254 Dritter Abſchnitt. Der Anbau des Getreides.
und dem hohen Aſtenberg auf einem Felde, das mit zweizeiliger Gerſte, gemengt mit etwas vierzeiliger, beſtellt war, in Zeit von einer halben Stunde eine ganze Hand voll Ahren geſammelt habe, die im unteren Teil(etwa zu der Länge) regelmäßig zweizeilig, im oberen Teil dagegen vierzeilig oder ſechszeilig waren. Bei keiner Ahre zeigte ſich eine derartige Abänderung an dem mittleren oder unteren Teil. ¹) Aus dieſem Grunde halte ich die Abänderung für ſpontan. Körnicke wird und kann nun aus dieſen Zwiſchenformen eine neue Stütze für ſeine Theorie herleiten; man kann die Erſcheinung der Vier⸗ oder Sechszeiligkeit an der Spitze der zweizeiligen Ahren aber auch als einen Rückſchlag auffaſſen.
Kurz, es iſt noch nicht ausgemacht, ob die erſte Kulturgerſte eine ſechszeilige oder eine zweizeilige Form war, und es bleibt zweifelhaft, ob die Kulturgerſten in der Weiſe, wie es Körnicke annimmt, aus dem wildwachſenden H. spontaneum entſtanden ſind. Die von K. ſo ſehr betonte Zerbrechlichkeit der Ahrenſpindel ſpricht mehr gegen als für dieſe Annahme. War oder iſt die Spindel ſo zerbrechlich, daß,„wenn man die Gerſte auch einige Zeit vor der völligen Reife ſchneidet, es doch nicht möglich iſt, ſie aufzuheben, indem die Ahren in einzelne Stücke zerfallen liegen bleiben“, ſo muß vom landwirt⸗ ſchaftlichen Geſichtspunkte aus betrachtet eine ſolche Pflanze für die Kultur im höchſten Grade ungeeignet erſcheinen. Dagegen läßt ſich mit der ſechszeiligen Pfahlbau⸗Gerſte, die ich im Jahre 1871 in faſt unveränderter Form mit nur 3 cm langen Ahren im Berner Ober⸗ lande gefunden habe, eher anfangen und wirtſchaften. Wenn wir dahin neigen, die kleine ſechszeilige Pfahlbaugerſte der keltiſchen Steinzeit als die älteſte und erſte Kulturform zu betrachten, ſo ſtehen wir damit in Übereinſtimmung mit Oswald Heer, der die ſechszeilige Gerſte als die Urform bezeichnet, von der durch Verlängerung der Ähren⸗ ſpindel die vierzeilige und durch Verkümmerung der Seitenblütchen die zweizeilige Gerſte entſprungen iſt.
Trotz der nachgewieſenen Übergangsformen halten wir aus den weiter oben S. 232 dargelegten Gründen die Trennung der Arten aufrecht. Wer ſich zu der Entwicklungslehre bekennt, nimmt an, daß alle Arten durch Übergangs⸗ oder Zwiſchenformen miteinander ver⸗ bunden ſind oder waren. Wollen wir nun alle Arten, von denen wir Zwiſchenformen kennen lernen, zu einer Art zuſammenfaſſen?
¹) Auf demſelben Felde und ſpäter auch anderwärts(1886 bei Schönau im Schwarzwald und 1889 bei Serneus in Graubünden) fand ich eine An⸗ zahl zweizeiliger Ahren mit je einem Zwillingskorn. Fig. 141 zeigt das normale Ährchen der zweizeiligen Gerſte mit einem Korn, einer Deckel⸗ ſpelze, einer Granne und zwei Klappen; Fig. 142 zeigt das abnorme Ährchen mit einem Zwillingskorn, einer Deckſpelze, zwei Grannen und zwei Klappen; bei beiden Figuren in zweifacher Vergrößerung. Um die Stellung der Zwillingskörner, von außen und oben geſehen, ſichtbar zu machen, iſt die darüber liegende Deckſpelze zum größten Teil fortgenommen worden, und die beiden Klappen ſind rechts und links daneben gezeichnet.


