4 Erſtes Kapitel. Die Bedeutung des Futterbaues.
beſondere die des Getreides. Länder, wo früher das Getreide faſt gar keinen Wert beſaß, fanden es nun lohnend, ihren Überfluß auf den fremden Markt zu werfen, und dehnten den Getreidebau aus.
Ungarn, überhaupt die Donauländer, ſpäter auch Rußland führten von Jahr zu Jahr immer größere Quantitäten aus. Der Getreide⸗ und Mehlexport Rußlands betrug z. B. 1800— 1813 jährlich rund 3 ½ Millionen Hektoliter, 1840— 1853 jährlich 11 Millionen. 1894 betrug die Ausfuhr 110 Millionen qu, 1897= 89 Millionen qu.
Dieſe Konkurrenz der ausländiſchen Getreideſtaaten konnten Gegenden, wo die Verhältniſſe für die Getreidekultur weniger günſtig waren, nicht aushalten. Die Getreidekultur wurde deshalb hier immer mehr eingeſchränkt und die Schwerkraft nach und nach auf den Futterbau, die Viehhaltung und Milchwirtſchaft verlegt. Begünſtigt wurde dieſe Umgeſtaltung durch die immer mehr ſich ſteigernden Vieh⸗ und Milchpreiſe.
In neuerer Zeit tritt auf dem Gebiete des Getreidebaues Nordamerika, ja ſogar Indien, Auſtralien und die ſüdamerikaniſchen Staaten in die Konkurrenz. Infolgedeſſen ſanken die Getreidepreiſe ſo bedeutend, daß ſich die größeren Staaten des europäiſchen Konti⸗ nentes veranlaßt ſahen, hohe Getreidezölle für das fremde Ge⸗ treide einzuführen, um ſo den Niedergang der Landwirtſchaft zu verhüten. Aber auch dieſe vermögen die Umwälzung nicht aufzuhalten, ſo daß der europäiſche Landwirt gleichſam gezwungen wird, ſein altes Betriebsſyſtem zu verlaſſen und ſich mehr und mehr dem Futter⸗ bau und der Viehhaltung zuzuwenden. Welch große Fortſchritte auf dieſen Gebieten in den letzten Dezennien gemacht wurden, iſt bekannt. Das neue Syſtem bietet zudem den Vorteil, daß weniger Arbeitskräfte notwendig ſind und daß man einen großen Teil der Arbeit mit Maſchinen beſorgen kann. Durch die vermehrte Viehhaltung wird auch die Düngerproduktion geſteigert, wodurch der Kraftzuſtand des Bodens und damit der Ertrag erhöht werden kann. Der Futterbau iſt alſo indirekt ein Mittel zur Hebung des Getreidebaues. Anſtatt daß man, wie bisher, das Feld nur alle ſechs bis neun Jahre düngen kann, kann man es nun alle zwei bis drei Jahre, wodurch bei gleichbleibendem Auf⸗ wand an Arbeit und Kapital der Getreideertrag geſteigert und der Reingewinn vielleicht verdoppelt werden kann, ſo daß der Getreide⸗ bau wieder lohnender wird. Die Viehzucht bildet in dieſem Falle


