Nr. 58 Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die ..Sietzrner Ka»ilkenblätter" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beiqelegt, das ..LreisblM ftzr den Ureis Sichen" zioeunal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
l6b. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhefien
Donnerstag, 9. März IW
Rotationsdruck und Verlag der BrühL'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriitleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schulstraße?. Geschäftsstelle n.Verlag:^^D51, Schrift» leitung: S^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Bei der hessischen Landwehr während der französischen Zeptemberosiensive.
^ Von stud. jur. H. H., Wiesbaden.
I.
Nachdruck verboten. „ . . . . Hessische Landwehr schlug
sich Hervorragend.
(Tagesbericht vom 26. 9.15.)
Klingendes Spiel und Trommelschlag! Wieder zogen, wie. schon ifo oft während des Krieges, Soldaten aus von der Füsilierkaserne zu Wiesbaden, um ihren Kameraden in Frankreich, wie bekannt worden war, bei der Verteidigung des teuren Heimatlandes zu helfen. Strammen Schrittes, mit angezogenem Gewehr, der schönen Sitte gemäß mit Wremen geschmückt, marschierten Landsturm, Landwehr, Reserve und Kriegsfreiwillige nebeneinander durch die Straßen der Stadt dem Hauptbehuhofe zu. Der Zug, unter Dampf, stand bereit; schon ertönte das Signal: „Einsteigen !", und unter Abschiedswinken, Hurrarufen und den brausenden Klängen der Mllitärmnsik rollte der Zug ins Freie.--
Tie Mehrzahl hatte schon Pulver gerochen und Jtwrc guter Dinge. Die übrigen, die znm ersten Male an die Front gingen, blickten teils fröhlich, teils mit gemischten GesüWen in die Zukunft. Als wir uns nach zwei Tagen dem Endziel unserer Fahrt näherten, hatten wir heraus, daß es in die westlichen Argon neu ging, da, wo die Champagne beginnt: hart umstrittene, blutgetränkte Erde schon seit Anfang des Krieges.
Ans der Bahnstation eines kleinen Ortes wurden wir ausgeladen. Schweigend setzte sich die Kolonne in Bewegung, Schweigen herrschte auch während des Marsches, bis wir in einem Dörfchen Halt nmchten, wo wir erfuhren, daß loir dem in dem
Orte liegenden.-Regiment Rr. . . . zugeteilt seien.
Darob großes Erstaunen, besonders bei uns Kriegsfteiwilligen, die wir zahlreich bei dem Transport vertreten waren. Wir waren vorher fast alle beim Res.-Jns.-Regt. Nr. . . . gewesen und waren also Schweres gewöhnt; nun sollte das hier bei der Landwehr, wie wir hörten, ein ganz gemütlicher Krieg werden.
Mit den Landwehrlenten standeir wir bald aus guten: Fuße. Alle waren gemütliche Leute, die einen ..ruhigen Betrieb" gewöhnt waren. Besonders viel biedere Westfalen befanden sich beim Regiment. Sie konnten zuerst nicht verstehen, wie man uns junge Leute in efti Landwehrregiment stecken konnte. Das: „Wat wollt' ihr junge Kääls bü de Landwehr?" mußten wir oft über uns ergehen lassen.
Als wir das erste Mftl in Stellung rückten, staunten wir über die guten, festen Gräben, besonders aber über die in einfach großartiger Weise angebegten Urfterstände. Letztere waren hauptsächlich durch Bergleute, die sich im Regiment befanden, her- gestellt worden. Nach einer Besichtigung durch den Divisionär erhielt auch das Regiment eine besondere Anerkennung in bezug aus die gut ausgesührten Gräben und Unterstände. — --
Am 5. Juli 1915 waren wir zu der Landwehr ins Feld-ge- kmnrnen. Abwechselnd bezogen wir acht Tage die Gräben, dann lagen wir wftder acht Tage hinter der Front in unserem Quariier- orte tn. Rühe.
Wahrend der Rnh^eit war es immer äußerst gemütlich und stimmungsvoll. Wir hatten in dem Orte unsere Kantinen, aus denen wir alles Notwendige bezogen. Abends waren wir innerhalb der Korporalschaft bei Wein, Bier und Tabak zusamrnen: da wurde dann Skat gespielt, oder inan unterhielt sich über die Heimat, trieb Hohe Politik nsw. Manchmal lag über einein solchen traulichen Abend eine etwas schwermütige Stimmung, es war die Rede von Weib und Kind zu Hause, und jedesmal bei dieser Gelegenheit sangen die Landwehrleute das Lied vom Vater, der in den Krieg ziehen Mußte und nicht mehr wiederkehrte. Wir Jüngeren hörten still zu, wenn wir die wehmütige Melodie vernahmen:
Und als der Krieg zu Ende war.
Und der Vater war noch immer nicht da.
Da riesen die Kinder:
,^Jetzt muß er bald kommen,
Denn der Krieg hat schon längst Ein Ende genommen!""
So vergingen Juli und August: mich im Graben verlebten wir eine ruhige Zeit, mit Ausnahme der Tage um den 15. Juli l^rmn. Damals beabsichtigten die Franzosen einen Angriff auf eine links von uns gelegene Stellung. Bei der Gelegenheit erhielten unsere Leute, die nrit dem letzten Ersätze zun: ersten Male ins Feld gerückt rvaren, ihre Feuertaufe, da die Franzosen während der betreffenden Tage auch unsere Gräben unter starkem Feuer hielten.
An einem Abend während dieser Zeit standen wir im Graben, bereit, denselben zu verlassen, da wir abgelöst wurde::. Die ab- lösende Kompagnie kam; in zwei langen Linien zogen die beiden Kompagnien in^ dem engen Graben aneinander vorüber. Plötzlich wieder ein Artillerieübersall durch die Franzosen. Die Neulinge in der Front waren zuerst etwas kopflos, wodurch sich einige recht humorvolle Zwischenfälle ereigneten. Wie ein Blitz lag alles aus der Grabensohle; in den neben mir befindlichen Unterstand konnte ich nicht mehr hinein, da sich in denselbeg, sofort eine Anzahl Leute geworfen hatten, deren Beine zappelnd heraushingen, weil ihre Inhaber sich in der fürchterlichen Enge nicht bewegen konnten. Gerade neben mir bemerkte ich einen mir bekannten Feldwebel, ebenfalls erst seit einigen Tagen im Felde, der auch durch das Granatfeuer etwas aus der Ruhe gebracht war und jetzt der Länge nach im Graben lag. Als ich gemüllich zu ihm sagte; „Guten Abend Herr Feldwebel!", blickte er überrascht auf und antwortete; „Ah, Sie sind's, Herr H. Ei Dunnerkeil, was ham wer heit schon a Feier kriegt; ich kann's Ihne nur sage!"
Doch auch die „Frischen" hatten schon i:ach kurzer Zeit das anfängliche Kanonenfieber überwunden und halsen trotz des Feuers der Franzosen wacker mit. den Graben da. wo er beschädigt war, ausznbessern.
Die ierfte .Halste des Septeurber verlies ebenfalls ruhig. In diesen Tagen hatte unsere Komvagnie Brücken- und Wiesenwache ast per Aisne, direkt vor der feindlichen Stellung. Der Heldentod eines unserer Landwehrleute, der Mann war in meiner Korporal- schast, ging uns besonders nahe. Einer der fröhlichsten war er immer, seit Anfang des Krieges im Feld. Lange schon hatte er sich um Hein:atsnrlaub beworben. Endlich ging sein sehnlichster Wunsch in Erftillung. Den unterschriebenen Urlaubsschein in der Tasche geht er mit stiller Freude — er hat gerade Ortswache — auf seinem Poster: aus und ab; heute abend noch soll er fahren, Frau und Kinder sind von seiner Ankunft benachrichtigt. Da — ein ohrenbetäubender Schlag. Eine Granate ist in die Ortswache eingeschlagen. Entseelt liegt der Landwehrmann am Bode::. ein faustgroßes Sprengstück ist ihm durch die Brust gefahren. Wie oft hatte er das Lied gesungen vom Vater, der in den Krieg auszog und nicht wicderkam. Jetzt rvar er Heimgefahren in den ewigen Urlaub. ■-
Nach den Tagen der Brücken- ur:d Wieseuwache bezogen wir bei unseren Artilleriestellungen ein Reservelager. Die ersten Anzeichen machten sich bemerkbar, daß die Franzosen irgendwelche Unternehmungen plante::. Die Beschießung unserer Stellunaen fing wieder an, dazu kreuzten unablässig zahlreiche feindliche Flieger durch die Lust. Es war etwas im Gange. In den folgenden Tagen nahm die Beschießung zu. Bon un'erer vorderen Stellung her kam Meldung, daß die Franzosen fast jeden Keller des direkt hinter dem Graben liegenden Dorfes S. . . . durch Geschosse aus schweren Steilseuergeschützen eingeschlagen hatte::, so daß die dort in Ruhe liegenden Mannschaften gezwungen waren, in der zweiten Stellung des Kämpsgrabens Schutz zu suchen.
Nock; hatten wir hinten bei den Artilleriestellungen Ruhe. Wir hatten weiter nichts zu tun, als fortwährend ans das schwere Trommelfeuer der Franzosen zu horchen, das aus der Gegend von Le Mesnie—Perthes—Dahure in der Champagne schon feit zwei Tagen zu uns drang.
Wer Brotgetreide verfiittert, versündigt sich am Vaterlands!
Ans Stadt «nd Cand.
Gießen, 9. März 1916.
Militärische Frachtbries-Prnfungsstelte Frankfurt und Mainz.
Zur Abstellung der dein: Güterversand znm Feldheer durch falsche Adressierung und Außerachtlassung der Versandvorschriften entstehenden Unregelmäßigkeiten sind in den einzelnen Korps- bezirkcn militärische Frachtbrief-Prüfungsstellen eingerichtet werden: durch diese ftndet vor Auslieferung von Stückgütern oder Wagenladungen, welche an Stellen des Feldheeres oder solche in besetzter: Gebieten (eft: schließt ich an Militär-Eisenbahnbehörden) gerichtet sind, eine Prüfung der Begleitpapiere statt.
Im Bereiche des Königl. Stellvertretenden Generalkommandos des 18. Armeekorps sind zwei solcher Prüsmlgsstellen eingerichtet worden; 1. in Mainz für den Festungsbereich des Gonver- nements Mainz, 2. -in Frankfurt a. M. ft'ir den übrigen Teil des Kvrpsbezirks.
Die „Militärische Frachtbries-Prüsungsstelle Frankfurt a. M." ist dem Militärpaketdepot Frankfurt a. M. angegliedert. Die Geschäftsräume befinden sich Oppenheimerlandstraße Nr. 88 parterre. (Endstation der städtische:: Straßenbahn Linie 8 am Ziegelhüttenweg), Telephon Hanas 4818. - Sprechstunden für das Publikum von 9—12 Uhr vornftttags und 3—6 Uhr nach, mittags.
Tie „Militärische Frachtbries-Prüsungsstelle Mainz" befindet sich in Mainz, Münsterplatz 4, Telephon; Militäramt Mainz. — Sprechstunden von 9—12 vormittags und von 3—6 Uhr nachmittags.
Zur Vorlage der Eisenbahnbegleitpapiere i Frachtbriefe, Lade- Verzeichnisse uswck sind von jetzt ab alle privaten Absender im Stadtkreis Frankfurt a. M. und Mainz (Stadt) verpflichtet, tvelche Sendungen vorerwähnter Art aufliefern. Die Begleitpapiere sind (persönlich mder brieflich) unter Beifügung eines zweiten una:^-, gefüllten Frachtbriessormnlars der Frachtbries-Prüsungsstelle vor Auflieferung des Giftes zur Prüfung vorzulegen.
Znm Zeichen der erfolgten Prüfung werden die Begleitpapiere mit dem Vermerk „Geprüft! Militärische Frachtbries-Prüsimgs- stelle . . . und jeweilige::: Datt:m versehen.
, Tie Güterabfertigungen sind angewiesen, Sendrmgen, für die militärische Prüfung vorgeschrieben ist, beim Fehlen des Prüfungs- Vermerks der Frachtbries-Prüsungsstelle von der Beförderung auszuschließen.
Für auswärtige private Absender besteht ein solcher Zwang nicht, jedoch empfiehlt cs sich auch für diese, im Interesse einev ungehinderten Weiterbeförderung, die Begleitpapiere vor Aufgabo der Sendung einer der beiden Frachtbri e f-Prüfungsstellen vorzu- legen. Merkblätter, aus denen die für den Güterversand znm Feldheer gültigen Bestimmungen zu ersehen sind, tverden von den Frachtbries-Prüsungsstellen kostenlos verabfolgt.
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** 5 0er V e r e in ig u n g. Man schreibt uns: Eine aus allen Ständen unserer Bürgerschaft zusammengesetzte Versammlung hatte sich gestern abend zur Gründung eines 50er Vereinsf im Saale des Ga st hot Hindenburg eingesunden. Die Aiftoesenden: waren sich darüber einig, daß es trotz des Ernstes der Zeiten zweckmäßig sei, in engeren: Zusammenschluß unter Betonung der vaterländischen und rein menschlichen Pflichten zusammen zu stehen und den Beweis zu liefern für di«' ungebrochene Kraft und das Selbstvertrauen unseres Bürgertums. Nachdem Heinrich Noll die einleitenden Schritte des vorbereitenden Ausschusses bekannt- gegeben hatte, schritt inan zur Wähl des Vorstandes, an dessen Spitze die Herren Adalbert Bindewald und E. Ludw. Sack einstimmig berufen wurde::. Viele ernste und launige Reden würzten den weiteren Verlaus des Aberlds.
Landkreis Gießen.
o G rüttberg , 9. März. Gestern iand an der Großh. Realschule unter den: Vorsitze des Gebeiinen Oberschulrates Block aus Tariustadi die 5. ordentliche Abschlußprüfung statt. Wieder .bestanden sämtliche 1? Untersekundaner, danunter . ein Mädchen, die Prüfung.
- X G r ü nberg , 9. März. Der Kriegsfreiwillige Unteroffizier Erich Bender erhielt bei den letzten Kämpfen im Westen das Eiserne Kreuz.
r. Dt u s ch e n h e i m , 9. März. Der hiesige O r t s a n s schuß des Roten Kreuzes lieferte an das Kreiskonfttee für Rotes Kreuz und Kriegshilfe 1 Faß Bohnen und 24 Töpfe Honig. An bedürftige Familien in hiesiger Gemeinde wurden verteil: 1 Faß Bohnen und 21 Töpfe Honig.
Kreis Alsfeld.
up. Vom vorderen Bogelsberg, 9. März. Die Lerchen sind znrückgekehrt. Ihr Frühlingslied konnte man im Felde hören. Und nun überrascht die Boten des Lenzes der Winter mit seinem verspäteten Auftreten. Die Schneedecke, die vorgestern bis zu einem halben Fuß lwch sich türmte, brachte die Frühlingsboten in Gefahr, denn der Schnee deckte alle Nahrnngs- guellen zu. Diese Gefahr war aber gestern schon wieder vorüber, da die hochstehende Sonne die Schneedecke schnell zusammenschmilzt. Hoffentlich tut dieser Märzeuschnee nicht Frucht und Weinstock weh.
up. Homberg a. d. O., 8. März. Wie weit die Zigeuner in Europa wandern, die früher unsere Heirnatgegend mit ihrem ungern gesehenen Besuche durchstreifen, davon wurde ein Soldat aus einem Nachbardorie in Serbien belehrt. Dort traf er eine Zigeunerfrau an, die ihm inittcilte, das; sie früher Oberhessen und auch des Soldaten Heimat besucht habe. Ihre Beschreibung der Gegend ließen jeden Zweitel ausschließen, daß die Erzählung der Frau auf Wahrheit beruhten.
Arrnft «nd wiüenfcbaft.
— Klinger mit Musik. Ein eigenartiger und neuartiger Versuch ist in Wien unternommen worden: im Wiener Kon zerr hause wurde Klingers Brahms-Phantasie zusammen mit der Brahms- schen Musik, aus der diese Radierungen ihre Gestaltung schöpften, im Lichtbilde vorgesührt. Der Wiener Kunsthistoriker Josef Strzy- gowski, der dies interessante Unternehmen ins Leben gerufen hatte, gibt nun im neuesten Hefte der „Kunst für Alle" abschließende Bemerkungen über die ästhetische und künstlerische Bedeutung dieser VorsüHrungen. Eine Anzahl Blätter des Radierungszyklus stehen mit dem Brahmsschen Schicksalsliede im engsten Zusammenhang. Eine große Schwierigkeit lag aber darin, daß gerade zu den aus den Kern der Brahmsschen Musik abzielenden Vollbilder:: die unmittelbare musikalische Unterlage fehlt. Es ergab sich nuu,^ daß es bei diesen Bildern nicht lve-ter daraus ankomnrt, welches Musikstück von Brahms der Dirigent diesen Blättern, besonders dem Titelblatt „Akkorde", beigibt; bei der Wiener Aufführung wurde dafür der Anfang des Intermezzos in Es-Rloll gewählt. Zu dem Prometheus-Zyllus erwies sich dagegen die „Tragische Ouvertüre" als die kongenialste Schöpfung: man Hätte glaube:: mögen, daß Brahms diese Ouvertüre «geradezu für diese Blätter kvnftwniert hätte. Ueber den Gesamteindruck sagt Strzygowski: „Die Häufung der Eindrücke von Dichtung, Musik und bildender Kunst wirkte in den Liedern für eine Stimme unangenehm, während sie im Schicksalsliede zu einer tiefgehende:: Steigerung der Erkenntnis führte. Vollkomme:: aber schien den: Verfasser das Zusammengehen von Musik und Bild in den „Akkorden", der „Evokation" und den: Prometheus-Zyklus, also in den Teile::, in denen schon das Dichterwort bestimmte gegenständliche Vorstellungen erweckt und es dem bildenden Künstler allein überlassen blieb, die Brahmssche Musik in Gestalte:: der Natur umzusetzen." Der Wert solcher Lichtbilder- Konzerte liegt nach dem Verfasser darin, daß sie sich nicht an den Spezialisten und Fachmann weuden, sondern an ein Publikilm, das einen Gesamteindruck der Kunst in sich ausnehmen will. „Verfasser hatte den Eindruck, daß die Wirkung der öffentlichen Vorführung im allgemeinen eine tiefernste war. Brahmssche Musik allein wirkt weicher, der Einschlag der herben Art Klingers macht den Eindruck stärker und nachhaltiger."
— Das Muse n m des deutsche:: Handels in P a r i s. So unglaublich cs auch klingen mag: es gibt fetzt, mitten im Kriege, ein deutsches Handelsnrnseum in Paris. Und dieses Museum blüht nicht etwa im Verborgenen: es ist ein höchst offizielles Unternehmen, und sein Gründer ist'der Leiter der Pariser
Handelskammer. Das Museum, das in einem eigens für diese Veranstaltung erworbenem Hause in der Rue Notre-Damie-des-> Bictoires untergebracht wurde, entbält, wie der „Temps" berichtet, die verschiedensten Gegenstände deutscher Produktion, die man in Frankreich aus den noch vom Frieden vorhandenen Beständen austreibcn konnte. Das Bemerkenswerteste an diesem höchst interessanten Unternehmen ist der Zweck. den es verfolgt: „Es soll hierdurch", wie es wörtlich heißt, „den französischen Industriellen und Kausleuten ermöglicht werden, die Methoden kennen zu lernen, mit deren Hilfe es den Deutschen im Frieden gelunge:: war, eine überragende Stellung aus dem Weltmarkt zu erreichen." Der „Temps" hasst, daß man durchs sachverständige Ausstellung deutscher Erzeugnisse die ftanzösisck^en Handelskreise in den Stand setzen könne, ebenso erfolgreich zu arbeiten. Denn um eine wirksame Konkurrenz ausirehnren zu können, müsse man genan über das unterrichtet sein, was der (Gegner vornehme, und dies eben,' ist 'die Ausgabe des deutschen Handelsmuseums in Paris. Der Besuch des Museums ist jedoch nicht völlig öffentlich. Der Eintritt ist nur den ftanzösischen Fabrikanten gestattet.. Die Fabrikanten werden in Gruppen durch die Räume geführt, und die Vertreter eines jeden Handelszweiges sollen durch Sachverständige in die Geheirnnisse des deutschen Handelsersolges eingeführt werden. Es handelt srch> hierbei hauptsächlich um die einzelnen Herstellungs- Methoden imb um die Preislage der verschiedenen Erzeugnisse. Vertreten sind Artikel aus Stahl, Porzellan und G-las, Uhren, Stoffe, Spielwaren und verschiedenes Andere. Die Spielwaren sind, wie der „Temps" sich entschlüpfen läßt, besonders hervorragende Erzeugnisse. Es gibt dar:u:ter die verschiedensten Puppenarten, lleine Lokomotive::, technische Spielwerke, deren billiger Preis bisher in Frankreich niemals erreicht werden konnte. — Es entbehrt nicht der Komik, sich die Begeistenmg der Pariser Zeitungen über die Evzei:gniffe des deutschen Handels vor A::gen zu führe::, — derselben Zeitungen, die in der nächsten Spalte mit ebenso viel Eifer dein übt srnd, den Deutsche:: allen Verstand und alle Tückftigkeit abtzusprechen. Metken die Franzosen nicht, daß die Errichtung dieses seltsamen Museums die größte Huldigung an Deutschland^ bildet, die überllaupt m:r uchglich ist? Und noch dazu ciue Huldigung, die sie sich hätten ersparen kö:rnen; denn kann man wirklich^ in Fwnkrefth glauben, daß es genügt, deutsche Warn: zu betrachte:: und mit einem Schlage die Fähigkeit der deutschen Industrie in sich aufznnch-inen? ....
— Bukarest — das neue Paris. Wählrend Pari- sich mit Kriegsausbruch über Nacht in eine Stadt oer Arbeit, des
Ernstes und der Trauer verwandelte und heute alles eher als eine „Lichtstadt" genannt werden kann, hat das lebensfreudige Bukarest, dessen Einwohner schon immer dem äußerlich glänzenden Beispiel der französischen Hauptstadt nachzueisern suchten, es verstanden, die ^Neutralität Rumäniens zur Verwirklichung dieses Zieles a::s-> zunutze::. .Heilte ist Bukarest, nach den: Reisebericht einer Engländerin in der „Daily Mail", tatsächlich die lebenslustigste und glänzendste Fremdcnstadt in Europa. „Wer gegenwärtig ft: Bukarest lebt," Heißt es in der englischen Schilderung, „vermag sich kaum che Furchtbarkeit der Erschütterung vorzustelleu. unter der Europa bebt. Die luxusbegierigen Bukarester gehen jetzt ihren Leidenschaften und Vergnügungen noch rückhaltloser nach, als zur Zeit des Weltfriedens. Theater, Varietes, Ballsäle, Kinos und alle sonstigen Vergnügungsplätze jeder Art sind dtacht für Nacht überfüllt. In den eleganten mrb teuren Gasthäusern fließt der Champagner in Strömen, während die zahllosen Zigeunerkapellen übermütige Tanzlieder fiedeln. In den Spielkasinos wird das Gold auf die leichtsinnigste Weise verfchlendert. Elegante Wagen und Automobile rollen in laugen Reihen über die Calea Bictorici, die von fröhlichen, nach der neuesten Mode gekleideten Frauen belebt ist. Ueberall sieht nran Luxus, Verschivendung und -- Gleichgültigkeit. Denn die Bukarester scheinen dem Krieg absolut keinerlei ernsthaftes Interesse mtgegenznbringen. Rumänien verdient durch den Krieg nngehenre Summen, seine Produkte werden zu hohen Preisen verkauft. Dies erklärt die leichtfertige Sttnnnung. Doch auch dieser Glanz ist in vieler Beziehung nur äußerlich. Während Rumänien sich- jetzt auf der einen Seite des größten Woblstwrdes erfreut, ist doch das Elend der kleinen Volkskreise erheblich, da die Nachfrage die Preise auch im Lande geivaltig steigen ließ. Wollwaren haben Marchenpreise, ebenso Schuhwaren Salat, Oel,- Oliven, getrocknete Frückste, Afstelsinen, Melonen, .Tee, Kasfca und Kakao sind nur für die Wohlhabenden. Auch Speck, Butter, Seifen nick) Kerzen sind tei:er. Selbst der Reis ist so teuer geworden, daß Reispudding zu den beliebtesten Speisen in den ganz vornehmen Hotels gehört. Feiner sind die Mieten gestiegen^ Trotzdem, werde:: viele ne::e Privathäuscr- und Villen gebaut. Die Rnmäneit sind leichtherziger als je, laut und beivegl-ch ?luchi die oft besprochene Frivolität der Franzosen ist bei ihnen äußerst heimisch geworden. Die reichen Leute alnueu zuu: großen Teil französische Art nach, tragen Anzüge nach französischem Schnitt — mit einem Wort: :vas Paris vor zwei Jahren war, in ljeute Bukarest. Oder loenigstens gibt es sich den Ansck>ein, so zu sein. '*


