44 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze.
verzögert, während ein periodiſcher Wechſel der Temperatur den Verlauf des Keimungsprozeſſes gleichmäßiger geſtaltet und be⸗ deutend beſchleunigt.
Wir handeln alſo der Natur der Getreidearten gemäß, wenn wir die Saatzeit auf Frühjahr und Herbſt verlegen, wo die Tage warm, die Nächte kühl und oft neblig ſind. ¹)
3. Sauerſtoff.— Die dritte Bedingung der Keimung iſt Sauerſtoff. Das Samenkorn atmet. Es nimmt Sauerſtoff auf und giebt Kohlenſäure und Waſſer ab.
Wahrſcheinlich ſpielt die von Anfang an in den Hohlräumen des Kornes eingeſchloſſene Luft bei der Atmung eine Rolle; jedoch genügt dieſe Luftmenge zur Keimung nicht, es muß vielmehr fort und fort neue Luft, d. h. neuer Sauerſtoff zugeführt werden. Wird die Saat eingeſchmiert oder bedeckt ſich der Acker nach dem Säen mit einer Kruſte, die die Luft abſchließt, ſo muß manches Körnchen elendiglich erſticken und verfaulen.
Die Kohlenſäure entſteht bei der Atmung durch Verbrennung der ſtickſtofffreien Extraktſtoffe, die wir in der Hauptſache als Verbindungen von Kohlenſtoff und Waſſer oder mit einem Wort als Kohlenhydrate betrachten können. Der Kohlenſtoff verbrennt durch die Einwirkung des Sauerſtoffs zu Kohlenſäure, die mit dem Waſſer nach außen ent— weicht. Bei dieſer Verbrennung wird Wärme erzeugt, wie wir bei dem Malzen der Gerſte ſehr deutlich wahrnehmen können.
Durch die Atmung wird ein beträchtlicher Teil des in dem Samenkorn enthaltenen Kohlenſtoffs verbrannt. Die dabei ausge⸗ ſchiedene Kohlenſäure, die ein Maß iſt für den Kohlenſtoffverbrauch, wurde von J. Wiesnero) quantitativ beſtimmt. Ihre Menge be⸗ trug bei der keimenden Gerſte in abgerundeten Zahlen:
0 Gramm in der 1. bis 8. Stunde.——
38„„„ 9.„ 23. Würzelchen werden ſichtbar. S„ n 24. 31.„ Würzelchen 2—10 mm lang.
¹) Der eigentliche Grund, weshalb ein periodiſcher Wechſel der Tempe⸗ ratur die Keimung begünſtigt, iſt wiſſenſchaftlich noch nicht ganz klar gelegt; doch kann man ſich denken, daß die Pflanze ihre Arbeit bei der Keimung, ebenſo wie bei der Aſſimilation, dem Wechſel von Tag und Nacht angepaßt hat. Aſſimilation findet nur am Tage, unter Mitwirkung des Lichtes ſtatt; aber in der Nacht arbeitet die Pflanze in anderer Weiſe weiter, indem ſie die am Tage neu gebildeten Stoffe zum Wachstum verwendet, das ge⸗ wöhnlich in der Nacht ſtärker iſt als am Tage. Bei der Keimung iſt das Licht als ſolches nicht notwendig; aber da die Sonnenſtrahlen den Boden in⸗ tenſiv erwärmen, ſo wird der keimende Same am Tage zu erhöhter Thätigkeit angeregt, und es vollzieht ſich eine lebhafte Verflüſſigung und Wanderung der Stoffe aus dem Endoſperm in den Keimling. In der Kühle der Nacht hört dieſe Stoffzufuhr auf; dafür benutzt der Keimling die Periode der Ruhe, um die eingeführten Stoffe gleichſam zu verdauen und zum Wachstum zu ver⸗ wenden.— ²) Nobbe, Handb. d. Samenkunde, 1872, S. 172.
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