2. Harnruhr des Pferdes.
2. Harnruhr des Pferdes.
Dieſe, auch unter den Namen: Harnfluß, Lauterſtall, oder der widerlichen Benennung der klaren oder kalten Piſſe, bekannte Krankheit kommt, beſonders in Mittel⸗ und Norddeutſchland, ziemlich oft vor, und iſt deshalb auch faſt allgemein bekannt. Sie iſt von ſo auffallen⸗ den Zufällen begleitet, daß ihre Erkenntniß überaus leicht und ſicher iſt..
Das von der Harnruhr befallene Pferd entleert überaus oft, und ungleich häufiger als im geſunden Zuſtande, ſeinen Harn oder Urin. Der Urinabgang erfolgt alle dreißig, zwanzig und funfzehn Minuten, und zuweilen ſelbſt noch öfterer, ohne Anſtrengung und anſcheinend ohne Schmerzen; Hengſte und Wal⸗ lachen ſchachten dabei, wie dieſes bei geſunden Pfer⸗ den doch meiſt der Fall iſt, in der Regel nicht aus, indem ſie von dem Drange zum Uriniren ſo plötzlich und heftig überfallen werden, daß ihnen zum Aus— ſchachten nicht Zeit zu bleiben ſcheint. Der abgehende Urin iſt klar, waſſerhell, faſt ohne Geruch und Farbe; ſeine Menge iſt außerordentlich groß, ſo daß oft in einem einzigen Tage ſechs, acht und zwölf Eimer voll, und ſelbſt eine noch größere Quantität Urin entleert wird; der Stall erſcheint deshalb auch fortwährend naß von Urin. Neben dieſer übermäßig und ungewöhn⸗ lich häufigen und reichlichen Urinentleerung findet zugleich ein ungewöhnlicher Durſt des Pferdes ſtatt; derſelbe iſt faſt unlöſchbar. Das Pferd langt mit der größten Haſt nach dem dargereichten Getränk, und ſäuft drei bis vier Mal ſo viel als in geſnnden Tagen.
Die hervorragendſten Kennzeichen der Harnruhr beſtehen daher in einem außerordentlich vermehrten Durſte, und in einer ungewöhnlich häufigen Urinent⸗ leerung. Außerdem erſcheint das Pferd meiſtens gar nicht oder doch nicht auffallend krank zu ſein. Der Appetit bleibt oft während der ganzen Dauer der Krankheit wie im geſunden Zuſtande; manchmal jedoch frißt das mit der Harnruhr behaftete Pferd weniger gut als ſonſt, obſchon das Futter nie ganz verſchmäht wird, und der Appetit ſich ſomit niemals gänzlich verliert. Der abgehende Miſt erfolgt ſeltener, und er iſt härter und kleiner geballt als ſonſt. Das Haar wird, bei längerer Dauer der Krankheit, glanzlos und ſtruppig; daſſelbe ſieht wie beſtäubt aus. Die Haut fühlt ſich trocken an. Nach und nach findet ſich eine
größere oder geringere Abmagerung ein, obgleich ſelten in beträchtlichem Grade. Demungeachtet verliert das Thier wenig oder gar nichts von ſeiner Munterkeit, und, obgleich weniger kräftig als ſonſt, bleibt es doch während der ganzen Dauer der Krankheit zu den ge⸗ wöhnlichen Arbeiten brauchbar. Zeichen eines vor⸗ handenen Fiebers, oder eines ſonſtigen allgemeinen Leidens, ſind nicht zu bemerken.
Die Dauer der Harnruhr iſt in den verſchiedenen Fällen verſchieden, und ſomit nicht immer gleich; oft hält ſie nur einige Wochen an, oft währt ſie aber auch mehrere Monate. Dieſe Verſchiedenheit in der Dauer iſt von der Fütterungsweiſe, von der Art des Kurver⸗ fahrens und von manchen bekannten und unbekannten Nebenumſtänden abhängig. Gefahr iſt mit der Krank⸗ heit faſt nie verbunden. Einige Thierärzte behaupten zwar das Gegentheil, und meinen, die Krankheit könne ſehr leicht tödtlich werden. Dieſe Meinung beruht aber auf einem Irrthum, der offenbar nur aus dem Mangel an eigener Beobachtung und praktiſcher Er⸗ fahrung entſtanden ſein kann. Seit einer langen Reihe von Jahren habe ich die Harnruhr zu beobachten Ge⸗ legenheit gehabt, und zwar bei mehr als hundert Pferden. Nie ſtellten ſich jedoch, ſelbſt bei der längſten Dauer der Krankheit, irgend bedenkliche Zeichen ein, geſchweige daß ſie jemals tödtlich geworden wäre. Oft, ja in der Mehrzahl der Fälle, verſchwand die Krankheit von ſelbſt, und ohne daß irgend etwas zu ihrer Heilung vorgenommen worden wäre. So ſah ich z. B. einmal in einem Stalle zwölf Pferde zugleich an der Harnruhr leiden, in einem andern Stalle litten gleich⸗ zeitig ſieben Pferde. Alle genaſen ohne Kunſthülfe, und ſelbſt ohne den Gebrauch von Hausmitteln.
Wie dem nun auch ſei, ſo iſt die Harnruhr doch ſtets eine Krankheit, deren möglichſt ſchnelle Beſeiti⸗ gung wünſchenswerth erſcheint, weil die erfolgende Abmagerung den Dienſtgebrauch des Pferdes einſchränkt, und auch wohl ganz verhindert, und weil, was ich nicht gerade durchaus beſtreiten will, eine gänzliche Nichtachtung der Krankheit und ein ſchonungsloſer Dienſtgebrauch des Pferdes am Ende doch wohl ſchlimme Folgen haben könnten.
Die Urſachen der Harnruhr ſind in den allermeiſten Fällen ſehr augenfällig und deshalb bekannt; faſt


