Geſundheit. 3
nach der einen oder anderen Richtung hin kleine, oft kaum bemerkbare Abweichungen von der Regel, welche indes den regelmäßigen Ablauf der inneren Lebensvorgänge und der hierdurch veranlaßten äußeren Lebens⸗ erſcheinungen, ſowie das Gefühl körperlichen Wohlbehagens, unter welchem letztere beim geſunden Individuum ablaufen, in keiner Weiſe ſtören. Solche Tiere bezeichnet man als geſund im weiteren Sinne oder relativ geſund und derartige Abweichungen nicht als Krankheit, ſondern als Unregelmäßigkeit, Mißbildung oder Verbildung(Anomalie, Abnormität, Deformität).
Als ſolche würden z. B. anzuführen ſein entwickelte Milchdrüſen beim männlichen Tiere, überzählige Zähne, Finger oder Zehen, Zurückbleiben eines Hodens in der Bauchhöhle(Spitzhengſte), kleine, keine Lahmheit oder ſonſtige Störungen veranlaſſende Knochenauftreibungen an irgend einer Stelle der Schenkelknochen, oder einem anderen Knochen des Skeletts ꝛc.
Ja, ſtreng genommen kann auch das Ideal, welches ſich der Züchter für ſeine Fleiſch⸗, Milch⸗ und Wolltiere gebildet hat, nicht als geſundes Tier im engeren Sinne betrachtet werden, weil ſein Bau, ſeine innere Organiſa⸗ tion ꝛc. nicht mehr vollſtändig dem der Art entſpricht. Denn ſein Faſerbau und ſeine Knochen ſind feiner, ſeine Gewebe lockerer, ſeine Haut iſt dünner, zarter und dabei feiner und ſpärlicher behaart, wie bei anderen, weniger veredelten Tieren derſelben Art. Trotzdem bei dieſen Tieren alle Lebens⸗ prozeſſe ſcheinbar normal und unter dem Gefühl körperlichen Wohlbehagens ablaufen, ſind ſie eigentlich nicht geſund, und daß ſie es nicht ſind, beweiſt ihre bei weitem geringere Widerſtandsfähigkeit gegen äußere Schädlichkeiten und ihre hierdurch bedingte größere Neigung zu Erkrankungen. Der Land⸗ wirt braucht aber derartige Tiere, weil ſie frühreifer ſind, das Futter beſſer verwerten, d. h. höhere und beſſere Erträge an Fleiſch und Fett, an Milch und Wolle geben oder nach der einen oder anderen Richtung hin zu höheren körperlichen Leiſtungen(z. B. Kraftleiſtung bei Rennpferden) befähigt ſind, als weniger veredelte, dem normalen Artentypus aber vollſtändig entſprechende, abſolut geſunde Tiere. In dieſem Punkte beſteht alſo ein gewiſſer Wider⸗ ſpruch zwiſchen den Forderungen der Geſundheitspflege und den ökonomiſchen Intereſſen(ſiehe Definition S. 1).
Dem praktiſchen Bedürfnis entſprechend pflegt man daher den Begriff der Geſundheit in einem weiteren Sinne aufzufaſſen und bezeichnet als geſund ſolche Tiere(oder Menſchen), deren Lebensvorgänge in normaler, für die betreffende Artdie Regelbildender Weiſe und unter dem Gefühle körperlichen Wohlbefindens ablaufen.
Alle dieſe Lebensvorgänge ſind aber in der Hauptſache abhängig von gewiſſen Einwirkungen der Außenwelt auf den Organismus. Jaeder derſelben ruft nämlich in dem einen oder anderen Organe des letzteren beſtimmte Gegenwirkungen bezw. Thätigkeiten hervor, welche eben weiter nichts ſind, als jene inneren chemiſchen und phyſi⸗ kaliſchen Vorgänge, aus welchen ſich das Leben zuſammenſetzt, und die daher als Lebenserſcheinungen(S. 1) bezeichnet werden. Ohne dieſe Einwirkungen der Außenwelt würde die Thätigkeit der Organe, würde das Leben erlöſchen. Mit Recht bezeichnet man ſie daher als äußere Lebensbedingungen oder Lebensreize.
1*


