Ueber
den Urheber: der: Wörter ENS und ESSENTIA;
Von Herrn G.L. SrarDınc.*)
Wenn ein heutiger Philosoph das Wort Wesen entbehren mülste, so wür- de er seine Zunge gelähmt glauben: den Römern, die von den besiegten Griechen nichts schwerer lernten als die Philosophie, fehlte dieses Wort lange, und eigentlich nahmen sie nie es auf, wenn man gleich mehrmal es ihnen anbot. Die Griechen mit ihrer bildsamen Sprache, mit der regen Aufmerksamkeit auf Schattirungen sogar von Begriffen, hatten längst alle Formen durchgeübt jener geheimnifsvollen Wurzel Sein, und spielten leicht “mit Zusammensetzungen und Abwandelungen des unergründlichen Wortes, vermittelst deren sie über Sein und Nichtsein logische Versuche anstellten bis zum Starren und Schwindeln der unbehülflichen Barbaren. Die Frag- ‚mente des Parmenides wissen.uns genug in, Verlegenheit zu setzen durch die unerwarteten Kontraste dieser beiden Bestandtheile des Denkens, und Plato, ein fähiger Lehrling dieser Schule, in seinem Dialog Parmenides, spinnet ein Netz aus diesen feinen Fäden, in dem jeder blofse Grammatiker gefangen wird, und das zu zerreifsen nichts übrig bleibt als der rohe Macht- spruch des alten Kato: claudendum esse ludum impudentiae. Mühsam nur und unvollkommen ahmten selbst die spätern Römer diese Künste nach, und die Sprödigkeit des Geistes zu den dialektischen Wendungen wird merk- lich genug in der Umständlichkeit und Unbestimmtheit ihrer Sprache, die gewöhnlich schwankende Umschreibungen braucht, statt ein einziges. tref- fendes Wort neu zu prägen. Der fremdartige grübelnde Sinn ‚der, fast nur seit dem Christenthume, auch den Lateinern sich mittheilte, mulfste mit dem Materiale selbst des Gedankenwechsels, mit der Sprache, viele
*) Vorgelesen den 28. November 1805,
Bist. Philo!. Klasse. 1804— I811. A


