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Anleitung zum Getreidebau auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage / von Anton Nowacki
Entstehung
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22 Erſter Abſchnitt. Einleitende Betrachtungen.

wichtigſte Leiſtung des Menſchen, ſie iſt wichtiger als die künſtliche Zuchtwahl.

Der Fruchtreichtum erſtreckt ſich auf die Menge und auch auf die Größe der Früchte. Jedoch finden wir in der Korngröße ſehr be⸗ trächtliche Unterſchiede. Legen wir ein Maiskorn neben ein Hirſekorn, welch' ein Abſtand! Dieſer Abſtand war ſchon da, ehe der Menſch die Getreidearten unter ſeine Obhut nahm; und es wird nie gelingen, das Hirſekorn zur Größe des Maiskorns zu treiben, wenn auch durch ſorgfältige Kultur und Zuchtwahl bei der Hirſe ſo gut, wie bei den anderen Getreidearten, eine Vervollkommnung möglich iſt. Der Ein⸗ wand, der Mais habe deswegen größere Körner, weil er längere Zeit hindurch den Einwirkungen der Kultur und Zuchtwahl ausgeſetzt ge⸗ weſen, trifft nicht zu, denn der Mais gehört der neuen Welt an, deren Kultur jünger iſt, während die Hirſenarten(Panicum wie Setaria) in der alten Welt zu den älteſten Kulturpflanzen zählen. Noch viel winziger als das Hirſekorn iſt das Tefkorn, das kaum die Größe des Timotheegrasſamens erreicht, indem 1520 Tefkörner nur ſo viel wiegen, wie ein kräftiges Maiskorn. ¹)

Die Getreidarten ſind ein Geſchenk der Natur. Die Veränderungen, die der Menſch mit ihnen vorgenommen hat, voll⸗ zogen ſich innerhalb der Art(Species), ſind überhaupt nicht ſo groß, wie man wähnt. Gerade die Gräſer und auch die Getreidearten ſind ſehr feſt in ihren botaniſchen Charakteren. Roggen bleibt Roggen und Weizen bleibt Weizen, wenn man ſie auch hundert oder tauſend Jahre auf demſelben Felde miteinander anbaut, von weniger nahe verwandten Arten gar nicht zu reden. Die Natur hat die Getreide⸗ gräſer einjährig und fruchtreich gezüchtet und damit für die menſch⸗ liche Ernährung und zugleich für die Fortpflanzung geſchickt gemacht. Durch die Kultur entſtand eine Menge von Spielarten, von denen die nutzbareren beibehalten, die weniger nutzbaren fallen gelaſſen wurden. Auch jetzt entſtehen noch immerwährend neue Abänderungen, gute wie ſchlechte, meiſt ohne, oft gegen den Wunſch und Willen des Menſchen; die Aufgabe des Landwirts beſteht darin, unabläſſig die guten fortzuzüchten und die ſchlechten auszumerzen. Ohne dieſe fort⸗ währende Zuchtwahl, fortwährend unterſtützt durch angemeſſene Er⸗ nährung und ſorgfältige Kultur, gehen die wertvollen Eigenſchaften bald zurück, wenn auch niemals ganz verloren. Inſofern iſt man be⸗ rechtigt zu ſagen: Die Getreidearten ſind ein Ergebnis der menſchlichen Kunſt.

Den Urſprung des Ackerbaus, mit dem Urſprung der Getreide⸗ arten verknüpft, haben Sage und Dichtung mit einem geheimnisvollen Vorhang verhüllt. Zieht man den Vorhang fort, ſo ſieht man im

¹) Nach einem Wägungsverſuch ging auf 1; folgende Stückzahl an vollkommenen, auserleſenen Körnern: Mais. Weizen. Roggen. Hirſe. Fennich. Tef.

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