Teil eines Werkes 
Vierter Band (1810) Lehrbuch der Nazional-Oekonomie / von Julius Gr. v. Soden
Entstehung
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4⁵³ zu vermehren, die Abhaͤngigkeit der Nazion vom Herrſcher zu erhoͤhen, mithin die Markſteine der Staatsgewalt immer wei⸗

ter und weiter vorzuruͤcken, der Freyheit der Staatsbuͤrger aber

immer engere Graͤnzen zu ſezen. Allmaͤhlig wurde die Poli⸗ zeygewalt zu einer Szienz, mithin ihr Gebiet immer mehr erweitert.

Selbſt die Humanitaͤt der Gelehrten und Schriftſteller beguͤnſtigte dieſe Ausdehnung.

Von dem reinen Prinzip der Vervollkommnung und Ver⸗ edlung der Menſchheit ergriffen, die nur im geſelligen Zu⸗ ſtande denkbar iſt, warf ſich ihre Tendenz auf die Erweiterung der Pflichten der Staatsverwaltung zu Befoͤrderung dieſer Vervollkommnung, und da die Erfuͤllung dieſer Pflichten die korrelatiften Rechte und den Zwang zu deren Ausuͤbung nothwendig einſchloß, ſo bahnten ſie der willkuͤhrlichen Gewalt den Weg. Die mit der geiſtigen Kultur immer ſtei⸗ gende Maſſe der menſchlichen Beduͤrfniſſe, die zunehmende Geſelligkeit, der wachſende Hang zum Vergnuͤgen, und die von der Sittenverfeinerung unzertrennliche Gaͤhrung der Leiden⸗ ſchaften und Erhoͤhung des Sittenverderbniſſes, boten der Aus⸗ bildung dieſer neuen Wiſſenſchaft immer weiteren Spiel⸗ raum.

Noch jezt iſt dieſes Studium mit der Aufſpaͤhung der Gegenſtaͤnde der Polizeygewalt, alſo mit Ausbreitung ihrer Zweige beſchaͤftigt; und dieſer rege Eifer hat es ſo weit gebracht, daß die Staatspolizeygewalt endlich alle andre Staatsgewalten zu verſchlingen, und in ſich zu vereinigen; bey der unbegraͤnz⸗ ten Weite(latitude) ihres angenommenen Begriffs aber, alle Daͤmme der buͤrgerlichen Freyheit zu untergraben droht. Es iſt alſo Zeit, es iſt fuͤr das Wohl der geſelligen Menſchheit vom hoͤchſten Gewichte, den Ausdruck Polizey auf ſeinen richti⸗ gen Sinn zuruͤck zu fuͤhren, und die buͤrgerliche Freyheit, die Eigenthumsrechte gegen jene irrig damit verbundene Begriffe und deren ſchrankenloſe Ausdehnung in Schuz zu nehmen.