Ausgabe 
11.3.1916 Zweites Blatt
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Nr. 60 Zweiter Blatt

Erscheint ISyNch mit Ausnahme des Sonntags.

DieSiche»er LamNiendkätter" werden dem .Anzeiger* viernral wöchentlich beiqelegt, das ..LreirdUttt für den «reis Stehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Zeit« tragen" erscheinen monatlich zweimal.

J66. Jahrgang

General-Anzeiger für Oberhejsen

Samstag, \l März M6

Rotationsdrrtck unb Verlag der Brühl'schea Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießern

SchristleitungPGeschästsstelle »-.Druckerei: Schul- straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:s^K51,Schrift- leitung:^@112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Die schleichende Brise in Italien.

Ern gelegentlicher Mitarbeiter schreibt uns aus Lugano, st Marz:

Wenn kein Ministeriimr aller Parteien zustande kommt, wird sich die Kammer aus Verzweiflung in die Arme Giolittis werfen!" so schildert treffend ein Abgeordneter, der Reformsozialist Canepa, die derzeitige schleichende Krise in Italien. Man kann schon heute hinzufügen: Ein Ministe­rium aller Parteien kommt nicht zustande,'weil und solange Salandra das sästv-ankende, zitternde Staatsruder nicht ab- gibt. Geht aber Salandra, so kommt Giolitti. Dieser muß kommen, weil kein anderer mehr möglich erscheint, und nur ein Grund könnte fiir Giolitti bestehen, dem Rufe nach dem Retter nicht Folge zu leisten: sein hohes Alter. Giolitti ist zwar nicht 75 oder 76 Jahre alt, wie vielfach geschrieben wird, wohl aber 72. Doch ist der straffe Piemontese intmer noch so kräftig wie ein Fünfziger. Altersschwäche wäre also nur eine Ausrede, und Ausreden hat ein Giovanni Giolitti nie gebraucht. Seine Anhänger und Freunde, die sich allmählich wieder aus ihren politischen Schlupfwinkeln hervorwagen, rechnen ihm nach, daß er heute eine Gefolg­schaft von rund 320 Abgeordneten im Parlament hätte. Das sind dieechten" Giolittaner von ehedem und die jetzt an Salandra irre gewordenen, die Giolittaner aus Salandra-Haß. Dazu kommt ein halbes Hundert Sozialdemokraten, die stets gegen den Krieg waren. 500 Köpfe ist die Kammer stark. Es bliebe also eine Opposition von etwa 130 Abgeordneten, die von England gegängelt und von der Piazza getragen immer noch stark auf Kriegsgeheul ab gestimmt sind, den Beitritt Italiens zu allen Abmachun­gen der Entente und neuerdings in geradezu hysterischem Wahnsinn dle Kriegserklärung an Deutschland verlangen. Mit einer Mehrheit von 370 gegen diese 130 Kriegsschr'eier ließe sich wohl regieren. Aber es fragt sich doch sehr, welcher Auffassung der Lage Giolitti heute huldigt, wenn er zur Regierung zurückkehren sollte. Giolitti ist, ein sehr wort­karger Mann. DerLandwirt vom Rittergut Cavour" ist während der bisherigen neun Kriegsmonate nur selten in seine römische Wohnung (im vierten Stock eines Miets­hauses) gekommen und hat dort nur ganz harmlose Privat­geschäfte erledigt und Mite rfenertStaatsstreiche" vor­bereitet. Man erinnert sich wohl noch! der Tage, da in Rom dunkle Gerüchte verbreitet waren von unerhörten Verschwörungen, die Giolitti mit Bülow gegen das Mini­sterium Salandra gesponnen habe. Der deutsche Exreichs­kanzler sollte in Frascati, dem Tuskulum Giolittis, gewesen sein, und zahlreiche Zusammenkünfte sollten in der Villa Malta und in Giolittis römischer Wohnung zwischen den beiden Verschwörern stattgefunden haben. Der Zweck dieser Zusammenkünfte sollte der Sturz des Ministeriums Sa- landra gewesen sein. Giolitti hat auf jene Anwürfe be­kanntlich in einem Brief an den Abgeordneten Peano, seinen früheren Unterstaatssesi:etär, geantwortet. Er erklärte in diesem Brief, daß zwischen ihm und dem interimistischen

I deutschen Botschafter niemals von Italiens Verhalten die Rode war, daß das Ministerium Salandra npch wie vor seiner Unterstützung sicher sein könne, daß der . Krieg zwar niemals ein Glück, sondern imtner ein Unglück sei, aber wenn es die Ehre und die Vorteile des Vaterlandes erfordern, nicht vermieden werden dürfe. Denkt Giolitti heute, nach einem für Italien kläglich und demüti­gend verlaufenen Kriege ebenso? Und glaubt er sich stark genug, das Unglück dieses Krieges für sein Vaterland auf irgend eine Weise abmildern zu können? Einer seiner leiden­schaftlichsten Gegner, Ferrero, schrieb einmal:Giolitti ge-' lang es immer, Haß, Groll, Zorn und Ungeduld zu betäuben, die rasende Eifersucht der Parteihäupter zu bezähmen, er verlangte von Parlament und Volk kein Blut, keine zu großen Opfer, nicht mehr Geld, als die Leute zu zahlen gewohnt waren, und dies war bis 1911 sein größtes Verdienst,

Gseszener Stadttheater.

Der Richter von Zalamea.

Schauspiel von Calderou de la Barca.

Wr die deutsche Bühne übersetzt von Adols Wilbraudt.

Im allgemeinen ist ja die Scheu der meisten Theaterbesucher dar literaturhistorischen Experimenten wohl verständlich. Tie Er­fahrung hat sie gewitzigt, daß sich mit fast imfehlbarer Sicher­heit ein Fehlschlag einstellt, der mit allen Hinweisen auf die rein literarischen Werte nicht zu bemänrclu ist. Wie keine andere Kunst­gattung ist das Schauspiel von der seelischen Einstellung des mo- dernen Mensckten abhängig, denn es vermittelt ursprüngliches Ld- ben, von welchem besonderen Gesichtspulckte es auch gesehen sei. Ist dieses vermittelte Leben von einem Standpunkte aus gesehen, der unserer Vorstdluugswdt durch die Jahrhunderte entfremdet wurde, so bedarf es entweder sehr starker sinnlicher Reize, Kostüme, Szenerie, um unsere Aufmerksamkeit zu fesseln, oder in dem be­fremdenden Nahmen müssen allgemeingültige Menschheit swerte ein­gefaßt sein, die uns io nur in eine absonderliche Beleuchtung ge­taucht erscheinen. Von denk letzten Standpunkte au? ver­dient das vor 5OO Jahren verfaßte Schauspiel des spanischen Dichters Calderon de la Barca noch heute unsere vollste Anteilnahme. Haben auch unsere Forderungen au drama­tische Gestaltung eine grundlegende Aenberung durchgemacht und finden wir vieles zu langatmig, zu locker gebündelt und zu wenig zielstrebig, so ist doch das Problem des Konfliktes verschiedenartiger Ehrbegriffe noch heute so zeitgemäß wie je und Sudermanns Ehre", die vor einiger Zeit hier geboten wurde, zeigt, daß der gleiche Konflitt, natürlich auf unsere GesellschaftsverhälMisse zu­geschnitten, noch immer den Brennpunkt eines Dramas zu bilden vermag.

Ter Richter Von Zalamea ist in seiner Komposition mehr ein auseinauderstrebendes dramatisches Relief, das aber sehr gut durch eine geschickte Bearbeitung für moderne Ansprüche voll­kommen zurückgewonnen werde:: könnte. Literarhistorische Treue ist sehr lobenswert, aber der Geist kmm trotzdem bleiben, wenn auch der Buchstabe nicht der gleiche bleibt. Die schöne Geste des Spaniers wird daher unverwüstlich bleiben., aber die Handlung wird nickst darunter leiden, wenn sie an kinomatographischer Viel­fältigkeit einbüßt, und auch der Text wird durch einige Striche nicht verlieren.

Beachtenswert war es, wie unsere Schauspiel kr afte sich mit der ihnen gestellten Aufgabe abfanden, obgleich sie sich nicht alle wohl dabei zu fühle:: scksteuen. Eine hervorragende Gestalt schuf wiederum Wilhelm Hellmuth in den: Bauern Pedro Crespo, dem Richter von Zalamea, eine einnehmende Mischung von Her­zensgute und unbeugsamer Rechtlichkeit, die selbst vor dem König ihren freien Bauernstolz aufrecht erhält. Ter Künstler vermochte es vortrefflich darzustellen, wie von dein Adel der Gesinnung der

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er beging keine jener tragischen Torheiten, keine jener nie wieder gutzumachenden Jrrtümer, in die immer wieder zu verfallen, unser Schicksal zu sein scheint." Seinen einzigen größeren Fehler in der äußeren Politik den Tripolis­krieg beging er, wie Ferrero zugibt, vom ganzen Lande gezwungen.Die tragische Torheit",den ixte wieder gut­zumachenden Irrtum", zu dem Ferrero und so viele andere Italien hetzten, wollte Giolitti im vorigen Jahre dem Lande ersparen. Aber was nicht wieder gutzumachen, was mit dem Gift des Treubruchs und dem Blut nutzlos geopferter .Hun­derttausender von Landcskindern in die Tafel der Geschichte geschrieben ist, das vermag auch derZauberer von Monte- citorio", wenn er wiederkehren sollte, nicht mehr zu löschen und umzudeuten. Italien wird auch mit Giolitti den: ver­dienten Schicksal nicht mehr entrinnen. Auf das jämmerliche Komödienspiel Salandras, der seine verfehlte Politik und seine haltlos gewordene Stellung nur nocfi mühsam ver­schleiert, wird, unter wem auch immer, der Zusammenbruch unrettbar folgen.

Bern, 9. März. (WTB.) Tie italienische Kabi­nettskrise führte, den Blättern zufolge, nach Besprechungen der Minister mit denk König zu halben Zugeständnissen Salandras an die Kammer :md vertagte dadurch die Krise aus kurze Zeit. Tie Regierung nahm nämlich drei Anfragen über wirtschaftliche Themata zur Besprechung. Damit kommt Sa­landra einerseits den Obsttuktiouisten entgegen, die infolge der wirtschaftlichen Röte des Volkes einen breiten Teil der öffentlichen Meinung für sich haben, andererseits gibt er dem .Parlament einen Beweis der Rücksichtnahme, die den Eindruck seiner in den letzten Tggen gezeigten Halsstarrigkeit zu verwischen geeignet ist.

Börsen-Wochenbericht.

= Frankfurt a. M., 10. März.

Im freien Verkehr der Börse herrschte auch in der ab- gelauseuen Woche vorwiegend »nieder recht feste .Haltung. An­geregt durch der: guten Fortgang der Kämpfe vor Verdun, sehr" befriedigende I n du st r ieb er i ch t c, die Flüssigkeit am Geldmärkte und den viel verspreck-eirden Verlauf der K r i c g s a nl e i h c z e i ch n n n g e n, zeigte sich erhöhte Kauflust auf fast allen Gebieten, und die großer: Kurssteigerungen weckten wiederum die Teilnahme weiterer Kreise. Der Kriegszustand mit Portugal blieb demgegenüber ganz ohne Einfluß uns die Börse, zumal dieser Staat als militärischer Gegner kaum in Betracht kommt. Von ebenso geringer Wirkung aus die Gesamt- Haltung waren auch die Meldungen über die Haltung Amerikas, da man die weitere Entnücklung der schwebenden politischen Fragen zunächst abtvarten Null und man auch an einen ernstereir Konflikt mit Amerika vorerst nicht glauben mag. Eine sehr zuversichtliche Stimmung riefen namentlich die guten Berichte aus der Mon­tanindustrie hervor, von denen besonders der gesteigerte Absatz des Stahlwerksverbandes, ein sehr günstiger Bericht vonk Zinkmarkte iknd nicht zuletzt der außerordentlich besiiedigendeJahresabsckstuß der Gelsenkirchener Bergwerks-Gesellschaft hervorzuheben sind. Montan­papiere standen denik auch diesmal im! Mittelpunkt des Verkehrs und erzielten fast durchweg mehrprozentige Kursbesferungen. Größere Umsätze zu stark erhöhten Kursen vollzogen sich auch in anderen Jndustriepapieren, so in Rüstungswerten, von denen wieder Köln-Rottweiler Pulver, Deutsche Waffen, Rheinmetall, Ludwig Löwe, Tynmnit Trust und Hirsch Kupfer im Vordergründe des Interesses standen. Von Autowetten waren Daimler, Kleyer, Benz, Horsch Motoren und Fahrzeug Eisenach gefragt und höher. Rege Kauflust bei steigendem Preise trat auch für Gelsenkirchener Gußstahl (Munscheid) Aktien hervor, ferner waren einzelne che­mische Werte und die Aktien von Lederfabriken wieder begünstigt. Gegen Wochenschluß gaben die meisten dieser Werte allerdings auf Realisationen etwas nach, was aber nach der vorangegangenen Steigerung naturgemäß erscheint. Etivas schwächere Haltung zeig­ten im allgemeinen auch S ch i f f a h r t s a k t i e n. Banken lagen still und wenig verändert. Der A n l a g e m a r k t hatte kein einheitliches Gepräge. Deutsche Anleiben blieben ziemlich be­hauptet, österreichisch-ungarische lagen fest, ebenso schiveizerische und italienische Werte, auch Russen, Griechen und Argentinier, Japaner und Chinesen waren schwächer. Größerem Angebot unter­lagen auch Portugiesen. Amerikanische Eisenbahn-Schuldverschrei­bungen waren geschäftslos. Geld war leicht. Privatdiskont etwa 4 1 / 2 Prozent.

Märkte.

Gießen, 11. März. Dt ci r f t l> c v t d) t. Aus dein heutigen Wochenmarkt kostete: Butter das Pftmd 1,900,00 Akk.: Hühner­eier dasStuck 1617Psg.; Käse 810 Psg., Käsematte 3 P'g. d.St.; Ochsenflelsch das Pfund 1,80-1,84 Mk.. Kuhfleisch 1,70 -1,84 Mk. das Pfund, Rindfleisch das Pfund 1,80-1,81 Mk., Schweinefleisch das Pfund 1.50- 0.00 Mk., Kalbfleisch das Pfund 1,70-1,84 Mk., Hammelfleisch das Pfund 1,700,00 Mk.; Kartoffeln der Zentner 3,75 Mt.; Zwiebeln das Pfund 2025 Psg.; Milch das Liter 28 Psg.; Russe 100 Stuck 0000 Psg.; Spinat 2530 Psg. das Pfund, Wirsing 10-15 Psg. das Stuck, Gelberüben 1215 Psg. das Psiind, Rotkraut 1525 Psg. das Stück, Rosenkohl 25 bis 30 Psg. das Psd., Kohlrabi 1015 Psg. das Stück, Weißkraut 15 bis 25 Psg. das Stück, Noterüben 1012 Psg., Grünkohl das Pfund 2025 Psenuig. Sellerie 10-20 Pfennig das Stuck, Meerretlig 2025 Pfennig. Marktzeit von 3 bis 2 Uhr. Fleischpreise auf dem Markte von auswärtigen Händlern: Ochsenfleisch das Pfd. Mk. 1,50 1,60 Rindfleisch d. Psd. 1.50-1,10 Atk., Rllldfleisch-Bratenstiick das Pfund 0,000,00 Mk., Nierenselt das Psd 1,50 Alk., Leber- und Blutwurst 1,45 Mk. das Pfund, Mettwurst 1,80 Mk. das Pfund, Schweinefleisch 1,45 Mk« das Pfuifd.

Spielplan öcs Eichener StaMheaterr.

Direktion: Hermann Steingoetter.

Sonntag, den 12. März, nachmittags 3 l , Uhr, bei Volks­preisen : Kinder-Vorstellung:Die drei Haulemännerchen." Ein Kindermärchen in fünf Bildern von C. A. Görner: Ende gegen

6 1 /* Uhr. Abends 7V 9 Uhr, bei kleinen Preisen:Das Glücks- madel." Ende nach 10 Uhr. Dienstag, den 14. März, abetlds 8 Uhr, bei gewöhnlichen Preisen (ermäßigt), 14. Dienstags-Abonne- inent-Vorstellung:Der Richter von Zalamea." Ende 10*/ 4 Uhr. Freitag, den 17. März, abends 8 Uhr, bei Volkspreisen: Volks- Vorstelttlng:Der Inxbaron." Ende gegen 10/, Uhr. Sonntag, den 19. März, nachmittags 3*/, Uhr, bei Volkspreisen: Kinder- Vorstelltnfg:Tie drei Haulemännerchen.* Ende gegen 5 1 /, Uhr. Abends 77, Uhr, bei kleinen Preisen:Der lächelnde Knabe." Eit de 9^ Uhr.

Meteorologische Beobachtungen der Station Eichen.

März

1916

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Höchste Temperatur am 9. bis 10. März 1916: ff- 3,6* C. Niedrigste * 9. 10. , 1916:1,1*0.

26 er tcgi>(~

mäßig jeden Tag auwendet, übt nad} unseren heutigen Kenntnissen die denkbar LefteLahn- nnd ^Mundpsiege aus.

Preis r/i Fl. tl. 1.50. '/, FL 85 Pf.

überwältigende Vaterschmcrz und 'baS rachsüchtige Blut des Spaniers gebändigt wurden. Ihm ebenbürtig zeigte sich Martha, Schild als seine Tochter Isabel. Für die seelische Rot'des zutiefst in seiner Ehre verletzten Mädcl^ns fand sie ergreifende Töne.^ Eine kraftvolle Leistung war auch der General Ton Lope de Figueroa, den Walter Tworkowski sehr charakteristisch herausstellte. Ferdinand Stein Hofer spielte seinen Haupt- mann Ton Alvaro de dltaide mit viel Temperament, eben­so Walter Strom den heißblütigen jungen Bauernsohn. Zwei sehr echte Figureir von shakespearischenr Humor brachten Mbert St'ettncr und Arthur Eugens. Man bedauerte, diesen ZwiUmgsbruder Quichotes, den halbverhungerten Edelmmrtr Don Mendo turd sainen vorlauten Diener mix eine ganz episodische Nebenrolle fanden zu sehen. An !>er Aufführung waren ferner noch beteiligt, Alwipe Feldermann, Hertha Zondervan, Otto Conradi, Paul Schönke, Ernst Theiling, Hermann Stichel, Carl D e l i o n und Direktor Herntann Stein- götter. zz.

*

Psychologie der ju gendlichen Verbrecher im Kriege. Tie erhebliche Steigerrmg des Anteiles der Ju­gendlichen am Verbrechertum, die man im Verlauf des Krieges beobachten mußte, ist eine Tatsache, die schwere Bedenken hervor- gerufeu hat und mit der man sich in zahlreichen Versairrnckungetr und 'Aufsätzen beschäfti-ff. Wenn man aber an diese Zunahme der jugendlichen Vemvahrliosung die trübsten Aussichten für die Zu­kunft knüpft, so dürste das doch zu weit gegangen sein. Solchen Sckiwarzsehern tritt der Geh. Justizrat Köhne im neuesten Heft der bei Otto Liebmmm erscheinenden Derckschen Sttafrechts- Zeitung entgegen, indem er in einem Anffatz überDie Jugend- lich>en und der Krieg" zu dem Ergebnis gelangt,daß das Wesen unserer Jugerrd sich nicht erheblich verLudert oder gar verschleckit- tert hat, daß aber die äußeren Schödhinge, die ihre gedeihlickw Entwicklirng gefährden, im Kriege noch> größer geworden fxitb, als sie es schon im Frieiden waren. Charaktcristtsch ist. daß während der ersten drei bis vier Monate des Krieges die Krimi­nalität der Jugendlichien abnalM. Die 17 jährigen*Burschen, die die Strafgerichte vorl-er so viel beschäftigt hatten, meldeten sich in Hellen .Hausen zum freiwilligeu Eintritt ins Heer, und durch die Familien ging eine pattiotische Begeisterung, die auch die Kinder evgrift m\b von der Begehung von Straftaten abhielt. Allmählich^ aber verrauschte diese Hochsttömung der Gefühle. Nach­dem das erste Ktäegshalbjahr vergangen war, tratetr trur noch selten jugendliche Arbeiter freiwillig ins «Heer ein; die vater­ländische Erhebung mackste nickst mehr ihre vereddnde Wirkuirg geltend, rmd so ivarm die Jugerrdlichen schlechten Einflüssen aus- gesetzt, die tmgehennnter ivalten komrteu als int Frieden. Der Typus der jugendlichen Angeklagten hat sich mm unter dem Ein­fluß des Krieges verändert, u.ud ganz neue .Typen

tteten aus. Vielfach sind es Knabeir,; gar nicht sehr verderbt sind, sondern nur ihrem erwachendeir Tatetrdrang und ihrer durch den Krieg erregten Phantasie irgendwie Luft schaffen wollen. Das sind die jugendlichen Uebdtäter, die das Kriegsspiel möglichst realistisch treiben und einander mit Messern oder heimlich ge­kauften Pistolen zu Leibe gehen. Wenn fidi die über schäumende Tatkraft im gegenseitigen Kamps nicht erschöpft, so tun sie sich zu Banden zusammen, verüben gemeinsame Einbrüche und andere Sttaftaten, die Kraft, Mut und Geschicklichkeit erfordern, und legen sich romantische Namen bei, wieSchwarze Hand" u. dergl. Auch früher kamen solche Tinge vor: es ist aber ganz auffallend, daß diese schweren Delikte während des Krieges non Knaben in jugendlicherem Alter, oft noch vor Erreichung des 14. Lebens-« jahres, begangen werden. Bleiben solche Taten imentdeckt und unbestraft, daun stumpft das sittliche Gefühl der Kuaben immer nrehr ab, und leickst werden sie durch die Gesdlschaft bereits stark verdlvrbener Burschen zugrrnrde gerichtet. Die Verringerung der Aufsicht, die durch die 2lbwesenheit der Väter und Vormürrdev hervorgerufen wird, zeitigt da ttaurige Folgen. Der hohe Ver­dienst, wie er in der Kriegszieit vielen Jugendlichen zuteil wird, ist im allgemeinen als Grund der Verwahrlosung nicht beob­achtet worden. Die bestbezahlten jugendlichen Arbeiter und Ar­beiterinnen sind es nicht, die vom Jugeirdgericht abgeurteitt: werden müsseir. Die neuen Typet: jugendlicher Angeklagter, die im Kriege hinzugekommeu sind, gehn: zum größten Teil aus solchen Verhältnissen hervor, in denen die Jugendlicher: sich der dirrch ihre Stellung hervorgeritfeneu Versuchung nicht gewachsen zeigten. Das nächstlieaea:de Beispiel fiitb die 1617 jährigen Burschen, die als Aushelser bei der Post angestdlt sir:d und sich an den Feldpostsenduugen vergriffen. Abentenrerlust verleitet zu Sttaftaten. So versagte ein bis dabin ordentlicher Jungem dem sein Vater die Genehmigung zum Einttitt ins Heer verweigerte, von da ar: bei der Arbeit vollkommen und beging einen Dieb­stahl, um Rtittel zum heimlich>en Entlaufen zu haben. Nachdem er den Vater umgesttmTnt hatte, ttat er als Kriegsfreirvilljger ein und wurde ein tückstiger Soldat. Ai:ch Prahlerei und Ruhm­sucht führen zu Entgleisungen. So tragen Jugendliche unberechtigt das Efferne Kreuz, um sich dadurch Ansehen zu verfchaffeu: ein Bursche lief in Mattosenuniform mit der Mütze S. M. S. Emdct: und dem Eiserner: Kreuz herum und ließ sich, huldigen, bis er schließlich verhaftet nnrrde." Zur Bekämpfung dieser Kriminalität hält Geh. Rat Köhne die strenge:: Sttafandrcfh:mgen und zahl­reichen Verbote nickst fair geeignet.. Nur durch intensive Er­ziehungsarbeit, die freilich im'Kriege sehr erschwert ist, ist dem laüzuhelfwt. Mein durch vern:ehrte Arbeit aus diesen: Ge­biet und durch Heranziehung itmnet neuer Kräfte für die großen Ausgabe:: der Volkserziehuug kann die sittliche Reinheit des heraw wachsenden Geschlechtes erhalte:: werden.