40 Zweiter Abſchnitt. Die Entwicklung der Getreidepflanze.
Aus den Zahlen iſt zu erſehen, daß die lufterfüllten Räume, zu⸗ ſammengenommen, in den beſpelzten Früchten größer ſind, als in den nackten. Am höchſten iſt der Luftgehalt bei dem Hafer, was darauf zurückzuführen, daß die Spelzen, die ihrerſeits ſelbſt viele Lufträume enthalten, dem behaarten Kern nicht ſo dicht anliegen, wie es z. B. bei der Gerſte der Fall iſt.
Schließlich bemerken wir noch, daß die Luft in den kleinen Hohl⸗ räumen der Getreidekörner, ebenſo wie in anderen poröſen Körpern, in verdichtetem Zuſtand ſich befindet. ¹)
c) Die Phyſiologie der Keimung.
Nunmehr haben wir die erforderliche Grundlage gewonnen, um den Keimungsvorgang mit Verſtändnis verfolgen zu können, und da wir alles mit Bedacht hierauf vorbereitet haben, ſo dürfen wir uns jetzt um ſo kürzer faſſen.
Das geſunde und lebensfähige Samenkorn findet die Bedingungen der Keimung, wenn wir es zur geeigneten Jahreszeit flach in die ge⸗ lockerte Erde legen. Das wiſſen oder hoffen wir, aber wir kümmern uns meiſt nicht darum, wie die Sache eigentlich zuſammenhängt und zugeht. Und doch iſt dies wiſſenſchaftlich ſehr intereſſant und praktiſch ſehr wichtig.
Die bekannten Bedingungen der Keimung ſind: Waſſer, Wärme und Sauerſtoff. Das Waſſer fällt vom Himmel. Die Wärme kommt von der Sonne. Der Sauerſtoff iſt ein Beſtandteil der Luft. Der ge⸗ lockerte, durchlüftete Erdboden enthält ebenfalls Sauerſtoff.
Von jenen drei Bedingungen iſt die eine ſo notwendig wie die andere. Keine darf fehlen. Alle drei müſſen vereint wirken, ſonſt findet keine Keimung ſtatt. Auch müſſen die drei Bedingungen im richtigen Maß und Verhältnis gegeben ſein, ſonſt unterbleibt die Keimung ebenfalls, oder ſie verläuft wenigſtens nicht ſo, wie wir es wünſchen. Ein Zuviel an Waſſer, Wärme oder Sauerſtoff iſt ebenſo ſchädlich, wie ein Zuwenig. Im beſonderen mag über dieſe Verhältniſſe folgendes bemerkt werden.
1. Waſſer.— Die erſte Bedingung der Keimung iſt Waſſer. Das Samenkorn hat an jedem Punkt ſeiner Oberfläche die Fähigkeit, das Waſſer, mit dem es in Berührung kommt, langſam aber kräftig einzuziehen. Der Grund hierfür liegt in ſeiner Trockenheit, aber weſent⸗ lich auch in dem Bau und Stoff ſeiner Hüllen und Zellwände. Die Hüllen, d. h. die Spelzen oder die Schalen nehmen das Waſſer von außen auf, indem ſie es den Bodenteilchen entreißen; die Zellwände leiten es von Zelle zu Zelle bis tief ins Innere, indem die bereits durchtränkten feuchteren Stellen des Samenkorns einen Druck, die trockneren einen Zug ausüben, dem das Waſſer folgt oder nachgiebt. So füllt ſich das Korn im Verlauf einiger Tage durch und durch mit
¹) A. Nowacki, Unterſuchung. über das Reifen des Getreides, 1870, S. 62.


