Teil eines Werkes 
[Hauptbd.] (1834) Vorlesungen für Pferde-Liebhaber. [Hauptbd.]
Entstehung
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Die vorzüglichsten Rage-Kennzeichen sind aus der äufsern Form des Kör- pers und dem Verhältniſs einzelner Organe zu einander und zum Ganzen abzu- leiten*), obgleich auch das Temperament und gewisse Anlagen bei den Ragen verschieden sind. Die vorzüglichste Eigenschaft einer HRagçe ist aber die Con- stanz, mit der sie das ihr Eigenthümliche auf ihre Nachkommen überträgt; die- ser überwiegende Einflufs auf die nachfolgenden Generationen gibt reinen Ragçe- Thieren bei der Zucht einen unschätzbaren Vorzug vor den am meisten von der Natur begünstigten Bastard-Thieren; eben daraus erklärt sich, wie eine fremde Raçe in einem sehr verschiedenen Klima sich lange als eigenthümlich erhalten kann,(besonders wenn sie von Zeit zu Zeit aufgefrischt wird), ferner wie ganz verschiedene Formen in einem und demselben Klima neben einander bestehen können, wie aber auch die allmähliche Einwirkung des Klima auf seine Pro- ducte nicht ausbleibt, daher auch die sorgfältigste Reinzucht von Thieren in einem andern Klima nach und nach(zum Bessern oder Schlechtern) abgeändert wird,(vergl. die englischen von Orientalen abstammenden, seit 6 Jahrhunderten beharrlich aufgefrischten, und dennoch von denselben sehr verschiedenen Voll- blut-Pferde). Der Einfluſs des Clima in Hervorbringung der verschiedenen Thier- Raçen läſst sich auch auf andere Weise deutlich machen; entweder 1) war ursprünglich nur Ein Paar(z. B. Pferde) geschaffen, und somit muſsten ihre Nachkommen alle gleich seyn, wenn sie nicht durch den Aufenthalts-Ort und Lebensart verändert worden wären, oder 2) es sind bei der Schöpfung ungleiche Pferde(verschiedene Raçen) entstanden, was blos aus den ungleichen Bedingun- gen ihres Entstehens erklärlich wäre. Es können daher nur diejenigen Länder eigene Ragen besitzen, deren Thiere sich in Beziehung auf Paarung entweder selbst überlassen waren, oder wenigstens ohne Beimischung fremder Zuchtthiere fortgezüchtet wurden; je längere Zeit dieses Statt fand, um so bestimmtere, er- erbte Eigenschaften besitzt die Raçe, und um so länger ist sie im Stande, in einem verschiedenen Klima sich gegen dessen Einfluſs zu erhalten.

Die Anzahl der Pferde-Raçen vermindert sich nach diesen Grundsätzen sehr, und die meisten Länder, welche Pferdezucht treiben, besitzen blos Schläge oder Bastarde verschiedener Ragen, welche zwar vorzügliche(so zu sagen: per- sönliche) Eigenschaften besitzen können, sie aber nur zufaällig auf ihre Nachkom- men übertragen werden.

Zu einem Schlag von Thieren gehören die Nachkommen einer oder etli- cher Thierfamilien, welche durch Iazucht vermehrt wurden und so eine Gegend bevöl- kert haben. Nach einer Reihe von Generationen vererben diese Thiere ihre Eigenschaften fast mit derselben Bestimmtheit wie Raçethiere, und in weiterem Verlauf der Zeit kann sich der Schlag zur Raçe erheben. Mehrere Pferde-Ragen (z. B. die arabische) enthalten, gleichsam als Unterabtheilung, mehrere Schläge.

Alle Thiere, die nicht einem bestimmten Schlage oder einer Rage angehö-

*) S. Sturm, über Ragen, Hreuzung und Veredlung der landw. Hausthiere. Elberfeld. 1825. 8-