Ar. kl Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „«ielcner Kamllienblätter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „llrek-lMtt für den Areir Gießen" zweimal wSchentttch. Die „Land«irtschRftlichen Sett- erscheinen monatlich zwennal.
166. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhessen
Dienstag. M. Marz X9X6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts - Buch- und Steindruckerei«
R. Lang e, Gießen.
Schrtttleitung,Geschäftsstelle »«.Druckerei: Schul» straße7.Geschästsstelle u.Verlag:e^K51, Schriftleitung: ^KI12. Adresse für Trahtnachrrchtem Anzeiger Gießen.
Aus dem Reiche.
Berlin, 13. März. (WTB.) Wie wir hören, ist der Staatssekretär des Reichs mar in eanrts, Großadmiral von ^ ir p i tz, seit eitrigen Taigen erkrankt. Die Geschäfte werden von dem Dienstältesten Offizier geführt.
Berlin, 13. Mär». (WTB.) In der heutigen Sitzung des BnndesrntS getätigten zur Annahme: der Entwurf eines Frachturkurckenstempels utid der Entwurf eines Kriegsgewinnsteuergesetzes.
. 13. d^iirz. (WTB.) Der „Reichsanzciger" ver
öffentlicht eine Bekanntmachung über die Errichtung eines Schiedsgerichts zur Entscheidung von Streitigkeiten über inländische Butter mit dein Sitz in Berlin, sowie eine Bekanntmachung, nach der ob 15. März die Großhandelspreise für Margarine auf 1,83 M§rk, für Speise- fette aller Art mit 100 Prozent Fettgehalt auf 2,15 Mark und me Kleinhandelspreise für den unmittelbaren Bezug der Verbraucher auf 2 Mark, bei Speisefetten aller Art mtt 100 Prozent Fettgehalt auf 2,32 Mark (sämtlich für das Pfund) erhöht werden.
Berlin, 14. März.. Der in Leipzig tagende R eichs- vrrb and dc utscher Stadte bezeichne te die Elektri- A-i tätsc rz-en g ung durch den Staat als dringende Aufgabe und beschloß, wegen der schweren Nebel stände, die im K lei n w o h n u n g s w e s e n voraussichtlich nach dem Kriege eintreten würden, für die schleunige Erledigung der Kreditsrage einen Ausschuß zu bilden.
München, 13. März (WTB. Nichtamtlich.) Ein Berliner Blatt mhauptet, daß die für die nächste Zeit erfolgte E i n b e.r u - fung des B n n d e s r a t s a u s s ch u s s e s f ü r a n s w är i i g e Angelegen Herten be* Wünschen des Reichskanzlers nrcht entsprochen und daß dieser versucht habe, die Besprechung zu verhindern Wie die Korrespondenz Haffmaun schreibt, ist dieses Gerede völlig haltlos. Der Ausschuß wurde vielmehr in vollstem Emvernehmen mit dem Reichskanzler einberufen.
München, 13. Marz. (WTB.) An den bisherigen drei Kriegsanleihen wurden bei 3Z0 bayerischen ossentlrchen Sparkassen rund 185 Millionen Mark gezeichnet, darunter 84 Millionen Zeichnungen der Sparkassen selber und 101 Millionen Zeichnungen der Spargäste.
Ans Stadt rrnd
Gießen, 14. März 1916.
** Auszeichnungen. Schlitze Eugen Esch ke. Angestellter der Firma G. W. Schuchhardt, schwerverwundet, zurzeit rn einem Lazarett in Bremen, wurde das Eiserne Kvenz verliehen. — Ter Unteroffizier Willi Hundes Hagen im aktiven Inf.- Regt. 116 erhiell am 5. März das Eistrne Kreuz 2. Klasse.
** Die Provinz Oberhessen wird sich an der 4. Kriegsanleihe mit 800 000 Mk. (nicht wie irrig angegeben 500 000 Mk.) beteiligen. Vorherige Zeichnungen insgesamt 1957 000 Mk. — Die La n d es Versicherungsanstalt Großh. Hessen in Darrnfbadt hat aus die vierte Kriegsanleihe 1500 000 Mk. (aus die dritte 1 Million) gezeichnet.
** Anbau und Düngung der Kartoffeln währenddes Krieges. Die Gesellschaft zur Förderung des Raues und der wirtschaftlich zweckmäßigen Verwendung der Kartoffel e V. m Berlin hat als Flugblatt Nr. 17 eine Abhandlung des Direktors des Kaiser-Wilhelm-Jnstitnts für Landwirtschaft in Bromberg Professor Tr. Ger lack, über Anbau und Düngung der Kartoffeln während des Krieges heraus gegeben. 'Der Preis des einzelnen Flugblattes beträgt 5 Pfennig: bei größeren Bestellungen tritt eine erhebliche Preisermäßigung ein.
** Eine neue Bekanntmachung betreffend! Höchstpreise und Beschlagnahme von Leder tritt mit dem 15. 3. 1916 an Stelle der bisherigen Bekanntmacchrng über die Höchstpreise für Leder vom 1. 12. 1915, durch die die bisher gültige,: Grundpreise für Leder bei einer ganzen Anzahl
von Sorten crlx?blich herabgesetzt werden. Tie neue Bekannt- mackuirg enthält auch im einzelnen noch verschiedene Abweichungen von der bisherigen. Me Anfragen von Privatpersonen, Firmen, verbänden oder anderen nicht anitlichcn Stellen furch soweit sie sich! auf die festgesetzten Ppii.se bezielchn, an die Geschäftsstelle der Gutachlerkommission für Lederlchchstpreise, Berlin W. 8. Behrenstraße 46. zu richten. Der Wortlaut der Bekanntmachung ist bei den Polizeibehörden einzusehen. Abdrucke der Bekanntmachung sind bei der Meldestelle der Kriegs-Rohstoff-Ab- teilung für Leder und Lederrohstoffe, Berlin W. 8, Behrenstraße 46, erhältlich.
** T i c Auszahlung der F a in i l i e nu n t erst ützungen an die Angehörigen her zum Heeresdienste Einberufenen für 16. bis Ende März 1916 findet statt: An diejenigen, deren Namen beginnen mit: A—H Mittwoch, den 15. März 1916, 7--R Donnerstag, den 16. März 1916, S—Z Freitag, den 17. März 1916. Zahlstelle: Stadthaus. Zimmer Nr. 7. Zahlstunden: von 8—il Uhr vornnttags. Tie Unterstützungen dürfen nur an den vorgenanMen Tagen abgeholt werden.
Landkreis Gießen.
6. roßen »Bus eck, 14. Marz. In Anerkennung seiner Verdienste um die Verwundetenpflege des hiesigen Lazarettes er° lüelt der prakt. Arzt Tr. G e n g n a g e l die R 0 t e Kreuz- Ai e d a i l l e 3. Klasse. Tr. Gengnaqel ist seit Beginn des Krieges als leitender Arzt des Vereinslazaretts tätig.
e. Langd. 11. März. Ten Heldentod fl'irs Vaterland starb am 22. Februar der Ersatzrescrvist Hermann S ch ä s e r im aktiven Ininnt.-Regt. 81. — Der 'seit Ainang des Krieges im Felde stehende Gestecke Rudolf Nagel, beim Piouierbat. 21 wurde zum Unteroffizier befördert. — Die älteste Einwohnerin unseres Dorfes, die Witwe Elisabeths Ro nt Haler, ist im Aller von 100 Jahren und 7 Monaten gestorben.
L S t e i n h e i m b. Hungen, 14. März. In den letzten Kämpfen um Verdun wurde der Feldwebel Be ul er von hiermit der Hessischen Tapfe rkeits medaille ausgezeichnet. Bereits ' vor einem Jahr wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. Bculer stehr seit Kriegsbeginn in: Felde.
Kreis Schotten.
□ Laubach , 14. Atärz. Der hiesige 'Metzgermcister K ü h n ist durch Nichtbeachtung einer kleinen Verletzung au der Hand in wenigen Stunden an Blutvergiftung gest 0 rben. — Der Verein »H e i m a t s m u s e u in" veranstaltete am SamStag unter Vorsitz von Pfarrer Nebel einen gut besuchten Vaterländischen Abend. Zu Beginn der Versammlung legte der Vorsitzende einen Bericht über das vergangene Vereinsjahr ab und forderte die Au- wesenden cnch durch sretimllige Gaben von Altertümern zur Bereicherung des „Heimatsmuseums* beantragen. Hieran schloß sich eine Reihe von Lichtbildern, die Lehrer Jakob aus Gonterskirchen vorführte, die Leber^ und Treiben unserer Feldgrauen, Landschafls- bilder von den Kriegsschauplätzen usw. gut Wiedergaben. Im Mittel» punkt des Abends stand ein eingehender Vortrag über „Zweck und Durchführung der neuen Kriegsanleih e", gehalten von Pfarrer ■St e b c l. Zun: Schlüsse wurden Zeichnungsscheme verteilt. Der Vortrag wurde mit reichem Beifall ausgeiwrnmen. Mehrere vater- lcmdische Lieber trugen wesentlich zur Derschönerimg des Abends bei. Kreis Friedberg.
Bl. Friedberg, 13. März. Bei dem in .voriger Woche abgehaltenen Pferche- :md Fohlenmarkt fand wie in früheren Jahren wiederum eine Prämiierung statt, zn welcher die Stadt 900 Mk., der Lamdfchastskcmrmer-AuOchuß 400 Mk. und der Lantaspferde- zuchtverein 250 Mk. xur Verfügung gestellt hatten. Tie Anmel- Meldungen zum Wettbewerb waren iwer Erwarten zahlreich eingelassen: es waren an gemeldet Belgier in K>Me 1=5 Familien. Klasse II = 44, Klasse III = 22, Klasse IV = 20 Tiere. Oldenburger in Maste I 8 Familien, Msse II -= 25, Klasse III = 9, Klasse IV = 9 Tiere. — Trotz der äußerst ungünstigen Witterung waren fast alle Tiere her angebracht. Das Ergebnis der Prämiierung war folgendes : .1. Belgier Klasse I: 1. Karl Heil, Butzbach, Ehrenpreis des Landespferdezuchtvcrüns, 80 Mk.; 2. Wilhelm Richter, Reichelsheim, 1. Preis; 3. Friedlich Gros, Reichelsheim, 1. Preis, fc 60 ML; 4. Heinrich Müller VII., Wölfersheim, 3. Preis, 35 Mk., zusammen 225 Mk. Klasse Hl 1. Joh. Aug. Heinz, Nieder-Weisel, 1a. Preis: 2. August Köbel, .Heuchelheim, 1b. Preise je 50 Mk.; 3. Wilh. Hin-
15 Mark, zusainmeu 285 Mark. Klasse III: 1. Konrad
Philipps, Fauerback vor der Höhe. Ehrenpreis, 50 Mk.; 2. 2lloys Eß, Dornassenhüm, la. Preis; 3. Wilh. Ho rack, Reichelsheim, 1b. Preis, je 40 Mk.; 4. Otto Müller, .Henriettenhof, 2. Preis; 5. derselbe 2. Preis; 6. Joh. Hrch. Häuser, Nqeder-Weisel, 2. Preis, je 30 Mk.; 7. Hrch. Gq. K r a u s a r i l L, Nieder-Weisel, 3a. Preis: 8. Wilh. Zimmer IX., VLIlingen, 3 b. Preis, je 20 Mk.; 9. Wilh. Richter, Reichelsheim, Anerkennung: 10. Gg. Bill I., Nieder-Weisel, dlnerkennung; 11. Fr. Koch, Hof 5^asselheck, Llnerkennung. je 10 Mk., zusammen 260 Mk. IV. Klasse: 1. Wendel Hasser III., Nieder-Weisel, Ehrenpreis, 40 Mk.: 2. Karl Heil, Butzbach. 1. Preis; 3. Wilh. H 0 r a ck , Reichelsheim l b. Preis, je 30 Mk.; 4. Friedr. Gr 0 ß > Reichelsheim, 2. Preis: 5. Adam Jung. Dornassen heim. 2 b. Pr., IL 2.0 Mk.; 6. Herrn. Steter:. Reichelsheim 3 L Pccis; 7. Hrch. Müller VII., Wölfersheim, 3 b. Preis, je 15 Mk.: 8. Krd. Phillipps XVII., Fauerbach v. d. H., Anerkennung. 10 Mk., zusammen 180 Mk. Oldenburger. Klasse I. 1. Jakob Schaub, Büdesheinr, Ehrenpreis, 80 Mk.; 2. Otto Rieß, Weckesheim,
1. Preis, 60 Mk.; 3. Hrch. Christ. Fauerbach, Büdesheim,
2. Preis, 50 Mk.; 4. Heinrich Heller I., Echzell, 3. Preis, 3o Mk.; 5. August Schaub, Büdesheim, Anerkennung: 6. Otto Stoll, Anerkennung, je 20 Mk., zusammen 265 Mk. Klasse II: Ü Otto Gg. Walter, Langd, 1. Preis. 50 Mk.; 2. Hern:. Wilh. S traß heiin, Griedel, 2. Preis, 30 Mk.; 3. Ludw. Schmidt, Steinheim, 3. Preis, 20 Mk.; 4. Otto Rieß. Weckes heim, Anerkennung, je 15 Mk., zusamme:: 135 Mk. Klasse III. 1. Karl Ulrich, Okarben, 1. Preis, 40 Mk.; 2. PH Reitz, Weckes- hüm. 2. Preis, 30 Mk.; 3. Fr. Fenchel, Griedel, 3. Preis, 20 Mk.; 4. Aug. Schaub, Büdesheim, Anerkmnung; 5. Karl Witt ich, Rendel, Anerkennung, je 10 Mk., zusammen 110 Mk. Klasse IV. 1. Gg. Krd. Müller 1., Wwe., GriedÄ. 1. Preis, 50 Mk.: 2. Hrch. Heller I./Echzell, 2. Preis, 20 Mk.; 3. Hrch. Ehr. Fauerbach, Büdesheim, 3. Preis. '15 Mk.; T Otto Stoll, Heuchelheim, Anerkennung; 5. August Schaub, Büdesheim, Aneckerrnung, je 10 Mk., zusammen 85 Mk. — Im allgemeinen ist in landwirtschaftlichen Kreisen die Ansicht vertreten, daß die Pferdezucht in unserer Provinz im Lause der letzten 10 Jah-re sich mehr dem Belgierschlage zugewcndet hat.
Q. Bad-Nauheim, 14. März. Der Hebammen- Kreisverein^ Friedberg-Bad-N anheim hält gestern im Sprudel-Hotel seine Frühjahrsversammlnng ab. Anwesend waren 77 Mitglieder. Medizinalrat Dr. N e b e l - Friedberg hielt einen Vortrag über dve. Fortschritte der Desinfektion :n Dentschland gegenüber dem Auslände. Angeregt wurde, daß die de:: Heb- an:nren bei Geburtshilfe zustehende Taxe in den Amtsblättern veröffentlicht werden soll. — Gestern abend sprach der Käis^rlö ottomanische Ingenieur Santo Bey de Semo aus Kvar-, stantmovel rm Großtz. Kurhans vor nahezu aus verkauftem Saal über „Harem und die türkische Fraittb Der Redner, der die deutsche Sprache tadellos beherrscht, erzielte mit seinen Schilderungen einen großen Erfolg.
Märkte.
Gieße«, 14. März. Marktbericht. Auf dem hestigen Wochenmarkte kostete: Butter das Pfd. 1,90-0,00, Hühnereier das Stück 16-17 Psg., Käse das Stück 6-10 Pfg., Kasematte 1 Stück 3-0 Pig., Kartoffeln der Zentner 3,75 bis 0,00 Mark, Mttch das Liter 28 Psg., Spinat 25 -30 Pfg. das Pfund, Wirsing 15 bis 20 Pfg- das Stück, Gelberüben 00-00 Pfennig das Pfund, Rotkraut 00-00 Pfenuig das Stück, Rosenkohl 25—30 Pfg. das Pfund. Weißkraut 20—25 Pfg. das Stück, rote Rüben 0—0 Pfg., Zwiebeln das Pfund 20—25 Pfg., Nüsse 100 Stück 00 -09 Pfg., Blumenkohl 00-00 Pfennig, Sellerie 0-00 Pfennig das Stuck. Grünkobl 20-25 Pfg., Feldsalat 10-12 Pfg. - Marktzeit von 8 vis 2 Uhr.
fc. Frankfurt a. M., 13. März. Kartoffel in arkt. Kar- toffeln im Großhandel in loser Ladung ab Versandstation 6,10 Mk. per 100 Kilo. ,
Marie Ebner - Eschenbach.
Wvn Dr. Paul Landau.
Tie tztttr Aektermutter, di^ still gÄiebte tmtt> hochgeehrte Hüterin der friedvollsten und geheimste:: Schätze des Gemütes, ist ge- stiorben, sie, zu der die Iu:igen aus den Unruhen des Lebens hm- slüchteten, mn in den warmen Strahlen ihres all-gütigen Herzens von allen Munden der gequälten Seele zu genesen. Der selige Abglanz einer verklärte::, wunderbar geläuterten Seele strahlte aus ihrem Wesen und übergoldete die Tiefen und Schatten, die am Lebenswege lauern, mit einem warmen weichen Lichte.
Aus „Spätherbsttagen" hat uns die Dichterv: noch hie goldenen Früchte ihrer reifen Kunst gespendet, und der Herbst mag uns überhaupt als reinstes Symbol ihres Schaffens gelten. Nicht der Jugend heißes sinnliches Begehren, nicht der Rausch und die stürmende Kraft der Jahre in des Lebens Mitte haben ihre größten Werke geschaffen und ihre eigenste Schönheit zu Licht gebracht. Auch ihre Jugenderiunerungen ivaren völlig durchseelt von dem lächelnden Blick der Greisin, vvr deren in die Ewigkett schauende:: Auge tiocfy einmal die purpurnen Bilder der von Nivrgenröte überglänzten Kindhett auffteigen, und die Geschickte ilrres frühen Ringens und langen Leidens war noch lebendig im Sonnengold des Herbstes, ganz überzogen von der volle:: Reife der späten edelsten Frncht.
Dennoch waren ihre Anfänge schwer, und langsan: gedieh die settene Frucht, die tu ihrem Innersten beschlossen lag. Wie spät hat sie sich gefunden^, sie, die mtt brennendem Ehrgeiz nach dem Ruchm; der Höchsten langte und den Lorbeer Shakespeares, Dantes, Schillers sich um die jungen Schläfen winden wollte! In ihren Trauerspielen wollte sie die gigantischen Geister der Vergangenheit heraufbeschwöreu. in Epen das Meltgeschick besipgen und die süßesten Melodien in ihre Lieder bannen. So schwang sie sich empor mtt Adlerflügen, imd da sie enttänsM mtt gebrochenen Schwingen herabsank, da fand sie endlich im Einfachen das Vvllerchete, im Alltäglichen das Tragische, Eivige iu\b im lächelnden Resignieren eckst es Glück. In engem Kreise, still im Süllen an seinen: bescheidenen Teil tätig sein für alles Edle, in den zarten Menschenpflanzen, den Kindern, die reine Müte wecklen, das Gute anerkennen und preisen, wo man es findet, im Armenhaus und im Herrcnrschloß, das ward d« Bezirk ihres Lebens und das Ziel ihrer Werke.
Statt der großen Tragikerin, die in rollende« Jamben rhetorisch zwei Welten au fernanderstoßen ließ, statt der Dichterin, die den einschinveichelnden WoUlaut lyrischer Rhythmen fügte, war sie nur eine schlichte Erzählerrn gewvttxn, aber in dem epischen Abspttrnen ernes Geschichte::fadens, in den: anspruchslosen Wiedergeben eines Menschenschicksals stand tmb steht sie ebenbürtig :reben den großen Erzählern der Welfliteratur. Sic hatte keine andere künstterische Absichc, als zu erzählen und das in ihr Lebeirde auch; uns lebendig zu machten. Ncan vexsolgt es mit dem Entzücken, mit dem man eine rein sich entfaltende Begabung beobachtet, wie fte ganz behmsam Wyäichst ihre Gestalten mit
wenigen Umrissen hmstellte, wie sie am Anfang fast schüchtern und zögernd den Knoten schürzte, wie dann in ihr selbst die Fülle der Anschamrnig und Empfindung anfstteg, und dann „ein Schlag tausend Verbindungen regt". Kmr gewinnen ihre Menschen vollste Lebendigkeit, hier und da blitzt ein fein gesehener Zug, eine tiefsinnige Bemerkung auf. Diese Sorttrerlinge imd Originale, wie der nüchterne, beschränkte Oversberg, das paradoxe und ungleiche Brüderpaar der Freiherren von Gemperlein, sie gestatten uns durch die diskrete und scharf beobachtende Kunst ihrer Schöpferin, in die innersten Berzweigungen ihrer sonderbar maskierten, so zart und fein gebillcten Naturen einen Einblick zu tun. In der Geschichte „Der gute Mv-nd>" schilderte die Ebner einen jovirck derben und unschuldig gütigen alten Junker, zu dem Slckermcmn rn ,^Jolanthes Hoch- zeitt ein Pendant geschaffen hat. dlbp: wieviel lebensvoller und Wächter ist doch die Gestalt der Dichterin, trm wieviel weniger aufdringlich und effektvoll, um wieviel inniger und ergreifender sind die Msittcl, die sie anwendet. Ihre, Kunst forme:: find stets lauter, so völlig^ aus ihrer Persönlichkeit erwachsen, daß :nan bei ihr« BeurtettmLg die geläufigen Bezeichnungen von Ron:an und Novelle gänzlich außer acht lassen mußte. Sie hat diese ganz originale Form der ErzäUung auch in ihren größeren Werken gleich sicher durchgeflihrt wie in den lleinsten Anekdoten. Bücher, wie das vom ttessten Verstehen dm Menschcm- seele upd dem schönsten Glauben an das Gute geheiligte „Ge- meindckind", wie „Unsühnbar", diese reinste und ttauervollfte Darstellung eines Ehebruches, haben eine völlig eigeuarttge Form und e:ne durchaus besondere Technik :md sind doch mit den größten Mustern dm Erzähü:rgskunft eug verwandt. Gleich ihovn Meister Adalbert Stffter, hatte sie „den langen Atem^ und die schöne Besonnenhe:t, die der Erzähler brauckK, so daß der durchsiMige klare Flutz der fortschrettenden Handlling nie stockte, sondern uns unbemerkt stets auf geradem Wege seinem Ziele zuführte.
Die reine Harmonie ihrer besten Werke wurde aber erst durch den vollendete:: Ernklau g von Farm und Inhalt hervor gerufen. Wem: dre Ebner auch nur die eine künstterrsche Absicht hatte, zu erzählen ^und zu gelbalten, so e::tfaltete doch ihr ganzes Wesen eine stark padagogffche ^und moralisierende Richtung. Wie s-o viele große Erzähler, wie Hebel, Jeremias Gotthelf und Rasegger wollte sie erziehen und uns einen kostbaren Gewinn für Wettcrnschammg und Leben neben dem künstlerffchen Genüsse zurücklassen. Jedoch vermied sie rede herportrettmde Tendenz, der selbst Gottfried Keller :m „Marttn Sabrrcher" nicht ganz entgange:: ist; wie ihre große Freundin Luise von Frangais in ihrein Roman „Die letzte Reckenburgerin" vvllbvachte auch ihre feine Dichternatur das Wunder, jegtttljie 'Tendenz in Empfindung und Gestaltung aufzulösen.
Dazu half vor allem ihre Klughett; dem: sie war weise und von einem sv allumfassenden Intellekt, daß die Wiener Universität nie einen Besieoen zum Doktor der Weltweishett erküren konnte^ als da sie ihr zunr 70. Geburtstag den Doktvr Honoris causa, darbrachtc. Ihre „Aphorismen" sind ein klassisches Werk dieser Gatttmg, die sonst nur die Franzosen so gepflegt liaben, und hie philosophischen Schätze, die sie lster ausgebreltet hat, geben den j Lehren und WeMsten der Montaigne, Lawchepxucanld und Van- >
c. ciirv ^ ^>tL|iuuü ueö ne au
tnt Menschemvesen sehr scharf erkennen m luhrte !:e äJJ leiten literarischen Satire::, die ünen so bedeutsam Tett rhres Werkes ausmachen. Doch auch ihre Karikaturen, ih humorvollen Ironien wirken nie grell, nie verletzend oder pei' ttch; auch sie kamen aus warmem Und gütigem Herzen. Wie e früchteschwerer herrlicher Herbst war dgs Leben der Marie m Ebner-Eschenbach: an chr hat sich die We^heit aus dem Shgk speareschen ,^ear" erflillt, die da lautet: „Reif sein ist alles."
Marie v. Ebner-Eschenbach ist als eine Gräfin Dubsky a hart Mahrtschen Schlo,se chres Vaters geboren und verlebte do und nt Wien mit Ausnahme einer in hohem Lebensalter unts nommenen Retse nach Rom ihr ganzes Dasein. Sie verheirate jich sehr :ung mtt einem Freiherrn v. Ebner--Eschenbach, der na einer glucksichen, aber kmderlo-sen Ehe Mtt ihr als Feldmarschal Leutnant starb. Grillparzer war es, der die :wch jugendlis Grasin ermunterte, ihr offenkundiges dichberisches Talent wett zu pflegen.
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— Das neueste englische Kriegsdrama. „Kult: at Home nennt sich das Neueste jener einfältigen und uv wachen englifchen KMegsdrmnen, mtt denen die bereits vor de Kriege so tief darnvederlvegende Literatur wohl ihren Tiefstav erreicht haben wird. Das Stück, das am Londoner Court-TI>ati aufgefuhrt wird, ist von Rudolf Bester zusammen mit Mrs. Spo tiswood verfaßt. W spsill in einer lleinen preußischen Garnison« statt: ern englyches Mädchen heiratet einen Offizier in ajta Lrnienregiment, und nun soll „das Familienleben in Deutschlan vor dmr Kriege" txrrgesbcllt werden. Natürlich ist es kein glück lrches Leben. Der deutsch« Offizier behandett seine Fron wie da tebc B:eh Sve Muß ihn immer bedienen und darf ihre Person lichkett nicht entfalten. Ich habe fünf Jahre m Deutschland gelel und dabe: iede Gelogenheit gehabt, das militarffche Leben dort z sehen. Mrs Spottiswood hat sogar in einer deutsche:: Offiziers fannlte gelebt. Ter letzte Akt spielt im August 1914. Eine Mfli tärkapelle sptelt „Deutschland über alles". Nach diesen Angabe des T-uhters muß tag Stück ja ein großer Erfolg sein!
’ ~ c M., 14. März. Das Schauspielhaus be-
reM zum 3M. Tr^estage Shakespeares, des großen englischen Züchters, eine Reihe von Llufführungen seiner bedeutendsten Tragödien und Komödien vvr. Zu den sechs d^eueinsttcknernugrn des letzten Jahres. „Hamlet". „Drtonins und .Kleopatra", „Ter Kaufmann von Venedig" „Was ihr wollt", .Fvmödie der Jrmmgen", „Romeo mch Julias', :oird noch als siebente „Das Wintevmärchen" treten. Außerdem plant die Spielleittmg an einem Abend mit der „Komödie der Irrungen" die Aufführung einer Szenenreibe, die Max Grube aus „König Heinrich VI." unter dem Tttel „Die Hexe von Orleans" zu einem Biside gefügt hat. In die Regiearbeit der Shakespeare-Woche in Frankfurt teilen sich Intendant Behrvnp^ und die Herre:: Martin und Hartung.


