6 1. Entzuͤndung
Man unterſcheidet einen ſogenannten heißen und kalten Brandz erſterer iſt der äußerſte Grad der Ent⸗ zündung, und bildet die Mittelſtufe und den Ueber⸗ gangspunkt zwiſchen der Entzündung und dem kalten Brande. Letzterer iſt daher in der Regel ein Ausgang und eine Folge vom heißen Brande. Die Wiederbelebung eines vom kalten Brande befallenen Theiles iſt unmöglich.
Wird ein entzündeter Theil brandig, ſo hören nach und nach alle Schmerzen in ihm auf; die Geſchwulſt ſinkt etwas zuſammen, ihre frühere Härte und Span⸗ nung verlieren ſich etwas, und ein auf den Theil aus⸗ geübter ſtarker Druck mit dem Finger hinterläßt die gemachten Fingereindrücke beträchtlich lange Zeit. Die Farbe des brandigen Theiles iſt dunkelroth, blau, ſchwärzlich, bleich oder aſchfarben. Die Oberhaut trennt ſich an verſchiedenen Stellen der Geſchwulſt, und hebt ſich in Form von Blaſen in die Höhe, welche eine dünne, ſcharfe und übelriechende Flüſſigkeit ab⸗ ſondern, auch bilden ſich zuweilen Luftgeſchwülſte von größerem oder geringerem Umfange. Der brandige Theil iſt gänzlich der Wärme beraubt, kühl, ſchmerzlos, in beginnender Fäulniß, und ſomit völlig todt.
Bei innern, weder dem Auge noch dem Gefühle zugänglichen Theilen, iſt die Gegenwart des Brandes in der Regel dunkel, und nur mit Unbeſtimmtheit zu erkennen. Hier müſſen wir uns an die allgemeinen Zufälle halten, und an die Wirkungen, welche der brandige Theil erfahrungsmäßig auf den ganzen Körper ausübt. Geht z. B. eine Entzündung der Gedärme in Brand über, ſo erlöſchen die früher ſehr heftigen Schmerzen gänzlich, die Haut iſt mit kaltem Schweiße bedeckt, alle ſichtbaren Schleimhäute ſind blaß, der Athem wird kühl, der Puls iſt nicht mehr zu fühlen, der Blick iſt matt, todtenähnlich, und das Thier krepirt. Die Leichenöffnung zeigt, daß dieſe Zufälle durch den Brand der Gedärme entſtanden waren, und deshalb dienen ſpätere, gleiche Zufälle als Belehrung, daß alsdann der Brand in den Gedärmen vorhanden iſt.
Anmerkung. Wohl jeder Leſer wird ohne Zweifel einmal an irgend einem Theile des Körpers eine klei⸗ nere oder größere Entzündung gehabt haben; z. B. die, welche nach dem Verbrennen mit kochendem Waſſer, oder nach dem Gebrauche des Spaniſchfliegenpflaſters entſteht. Es iſt ſomit Gelegenheit vorhanden geweſen, die Hauptzeichen der Entzündung am eigenen Körper zu ſtudiren, und ſie im Gedächtniſſe zu rekapituliren. Um beiſpielsweiſe bei dem Cantharidenpflaſter ſtehen
im Allgemeinen.
zu bleiben, ſo ſehen wir nach ſeiner Anwendung faſt alle der Entzündung zukommenden Erſcheinungen eintreten. Es entſteht zunächſt ein Gefühl von Bren⸗ nen oder von Hitze; ſodann entwickelt ſich ein ſehr lebhafter Schmerzz es entſteht eine, wenn auch in dieſem Falle nur flache, und nicht ſehr beträchtliche Geſchwulſt, und eine ſehr bedeutend vermehrte Röthe. Somit haben ſich nach und nach alle wahren Entzündungszeichen ausgebildet. Nach einiger Zeit macht die Entzündung nacheinander verſchiedene Aus⸗ gänge. Die Haut hebt ſich in Form einer Blaſe empor, und unter ihr erfolgt die Ausſchwitzung von Waſſer; ſodann bedeckt ſich die von der Oberhaut entblößte Stelle mit Eiter; endlich bildet ſich eine neue Oberhaut; Röthe, Geſchwulſt und die andern Entzündungszeichen verlieren ſich allmälig, die Ent⸗ zündung geht in Zertheilung über, bis endlich jedes Zeichen einer dageweſenen Entzündung wieder verſchwunden iſt.
In Betreff der Neigung oder der Anlage von einer Entzündung befallen zu werden, ſehen wir ſehr bemerkbare Unterſchiede, obgleich es keinen Körpertheil gibt, der nicht, unter gewiſſen Umſtänden und durch gewiſſe Urſachen, in Entzündung verſetzt werden könnte. Daß die Oberhaut, Haare, Hüfe, Klauen und Hörner hievon ausgenommen ſind, iſt ſchon früher angeführt worden.
Im Allgemeinen ſehen wir, daß junge, ſtark ge⸗ nährte, reizbare und feurige Thiere leichter und heftiger von einer Entzündung befallen werden, als Thiere, die ſich im entgegengeſetzten Zuſtande befinden. Alte, ſehr abgemagerte, träge und phlegmatiſche Thiere ſind weniger zur Entzündung diſponirt, obgleich hierbei zahlreiche Ausnahmen bemerkbar ſind. In Bezug auf die verſchiedenen Theile des Körpers bemerken wir, daß ſolche Organe, welche an Blutgefäßen und Ner⸗ ven ſehr reich ſind, oder die wegen ihrer Lage und Ver⸗ richtung äußeren Einwirkungen am meiſten blosgeſtellt ſind, am öfterſten von Entzündung befallen werden; z. B. die Schleimhäute, die Lungen, die Hüfe. Da⸗ gegen ſind Theile von ſehr feſtem Baue, denen nur wenig Nerven und Blutgefäße eigen, oder die durch ihre Lage gegen äußere Nachtheile ſehr geſichert ſind, nur ſelten entzündet; z. B. das Gehirn, die Knochen und die Knorpel.
Die Gelegenheitsurſachen, das heißt jene, welche direkt und unmittelbar Entzündung zur Folge haben


