14 3. Mai. Venedig.
Römiſche Antiquitäten fand ich hier in großer Menge, viele Figuren von vorzüglichem Werthe. Die ganze Sammlung iſt in dieſem herrlichen Locale ſehr zweckmäßig aufgeſtellt.
Man hält die obſcöne Figur der Leda mit dem Schwane, für das größte Meiſterſtück der hieſigen Sammlung und hierauf den Ganymed, wie ihn der Adler entführt.
Die Gemaͤlde, welche dieſe beiden Saͤle zieren, ſtellen ent— weder heroiſche Thaten aus den frühern Jahren der Republik, oder allegoriſche Anſpielungen auf die Größe und Glorie derſel— ben vor. Der Oberboden ſtrotzt von goldenen Verzierungen, zwiſchen denen ſich Gemaͤlde beſinden, und die Seitenwände ſind ebenfalls mit hiſtoriſchen Malereien behangen. Am Boden her— um ſind Kaͤſten angebracht, in denen ſich hinter Gitter Bücher befinden.
Ich beſah weder die Gefäͤngniſſe, die unter dem Dache die— ſes Pallaſtes angebracht worden, und worin die armen Men— ſchen im Sommer vor Hitze verſchmachten mußten, noch die un— terirdiſchen, in den großen, maſſiven, hinter dem Pallaſte ge— bauten Carceri, wo die Eingeſperrten vor Kälte und Naͤſſe zu Grunde gingen. Der Pallaſt iſt von dem Kerkergebäude durch einen Canal getrennt und durch einen im dritten Stock ange— brachten, gedeckten, ſchmalen Gang, Pontedei Soſpiri, in Verbindung geſetzt, über den man ungeſehen die Verhafteten aus einem Gebaude in das andere bringen konnte.
Die Witterung war kühl, heiter; ich beſtieg den Glocken— thurm von St. Marcus. Es iſt ein ſchönes, viereckiges, gleich— dickes Gebäude, das bis zu den Glocken 168 Fuß hoch iſt. Der Raum, in dem die Glocken haͤngen, iſt mit einer Säulenord⸗ nung umgeben, die eine Pyramide tragen, die 154 Fuß hoch iſt, an deren Spitze ein Engel von Bronze ſteht, von 16 Fuß Hoöhe. Um dieſem Thurm die nöthige Feſtigkeit zu geben, die coloſſale Pyramide tragen zu können, ſind innerhalb der Um— faſſungsmauer 12 viereckige Säulen bis zur Höhe der Glocken ne⸗ beneinander aufgeführt und durch Quergewölbe untereinander
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