116 Dritter Teil. Die techniſche Verarbeitung der Wolle.
Bekanntlich zeigt das aus der Walke hervorgegangene Tuch eine wirre Oberfläche, die Haarendchen liegen verworren durcheinander; dieſe zu ordnen und nach einer Seite zu ſtreichen, iſt Aufgabe des Rauhens. Nimmt man ein Stück Tuch, welches die Walke verlaſſen hat, in Augenſchein, ſo zeigen die beiden Seiten des⸗ ſelben keine Verſchiedenheit. Um eine rechte Seite zu gewinnen, wird das Tuch auf der einen Seite der Appretur unterworfen, während die andere Seite vernachläſſigt wird. Auf dieſe Weiſe erhalten wir eine rechte und eine linke Seite des Tuches. Das Rauhen ſelbſt geſchieht mittelſt der Kardendiſtel(Dipsacus fullonum), welche in den verſchiedenen Gegenden gezüchtet wird. Die beſte Kardendiſtel liefert Frankreich(Avignon), nächſtdem Bayern, Baden, Sachſen(Lommatzſch) und Schleſien. Zum Zwecke ihrer Verwendung werden die Karden in einer Art Rahmen(Rauhſtab genannt) feſt aneinandergeſetzt und in dieſem Zuſtande auf das vorher genäßte Tuch geſtrichen. Bei dieſer Manipulation faſſen die kleinen Widerhaken dieſer Diſteln die kleinen Haarendchen und ziehen dieſelben aus dem Gewebe hervor. Je beſſer und feiner das Tuch iſt, um ſo öfter muß es gerauht werden; feine Tuche rauht man fünf- bis ſechsmal, mittelfeine dreimal, grobe ein⸗ bis zweimal. Nachdem die ge⸗ rauhten Tuche gut abgelaufen ſind, werden ſie in den Rahmen genommen und ſo lange in die Länge und Breite geſpannt, bis ſämtliche Falten ausgeglichen ſind. Sobald die Stücke am Rahmen völlig gleich breit genommen ſind, werden ſie mit einer Rahmbürſte geſtrichen. Das Bürſten muß möglichſt gleich⸗ mäßig, ohne abzuſetzen, ausgeführt werden; denn es darf nicht überſehen werden, daß das Wollhaar die Eigentümlichkeit be⸗ ſitzt, in derjenigen Lage dauernd zu verharren, in welche es in naſſem Zuſtande gebracht und erſt getrocknet worden iſt. Gleich⸗ zeitig mit dem Rahmen wird das Trocknen des Tuches durch hohe Wärmegrade vollzogen. Nachdem die gerauhte Wolle ge⸗ trocknet iſt, wird ſie auf Scher⸗Zylindern geſchoren; in einigen Fabriken wird auch mit der Hand geſchoren. Welcher Art auch immer die Vorrichtungen ſein mögen, ſie alle verfolgen nur den Zweck, die auf dem Tuche noch vorſtehenden Härchen zu entfernen. Man unterſcheidet hier wieder das Scheren der Halbwollen und das Scheren der Rechtſeiten. Unter letzterer Manipulation verſteht man glatte Streichwaren, welche ſämt⸗


