Periodikum 
Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin
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2 G. L. Spalding

und kühne Veränderungen wagen, um sie zu seinem Dienste zu gewöhnen. Daher ist das Latein der Scholastiker so abweichend von dem antiken. Ueber dem Begriffe des Seins vorzüglich brütet auch hier der in sich gekehrte

Tiefsinn; und die Tertulliane und Augustine rauschen um unser Ohr mit

ens und essentia, nebst allen davon abzuleitenden Biegungen. Auffallender

ist es zu erfahren, dafs auch Cicero dies Wort essentia gebraucht habe. Und doch verdient der Zeuge allen Glauben, der dieses'aussagt. Es ist der Philosoph Seneka in seinem 58. Briefe an den Lucilius.° Freilich hat erst die neuere Kritik das Wort in die Stelle des Zeugen hineingebracht; aber mit so unwiderstehlichen ‚Gründen, dafs hier eben ein Beispiel er- scheint, wie eine Vermuthung Gewifsheit werden kann in den Augen des

Kundigen, der etwas. mehr ansieht als den Buchstaben._Seneka’s Worte

lauten so:„Cupio, fi fieri potest, propitiis auribus tuis quid senliam dicere: sin

„minus, dicam et iratis._ Ciceronem auctorem hujus verbi habeo, puto locuple- „tem.— Quid enim fiet, mi Lucili? Quomodo dicetur eucia, res necessaria, na- „tluram continens, fundamentum omnium? Rogo.itaque, permittas mihi hoc verbo „ull.” Dals hier etwas unvollständiges sei, merkt der flüchtigste Zuhörer;

der sorgfältigere entdeckt den Fehler in der Abwesenheit desjenigen Wor-

tes, wofür Cicero die Gewähr leisten soll, und jeder ergreift die dargebo-.

tene Verbesserung des Muret, der aus quid sentiam macht essentiam.(Varr. E.L:hb.1). cap. 20.) Nun erst füllt jene Verweisung auf das griechische Wort cucıa ihren Platz mit Recht; alles steht an seiner Stelle, und des Lesers Gemüth wird befriedigt. Damit aber auch der störrigste Gegner der schaf- fenden nicht blofs vernichtenden Kritik gewonnen werde, oder zum Still- schweigen gebracht, so erscheint noch ein späterer Zeuge für das Faktum, das Seneka, so hergestellt, erzählt, der gelehrte Staatsmann und Bischof des fünften Jahrhunderts Sidonius Apollinaris. Er sagt im Briefe an den Polemius, vor einem Hochzeitgedicht an eben diesen:„Lecturus es hic „eliam novum verbum, id est, essentiam: sed scias hoc ipsum. dizisse Ciceronem. „nam essenliam— nominavit addens: Licet enim novis rebus nova nomina: impo- „nere.” Mit dieser Umständlichkeit erwähnt verliert die Nachricht den Ver- dacht, etwa blofs aus dem Seneka geschöpft zu sein, und.es scheint viel- mehr, Sidonius- hatte Cicero’s Stelle selbst vor Augen. Wo aber nur mag diese Stelle befindlich gewesen sein? Seneka fügt der Autorität des Cicero eine zweite bei für sein empfohlenes Wort. ,Si recentiorem quaeris, Fa-

„bianum, disertum et elegantem, orationis, etiam ad nostrum fastidium, nitidae.”