Teil eines Werkes 
2. Abtheilung (1854) Beilagen
Entstehung
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S. 36. Rheinpreußen. Daß der Kretinismus auch in Niederungen unter gewiſſen Bedingungen endemiſch vorkommt, ſtellen die neueren Unterſuchungen immer mehr heraus. Die Rheininſel Niederwörth, eine halbe Stunde unter Koblenz, gibt hiervon ein merkwürdiges Beiſpiel. Von 750 Einwohnern leidet die Mehrzahl an Kröpfen, beſonders das weibliche Geſchlecht faſt ohne Ausnahme, und zwei fremde Frauen, die früher ganz frei waren, bekamen nach kurzem Aufenthalt zu Niederwörth eine beträchtliche Geſchwulſt, und gebaren die eine 1, die andere 2 taubſtumme Kinder. Schwerhörige, Stotternde, Simpelhafte bilden den Uebergang zu den entwickelteren Formen der Kretinen, welche ſehr zahlreich ſind und ſelbſt unter ſich heirathen. Noch im kindlichen Alter befinden ſich 40 blödſinnige Individuen auf dieſer kleinen Inſel. Die hauptſächlichſten Urſachen der Endemie ſcheinen häufige Ueberſchwemmungen und die allgemeinen blutsverwandtſchaftlichen Ehen zu ſein. Ein anderer Herd des ende⸗ miſchen Kropfes und Kretinismus in der Rheinprovinz iſt die Ge⸗ gend um den Lacher⸗See, wo auch die Skropheln ſehr verbreitet ſind; zu Niedermendig, einer Ortſchaft mit 300 Einwohnern, befin⸗ den ſich 22 blödſinnige und taubſtumme Kinder; die Zahl der älte⸗ ſten Individuen nicht einmal mit inbegriffen.

Großherzogthum Baden. In dieſem Lande haben aus⸗ gezeichnete Aerzte, wie Roller, Hergt, Schürmayer, Müller, Meier u. A. ſich in den letzten Jahren dieſer Sache angenommen, mit dem Wunſche, das Loos dieſer Unglücklichen zu verbeſſern. Die von der Sanitätscommiſſion vorgenommenen ſtatiſtiſchen Unterſuchungen er⸗ gaben im Jahr 1844 440 Kretinen, nämlich: männliche 227, weib⸗ liche 213, darunter 275 ausgebildete und 165 Halbkretinen. Eine neue Zählung im Jahre 1847 wies 490 Kretinen nach, was jedoch weniger auf Zunahme des Uebels in dieſem kurzen Zeitraum, ſon⸗ dern auf Rechnung der genaueren Zählung zu ſetzen iſt.

S. 40. Sardinien. Im Sommer 1845 bereiſte der König Carlo Alberto die Thäler Savoyens, der Maurienne und Tarantaiſe, um ſich perſönlich von dem großen Elend zu überzeugen, welches einen beträchtlichen Theil der dortigen Bevölkerung befallen hat. Nach dem Rathe des Erzbiſchofs von Chambery, Monſignore Billet, wurde hierauf eine Commiſſion von Aerzten und Naturforſchern ernannt, mit dem Auftrage, die Zahl, Urſachen und Hüulfsmittel gegen dieſe große Landplage zu unterſuchen. Das Werk führt den Titel: Rapport de la commission créée par S. M. le Roi de Sardaigne pour étudier le crétinisme, Turin 1848. 4. Es zeichnet ſich durch den Standpunkt naturwiſſenſchaftlicher Forſchung aus, indem nebſt den ſtatiſtiſchen Angaben auch wenigſtens qualitative Analyſen des Trinkwaſſers durch den Chevalier Cantu gemacht worden ſind, woraus ſich ergeben ſoll, daß die geſunden Quellen etwas Jod ent⸗ halten. Sardinien hat 4,125,740 Einwohner, wovon die Hälfte