Ausgabe 
22.3.1916 Zweites Blatt
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 69 Zweiter Matt J66. Jahrgang

Stfcbemi Isyslch ttrtt A«snah,ne des Sonntag?.

Tie KamüienEtrer" werden dem

^An^eigett viermal wöchenttieh beigeleg tz das ^keeirblatt Mr den Kreis Gießen" zweimal wöchacktich. TieLandwirtschaftliche» Zeit- ft^-rrr" erscheinen monatlich zweimal.

Senerai-Anzeiger für Gberheffen

Mittwoch, 22. Mörz >W

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchea Unwersitäts - Buch- und Steindruckereu R. Lange, Gießen.

Schrittleitung,Geschäftsstelle.Druckerei: Schul» straße?. Geschältsstelle tl.Verlag-.SE61, Schrift» leitung: e^ll2. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Hessische ZWeite Rammer.

rb. Darmftadt, 21. März.

Am Regierungsttsche: Staatsmrnister Dr. v. Ewald, Mi­nister des Innern v. Homberg k, Präsident Dr. Becke r, Staats­räte Süffert nird Hölzinger, Ministerialrat Tr. Kraß, Geh. Obersinanzrat Roh de.

^ Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um 10 '\ Uhr. Das Hans ist heute stark besetzt. Das Haus setzt die

Einzelberatung des Stacttsvoranschlags bei der 8. Hauptabteilung, Ministerium des Innern, Kapitel 2387, faxt. Zuerst nimmt das Wort

Minister v. Homberg k. Er legt einleitend dar, wie irrig die Annahme unserer Feinde sei, daß wir wirtschaftlich nicht würden dnrchhalten können. Wir sind trotz unserer fast völligen Abgeschlossenheit vom Ausland jetzt noch ebenso weit von einem 'wirtschaftlichen (Zusammenbruch entfernt, !wie zu Beginn des Krieges. Das danken wir «vor allem dem Zusammenwirken aller unserer in Betracht Toiumenben Faktoren. Tie Handhabung der ganzen Nah­rungsmittelfrage war im vorigen Jahre viel -einheitlicher und durchgreifender, als im Jahre 1914: namentlich die Bvvtver- svrgung ist befriedigend durchgesührt worden. Es ist gelungen, die Mehl- und Brotpreise auf einen erträglichen Satz zu erhöhen und ungerechte Preissteigerungen zu verhindern, auch kann fest- gestellt werden, daß auch die Getreideversorgung bis zur nächsten Ernte durchaus gesichert ist; num berechnet sogar, daß noch 400 000 Tonnen Getreide übrig bleiben werden. Für das ganze Land ist die Brotkarte einheitlich durchgesührt, die noch vorhandenen Schwie­rigkeiten in der Kartofselversorgung dürsten sich nach Errichtung der Landeszenpal stelle ebenfalls beheben lassen, lieber die in letzter Zeit etwas gestiegenen Höchstpreise sind aus dem Hause Beschwerden erhoben worden, die ihren natürlichen Grund hatten und vom Reichskanzler direkt veranlaßt wurden. Tie starke St ei germrg der Schwcincflcischpreise ist bedauerlich: sie war begründet in der ungenügenden. Beschickung der Märkte und kam besonders durch die riesigen Aufkäufe der Konservenfabriken. Tie Steige­rung der Rindviehpreise war die Folge übermäßiger Abschlach­tungen des noch nicht schlachtreifen Viehs, sowie des gesteigerten .Bedarfs der Heeresverwaltung und des .Spekulationskaufs aus­wärtiger Händler. Ter Minister legt die dagegen getroffenen Maßnahmen näher dar und hegt die. Erwartung, daß mit dem jetzigen Zwang znm Syndikat im Viehhandel eine Besserung ein treten weide. Eine Festsetzung von Höchstpreisen müsse einheitlich erfolgen. Tie Bestimmung über die vorher nachzusuchende Olenelmngnng zu Hansschlacbtunaen habe sich bewährt. Es stehe eine Regelung in der F l e i s ch Ver­sorgung für das ganze Reich unmittelbar bevor, ebenso werde in nächster Zeit ciiife Verordnung über die Fleischversorgung in den hessischen Städten erfolgen. Bezüglich der Milch- und Butterversorgnng seien verschiedene Bestimmungen getroffen wor­den, desgleichen für die Förderung der wichtigen Käsefabrikation. Es werde demnächst eine Einkaufsgenossenschaft f ü r Hessen mit dem Sitz in Mainz geschaffen nurden, mit Aus­nahme der Städte Worms, Darm stad t imd Ottenbach und der be­deutenderen .Konsumgesellschaften. Es seien auch für die kommende Ernte alle nur irgendwie zweckmäßigen Maßnahmen getroffen worden. Man dürfe aber andererseits auch nicht vergessen, daß der .Krieg naturgemäß auch Teuerungen mit sich bringe und daß diese in den feindlichen Landern größer seien, ckls bei uns. Jedenfalls sei alles getan, um' auch fernerhin voN durchzuhalten, und ein Be­weis für die gut geordneten Verhältnisse sei die günstige Lage des Arbeitsmarktes. Tie Leistungen unserer Industrie für die Bedürf­nisse der Heeresverwaltung seien bewunderungswürdig. Ter Minister verliest znm Schlüsse eine Erklärung über die Stellung der Regierung zu den innerpolitischen Fragen, worin betont wird: Tie Großh. Regierung hat das Vertrauen, daß, wie die anderen Parteien besonders auch die sozialdemokratische Par­tei ihre während des Krieges bis jetzt bewiesene vaterlän­dische Gesinnung auch im Frieden beibehälten werde, und sie erklärt deshalb, daß für die Zukunft für ftejfeirt Anlaß mehr besteht, sozialdenrokratische Vertreter bei der Wahl zu Bürger­meistern oder Beigeordneten als solche nicht zu bestätigen.

Abg. Dr. OlüTin (natl.) gibt namens seiner Partei die Er­klärung ab, daß sie im Hinblick auf die Einigkeit des ganjzen deutschen Volkes und auf die vaterländische Haltung der sozial­demokratischen Partei während des Krieges sich der Regierungs­erklärung anschließe und die Nationalliberalen ihren früheren ab­lehnenden Standpunkt gegenüber der Bestätigung sozialdemokra­tischer Bürgermeister und Beigeordneten aufgebcn würden.

Abg. CalMan (natl.) führt ans, er sei der Meinung, daß die Behörden in der Frage der Lebensmittelversorgung nach bestjeniWillen gehandelt hätten, wobei man aber nicht verkennen dürfen daß bezüglich der Festsetzung der Höchstpreise Fehler gemacht wur-. den, besonders in der schwierigen Kartofselversorgung. Hier habe wohl zweifellos die so dringend notwendige Einigkeit in den

Maßnahmen der verschiedenen Bundesstaaten gefehlt. Es' müsse vor allem das größte Gewicht auf eine genaue Bestandserhebung gelegt werden, und dazu sei die Presse die beste Helferin. In den erlassenen Bekanntmachungen von amtlicher Seite hätten vielfach die notwendigen erläuternden Mitteilungen gefehlt, auch sei die Zustellung an die Interessenten bisweilen recht mangel­haft gewesen. Bei Erörterung der Frage der Unabkömmlichkeits­erklärung bringt der Redner verschiedene Mißstände zur Sprache. So seien junge militärpflichtige Leute einfach deshalb für un­abkömmlich erklärt worden, weil sie auf dem Bureau einer Ge­treidegenossenschaft beschäftigt wurden. Andererseits habe man nicht nur die Bürgermeister von Gemeinden, sondern auch deren Beigeordnete oder Rechner zum Milftär einbecufen. Die Kreis­ämter würden überlastet durch die Beschäftigung mit anderen Aufgaben, besonders auf dem Gebiete der allgemeinen Woht- fahrtsfürsor'ge. Hier könnte man besonders durch Heranziehung von Lehrern und Geistlichen, oder auch von Angehörigen des Roten Kreuzes, Abhilfe schaffen. Nach seiner Ansicht werde über­haupt zu viel von oben herab organisiert; die Hauptkraft der Fürsorge Müsse aus dem Volk herauswachsen. Mt der jetzigen Beschränkung in der Freihieit der Presse würden gewiß viele Vorteile erreicht, sie bringe aber auch mancherlei Nachteile mit sich, besonders in der Richtung, daß die Presse jetzt zumeist nicht in der Lage ist, die vielen unsinnigen Gespräche an den Bier­tischen durch aufklärende Ncitteilungen aus der Wttt zu schaffen. Redner erklärt zum Schluß, er würde es auch für zweckmäßig halten, wenn die Volksvertretung häufiger für kurze Zeit einmal zusammenkcrme und durch aufklärende Darlegungen wirken würde. Er habe die 'Empfindung, daß Ivährend der Kriegszeit das Schwer­gewicht der gesetzgebenden Faktoren zu stark in die Ausschüsse gelegt werde. (Zustimmung.)

Abg. K o r e l l - Ingelheim (Fr. Vp.) erklärt einleitend, er müsse anerkennen, daß die Landwirtschaft sich im Kriege aufs beste bewährt und dem deutschen Volke große Dienste geleistet habe. Sie habe auch gewiß unter den gegenwärtigen Verhältnissen gute Einnahmen gehabt, doch seien diese, besonders die Netto-Ein- nahmen, bei der jetzigen schwierigen und kostspieligen Beschafftmg des nötigen Arbeitspersonals zweifellos wieder stark verkürzt wor­den. In vielen Ortschaften seien die Landwirte aizch durch die Wildschäden stark beeinträchtigt worden, so daß es Pflicht der Behörden sei, dagegen einzuschreiten. Er sei überzeugt, daß der Wucher in allen Ständen vorkomme und sich nicht nur auf land­wirtschaftliche Produkte beschränke, er verurteile aber die An­schauung, daß man die gegebene Konjunktur nach Möglichkeit aus- nutzeu müsse. Während des Krieges habe der Staatssozialismus zweifellos manchen Triumph gefeiert und Anr Folge gehabt, daß z. B. der Zwischenhandel stark zurückgedrängt ivurde. Durch die großartigen Leistungen der Landwirtschaft sei sogar der viel ge­schmähte Antrag des Grafen Kanitz wieder zu Ehren gekommen; auch habe der bekannte Sozialist Otto sich allmählich znni Schutz­zoll bekehrt. Dabei seien aber andererseits auch mancherlei recht unsoziale Auswüchse noch schärfer in die Erscheinung getreten. Dagegen sei erfteMich, daß auch viele angesichts der jetzigen Ver­hältnisse ihre sozialen Anschauungen wesentlich geläutert hätten. Ter Redner erkennt weiter an, daß die deutschen Jndnstriearbefter durch ihre Tüchtigkeit und Bildung zur Erhöhung der Leistungs-- fähigkeir ftft den Krieg sehr viel beic^etragen hätten. Die Aufrecht­erhaltung und Kräftigung des Mittelstandes müsse eine der Hauptaufgaben unserer Zeit sein» und des Redners Partei werde dazu gern nrithelfen. Zur Schvlfrage crEtönte Abgeordneter Kvrell - Ingelheim, daß er ans eine nähere Darlegung seines Programms für die nächste Zttt und während der Kriegsdauer verzichte: er sei aber der Meinung, daß durch die Errichtung der Einheitsschule vieles znm sozialen Ausgleich beigetragen und auch die Kinder der unteren Stände Mehr an den Staat gefesselt werden könnten. Jetzt handle es sich in erster Linie um eins wirtschaftliche Erstarkung des Staates. Dank der anerkannten! Tüchtigkeit unserer Lehrerschaft könne nicht davon gesprochen wer­den, daß eine Verwahrlosung der schulpflichtigen Jugend auf dem Lande ein getreten sei, dagegen gebe der Znstarrd bei der schul­entlassenen Jugend zum Nachdenken Anlaß. Eine Aufgabe der Polizei müßte es sein, gegen die der Jugend dargebotene Schund­literatur aufzutreten und eine Prüfung deck gesamten Materials durchs eine geeignete Stelle von Fachmännern und Interessenten müßte in die Wege geleitet weroen. Znm Schluß führte der Redner aus, er habe mit Freude die Erklärung des Herrn Mi­nisters und des Abg. Dr. Osann in der Bestätigungsfrage begrüßt, wodurch nur zur .Versöhnung der Gegensätze beigetragen werden könne. Auch die kirchlichen Streitigkeiten hatten ja naihgelassen. Und im Volke sei auch das Verständnis mehr gewachsen für das, was die Kirche für das Volk geleistet habe. Gerade fetzt im 5briege habe sich, die urwüchsige Kraft der Religion vorzüglich bewährt, die .konfessionellen Gegensätze seien mehr und mehr zurückgetreten. Und so hoffe er, daß auch! nach dem Kriege die wirtschaftlichen und die patt effwlfti scheu Gegensätze sich mildern werden.

*

Abg. Tr. v. Helmolt (Bbd.) legt den Standpunkt seiner Partei näher dar und bemerkt, er erkenne an, daß man den Wün­schen der Landwirtschaft auf eine weitere Erhöhung der Brot­rationen für die ländlichen Arbeiter entgegengekommen sei, wenn sie auch nicht vollständig erfüllt wurden. Der Redner hebt dann die großen Verdienste der Landwirtschaft um die deutsch Volks- ernährnng hervor und verteidigt die Landwirte gegen die ver­schiedenen, über sie erhobenen Vorwürfe, wie Versüttcrung von Brotgetreide an das Vieh, Ueberteuerung usw. Tie behördlichen Maßnahmen seien vielfach nicht glücklich gewesen und besonders habe die Vorschrift bezüglich des Höchstpreises für Hafer nicht da­zu beigetragen, das Vertrauen zur Reich sregierung zu erhöhen. Be­sonders hätten auch die widersprechenden Maßnahmen in der Frage der Kartofselversorgung viel Mißstimmung hervorgerusen. Ter niedrige Höchstpreis von 6 Mark habe dazu beigetragen, die Ver- sütterimg an das Vieh zu fördern. Weiter habe auch das Ver­bot der Kartosselcrnsfuhr mrs einzelnen Kreisen viel böses MM gemacht. An dem zutage getretenen Mangel an Rindvieh seien hauptsächlich die .Konservenfabriken schuld, die alles Fleisch um jeden Preis aufkauften. Dagegen seien bisher alle behördlichen Maßnahmen vergeblich gewesen. Der Redner rrer geht dann ans die in den Städten Mtagc getretenen ungerechte Stimmung gegen Landwirte und Bauernstand ein, die die Preise steigerten und Hansschlachttmgen im großen Umfang vorgenommen hätten. Er müsse die Landwirte entschieden in Schutz nehmen. Die enormen Preise von 60 und 65 Mark für Ferkel seien geradezu unerträglich und bewirkten in erster Linie die Teuerung. Weiter gibt der Redner eine kleine Blutenlese, wie man in der Presse bisweilen die Landwirte behandle. In Reelams Universum sei der AnsdruckGauner" gegen sie gebraucht worden und selbst das sonst gemäßigte Leipziger Tageblatt habe sich in beleidigenden Aeußerungen ergangen. Derartige Verstimmungen sollten doch unter allen Umständen vermieden werden. __ Man sollte sich daran erinnern, daß gerade die Landwirtschaft das Dnrchhalten des deutschen Volkes ermöglicht habe. Das müüe umso höher angeschlagen werden, als die Landwirtschaft gerade in den 90 er Jahren schwere Zeiten dnrchgemacht habe. Znm Schluß spricht der Redner seine Freude darüber aus, daß Abg. Ulrich nicht mehr absoluter Freihändler sei (Abg. Ulrich ruft: Das ist er nie gewesen!) und daß auch Abg. K o r e l l - .Ingelheim sogar den Antrag Kanitz erwähnt habe.

Tie Sitzung wird darnach urfl 1% Uhr abgebrochen.

Nächste Sitzung : Mittwoch früh 9 Uhr.

Märkte.

ke. Frankfurt a. M., 21. März. Heu- und St roh markt. Auf dem heutigen Heu- und Strohmarkt ivar nichts angefahren.

Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.

März

1916

f-ol

2

1 S

S->

«S

- (fj tu w

O- sj

C tu

H

5.5- sr =

^ So

ZA

SS L

VO

41

if

£

i->

*c

jO

e

i

S L »

a 9 -~jE

COjd

Wetter

21.

2»

14,4

8.3

68

_

4

Sonnenschein

21.

9

10,0

7,4

81

0

Klarer Himmel

22.

7

8,0

7L

90

ro

Regen

Höchste Temperatur am 20. bis 21. März 1916: -f-15,4' C. Niedrigste 20. . 21. . 191«: + 6,3' 0.

Niederschlag 3,1 mm.

. . ...

wem ein Artikel fich

30 Zahre bewährt hat, »

darf man getrost Zutrauen zu ihm haben. Fay's ächte Zodener Mineralpastillen, seit 1886 auf dem Markte, haben Millionen und aber Millionen Linderung bei allen Erkrankungen der Loft- und Atemwege gebracht. Einen besseren Beweis gibt es nicht. Rur müssen Sic beim Einkauf stets auf den eingetragenen Namen5aq" achten.

Unnst und Wissenschaft.

- Eine Prophezeiung unseres U-Boot-

Krieges vor einem halben Jahr hinüber t.Ruft noch einmal die Opferfahigkeit des deutschen Volkes wach für die Gründimg einer Seemacht der neuesten Zeit. Tann aber haltet fest an der neuesten Erfindung. Bewahrt sie euch, so lange als möglich; so seid ihr Herren der siegreichsten Waffe. Nicht an die Holzkästen der alten Marine, auch nicht an die gepanzerten Schisfs- riesen 'und Monitore verschwendet eure Millionen, sondern mit der schlanken gewandten Beherrscherin des Untermeeves begründet die neue Flotte; sie ist fähig, den Kamps mit den Ungetümen der alten Marine zu bestehen: sie schafft in Geschwadern herbei, und unsere Flagge, unsrer Handel werden sich! auf der ganzen Erde die Achtung erzwingen, -die dem deutschen Namen geführt. Und will die' cktte Gewalt des Dreizacks euch erdrücken, dann, sendet den rührigen Schwarm der Brairotauck-ergondcln aus und ftagt, wer euch! widersteht, wenn die Schrecknisse der Tiefe über eure Feinde kommen! Glaubt ja, die Andern kommen euch bald in der neuen kühnen Art nach, aber voraus müßt ihr gehen, euck^ daran gewöhnen, niemand vor euch zu sehen, es als eine Schmach empfinden, immer und immer zu warten, wohin andre mit unfern Erfindungen wohl kommen möchten! Es ist mit dieser Erfindung den Deutschen gegeben, für oas Leben des Meeres eine neue Epoche zu begründen. Jetzt gilt's für uns alle, m zeigen, ob wir wirklich! noch etwas Gewaltiges wollen können!" Solche wie mitten ans unfern Tagen tönende Worte schrieb inMeyers Universum für 1 8 6 3 " ein deutscher Schriftsteller Friedrich Hof m a n n in einem AufsatzHamburg und die deutsche Seewehr". Tie neue Erfindung, für die er sich so begeistert einsetzt, sind dieBrandt tauchergondeln" von Wilhelm Bauer, die ja in der Bor­geschichte des Unterseebootes dne wichtige Rolle spielen. Das Gjefnhl der Scham über Deutschlands Machtlosigkeit auf dem Meere habe seinen Landsmann, erzählt .Hofinonn, zur Erfindung dieser neuen Waffe gedrängt. Mft Englands ränkevoller, rücksichtsloser Allein­herrschaft zur See sei es nun porbei.Selbst dieser Riesa ist nicht unbezwingbar, wenn .ein stärkerer über ihn konrmt; _ auch er gittert, wenn ein furchtbarerer sich ihm naht. Und dieser furcht­barste Kämpfer der Gewässer und sicherste Schutz der Küsten zu­gleich ist das Kind eines d e u t s ch e n Geistes, ist der untere s e e i sch e M a hne r , ist Wilhelm Bauers Brandtaucher in Ver­bindung mit seinen schtvimmerwen Revolverbatterien." Und anch diemoralischen Bedenken" gegen diese neue Kampftveise hat

dieser Prophet voransgoahnt und vor 53 Jahren mit unveraltet richttgen Sätzen entkräftet.Es gibt eine Art romanttfcher Sentt- mentalftät auch im Kriege, vre in der Ritterlichkeit des offenen) Kampfes eine besondere Ehre sucht. Das klingt schön, paßt aber nur für den Kampf mit der Klinge ober ist in die Zeiten vor Eiwi führung des Schießpulvers z-urückznwei''. . . Der Krieg muß heute so gefühtt iverden, daß er vor seiner eigenen Furchtbarkeit erschrickt. Deshalb ist jede neue Erftndung, die die vorhergehende an Zerstörungskraft überbietet, ein Schritt naher zum Frieden der Zivilisation; und die Erfindungen, welche mit den geringsten eigenen Menschenopfern und mit dem geringsten Kostenaufwand dem Feinde den empfindlichsten Schaden znfügen und den eigenen Herd am stärksten schützen, verdienen deshalb einen Ehrenplatz in der Geschichte der Zivilisation." Eine solche Erfindung aber, die TleNtschlawd die Herrschaft ans dem Meere, Schutz und Größe bringe, sei die Bauers. Von einer unredlich>en Kampsatt dürfe bei ihr ebenso wenig gesprochen werden, wie bei den schonungslos mordenden, Kämpfer und Nichtkämpser treffenden Granaten und Schrapnells.Man wende also dietttterlichen" Gesetze der Mensur nicht auf dem Schlachtfelde an, die sich Wilhelm BauersVdahner" sucht, zumal der neue Seekrieg, welcher dein alten Minen krieg' ans dein Lande entspttcht, die höchste männlickM Entschlossenheft, den höchsten Opfermut erfordert."

Eine Lustspiel-Uraufsührnng in Dessau. Ans Dessau wird uns geschrieben: Im Hoftheater erlebte ein dreiaktiges BerslustspielJunker Krafft" seine sehr erfolgreiche Uranfführnng. Das Vorntteil, das man manchen Bers- lnstspielen, die ihren Stoff einem Fantasie-Mittelalter entlehnen, entgegenbttngt, erwies sich diesmal als unberechttgt. Die Autoren, der seit dreißig Jahren am hiesigen Hoftheater tättge Max PaNlick und Hans Lorenz 'darunter verbirgt sich eine bereits mehrfach erfolgreich hervorgettetene Dame) verstanden es, uns eine in Sprache und Stil und Stofikreis innerlich erlebte Nachischöpfung -des deutschen Mittelalters vorzugaukeln, an der' wft gerade in der jetzigen Zeft ein kraftvolle Vergnügen finden. Der Junker Krafft von Trauneck ist ein gar gefährlicher Frauen-' Verführer: der Maler Eonrad kemrt ihn von Rom her und sucht nun sein holdes Schwesterchen ALargret dadurch zu behüten, daß er sich als ihr Gatte ausgibt. Dadurch gerät er aber selbst in die größte Schwiettgkeft, die von ihm heiß ersehnte Dochttr Susanne des reichen HändelZherrn Offterding M lieftaten. Die Berwiftlnng erreicht ihren Höhepnntt, als es sich darum handelt, für den

Festziug Kaffer Maximilians die schönste Jungfrau zu erwählen. Als der J'unker hinter die List des M'alers konunt, überlistet er ihn, indem er selbst mit Susanne fkfr znm Scheine verlobt. Im letzten Mt entwirren sich die Geschehnisse: Kaiser Maximilian hat erfahren, daß die Jungfer Räargrtt einem Kinde das Leben ge­rettet: er ernennt Eonrad zu seinem .Hofmaler und alles endet in Freude und Wohlgefallen. T-ie Llutoren wißen M spannen! und entwickeln viel Laune und Geist. Tie Tattstellung war durchtoeg vorzüglich; der dlutvr Paulick wurde oft gerufen. A. M.

Das bankerotte N i z z a. Schon laww war es kein Geheimnis mehr, daß die französische Mviera sich in argen Geld­nöten befindtt. Der Kneg ist anch in Monte Carlo und Nizza nicht ohne Wirkung gelstieben.^ Die weltberühmte Svielbank ist geschlossen, die Znftmer und Hallen der eleganten Hotels sind mit verwundeten Soldaten belegt, die kostbaren Billen von Nizza sind in Militärerhotimgsheffne nmgewandelt. Und der Zustrom von Fremden aus aller Herren Länder, der zugleich einen Sttvm von Geld bedeutete, ist versiegt. So wurden die finanziellen Ver­hältnisse der- Riviera immer mehr zerrüttet, und heute läßt es sich nicht mehr verbergen, daß Nizza vor dem Bankerott steht. Ja, das ehemals so strahlende, goümlierladene dftzza ist, wie der Figaro" berichttt, am Ende seirwr Kräfte:In einer jüngst einberufenen Versammlung der Stadtverordneten erklärte der Bürgerineister von Nizza, daß die Gefahr mehr als dttngend sei und man bloß noch zusehen müßte, wie man in Ehreti den Ban­kerott anm'elden könnte. ,^zn einigen Wochen," sagte er,'verden Ivir ferttg sein. Unsere Stadtkasse ist bereits fast teer." Und tatsächlich birgt Nizza bereits seit Monaten unter dem Druck der südlichen Sonne und des blmien Himmels die düsteren Farben der Armut und Sorge. Zlvar steht auch in diesem Jahre der lw- rühlmte Blmüenreichtum von 9?izza iu voller Blüte, aber das Fremdengeschäft, von dem die Stadt lebte, hat aufgehört. Die Fenster der Spielsäle sind lliftdicht verschlossen, alle Vergm'igungs- lokale und die Stätten der Lebewell sind gesperrt. Ohne irgend­welche Eirmähmeauellen, ohne jede Aussicht auf Rettung, gibt Nizza sein letztes Geld aus. W'vhl ist 9ttzza reich an Gästen, aber diese Gäste bringen ickchts ein, sie verursachen höchstens Kosten. Englische, serbische, russische, italienische und belgische Soldaten, die naä) schweren Wunden er Erholung bedürfen, Flüchtlinge aus dem besetzten Nvrdftankreich, aus Albanien und Rivntenegro. be­völkern die einst so glänzende Stadt.Aber wenn Nizza sterben sott," so versichett derFigavo",so wftd es in Schönheft sftrbcn