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26.1.1916 Zweites Blatt
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Nr. 21 Zweiter Blatt

Erscheint tLyUch rmt Aufnahme des SonntagS.

DieEktzener Famittenblatter" werden dem »Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, daS Krtisfelatt ffir den Kreis Eiehen" zweimal wöcheEch. DieLandwirtschaftlichen Sett- fsatzev*' erscheinen nwnatlich zweimal.

General-Anzeiger für Gderhesfen

Mittwoch, 26. Januar 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R7 Lange, Gießen«

Schristleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul- straße7.GeschästssteNeu.Verlag:^^51,Schrift« leitung: <^^112. Adresse für Trahtnachrlchtew Anzeiger Gießen.

Aus dem schwedischen Reichstag.

Stockholm, 25. Jan. (MTB. Nichtamtl.) Im schwe­dischen Reichstag begann die mit großem Interesse erwartete Budget-Debatte. Die Trrbüuenplätze waren dicht besetzt. Bon der Ersten Kammer war der Kronprinz anwesend. Der M i - n i st e r Pr ä siden t Hammarskjoeld hielt in der Zweiten Kammer eure große Rede, die er später in der Ersten Kammer wiederholte. Er betonte, daß keine Ursache bestehe, im In- odw Auslande zu zweifeln, daß die Politik der Regierung erne Poli­tik der Neutralität sei. Ern deutlicher Bclveis dafür sei in den Worten urrd Handlrmgen gegeben. Die her vor getretenen Zweifel daran seien dem krankl-aftcn Mißtrauen oder dem Mangel an Verständnis, was eine ehrliche und unparteiische Neutralität bedeute, zuzuschreiben. Bei einer Gelegenheit im vorigen Sommer führte der Ministerpräsident dies aus und wir versuchten, unseren Standpunkt zu erklären. Wir wiesen die Borstellung zurück, daß unsere Politik bedertten sollte, daß das Aufgeben unserer Neu­tralität unter kernen Umständen in Frage ^mmen dürfte. An diese Zurückweisung, die sich auf jeden Versuch bezog, in unsere! Politik etwas anderes hineinzulegen, als das, was wir meinen, wurden folgende Worte hinzugefügt: In Uebereinstimmung mit den abgegebenen Neutralitätserklärungen und mit unzweideutigen Aussprüchen des Königs bei verschiedenen Gelegenheiten ist es Unser warmer Wunsch, den Frieden zu bewahren, und unsere Pflicht, mit allen Kräften dafür tzu wirken. Wir rechnen aber auch mit Möglichkeiten, bei denen Schweden trotz aller Unserer Bemühungen die Bewahrung des Friedens nicht mehr möglich sein wird. Durch diese Worte und den übrigen Inhalt derselben Rede, die im großen Und ganzen von dem König und allen Mitgliedern der Regierung vollständig gebilligt wurde, ist Unsere Politik so genau und deutlich gekennzeichnet, wie es ohne ein unangebrachtes und sogar undenkbares Eingehen auf wirkliche oder angenommene Fälle überhaupt möglich iv-ar. In einer spä- rterOl Rede wurde weiter betont, daß ausschließlich schwedische Gesichtspunkte in Betracht kommen sollen, mithin Sympathien nicht entscheidend sein dürfen. Nach solchen Grundsätzen verfuhren wir bisher. Wenn irg-eirdwo eine Auffassung besteht, als wären wir parteiisch gewesen, so beruht diese entweder auf einem unrichtigen Gesichtspunkte oder auf ungenügender Kenntnis der Verhältnisse. An dm Grundsätzen der bisher von uns be­folgten Politik halten wir fest Und dies gilt auch für das Ver­hältnis Schwedens zu den übrigen Neutralen. Unter diesen suchten und erzielten lurr besonders von Dänemark Und Norwegen eine Mitwirftmg für gemeinsame Ziele. Daß die gemeinsamen Bestrebungen für das Recht und das Wohl der neutralen Mächte, wie für die Aufrecht er Haltung des in der Thronrede erwähnten Völkerrechtes nicht größeren! Umfang annahmen, sind wir die ersten, zu bedauern. Dies liegt an Verhältmssen, an denen wir keinen Teil haben Und worüber wir kein Recht haben, ein Urteil auszusprechen. Das aber wollen wir feststellen, daß nach unserer Ueberzeugung ein Erfolg solcher Bestrebungen nicht nur ein materieller und Reeller Gewinn für Schweden, wie für die anderen neutralen Länder, sondern auch für die Kriegführenden, ja sogar für ganz Europa sein tvürde. Die jetzige Gruppierung der Mächtei st nichtewig. Wenn andere Verhältnisse eintreten, wird es eine jetzt kriegführende Macht vielleicht bereuen, daß sie wegen zufälliger und oft zweifel­hafter Vorteile Verträge für die Gebote des Völkerrechts zerriß, die nur zu spät wieder hergestellt oder ersetzt werden können. Es ist kaum möglich, zu bestreiten, daß gewisse Schwierigkeiten, besonders im Gewerbsleben, vorläufig hätten gemildert werden können, wenn wir weniger genau in der Aufrechterhaltung einer wirklichen, un­parteiischen Neutralität auch in handelspolitischen Fragen gewesen wären. Tiefe Erleichterungen wären uns aber doch nur vorläuftg von Nutzen gervesen. Unsere eigene Erfahrung zeigt, daß infolge der fortwährenden schnellen. Verschärfung des Handelskrieges oft nur eine kurze Tauer des unsicheren Genusses von Vorteilen durch allgemeine Verabredungen erwartet werden kann. Aus anderen neutralen Ländern erfährt man auch, daß bald neue Forderungen durch die gemachten Zugeständnisse veranlaßt werden. Tie Zu­geständnisse führen leicht weiter und weiter von wirklicher Neu­tralität fort. Wenn wir uns jetzt den bedenklichen Be­schränkungen von Recht und Freiheit, fügen, so wäre andererseits zu befürchten, daß die Beschränkungen sogar in noch größerem Umfange nach dem Kriege Fortbestehen würden, wie auch, daß die folgende Zeit als endgültiges Ergebnis ökonomisch, wie politisch eine schmerzliche Abhängigkeit ergeben würde. Ob­gleich wir, ivie gesagt, im Interesse unserer Neutralität und Selbständigkeit vielleicht ans gewisse zufällige Vorteile verzichteten, so ist doch das Gesamtergebnis unseres Gewerbslebens bei uns Vicht schlechter, als in anderen neutralen Staaten.

In der Ersten Kammer erklärte der Führer der Rechten, Trygger, seine Partei wünsche jetzt wie vor einem Jahre, Aufrechierhaltung der Neutralität nach allen Seiten; er sei über­zeugt, daß die Regierung beabsichtige, die Newralität nach den Grundsätzen des Völkerrechts aufrechtzuerhalten. Der gegenwärtige Zustand ist kein Rechtszustand, smrdern ein Zustand der Gewalt auf der einen Seite und der Unterwerfung auf der anderen. Schweden

Der babylonische Kriegsschauplatz.

In den türkischen Kriegsberichten spielt die Front in Mesopo­tamien, an der sich gerade in letzter Zeit bekanntlich wichtiges Ereignisse abgespielt haben, eine immer bedeutsamere Rolle. Ur- ältcfter Kulturboden ist es, von dem die tapferen türkischen Truppen die Eindringlinge verjagen. Aber wenig erinnert heute-nvch daran, drß in diesem Lande die ersten Grundlagen der Kultur gelegt wur­den, daß Jahrhunderte lang hier die mohammedanische Welt ihren Mittelpunkt besaß, daß hier die Märchen vonTausend und eine Nacht" ihren Ursprung und Schauplatz hatten. Die Keilsckzrift, der Kalender mit sieben Wochentagen, deren jeder zwölf Doppel­stunden umfaßte, wurde am Euphrat und Tigris erfunden. 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung war in Babylonien von den Sumerern bereits eine großartige Kultur mit Städten, Ackerbau 'und Handel entwickelt; das Wasser der beiden riesigen Ströme, die oft ihren Laus veränderten, wurde durch ein bis ins kleinste aus­gebautes Kanalnetz der Landwirtschaft und dem Verkehr dienstbar gemacht, der schlammige Tonboden zu Ziegelsteinen verwendet, die einer hochentwickelten Baukunst als Material dienten. Die vorläufig letzte Blüte erlebte Babylonien (von 750 an) unter der Herrschaft der Äbessiden, die Bagdad gründeten. Ter Name dieser Stadt ist mehr als der jeder anderen des Orients in Deutschland bekannt, weil er bei uns sofort die Vorstellung einer mft deutschem Kapital und von deutschen Ingenieuren gebauten Eisenbahnver­bindung erweckt, an die die größten Hoffnungen geknüpft werden. Auf ihr beruht zu einem wesentlichen Teile das wichtigste Problem der nächsten Zukunft: der wirtschaftliche Zusammenschluß, den man kurz mit dem SchlagwortVon Berlin bis Bagdad" (oder rich­tigerVon Hamburg bis zum Persischen Golf") kennzeichnet. Tie Bagdadbahn ist das letzte Glied einer Landverbftrdung Mittel­europas mit Südasien (Indien), sie hat aber auch den Zweck, der Erschließung und Neukultivierung Mesopotamiens zu dienen . . . Furchtbar freilich hat das gesamte Wirtschaftsleben Mesopotamiens unter der Unsicherheit der letzten Jahrhunderte gelitten. Unge­heure Strecken, die früher angebaut waren, liegen seit langer Zeit völlig brach, können aber durch künstliche BerieselungsanlageU landwirtschaftlicher Kultur wieder dienstbar gemacht werden. Aller- ckngs müssen sie auch vor den Einfällen der Nomaden geschützt

könne nicht auf seine Rechte verzichten. Lieber, als daß wir auf unseren Anspruch auf Achtung und Ehre verzichten, sagte der Redner, wollen wir uns den größten Entsagungen und Opfern unterwerfen. Schweden darf nicht aus diesem Weltkriege mit einer Minderung an seiner Ehre und Souveränität hervorgehen, sondern geehrt und selbständig. Der Führer der Liberalen, Kvarnzelius, erklärte es als unerschütterliche Meinung seiner Partei und der überwiegenden Mehrheit des schwedischen Volkes, daß es notweirdig und das beste sei, eine unparteiische Neutrali­tät beizubehalten. Er sprach seine und seiner Partei Ueberein- jhmmintg in dieser Hinsicht mit der Regierung aus. Der liberale Exminister Alfred Petersson drückte seine Ueberzeugung aus, daß es der Wille der Regierung sei, eine unerschütterliche Neutrali­tät aufreckstznerhalten. Die schwedische Neutralität müsse so offen­bar sein, daß kein Zweifel an ihrer Ehrlichkeit entstehen könne.

In der Zweiten Kammer sagte deä Führer der Liberalen, Eden: Eine Neutralitätspolitik ohne Hintergedanken, korrekt nach allen Seiten, ist es, was das Land wünscht, und die erste ent# scheidende Bedingung für ein Zusammenarbeiten mit der Regierung. Er hob die Tatsache hervor, daß der Aktivismus eine schlechte Wir­kung außerhalb der Grenzen Schwedens hervorgerusen habe. Es sei eine Angelegenheit von der größten Bedeutung für die Regie­rung, die Rechte und das ganze Land, daß man sich von den akti- vistischen Elementen freimache. Man habe erklärt, der Aktivis­mus sei tot: dieser sei aber in neuer Gestalt auferstanden und auf handelspolitischem Gebiete hervor getreten. Der Führer der Sozial­demokraten, Branting, sprach die Besorgnis aus, daß die Hal­tung der Regierung nicht mehr so deutlich neutralitätsfreundlich sei wie bisher. Im Falle des Ausfuhrverbotes für Papiermasse habe man eine reine Erpressungspolitik versucht. Branting erklärte, aus den unteren Schichten des ganzen Volkes steige klarer und klarer die Forderung nach gerechter Neutralität empor. Ter Führer der Rechten, der ehemalige Staatsminifter Lindmann, erklärte, die Partei der Rauchten billige jetzt wie bisher die Neutralität. Die Neutralität, sagte er, muß ausrecht erhalten werden und unsere Interessen müssen geschützt werden. Man darf die Kriegführenden nicht zu dem Glauben kommen lassen, daß Schweden nach Belieben behandelt werden könne. Dies kann man aktive Neutralität nennen, im Gegensatz zur passiven. Was wir wollen, ist, daß tvir unter Aufrechterhaltung unserer Neutralität mit offenen Augen den Ereig­nissen folgen und unsere Rechte schützen. Das große Gebäude des Völkerrechtes steht kaum mehr; sein Grund hat sich als von lockerster Art erwiesen. Für das neutrale Schweden ist es eine Ehre, nicht an der Niederreißung des Völkerrechtes teilzunehmen. Wir haben ein Recht, von den Kriegführenden nach den bisher geftenbei*, Rechts sätzen behandelt zu werden. Wir sind auch verpflichtet, das zu erfüllen, was diese se'lben Rechtssätze einem neutralen Staate auferlegen. So wollen wir fortfahren. Die Mitglieder der linken Parteien der beiden Kammern tadelten die Negierung, weil sie im vorigen Jahre, ohne den Reichstag zu hören, die Kosten für die Neutvalitätswache bereitstellte. Sie besprachen auch die Lebens- mittebteueruug.

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Die große Rede, die Ministerpräsident Hcrmmar- skjöld um 24. Jan. vor beiden Kemrmern des schwedischen Reichstages hielt, wird man in London nicht hinter den Spiegel stecken. Es loar die Antrvort ans den von Eng­land herauf beschworenen Postkrieg^ Alles, was der Minister von der fortwährenden schnellen Verschärfung des Handels­krieges, von den rrnnrer neuen Forderungen und Zumu­tungen sagte, war an die Adresse Englands und gegen die ganze britische Kriegführung gerichtet. Bon Rußland kein Wort, keine Andeutung. Wenn auch der Kampf Schwe­dens bei Kriegseintritt vor allem dein russischen Nachbar gelten müßte, so könnte man doch heute schon ^ehn gegen eins wetten, daß die erste schwedische Kriegserklärung dem Bedrücker der Meere, dem Feinde des neutralen Handels, dem Verbrecher am Völkerrecht gelten würde.

Die Erhöhung der Zigarrenpreise.

Preissteigerung um y 2 bis 3 Pfennig.

Tie Zigarrenpreffe werden erhöht. Die Erhöhung soll sich in mäßigen Grenzen bewegen und % bis 2 Pfennig für dre^ge- wöhnlichen und mittleren Sorten, 3 Pfennig für die teueren Sor­ten nicht überschreiten, lieber die Gründe der Erhöhung wird einem Mitarbeiter desBerl. Tgbl." von dem Deutschen Zi­garre n h an dl e r bu n d mitgeteilt:

Tie Fabrikanten haben bereits vor ungefähr einem halben Jahre, als die Vorräte knapp zu weiten anffngen, die Preise für die fertige Ware erhöht. Diese Erhöhung erfolgte nicht einheitlich, je nachdem, wie sich dem Einzelnen die Gestellungskosten stellten. Diese Erhöhung haben die Händler selbst übernommen. Nunmehr haben aber sämtliche Fabrikanten infolge der weiteren Steigerung der Tabakpreise eine neue Erhöhung vorgenommen, die bedeutend größer ist als die erste. Sie beträgt 15 Mk. unddarübec pro 1000 Stück. Bei einzelnen Marken noch bedeutend mehr. Diese neue Steuer erklären die Händler nicht mehr tragen zu

werden, und es bleibt immerhin ftaglich, ob es je gelingen wird, diese Wanderstämme seßhaft zu machen. Wo der Boden regel­recht angebaut wird das ist vorläuftg leid«: an wenigen Stellen der Fall, da tritt seine Fruchtbarkeit in ganz erstaunlicher Weise hervor. Im Winter gedeihen vorzugsweise Weizen, Gerste und Hirse, Bohnen und Tabak: ist das im Frühjahr eingebracht, sät der Bauer auf dem gleichen Stück Land Reis, Baumwolle und Mais, die im Herbst geerntet werden. Außerdem sind größere Teile desselben Bodens mit Dattelpalmen, Obstbäumen und Oliven bepflanzt. Regnet es im Winter außergewöhnlich reichlich, dann stteut man auf weiten Strichen, die von den heutigen Kanälen nicht mehr bewässert werden können, Gerste aus, die dann noch eine besondere Ernte einbringt. In dem langen Sommer herrscht eine Bruthitze und eine fast völlige Trockenheit, sodaß alle Kräuter und Gräser, die nicht dicht am Wasserlaufe wachsen und nicht von Vieh und Heuschrecken verzehrt sind, ganz verdorren. Bis ins kleinste nmß also der Ausbau von Kanälen mit Stauwerken er­folgen, um das Wasser aus den beiden Strömen, die im Frühjahr 46 Meter ansteigen, in lleinen und immer lleineren Gräben überall hinzuleiten urrd festzuhalten. Jetzt bestehen riesige Gebiete rrur aus Steppen und Sümpfen, auch dort, tvo gewaltige Ruinen­felder von einstiger Kultur sprechen, etwa bei Babylon und Kte- siphon, der Stätte der großen Niederlage der Engländer im Sep­tember 1915. Tos vielgenannte Städtchen Knt el Arnara liegt an der Abzweigung des Haikanals vom Tigris ; es hat etwa 5000 meist lurrsche, wegen ihrer Diebereien berüchtigte Einwohner. Fluß­abwärts am sieberreichen Palnrendorfe Gnrne steht der sagenhafte paradiesische Baum der Erkenntnis, eine schöne Akazie. Bis vor einigen Jahren vereinigten sich hier Euphrat und Tigris; 1908 verlegte aber der Euphrat einen Teil seines Flußbettes, sodaß er jetzt erst etwas oberhalb Bas ras mit dem Tigris zusamnren- kammt. Diese Stadt ist der Seehafen Mesopotamiens und der Aus­gangspunkt der Flußschifftchrt nach Bagdad. Hier an den Ufern des Schatt el Arab ist das Land wahrhaft paradiesisch. Palmen­haine, Obstbaumpflanzungen und Kornfelder liefern märchenhafte Erträge, die zehn Millionen Palmen allein alljährlich etwa 65 000 Tonnen Datteln im Werte von rund 10 Millionen Mk. Die Dattel ist der Hauptausfuhrartikel, daneben Wolle und Kvrn (für 25 Millionen Mk.), Sesam, Häute und Pferde. Ter größte Teil

können und sie beabsichtigen, diese Preiserhöhung auf die Kon­sumenten abzuwälzen. Ein gemeinsamer Beschluß ist noch nicht gefaßt worden. Eine Reihe von Städten hat eine gleichmäßige Er­höhung vorgenommen. In Berlin wurde das Hebe rein kommen getroffen, daß jeder Händler die Preise soweit erhöhen soll, wie sich ihm selbst die Ware höher stellt. Infolgedessen haben die Großhändler die Preise sehr verschieden erhöht. Im Durchschnitt beträgt die Erhöhung y 2 bis 1 Pfennig für mittlere, bis zu

2 Pfennig für bessere und nur für ganz besonders seltene Sorten

3 Pfennig. Einzelne Marken, an denen noch kein Mangel herrscht, werden vorläufig noch im alten Preise gehalten werden, solange die alten Vorräte reichen.

Die Ursachen der Preiserhöhung sind verschieden. Bekairntlich werden die Zigarrentabake vorzüglich aus Amerika, Sumatta und Java bezogen. Nun hatte die englische Regierung Tabak als Bannware erklärt und erst vor einigen Wochen durch Zuschrift an den holländischen Ueberseetrust diese Verfügung aufgehoben. Es ist selbstverständlich, daß eine große Knappheit an Ware eintreten mußte. Der deutsche Tabak selbst r^cht für den Konsum nicht aus, er kann auch allein nicht verwendet werden, da ihm das Aroma fehlt und er auch schwer brennfähig ist. Ihm fehlen eben verschiedene Eigenschaften der amerikanischen Tabake. Besonders groß ist der Mangel an Brasiltabaken, die fast ganz verschwunden sind, und an Sumattatabaken. Hingegen sind Havanatabake, besonders in höheren Preislagen, genügend vorhanden, wenn Uatürlich auch darin eine gewisse Knappheit eingetteten ist.

Wohl läßt sich Tabak auf dem Landwege einführen, doch erhöhen sich hier wieder die Frachtpreise. Von großem Einfluß auf die Erhöhung der Tabakpreise ist die Steigerung des hollän­dischen Guldenpreises, er stieg von 165 zu Friedenszeiten auf 230. Auch alle übrigen Waren, die mit der Erzeugung und dem Versand der Zigarren in Verbindung stehen, sind wesentlich> verteuert worden, so das Kistenholz, Bindfaden usw. Auch die Arbeits­löhne sind ganz außerordentlich gestiegen.

Hierzu kommt schließlich der Wertzollzuschlag. Der Tabak ist mit 85 Prozent an Zoll pro Doppelzentner belegt. Hierzu kommen noch 40 Prozent Wertzollzuschlag. Kaust also der Fabrikant Tabak um 1 Mark, steigert sich der Preis durch Steuer und Wertzoll schon allein um 1,60 Mark. Wie sich die Vechältnisse in Zukunft gestalten werden, ist noch nicht abzusehen. Seit dem Beschluß der englischen Regierung, den Bann auf Tabak auf­zuheben, ist noch keine neue Ware eingetroffen. Es fragt sich sehr, wie die Engländer diesen Beschluß in der Praxis durchführen werden und ob sie ihn nicht durch allerlei Schikanen null uud nichtig machen werden. Im ,Anschluß an diese Ausführungen sei betont, daß die kürzlich von 'den vereinigten Tabakzeitungen mit­geteilten Absichten der Regierung auf eine Erhöhung der Tabat­st e u e r mindestens verfrüht sind. Sie beruhen, wie uns von sehr gut informierter Stelle versichert wird, auf leeren Kom­binationen und entbehren vorläufig jeder Grundlage, da die Regierung bisher noch in keiner Weise offfziell oder inoffiziell hierüber etwas verlauten ließ. Man kann daher höchstens an­nehmen, daß, wie wahrscheinlich viele andere Erzeugnisse, auch der Tabak einer schweren Besteuerung unterzogen wird. Aber keine der bisher veröffentlichten Ziffern kann Anspruch auf Rich­tigkeit erheben."

Die Marktpreise für Bieh und Frucht und die Gietzener Fleisch- und Brotpreise

_ am 24. Januar 3916. _

Schlachtviehpreise in Frankfurt a. M.

Fleischpreise in Gießen

Ochsen

Kälber

Schweine

50 Kg. Schlachtgewicht 140-160 Mk.

i/ 2 Kg.Schlachtgew.132-160 Pf i/ 2 Kg.Schlachtgew. 78-129 Pf.

i/ 2 Kg. 130-134 Pf.

Vr Kg. 130-134 Pf.

1/2 Kg 150 - 00 Pf.

Getreidepreise in Mannheim:

Brotpreise in Gießen:

Weizen 100 Kg. 27,30 Mk.

Roggen 100 Kg. 23.30 Mk.

Weißbrot 2 Kg. Pf. Schwarzbrot 2 Kg. 68 Pf.

Märkte.

fc. Frankfurt a. M., 24.^Ian. Heu- und Stroh markt. Auf dem heutigen Heu- uud Strohmarkt war nichts angefahren.

des Grundbesitzes im Mündungslande liegt in den Händen ein« einzigen Familie . . . Geld ist bis jetzt die aufdringlich vor. herrschende Farbe Mesopotamiens. Wir dürfen die sichere Er­wartung hegen, daß deutsche Kulturpioniere bald recht viel Grün in das Bild hinein bringen iverden. \

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Norwegens größte Pri vatkunstsam mlu n g. Dirrch das unlängst erfolgte Wloben des zu Bergen in Norwegen ansässigen Großkaufmanns Rasmus Meyer geht die bedeu­tendste private Kunstsammkmg von ganz Norwegen in öffentlichen Besitz über. Rasmus Meyer hat in seinem schlicht-vornehmerü Privathause in Bergen mit großer Liebe mcd feinem Geschmacke eine etwa 600 Nummern umfas sende Sammlung von Gemälden der nwdernen norwegischen Schule znsammerrgebracht. Hervor­ragend i>t darin Edvard Munch vertreten, den man wohl kaum in einer anderen Sammlung so gut kennen lernen kann, wie hier. Ueberhmrpt aber wird man in der Meyerschen Galerie kaum einen bedeutenderen Vertreter der neuer«: nortvegischen Malerei ver­missen ; auch mit Aquarellen, Zeichnungen und Werken fcer Grifftl- kunst lind hervorragende Meister, arte z. B. Werenski-ld und Munthe, trefflich verttet«:. Eine schöne Ergänztmg findet die Gemäldesammlung in einigen, von Rasnurs Melier vollständig erworbenen alten Zimmereinrichtungen, die au3 Pa tri zierhä usern in Bergen stmnn^en. Da ist vor allem k7rn reizendes Rokoko-- zimmer mit schönen 0>oldledertapeten, sowie das sagenannte Blumenthalzimmer, daS durch seine dekorvtftwn Wandmalereien einen besonderen Wert hat. Schon bei Lebzeiten hat der Saniniler den Entschluß zu erkennen gegeben, daß seine Kunstschätzc unge­teilt in den Besitz der Stadt Bergen übergehen sollen, und dieser Wunsch wird mm nach seinem 9tbleben zur Abführung gelangen. Die Sammlung bleibt vorerst in dem Meherscyen Häufe, das gleichfalls in den Besitz der Stadt übergeht, anfbeivahrt, um viel­leicht später in eigene, neue, mehr in der Mitte der Stadt belegene Räumlichkeiten übergeführt zu norden. Für Bergen als Kunst­stadt ist dies Vermächttiis ein btträcktlich« Gewinn, da die Bergen- ser Samnckrmgen hrergioch auf dem (Miete der modernen norwegi­schen Malerei sogar den Wettbelverb mit der Nationalgalerie m Christiania werden aufnehmen können.