1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 21.
die einjährige Roggentreſpe, das bekannte Ackerunkraut, zu unſerem Verdruß eine große Menge von roggenähnlichen Früchten; hat man doch von ihr das Märchen erdacht, daß der Roggen in Treſpe aus⸗ arten könne. Auch der Wildhafer, der Flughafer, die Bluthirſe, die Hühnerhirſe und die Fennicharten, ſämtlich einjährig, ſind fruchtreiche Gräſer; manche von ihnen werden ja der Früchte wegen zuweilen an⸗ gebaut. Ebenſo iſt der einjährige Ackerfuchsſchwanz fruchtreicher, als der ausdauernde und ausläufertreibende Wieſenfuchsſchwanz. Ebenſo der einjährige Taumellolch fruchtreicher, als das ausdauernde engliſche Raygras. Ebenſo die einjährige Mäuſegerſte fruchtreicher, als die aus⸗ dauernde Wieſengerſte. Ebenſo der einjährige Windhalm fruchtreicher, als das ausdauernde und ausläufertreibende Fioringras.— Vergleicht man immer nur, wie es geboten iſt, die nahe verwandten Arten ein und derſelben Gattung miteinander, ſo kenne ich keine Ausnahme von der Regel, daß die einjährigen Gräſer in der Fruchtbildung, die ausdauernden dagegen in der Beſtockung überlegen ſind.
Ganz darf freilich auch den einjährigen Gräſern die Fähigkeit zur Beſtockung nicht abhanden kommen, wenn ſie im Kampf ums Daſein nicht unterliegen wollen; denn wenn eine Pflanze überhaupt nur einen einzigen Halm hervorzubringen vermag, ſo hat ſie ihren Lebenszweck gänzlich verfehlt, ſobald der eine Halm vor der Frucht⸗ reife verloren geht. Auch muß der Pflanze die Fähigkeit zur Be⸗ ſtockung aus dem Grunde verbleiben, damit ſie, je nachdem der Stand⸗ ort mehr oder weniger günſtig iſt, eine größere oder geringere Anzahl von fruchttragenden Halmen erzeugen und in jedem Fall die Stand⸗ ortsbedingungen auf das Vorteilhafteſte ausnutzen kann.
Andererſeits iſt für eine Pflanze, deren Fortexiſtenz von der Fruchtbildung abhängt, die Neigung zu allzu reichlicher Beſtockung offenbar vom Übel, denn unter ſonſt gleichen Umſtänden, d. h. bei Gleichheit des Standraums, der Beleuchtung, der Wärme, der Feuch⸗ tigkeit ꝛc., führt Neigung zur Vielhalmigkeit— zur Verkümmerung, Neigung zur Einhalmigkeit— zur Vervollkommnung der Früchte. Zur abſoluten Einhalmigkeit darf es nicht kommen, aber eine dem Standort angepaßte, mäßige Beſtockung bietet die größte Gewähr für eine genügende Zahl kräftig entwickelter Halme und Früchte. Dieſer Anforderung entſprechen die einjährigen Gräſer und unter ihnen namentlich die Getreidearten.
Die Getreidearten übertreffen im Fruchtreichtum alle übrigen Gräſer, und dies iſt der Grund, weshalb der Menſch ſie an ſich ge⸗ feſſelt und in Kultur genommen hat. Sie müſſen ſich ſchon im wild⸗ wachſenden Zuſtande vor den übrigen Gräſern durch Reichtum und Wohlgeſchmack der Früchte ausgezeichnet haben, weil ſonſt nicht ſie, ſondern andere Gräſer zum Anbau gewählt worden wären. Die Aus⸗ wahl wurde ſo lange fortgeſetzt, bis auf der Erde keine frucht⸗ reicheren Gräſer mehr zu finden waren. Die letzten waren die beſten, und die beſten hielt man feſt. Dieſe einfache Auswahl und die Ver⸗ breitung der wertvolleren Arten über alle Teile der Erde iſt die


