1. Die Getreidearten gehören in die Familie der Gräſer oder Gramineen. 7
Halm⸗ und Blattknoten miteinander verbunden ſind, unſere Be⸗ wunderung.
Die Natur hat auch dafür geſorgt, daß der Halm ſich aufrichten kann, wenn er in eine ſchiefe Stellung gezwängt oder durch über⸗ mäßige Gewalt(Wind ꝛc.) umgelegt worden iſt. Es bewirkt dies der Blattknoten, indem er an der untern Seite ſtärker wächſt, als an der obern.(Fig. 7.) Die Kraft, die der Blattknoten hierbei aus⸗ zuüben vermag, miſt enorm. Denn nicht ſelten wird ein 1 m langes Halmſtück ſamt Ahre aus der wagerechten Lage am Boden durch die Krümmung des Blattknotens nach und nach in die ſenkrechte Stellung emporgehoben,„wobei die Laſt an einem ſehr langen, die Kraft an einem überaus kurzen Hebelarm wirkt.“¹)
Der zweite Hauptteil des Blattes iſt die Blattſpreite. Dar⸗ unter verſteht man den oberen Teil des Blattes, der ſich im rechten oder ſpitzen Winkel von dem Halme abbiegt und bei den meiſten Gräſern flach, im Verhältnis zur Länge ſchmal und am Ende ſpitz iſt. Wenn der Landwirt von dem„Blatt“ einer Getreide⸗ oder Grasart redet, ſo meint er damit gewöhnlich die„Blattſpreite“. Fig. 6 zeigt bei sp die Blattſpreite des Riſpenhafers, jedoch nicht in natürlicher Stellung, denn bei älteren und längeren Blättern bildet die Blatt⸗ ſpreite einen Bogen, deſſen Spitze abwärts hängt.
Während die Blattſcheide der Graspflanze in erſter Linie mechaniſche Dienſte leiſtet, hat die Blattſpreite hauptſächlich chemiſche Funktionen zu erfüllen.
Die Blattſpreite hat nämlich den Zweck, die Nahrung aus der Luft dföunehmen und zu verarbeiten. Zu dieſem Zweck iſt ſie mit zweierlei Organen ausgerüſtet: 1. mit chlorophyllführenden Zellen und 2. mit Spaltöffnungen.
Die chlorophyllführenden Zellen befinden ſich vorzugsweiſe an den Blattſpreiten. Es giebt ihrer aber auch an den andern ober⸗ irdiſchen Teilen der Graspflanze: an den Blattſcheiden, Halmgliedern, Spelzen, Grannen, Früchten, kurz an allen grüngefärbten Teilen. Denn Chlorophyll iſt nichts anderes, als die griechiſche Überſetzung des deutſchen Wortes Blattgrün. An den grüngefärbten Teilen finden wir auch die Spaltöffnungen, jedoch nicht überall.(Fig. 8.) Ihr Hauptſitz iſt bei den Gräſern die Ober⸗ und Unterſeite der Blatt⸗ ſpreiten. Die Mehrzahl der Spaltöffnungen und der chlorophyll⸗ führenden Zellen trifft alſo in den Blattſpreiten zuſammen. Hieraus erhellt, daß den Blattſpreiten bei der Aufnahme und Verarbeitung der Luftnahrung die Hauptrolle zufällt.
Mit der äußeren Luft dringt namentlich die Kohlenſäure in die Spaltöffnungen ein. Sie dringt von hier weiter ins Innere durch die engen, aber offenen Räume, die ſich zwiſchen den Zellen befinden, und gelangt ſchließlich durch die allſeitig geſchloſſenen Zellwände in die chlorophyllführenden Zellen.
¹) J. Sachs, Experimental⸗Phyſiologie, 1865, S. 98.


