Teil eines Werkes 
[Hauptband] (1845)
Entstehung
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2. Harnruhr des Pferdes. 11

ausſchließlich nämlich entſteht die Krankheit durch den Genuß verdorbenen Futters, beſonders nach verdor⸗ benem Hafer. Kürzere oder längere Zeit anhaltendes Verfüttern eines dumpfigen, mulſtrigen, ſchimmligen oder auf irgend eine Weiſe verdorbenen Hafers, hat die Harnruhr überaus oft zur Folge gehabt. Ganz beſonders iſt es erfahrungsmäßig der in Schiffen ver⸗ führte, alſo der ſogenannte Schiffshafer, welcher in dieſer Hinſicht ſo nachtheilig wirkt. Auch der in den Wirthshäuſern verabreichte, meiſtens ſehr ſchlechte Hafer gehört hierher, woher es denn auch kommt, daß die Pferde der Reiſenden, der Fuhrleute und Aller, welche viel auf Landſtraßen fahren, vorzugsweiſe oft von der Harnruhr befallen werden. Während die Krankheit in den Ställen wohlhabender Leute, in Mar⸗ ſtällen ꝛc. nur ſelten ſich zeigt, erſcheint ſie dagegen häufig unter Pferden wenig bemittelter, armer Leute; leicht erklärlich aus dem Grunde, daß Letztere vorzugs⸗ weiſe auf einen billigen Preis des Hafers ſehen, wobei ſie natürlich auf eine gute Qualität deſſelben mehr oder weniger Verzicht leiſten müſſen. Die Verderbniß des Hafers braucht nicht ſehr beträchtlich zu ſein, um dennoch die Harnruhr erzeugen zu können; oft fand ich dergleichen Hafer von Anſehen geſund und tadelfrei, aber es machte ſich ein dumpfiger Geruch an demſelben bemerkbar. Außer durch ſchlechten Hafer, ſcheint die Harnruhr auch durch andere verdorbene Körner, ſo wie durch verdorbenes, ſchimmliges Heu und dergleichen anderes Rauchfutter entſtehen zu können, obſchon die diesfälligen Beobachtungen weniger auffallend ſind, als in Betreff des ſchlechten Hafers. Auch der Genuß ſehr kalten, oder des mit vielen erdigen Beſtandtheilen verſehenen, alſo des Quell⸗ und ſogenannten harten Waſſers, ſo wie endlich Erkältungen und anhaltende Einwirkung von Näſſe und Regen ſollen die Krankheit erzeugen können, eine Annahme, deren Richtigkeit noch nicht ſo ganz ausgemacht iſt. Bei Füllen und Weidepferden kommt die Harnruhr faſt niemals vor. In der Regel erſcheint ſie im Sommer, und am häu⸗ figſten in den Monaten Juni und Auguſt. Viielleicht liegt dieſe Thatſache in dem Umſtande, daß der vor⸗ jährige Hafer bis zu dieſer Zeit ſchon ein beträchtliches Alter erreicht hat, und ſomit um ſo eher verdorben ſein kann.

Worin das eigentliche Weſen oder die Natur der Harnruhr beſtehe, iſt bisher noch keineswegs genügend dargethan; einige mehr oder weniger ſcharfſinnige und

viele abſurde Theorien ſind darüber aufgeſtellt worden. An einer genügenden Erklärung fehlt es bis jetzt. Wahrſcheinlich hat das Uebel in den Nieren ſeinen Sitz, indem dieſe Organe ſich in einem Zuſtande von Reizung befinden, wobei ihre Abſonderung, alſo die des Urins, übermäßig vermehrt wird. Dumpfiger Hafer wirkt vielleicht als ein heftiges urintreibendes Mittel.

Die Heilung der Harnruhr anlangend, ſo iſt bis jetzt kein Verfahren bekannt, durch welches es in jedem Falle gelänge, die Krankheit ſicher und ſchnell zu heben, denn ein und daſſelbe Mittel hat in Einem Falle zu⸗ weilen einen völlig erwünſchten und ſchnellen, in einem andern Falle kaum einen ſichtbaren Erfolg, ſo daß ſich die Dauer der Krankheit zuweilen, aller dagegen ge⸗ brauchten Mittel ungeachtet, dennoch beträchtlich in die Länge zieht. Dennoch iſt allemal ein ſolches Heil⸗ verfahren einzuſchlagen, welches Vernunft und die bisherigen Erfahrungen als das beſſere empfehlen.

Sobald die Gegenwart der Harnruhr an einem Pferde erkannt wird, iſt es zunächſt Haupterforderniß, die Qualität des Futters zu unterſuchen. Findet es ſich, daß namentlich der Hafer ſchimmlig und von ſchlechter Farbe iſt, oder ſelbſt nur in ſehr geringem Grade dumpfig riecht, ſo muß derſelbe ſofort entweder durch anderen, völlig unverdorbenen Hafer, oder durch anderes geſundes, in reichlicher Menge zu gebendes Körnerfutter erſetzt werden. Selbſt wenn der bisher gegebene Hafer unverdorben erſcheinen ſollte, ſo iſt dennoch ein ſolcher Futterwechſel anzurathen, weil die Beſchaffenheit des früheren Hafers vielleicht ſchlecht ſein könnte, ohne daß es zu entdecken wäre. Das Gleiche gilt von dem übrigen Futter; es wird anderes Heu gereicht, oder ſtatt deſſen guter Strohhäckerling, Kleeheu, Grünfutter ꝛc. Auch das bisher gegebene Getränk wird, wo möglich, mit anderem, am beſten mit Flußwaſſer vertauſcht. In vielen Fällen reicht eine ſolche Aenderung in der Diät allein ſchon hin, um die Harnruhr in kurzer Zeit zur Heilung zu bringen.

Als eigentliche Heilmittel ſind eine ſehr große An⸗ zahl in Vorſchlag gebracht worden; nur wenige jedoch ſcheinen einen bemerkbar guten Erfolg zu haben. Ein ſehr populäres und in der That nicht unwirkſames Mittel iſt der gewöhnliche Lehm, zumal der von röth⸗ licher Farbe, welcher ziemlich viele Eiſentheile enthält. Von dergleichen Lehm werden in jeden Eimer des dem Pferde zu gebenden Trinkwaſſers einige Hände voll

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