech-- ming des Antrages der französischen Regierung über die Ver- jütigung der oberen Kommando stellen in der De-- putiertenkaminer: Nicht die Griindsätzc der Vorlage sind es, die die linksrepublikanisck>e Mehrheit bestimmte, sie durch ihre Zu- rücklveisung an den Heeresausschuß abzulehnen, sondern das vollständige Dähinschwindeir des Bertraucns der Kammer an das j'chiget Oberkommando und ihr Wille, dein Kabinett Briand dies tvarnend zum Bewnßffein zu bringen. Die Karmuerubstimmung bedeutet zwar eine empftndliche persönliche Schlappe für den Kriegs Minister, richtet sich aber politisch gegen daS Kabinett Briand und drückt dgs Verlangen aus, daß das Oberkommando anderen und jüngeren Talenten Platz mache, von denen man meh-r erwartet, als von ihm.
Nahrungsmittelhöchstpreise in England?
Haag, 12. April. Das Londoner Beratungskomitee für Kriegsausgaben hat der Regierung empfohlen^ H ö-ch st p r e i s e für Nahrungsmittel zu bestimmen. Dieses Komitee besteht hauptsächlich aus Gewerkschaftlern uuter dem Barsitz oes Komiteeniitgliedek Henversohn. Der „Matrchester Guardian" erklärt sich gegeti den Vorschlag. (Berl. Tagebl.)
65«6«n«r Stadttheater.
Gastspiel Maria Rehoff mit Ensemble.
Ostern.
Paffionsspiel von August Strindberg.
Strindberg ist Mode geworden heißt es — Berliii und in dessen Gefolge alle großen Bühnen treten mit Aufführungen seiner Werke hervor — und manche Stimme wird laut, die vor ihtil wartit, weil sie ft: diesem modernsten aller Geister, diesem fanatischen Ankläger und Sich-selbst-Anklagenden die faustische Kraft von pathologischem Rankenwerk überivuchern sieht. Es soll nicht bestritten wer- den, daß Strindberg, eben weil er unbarmherzig die Tore der menschlichen Seele ansreißt niid das zutiefst Schlummernde init der grausamen Fackel - des vom Leben Betrogener: durchleuchtet, nicht eher nnht, sbis er an Grenzscheiden steht, aus die er mit dem Triumpl-e der Verachtung Hinweise:: kann: Seht, so seid ihr. Gerade so wie er in seinen Bekenntnisromanen sich selbst entblößt, um noch rücksichtsloser seine im Kampfe mit herrischen Trieben und überniächtiget: Sehnsüchten blutig gerissene Seele zu weisen. Ein nicht Mitleid heischendes, nnr ingrirninig entblößtes : Ecce homo.
Darum scheut sich Strindberg auch nicht, das Gebiet des Pathologischen auszuschöpfm bis zum Bodensätze. Er quält sich selbst und den Zuschauer mit dem bohrenden Dränger: nach der letzten Erkenntnis, die auch aus diesem Wege erschlossen ,verden muß. Das nimmt ihm aber ivieder das Abstoßende und Qualvolle, iveiiu er seine Anklagen auch noch so schnellfertig als unumstößliche Wahr- l^eiten der Menschheit ins Gesicht schleudert: er bleibt nicht dabei stehen, er ringt und bohrt tveiter, immer mit der dumpfen Gewißheit, das Letzte noch nicht gefunden zu haben, die leuchtende Helle, die hinter denk Inferno sich auftut. Ter irnerbittlick)e, wenn auch verzweifelt enrsertige Wahr hei tssncher Strindberg soll nicht von uns verleugnet werden, die wir mit uns selbst ins Reitte kommen wollen. Dazu tut auch er uns :wt, mehr als jede obecflächlickie Phrase von seelisckxw Wiedergeburt, die eine dünuschichtige Glasur über uns hinstreichen tvill. Wir ivaret: innerlich zerrissen vor den: Kriege. Die Unsumme unverarbeiteter Kultiirwerte lag wie Schutt , auf unserer Seele, zwischen den: das Ulikraut sich eint ästete. Der Krieg hat uns tvohl gezeigt, daß die seelische Kraft noch in eine große Flamme emporlodern katin. Damit sie herttach aber nickst wieder in Feueriverken verpufft, damit es tvirklich eine Wiedergeburt tverden kam:, müssen die materiellen, technischen Kulturwerke aufgeschmolze::, Schlacken und Unkraut himveggeräumt werden. Niemand aber kann utis Schlacken und Unkraut so gut in unserer Seele zeigen, wie Strindberg, der cs nicht zeigt, um es zu pflanzen, sonderi: um es zu jäten. So wird das scheinbar Negativs an ihm zun: Positiven für nits. Er tvird uns vor Wegen waritcn, aber auch Wege zeiget:, selbst wenn wir anderswo landen wollen, als in der Vihstik des Leides.
Keine schaffende Persönlichkeit Faun von seinem Werke so wenig getrennt werdear, wie die des Schweden August Strindberg. Deshalb sotten einige biographische Notize:: über ihn — der, trotz
dem ier „in Mjode" ist, noch vielen ein Unbekannter sein wird — ru dem Werke hinleiten, das gestern abend zur Aufführung gelangte.
Als Sohn eines Dampffchiffkommissionärs mrd einer Dienst- maqd wurde August Strindberg 1849 zu Stockholm geboren. Mit seiner trostlosen Jugend rechnete er in den: Bekenntnisromatr „L.er Sohn einer Magd" ab. Der leidenschaftliche Hang, sich zu rechtfertigen, ließ ihn in die SchVvächen seiner Mitmenschen eindringen, die er hellsichtig erkannte urrd aus Haß- und Rache- gesühleti verfolgte. Ties führte ihn auchi zu der für ihn in der Folge entscheiderchen Erkenntnis, daß das Weib an sich den Mann miftei mache. Diese Erkenntnis tvurde genährt durck> unglücÜiche Ehen, niid so wurde das Problem des Geschilecksterkampfes der Mittelpunkt seines Schaffeiis und führte ihn zu furchtbaren Anklageschriften, von denen die Dramen „Der Vater", „Kameraden", „Totentanz", „Fräulein Julie" und gläubiger" keine Versöh- mrng mehr, nur den Kampf auf Leben oder Tod kennen. Ueber diesem Kampfe brach Striudberg nach einer kurzen Spanne in dividnalistffchen Uebermensck)entnms in die .Knie. Nicht anzukönnen gegen das meiifthliche Verhängnis treibt ihn der Etitsagung und der Leidbereitschaft in die Arme. Die Mystik des Katholizisnius muß ihn, den grftnmigen Atheisten :ind Individualisten, vor sich selber retten. Er lernt das Leid lieben und bohrt sich muh in dieses mit _ der schürfenden Unrast seiner ringenden Seele. In diesem Stadium schreibt er die Dramen „Nachl^ Damaskus", „Advent", „Rausch' vnd „Ostern".
O st er tt zeigt ihn, ganz/ aufgelöst in den Leidwillen des Christentums. Keine Erlösung aus sich selbst heraus ist möglich. Nur der Heilsweg der Gnade ist geblieben. Damit der aber bcschritten werden kann, muß der Mensch sich demütigen, selbst dein Stolze, mit dem er das Unglück trägt, muß er entsagen, wie Elis. Oder er muß ganz Demut und Ergebenheit sein, tvie Eleonore. Eiget:- artig ist dieses Passionsspiel, in den: die Menschen über das Golgatha der Selbstzertnarterung gehen tnüssen, um in die lichte Helligkeit des Ostertages schreiten zu dürfe::. Und dies ist das Seltsame: was den Einzelnen als Prüfung auserlegt wurde, ist, sich Niit -der Schuld eines arideren abzuftnden, oder bei Eleonore die nwglichen Folgen einer unüberlegten Handlung mit Ergebung zu erwarten. Damit ist die Dynamik des Passionsspieles ganz ins Innere verlegt, die Konflikte kmn'"Ni äußerlich kaum sichtbar zum Anstrag. Ern ^ln-einander^briibergehen, ein Zu- warten nnrd hier zu einem dramatischen Höheiipimkte und weil ein so zartes Andcuten nicht jedem einging, nierkte man vielen an, daß sie dem Spiele kühl und befremdet gegenüberstanden. Auch mit der zu eineni Teil ebenfalls durch die nach innen verlegte Hand- ltmg bedingte Symbolik, die den Einzelfall ins Allgemeinmenschliche erheben sollte, fand mancher sich^ nicht zurecht. Hierin liegt aber eine der stärksten Eigenarten des Stückes, die auch den Zu- satnmenlning mit dem Naturgeschehen „Ostern" herstellt und jette eindringlickut: Stimmutigen hinzaubett, die in einer Borbesprcckylng angedeutet tvorden fiitb. Die Menschen, die diese Auferstehung an sich selbst miterleben, sind alle eigeirartige, dichterisck>c Schöp
fungen. Am eigenartigsten aber ist Eleonore, eine irmnderzarte Mcnschcnpflanze, die zwischen Wahnsitln und Hellsinn steht und der man leicht den Vorwurf machen könnte, sie.sei pathologisch. Getviß, sie ist ein Grenzsall, aber wie ein Dichter ihre reizsamen^ überwachen Sinne in die Geheituuiffe der Natur und der Men- schenseclen hineinsthen läßt und ihre zarte Blüteuseele behutsam vor uns entfaltet, das hebt auch diese Gestalt zur Höhe reiner Kunst ■
Solches aus der Bühne darzustellen, bedarf es ttatürlsth ganz- anderer darsteller^ck-er Mittel als jener, deren sich zum Beispiels ' V die naturalistische Schule bediente. Selbst die Mittel, mit deitetr Ibsen gestaltet loird, rächen hier nicht zu. Tie Seele muß gleich- sain durch einet: durck«chtigen Körper ltindurchsck-cittcn, der nicht wehr tvechselvolle Tcubrng, sotidern Gefäß der Seele ist Ein innerliches Spiel. Das Maria-Rehosf-Ensemble wußte diesen Stil init ziemlicher Sicherheit zu treffen und bot dadurch Leistungen, die gerade drerch ihre äußere Zurückhaltutrg l>edei,tsam tvttrden. Maria Rehoff selbst als Christine, die einzig Aufrechte aus eigener Kraft. Maria Poppe als Frau Heyst trug sicher und' herb die Maske der an ihren Selbstbetrug glaubenden Frcu:.
Fritz Wolter, der unter frenlder Schuld Gebeugte, schleppte sein: Kreuz selbstquälerisch durch alle Verzweislunqen und Hoffnungen hindurch. Die klare, feiniich jauchzende Erlöstmg konnte er' nicht gettalten, weil sie Strindlierig in seitcem „Ostern" selbst noch nicht gestittden hatte. Nur der Alp der PassionStooche ist genonnnen, eit: Aufatinet: ist es, aber noch nicht die leuchtende Getvißheit. daß nun die Osterglocken lätiten twrden. PaullH ei tl vi ch lLindynistl machte aus der Spukgestalt des drohenden Gläubigers, der die Forderung" des Rechtes und die tilgende Gnade in Händen hält, einen lebens- lvattcn Menschen, Robert Meyn iBenjamin) hatte für dett Gymnasiasten einet: wahren, Überzeugetiden Tot:. Das Menschenwunder der Eleonore wurde von Margot Heide sehr tief und innig ersaßt, gelangte aber wohl.' nickt: zur.allerletzten Formung. Tao Heber* sinstlichc ihres Wiesens hätte manchmal bestimmter und dennoch leiser äugedeutet seit: nküssen.
Aber dieser Abend war ein tteses, seelisches Erlebnis. zz.
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== Frankfurt a. M., 12. April. Der Frankfurter Führer der geologischen Ka m e r u n - Ex p e d i t i 0 i: des Reich». kolonialamtes, Dr. Johamtes Albert aus Frankfurt a. M., ist vor kurzetn in Granada an beit Folgen der Schlasftankbeit, die er sich auf der Flucht von Kanieruu ins spanische Kolouialgebiel: zugezogen hatte, gestorben. Wie Frau Dr. Elbe r t, die iime-n: Gatten toäbrend der ganzen Reise m mutiger Weise begleitete, jetzt nach ihrer Heimkehr nach Deutschland berichtet, lonnten die gesmu- teil lvissenschaftlichen Ergebnisse^ der Expedition gerettet werdet:. Sätntliche Tagebücher, die Gesteinssammlungen als wichtigstes Material der Expedition, Photoplatten und Pflanzeitsainm- lungen, wurden auf Gebot des Gouveriieurs vdn Katnerun in das spanische^ Nuinigebiet in Sicherheit gebracht, wo sie bis zum Fricdcnsschluß verbleiben.


