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Herbeiſchaffung aus entfernten Gegenden trotz aller Verkehrser⸗ leichterung ſtets auf Ausnahmsfälle beſchränkt bleiben wird. Wo indeſſen ſich eine große Auswahl von Baumaterialien darbietet wie in den meiſten Gebirgsgegenden, da iſt auch dieſer Entwi⸗ ckelung ein freierer Spielraum geboten, und ſo finden wir in der That in Gebirgsgegenden in der Regel eine viel größere Man⸗ nichfaltigkeit nach Subſtanz, Form und Einrichtung, beſonders der ländlichen Wohnungen, als in Ebenen. Dieſe Mannichfaltig⸗ keit wird aber beinahe noch mehr gefördert durch die Unebenhei⸗ ten und ungleichen Situationen des Bodens oder Baugrundes. Man vergleiche beiſpielsweiſe die zerſtreuten Dörfer hoher Gebirgs⸗ gegenden mit den dicht gruppirten einer Ebene, ſo wird man leicht erkennen, daß in letztern ſich gewöhnlich dieſelben Räume in derſelben Gruppirung wiederholen, wodurch ſich auch äußerlich die Häuſer oft zum Verwechſeln gleichen, während in erſtern ſelbſt bei im Allgemeinen gleichem Bauſtil faſt jedes Haus an⸗ dere Formen und eine andere Vertheilung der innern Räume zeigt. Sie haben ſich der Form des Bodens angeſchmiegt und oft auch ſehr verſchiedenartiges Material in ſich aufgenommen, je nachdem es ſich darbot und für die ſpecielle Localität geeignet erſchien. In den Alpen gibt es ganze Dörfer, in denen nach Grund und Aufriß kein Haus dem andern gleicht, jedes vielmehr neben dem allgemeinen einen individuellen Charakter an ſich trägt; in der norddeutſchen Niederung gibt es dagegen ganze Landſtriche, in denen ſelten ein Haus ſich von dem andern weſentlich unterſcheidet. Dieſe individuelle oder gleichförmige Entwickelung der Wohnun⸗ gen bleibt ſicher nicht ohne alle Rückwirkung auf die geiſtige und gemüthliche Entwickelung der Bewohner.
Innerhalb eines local herrſchenden Bauſtiles bewegt ſich die ſpecielle Ausführung, die Ein⸗ oder Vielförmigkeit derſelben im⸗ mer noch mit einer gewiſſen Freiheit und dieſe iſt größer in Ge— birgen als in Ebenen. Der Bauſtil der ländlichen Wohnungen, der ſich am meiſten in der Bedachungsweiſe ausſpricht, wird mehr durch klimatiſche Verhältniſſe bedingt, als durch Bodenform und Bodenbau. Die Alpenbewohner, die ihre Ernten großentheils


